Transit

Noch eine Unterkunft im Leipziger Norden? Für 1500 Personen? Ohne Ankündigung? Fragen über Fragen und ein Tag, sie zu stellen.

»Die so genannte Flüchtlingskrise verunsichert die Deutschen, weil sie eine Krise der Organisiertheit darstellt«

Ich treffe meinen Kollegen vor den Fahrstühlen. Eigentlich will er eine Zigarette rauchen gehen, aber die Themen Flüchtlinge und Protestwelle sind einfach zu fesselnd. »Solange dieser Zustand vorherrschte, war das Land, waren die Menschen extrem verunsichert. Dass sie darauf so reagierten, wie sie es taten, war sicher kein Ruhmesblatt. Aber zumindest rückblickend auf einer Ebene wenigstens erklärbar«. Gibt es also irgendwo eine Trennlinie zwischen Sorge vor Kontrollverlust und der ramponierten Besorgtheit? Wo ließe sich das besser erkunden als beim Tag der offenen Tür einer Erstaufnahmeeinrichtung.

Im Nordosten von Leipzig: Gleich hinter dem Neubaugebiet, auf einer Gewerbebrache, wurde eine Gelände für die Erstaufnahme von Geflüchteten errichtet. Mit grünen Planen verhangene Zäune grenzen eine Fläche in der Größe zweier Fußballfelder ab. Durch ein doppelt gesichertes Tor gelangt man auf einen kasernenartigen Platz. Der Boden ist versiegelt, der Raum mit metallisch glänzenden Häusern bebaut. Zwischen den Leichtbau-Hallen: Auffällig viel Security. Man will zurückhaltend sein, aber auf Nummer sicher gehen. Zu oft hat es schon im Vorfeld einer Belegung Anschläge auf derartige Einrichtungen gegeben.

Das Camp in einem Wort zusammengefasst: Hochfunktional. Alles hier dient genau nur einem Zweck, lediglich die spartanisch ausgerichteten Freunde der Bauhaus-Tradition dürften auf der Anlage ästhetische Gewinne feiern. Schlafräume. Essensraum. Sanitärtrakt. Verwaltungscontainer. Das hier ist keine Luxusunterkunft. Jede Jugendherberge sei besser ausgestattet, meinen einige Besucher. Und doch: Skeptische Blicke. Man ist misstrauisch.

In den Häusern: Links und rechts eines langen Ganges befinden sich kleine Abteile. In jedem: Zwei Doppelstockbetten, Matratzen. Weder Stühle, noch Tische oder Schränke befinden sich hier. Auch eine Heizung sucht man vergebens. Es sind keine echten Zimmer, die man hier bezieht, sondern Kästchen, die durch Trennwände geteilte sind, die teils nicht einmal bis unter die Decke reichen. Keine Vorhänge an den Fenstern, nur zu zwei Drittel blind geklebte Scheiben. Ein durchschnittlich gewachsener Leipziger kann hier problemlos beim Vorübergehen hinein schauen. Intimsphäre am Limit.

Im Speisesaal: Bierzelt-Garnituren und ein Tresen. Es wird Kaffee und Kuchen ausgeschenkt. Pflastermüde Menschen, allesamt Besucher, denn das Camp eröffnet erst am kommenden Montag, sprechen über das, was sie hier gesehen haben. Und plötzlich ist es da wieder, mein Leipzig: Man ist unzufrieden darüber, wie die Errichtung kommunikativ der Nachbarschaft vermittelt wurde. Darauf basiert ein tiefes Misstrauen in die Funktionsvorgaben der Einrichtung. Aber es ist eine Art produktiver Skepsis, die sich nicht mit Gemecker allein zufrieden geben will.

Eigentlich, so hört man es hier von allen DRK-MitarbeiterInnen, eigentlich ist das Ganze nur eine Art Transit-Station. Die Geflüchteten, die derzeit noch verstreut und unregistriert über ganz Sachsen verteilt leben, sollen schubweise nach Leipzig gebracht werden. Hier erfolgt dann die Registrierung. Damit sich dabei aber nicht die selben Szenen wie vorm Berliner LAGESO abspielen, hat man diese Kurzunterkunft eingerichtet. Keiner soll hier länger als eine Nacht bleiben. Oder höchstens ein paar Wochen, je nachdem, welche Bleibeperspektive er hat. Und da ist es wieder: Eigentlich. Was nun? Eine Nacht? Eine Woche? Einen Monat?

