Trommeln in der Dunkelheit

Am 1. Februar 2016 habe ich an der LEGIDA-Demo teilgenommen. Um das Phänomen begreifen zu können, muss man sich hinein begeben, dachte ich, mitgehen, zuhören. Aufgeschlossen sein, redlich sich selbst und dem Anderen gegenüber, immer auf der Hut vor Dogmen oder Stereotypen. Vielleicht sogar verständnisvoll, wenigstens aber: objektiv.

Das sind schließlich keine Monster, die im letzten Jahr aus heiterem Himmel auf die Erde kamen. Es handelt sich um unsere Nachbarn. Was verbindet uns bei aller Differenz? Kann man neutral darüber berichten?

Ich sollte mich noch nie so sehr geirrt haben.

LEGIDA wird sich nicht von selbst zerlegen können, denn der immer währende Aufbau aus dem Osten des Landes funktioniert prächtig. Entweder kommen die Chef-Demagogen von PEGIDA vorbei oder irgend ein Unionspolitiker betont, dass es »ja auch noch den garstigen Linksextremismus« gibt. Die Showacts reißen nicht ab, immer schlüpft eine Sau, die man festerflugs durchs Dorf treiben kann. Eigentlich ist es sogar Ausweis besonderer Unfähigkeit, dass man hier mittlerweile seit mehreren »Spaziergängen« kaum mehr als 600 Leute auf die Straße bekommt. Statistisch betrachtet ist das ein Rückschritt in der Menge, jedoch – wie bei jeder Verdunstung – eine Konzentration in puncto Menschenfeindlichkeit.

Ein Innenblick lässt erkennen, dass sich hier eine schwer zu begreifende homogene Heterogenität herausbildet. Die Gleichförmigkeit manifestiert sich in der Ablehnung gegen alles Unbekannte oder das, was den »kritischen Selbst- und Freidenkern« als hassenswert vom fahrbaren Rednerpult vorgegeben wird: »Die« Politik. »Die« Presse. »Das« System. Oder kurz: Nicht wir, das Volk.

Heute Fußball-Europameister und morgen die ganze Welt!

Irgendetwas Austauschbares, an dem die vor dem Pult nicht partizipieren, wird präsentiert – »Das Volk« grölt dagegen an, frei von der Idee, sich an dem, was sie glauben hassen zu müssen, einfach zu beteiligen, um es zu verändern. Jahrelange, selbst verschuldete Unmündigkeit führte zu einem mythisch überhöhten Selbstbildnis des Unterdrückten. Diese dauerzustimmenden Nonkonformisten können zwar als Einzelne gegen das System nichts unternehmen, weil das System so übermächtig ist, aber wenigstens unternimmt man etwas gegen das System. Verstehen Sie? Nicht? Willkommen im Club.

Die Verschiedenheit hingegen offenbart sich erst auf den zweiten Blick, denn sie resultiert aus den individuellen Motivationen der Teilnehmer. Esoteriker treffen auf weltpolitisches Besserwissertum; Rechthaber auf Linkschleudern; Verschwörungstheoretiker auf praktizierende Argumentverweigerer; sich selbst Bemitleidende auf windelharte »Man müsste mal«-Durchgreifer. Und natürlich: Knallige politische und faustkämpferische Rechtsausleger sowie deren Handlanger. In diesem Gemisch herrscht eine Spannung wie vor einem Hundertmeterlauf: Alle haben die selbe Richtung, alle die selbe Streckenlänge, doch einige sitzen im Ferrari, während andere barfuß laufen. Der Rest hat Sportbefreiung und Fanschals.

Das gefühlte Verlierertum wird von findigen Politstrategen und Geschäftemachern als Dung benutzt, um eine Sache wachsen zu lassen, von der der Dung naturgemäß nichts haben wird. Natürlich spricht das niemand von den Strippenziehern offen aus, aber eine Frage sprang mich schmerzhaft an, als ein eher ärmlich aussehender Prospektverteiler der neurechten Elsässer-Compact-Kampagne glanzäugig den schillernden Ausführungen eines altrechten AfD-Anwalts zuhört: »Warum sollte der sich eigentlich mit dir abgeben? Der klagt dir das Mark aus den Knochen, wenn du seinen Parkplatz blockierst! Der bekommt wegen entgangener Urlaubsfreuden 120% Rückerstattung, nur weil du neben ihm am Pool gelegen hast!«. Doch Heilsbedürftige stellen sich diese Fragen nicht, weil sie doch nur vom schwärmerischen Glauben abhalten würden. Denn: Mit wem der sich alles anzulegen traut! Denen da oben! Und denen von links! Und jenen, diesen, einfach allen! Der bringt die Sache für mich ins Reine. Heute Fußball-Europameister und morgen die ganze Welt!