In einem Verwaltungscontainer: Eine DRK-Mitarbeiterin erklärt, mit welchen Unwägbarkeiten in Stationen wie diesen gerechnet werden muss. Da gibt es einfache Kopfschmerzmittel, die aber sicher verschlossen und nur wohl rationiert ausgeteilt werden, damit sie nicht zufällig in Kinderhände gelangen. Oder die Toiletten: Es gibt wohl tatsächlich Geflüchtete, die in Erstaufnahmeeinrichtungen erstmals mit europäischen Aborten in Kontakt kommen und mit der Benutzung überfordert sind. »Das ist aber eine verschwindend geringe Minderheit, die meist aus sehr sehr abgelegenen Regionen stammt«, führt sie aus. »Wenn sie hier einen Syrer oder Iraker haben, ist das alles kein Problem. Die kommen aus ähnlich ausgestatteten Gebieten wie hier«. Aber warum gibt es keine Tische, Stühle, Schränke? »Das Land Sachsen hat nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt. Leider.«

Ein älterer Herr: Er kann nicht verstehen, weshalb die Staaten Europas die Flughäfen und Grenzübergänge mit High Tech überwachen und Terroristen in Datenbanken registrieren, führen, verfolgen – und die Flüchtlinge nicht. Ich zucke zusammen. Beginnt er nun das alte Lied? Die Gleichsetzung der Geflüchteten mit Terroristen, mit Islamisten, dem IS, den Leibhaftigen? Plötzlich entdecke ich sie, meine déformation professionelle. Der Umgang mit GIDA und Besorgten hat mich hypersensibel werden lassen. Der erste Reflex der Empörung geht jedoch am Ziel vorbei. Deutlich wird das, als der ältere Herr fortfährt: »Ich meine, da ist so viel Technik, so viel Organisation für vergleichsweise wenige Leute. Aber hier, bei den Flüchtlingen, also bei Leuten, die dringend auf eine Registrierung, eine Erfassung angewiesen sind, versagt das System. Das ist doch ein Missverhältnis ohnegleichen!«.

Die DRK-Mitarbeiterin stimmt ihm zu: »Unser eigenes Registrierungssystem funktioniert ganz gut. Wir wissen in der Regel, wer in welcher Unterkunft untergebracht ist. Weshalb das bei den Behörden nicht klappt? Das kann ich ihnen leider nicht sagen.«

»Na da muss man vielleicht selber was tun. Wie sieht es denn aus: Nehmen wir mal an, ein Rentner, oder sagen wir: ich. Rüstig. Will sich einbringen. Ich könnte einmal in der Woche her kommen, sagen wir: zwei Stunden. Und, sagen wir: Kartoffeln schälen. Ginge das denn?«

»Ja! Klar! Super wäre das. Ehrenamtliche Helfer werden immer gerne gesehen.«

Eine ältere Frau klinkt sich mit ein: »Und ich könnte Sprachkurse geben. Ich bin Lehrerin, ich mache das gerade in Leutzsch!«

»Das klingt auch gut. Das könnte ich auch machen. Also: Kartoffeln. Und so eine erste Klasse mit Deutsch. Das wäre was!«

»Stimmt. Oder einfach mal ein Lächeln.«

»Das ist genau so wichtig wie Kartoffeln schälen! Frage mich, warum wir uns damit so schwer tun. Wenn jeder nur einmal im Jahr was Gutes tut, was für andere tut, sagen wir mal: Hier sich einbringen. Dann wäre die Welt ein besserer Ort.«

Hier haben sich zwei gefunden. Gemeinsam liefern sie eine tiefgründige Analyse der Situation ab: »Ich ärgere mich aber auch ein bisschen. Nicht wegen den Ausländern hier. Sondern weil ich hier noch niemand anderen aus meiner Siedlung gesehen habe! Die sind alle nur am Meckern, aber wenn es heißt: Kommt! Guckt! Informiert euch! sind sie alle woanders.«

»Ja, man kann ja gerne unzufrieden sein, wenn einen das glücklich macht. Dann sollte man aber auch wenigstens so weit gehen, das Ganze sich mal vor Ort anzuschauen.«

»Wissen Sie was? Ich finde Sie Klasse. Sie haben eine gute Einstellung. Ich könnte Sie knutschen!«

Dem schließe ich mich an. Demütig.

Zwei hochamtliche Organisatoren vor der Menge: Sie erläutern das Währenddessen und das Danach. Welche Konzepte sollen hier greifen? »Angelegt ist die Einrichtung nach dem Beispiel einer der Aufnahmen im amerikanischen Stil. Da hat man kasernenmäßige Städte für 5000 Personen errichtet. So weit wollen wir hier nicht gehen. Beide Camps zusammen können 1500 Personen aufnehmen. Aber auch wenn das hier das beste Stück Infrastruktur ist, was wir derzeit anbieten können, werden wir das wahrscheinlich nur zu zwei Dritteln belegen. Und wenn die ganze Situation halbwegs wieder im Griff ist, halten wir das hier für Katastrophenfälle vor.«

Die Zuhörer scheinen ihre Skepsis wirklich abbauen zu wollen. Gänzlich verlieren werden sie diese aber heute nicht. Eine Frau fragt, ob es denn geplant ist, eine weitere Polizeistation in der Umgebung zu installieren. Oder das Gebiet wenigstens verstärkt zu bestreifen? »Ich kann ihnen versichern, dass wir in diesen Einrichtungen nicht mehr Kriminalität haben als anderswo. Da gibt es in der Regel keine signifikanten Anstiege. Aber sie haben Recht: Ein paar einzelne Wiederholungstäter schaffen es im Handumdrehen, die gesamte Belegung zu beschädigen.«

Woher die Skepsis letztendlich rührt, erfahre ich, als ich sie selbst noch einmal anspreche. »Ich kritisiere als erstes, wie hier mit den Anwohnern kommuniziert worden ist. Wir haben aus der Zeitung erfahren, dass hier so eine Einrichtung geplant ist.«

Was haben Sie sich von einer vorgelagerten Information versprochen?

»Zumindest erst einmal, dass sie überhaupt stattfindet«. Am meisten stört sie und ihren Mann, dass sich die Einrichtungen mit Flüchtlingsbezug alle im Norden bzw. Nordosten der Stadt ballen. »Wenn sie sich andere Stadtteile anschauen, drängt sich schon der Eindruck auf, dass diese eher weniger mit solchen Ansprüchen konfrontiert sind. Aber hier wird eine Einrichtung neben die andere gestellt.«

Beide sagen das ohne Wut oder Abwehr gegen die Geflüchteten. Sie sehen sich selbst aber um einen vernünftigen Moment der Beteiligung gebracht. Ihr Unbehagen resultiert aus einem bürgerlichen Selbstbewusstsein, das notwendigerweise rebellieren muss, wenn es administrativ übergangen wird – oder sich wenigstens übergangen fühlt. Die spezielle Leipziger Haltung scheint aber aus einer ganz besonderen Mischung zu resultieren: Eine Portion Lebensweisheit, vermengt mit viel Leidensfähigkeit, einem Spritzer Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten und wahrscheinlich auch Kaffee. Ohne den können wir hier nicht kämpfen.

Ein unbeteiligter Zaungast hätte an diesem Tag beim bloßen Hinsehen nur verdrossene Mienen entdeckt. Geht man aber in die Situation hinein, stellt sich auch dem eigenen Vorurteil, erlebt man zuweilen eine Überraschung. Leipzigs Zivilgesellschaft ist allem Anschein nach den Spaltungsversuchen durch *GIDA und Konsorten nicht oder noch nicht vollends zum Opfer gefallen. Ja, es gibt Differenzen, Gräben sogar. Aber wenn wir, die wir laut am Ring gegen die menschenfeindliche Meinungen demonstrieren, hin und wieder den Kopf drehen und zu den anderen, den stilleren Menschen unserer Stadt hinüber blicken, können wir unter Umständen noch etwas lernen.

Zum Beispiel: Dass wenn die Verantwortlichen bei Bund, Ländern und in der Kommune die Leute nicht richtig mit einbeziehen, sich andere Instanzen ihrer annehmen. Die populistischen Rattenfänger stehen bereit, die Arme weit ausgebreitet, und sie können jederzeit mit ihren Netzen die verdrossenen Menschen einfangen. Da ist es auch egal, dass sie dabei unter den Achseln nach Demagogie müffeln. Kümmert euch um die Bürger, dann habt ihr einen unfassbar willensstarken Freund an eurer Seite. Vernachlässigt Ihr sie oder nehmt sie nicht ernst, könnt ihr genau so gut versuchen, den Kulkwitzer See mit einem Teeei leer zu schaufeln.

Und wir lernen unter Umständen auch wieder zu begreifen, was das an Arbeit, Aufwand und Konzessionen bedeutet: Dass wir alle in ein und derselben Stadt weiterleben müssen, ganz gleich unter welchen Bedingungen. Das funktioniert aber nur, wenn wir einander zuhören, um uns gegenseitig Sicherheit zu geben. Für die großen Aufgaben, die in Zukunft noch auf uns warten und die wir heute organisatorisch auch noch nicht durchgeplant haben.

Und uns auch wieder anzulächeln lernen.
Sage ich mal.

Schubél