Überhaupt: Zuhören. Der Mensch hört ja sowieso nur das, was er will. Wenn er will. Wollen tun hier aber die Wenigsten. Die Redner versuchen mit geschickten Sprechpausen direkt ins Volksempfinden hinein zu predigen. Dieses besteht im Wesentlichen aus einer 70 Jahre großen Wunde der gefühlten Abwertung, die regelmäßig von einem »Man wird doch noch mal sagen dürfen, dass…« aufgekratzt wird. Ihr fühlt euch als Versager? Ich aber sage euch: Ihr seid keine, aber die Anderen behaupten Anderes! Ihr seid arme, ausgeraubte Menschen? Ich aber sage euch: Ihr seid genau das, aber die Anderen behaupten Anderes! Euch ist die Welt zu groß, das Universum zu komplex, das Netto zu wenig, der Sprit zu teuer, die Frauen zu frech, die Männer zu weich, das Misstrauen suspekt, das Selbstdenken zu schwer, Obama zu schwarz, der Winter zu kalt, Merkel zu protestantisch, der Papst zu katholisch, der Morgen zu früh und abends werden die Gäste auch nicht schöner, gleich wie lange ihr wartet? Könnt ihr euch daran erinnern, dass es je anders war? Ich auch! Und schuld sind die feinen Damen und Herren! Stand bei Facebook und den »alternativen Medien«, denen es bedingungslos zu vertrauen gilt, denn sie offenbaren uns nicht, wie und warum sie eigentlich arbeiten!

Reden tun Andere, das Laufen gehört ihnen. Vereint im guten Gefühl, nun eine sagrotansaubere, gegenmeinungsfreie Promenade abschreiten zu dürfen, gruppiert sich die Menge. Man begrüßt sich, man kennt sich, man schätzt sich. Es wird auch viel gelacht. Zum Beispiel über die »Lügenpresse von der Antifa«, die man sich schnappt, wo immer es geht. Fotografen und Reporter sind, so man ihrer habhaft werden kann, beliebte Trophäen. Alle anderen bekommen Blendstrahlung in die Objektive. Dies ist schließlich eine politische Veranstaltung, die eine Idee der Öffentlichkeit präsentieren soll, von der sie nichts erfahren kann, weil die »Mainstream-Medien« so voll am Ignorieren sind! Da stören Fotografen nur, die jene Idee der Öffentlichkeit präsentieren wollen, von der sie nichts erfahren kann, weil die »Mainstream-Medien« so voll am Ignorieren sind! Verstehen Sie? Nicht? Willkommen im Club.

Beim Öffentlichkeit Suchen und doch lieber Aussperren halfen die Ordnungsinstanzen bisher tatkräftig mit. Denn wozu ist die Straße da? Zum Marschieren! Zum Marschieren um den ganzen, halben oder wenigstens mal straßauf, straßab irgendwie Innenstadt-Ring! Und ich kann ihnen das nur empfehlen! Leipzig bekommt allein durch LEGIDA seine Feinstaub-Probleme in den Griff. Und ein toller Event ist es allemal! Links und rechts der Strecke hat man einen Korridor angelegt, der ausreicht, um die Air Force One einfliegen zu lassen. Kein Verkehr nirgends. Dummerweise aber auch keine wirklich wahrnehmbaren Gegendemonstranten.

Neutralität ist mir hier nicht mehr möglich.

Ja, gut, man hört sie zwar rufen und pfeifen, aber nur an ausgewählten Punkten, wenn die Architekten eine Lücke zwischen Häusern gelassen haben und die Mannschaftswagen der Polizei doch den ein oder anderen Lichtstrahl durchlassen müssen. Als LEGIDA-Teilnehmer war man aber schön unter sich. Das stets hilfsbereite und weltoffene Leipzig half LEGIDA bis Februar nach allen Kräften, sich während der Laufzeit immer schön selbst zu bestätigen. Ja: Demonstrationsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber muss es denen zugestanden werden, die keinerlei Interesse daran haben, dieses Recht auch zu verteidigen, geschweige denn zum eigentlichen Zwecke der Meinungsbildung auszuüben? Was anderes ist denn jeder einzelne Angriff auf Journalisten als genau das Gegenteil? LEGIDA packt dich am Arm, haut dir damit ins eigene Gesicht und fragt dann zynisch, warum du, liebes geiles Leipzig, dich selbst schlägst. Und du sagst danke. Jedes Mal. Angeblich soll sich das heute ändern. Wir werden sehen…

Und, liebe Ordnungshüter in Uniform und Ordnungsamts-Weste: Seid ihr so blind undoder taub? Könnt ihr die mannigfaltigen Verstöße gegen Auflagen wie Vermummungsverbot, Fahnenstablänge, Angriffe auf Nicht-Teilnehmer, rassistische und sexistische Slogans usw. nicht hören? Wie das, da ihr damals doch direkt neben mir unterwegs wart? Was beschützt ihr eigentlich: Fassaden, Grünanlagen, Gullydeckel und Werbeschilder? Ihr seid gerade dabei, das letzte Zutrauen in eure Ausgewogenheit zu verspielen, wenn ihr euch nur hinter Formalien versteckt und lieber aus Deeskalationsgründen Mahnwachen an Stolpersteinen verbietet, als dem Einhalt zu gebieten, dass das Leben in der Stadt nachhaltig vergiftet! Im Grunde beschützt ihr LEGIDA davor, sich einer gewaltlosen, gesellschaftlichen Konfrontation stellen zu müssen. Der Stadt gebt ihr Valium, weil Ruhe immer gut ist, LEGIDA hingegen bekommt Poppers, damit sie sich geil fühlen können und nichts von dem Schmerz mitbekommen, den sie über Anstand und Würde des Menschen bringen.

Nein, man kann als Mensch nicht anders, als zu verurteilen, was dort passiert: Ein Versagen biblischen Ausmaßes, perfekt organisiert und in Szene gesetzt. Neutralität ist mir hier nicht mehr möglich. War sie wahrscheinlich nie. Darf sie aber auch nie werden.

Als ich auf dem Heimweg war, sah ich in einem Reudnitzer Park Feuer. Ein junger Mann stand im Dunkeln auf der Wiese und tanzte jonglierend mit zwei langen Fackeln. Das Licht schrieb zum Rhythmus der Musik flammende Kreise in den Abend. Ich hielt an, stieg von meinem Fahrrad und lies mich verzaubern. Als die letzten Funken erloschen waren, schnaufte er durch, seine Freundin auf der Decke neben dem Radio klatschte und genauso tat ich es auch. Eike, so der Name des Tänzers, kam zu mir, stellte sich und seine Freundin vor, gab mir die Hand, als wäre es das in diesen Tagen das normalste der Welt, bedankte sich für meinen Applaus und fragte, einfach so, ob ich es auch einmal versuchen wolle. Ich lehnte dankend ab, wahrscheinlich hätte ich mich in meiner Erschöpfung nur selbst angezündet.

Da war jemand, der etwas tat, das schön war, das nichts kostete, das womöglich noch nicht einmal erlaubt weil nicht zu kontrollieren war, aber all das war egal. Er stellte sich tanzend gegen das Dunkel und brachte Licht in die Welt. Ich musste an die Gegendemonstranten denken, die Mal um Mal als Schreikinder, Linksfaschisten, Exremisten, potenzielle Verbrecher, unvernünftig, ahnungslos, undankbar hingestellt werden, sei es von LEGIDA, den konservativen Politikern und Wissenschaftlern des Landes oder der Polizei. Die bei jedem Wind und Wetter in der Stadt stehen und »Nein« sagen. Nein zu Hass und Misstrauen des »kleinen Mannes«, zur Verachtung von Menschen, zum Dunkel. Man muss nicht verstehen, was LEGIDA ausmacht, denn bevor das Denken einsetzt, beginnt ein tiefes Gefühl im Inneren, dass das alles so unfassbar falsch ist. Was LEGIDAs selbstgefälliger Chauvinismus nicht mit einpreist, regt bei allen anderen außerhalb Mitgefühl an: Gerechtigkeit, auch wenn sie einem persönlich nicht nützt.

Ihr müsstet das alles nicht tun. Wir könnten auch alle wieder heim gehen, in unsere warmen Wohnungen, vor unsere Twitter- und Facebook-Accounts, zum Dschungelcamp oder unseren Büchern. Irgendwann käme jemand und brächte alles wieder in Ordnung. Seine Ordnung. Nach seinen Regeln. Und später gäbe es dann sicher auf »Russia Today« eine Chartsendung: Die 10 spektakulärsten Irrtümer der Menschheit, in der sich »Menschlichkeit« und »Freiheit« den ersten Platz teilen müssten. Dann gäbe es aber auch keinen Raum mehr, um sich selbst fühlen und ausdrücken zu können, sei es schreibend, singend, als Grafitti oder Baum. Dann herrscht Ordnung, denn Freiheit herrscht nicht.

Danke, dass ihr da seid. Wir leuchten uns heute Abend.

Schubél