The day AfDer

Erwin, Günther und alle, die sie kennen, haben AfD gewählt. Haltense uns aber nicht für Nazis! Aber früher, kann ich ihnen sagen, waren die Bahnen sicherer!

Mit der Sonne im Rücken landen zwei Vögel auf dem Dach neben meinem Bürofenster. Als ihre riesigen Schatten, mehr Adler als Taube, über meine Ordner und Bücher flattern, erschrecke ich mich wie eine Parteienlandschaft. ›Platons Höhlengleichnis‹ schießt es mir durch den Kopf, während ich versuche, an etwas Schönes zu denken. Man muss raus in die Welt, um zu erkennen, was einen da eigentlich genau erschreckt hat.

Am Sonntag hat die ›Alternative für Deutschland‹ aus dem Stand im Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt 24% aller Stimmen erhalten. Überrascht hat die meisten nur die Höhe des Ergebnisses, nicht aber die Tatsache, dass eine zutiefst rückschrittliche und pluralismusfeindliche Partei in den Landtag einzieht. Wahrscheinlich hätte man in Sachsen sogar mit noch mehr Sitzen rechnen können, heißt es. Aber in Sachsen-Anhalt, dem selbst ernannten ›Land der Frühaufsteher‹, einem Landstrich, der mit wenigen Ausnahmen selbst nur aus den beiden Dimensionen Länge und Langeweile besteht?

Also hinfahren, raus aus der Komfortzone, rein ins Licht der Erkenntnis, auch wenn es weh tut: Nach Halle. In der Stadt lebt die Hälfte der Einwohnerzahl von Leipzig, sie ist zudem Juniorpartner im Phantasma »Metropolregion Mitteldeutschland«. Zu DDR-Zeiten war sie mir geografisch immer die kleine Schwester meiner Heimatstadt gewesen, die eines Tages mit ihren neuen Eltern in die Karibik oder das exotische Mecklenburg gezogen ist. Etwas fremd Vertrautes, eine Sammlung von Häusern, zwischen denen am Nachmittag die Radler der Friedensfahrt ankamen, welche am Morgen in Leipzig gestartet waren.

Seit Djamolidin Abdushaparow 1988 beim Endspurt mit dem Lenker ohne zu stürzen den Boden berührte, ist hier jedoch anscheinend nichts Spannendes mehr geschehen. In der S-Bahn in die 7,20 Euro entfernte Stadt herrscht die müde Stille der Berufspendler. Neben mir sitzt ein Mann, der ein Bier in der einen, und einen Chihuahua in der anderen hält. Sorgfältig breitet er ein beigefarbenes Handtuch auf der Sitzfläche aus, damit der Hund auch was von der Zugfahrt hat. Gemeinsam fahren wir in den Sonnenuntergang. Go West. Weder Hund noch ich wissen, was uns erwartet.

Auf einer Fläche erkennt man jedes sich erhebende Detail. Am Flughafen sitzen zwei Punks auf dem Bahnsteig. Ein ICE donnert vorüber. Die beiden sitzen noch immer dort. Im Stillstand erkennt man schnell jede Bewegung. Auf YouTube habe ich mir vorab einige Medien-Stunts des örtlichen Vorturner angeschaut. Sven Liebich ist nicht selbstverliebt – Narziss war liebichtisch! Ein scheinbar grenzenloses Sendungsbewusstsein, so mehrdimensional und akzentuiert wie das Testbild, flutet von der Saale in die sozialen Netzwerke. Themen: Das Ende ist nah. Sie wissen schon wer. Träume von Selbstermächtigung. Doch bevor die Welt über den Abgrund taumelt und vom fliegenden Teppich gestoßen wird, würde er, ganz allein, egal ob es jemand liest oder nicht, nur für sich, das finale Bit der letzten Serverfarm-Festplatte mit einem selbstbewussten »Wusste ich es doch! Habe ich doch gesagt! Schon immer!!!« beschreiben. Die letzte sprachliche Äußerung der Menschheit wäre ein Imperativ, ihr letztes Zeichen ein »!«. In anderen Städten wäre er nur Einer von vielen. In Sachsen-Anhalt, dem flachen, stillen Land der Frühzubettgeher, ist er ein Leuchtturm. Hinter ihm kommt, wenn überhaupt, nur noch das Nordmeer und dann Asgard.

Nase bluten, Beine brechen, höhöhö, genaugenau!

In Halle angekommen, verlaufe ich mich erst einmal. Dies ist eine bemerkenswerte Leistung, angesichts all der Technik, die ich mit mir herum trage und der Tatsache, dass der erste Versammlungsort keine 300 Meter entfernt liegt. Ich stehe 30 Jahre in der Vergangenheit auf einem Hinterhof. Schwarze Plastefolie soll marode Fassaden vorm kompletten Zerschimmeln bewahren. Ein Mädchen fährt ihren großen Bruder in einem Einkaufswagen spazieren. Es nimmt seinen Hund mit, der bis dahin als Zugpferd für die Kutsche seiner Majestät Paul dem Ersten diente und zeigt mir, wohin ich gehen muss.

– Treppe runta. Links rum. Sie sind wohl nich von hier, oda?

– Nein. Aus Leipzig.

– Und was wollnse hier?

– Mir mal die Demo anschauen. Warst du schon mal dort?

– Ne. Also nur mitm Hund, so vorbei gelaufen. Aber dem Bruno ist das zu laut.

– Und wie viele Leute sind da so normalerweise?

– Früher warns mehr.

– Kennst du welche, die zu der Demo gehen? Deine Eltern vielleicht?

– Früher war mal mein Vatter dort. Aber dem war das dann irgnwie zu langweilig und so. Der guckt das dann manchmal in Internet. Also hinterher. Da vorne, wo das Auto steht, siehste? Da is dann Demo.

»Da vorne« bedeutet: Ein Platz, über den Menschen eilen, Straßenbahnen bimmeln, drei Polizeiautos stehen und vier Leute Lautsprecher aufs Dach eines Transporters binden. Ich frage einen Polizisten, ob das die Demo ist. Entspannt raucht er weiter und gibt mir Recht. Man ist zwar mit Helm am Revers und Sturmmaske um den Hals aufgerüscht, aber wirkliche Nervosität ist nicht zu spüren. Es dauert nicht lange, bis ich seitens der Wagenmonteure die Bestätigung erhalte, dass sich hier nicht die Freunde der italienischen Oper treffen. Es fallen Worte wie »Nase bluten« und »Beine brechen«. Dunkle Stimmen versichern sich reibend gegenseitig ihrer Männlichkeit. Wahlergebnisse werden besprochen, Zufriedenheit macht sich breit, aber auch der erste Verdacht, nur Stimmvieh für die himmelblauen Anzugträger zu sein. Die neue Rolle ist schnell gefunden: Fortan ist man unbestechliche Oppositionsopposition, der gestrenge Blick des Volkes auf die Finger der »Parlament-Arier« (höhöhö) und des »Politik-Adels« (genaugenau).

Kurz vor Beginn strömt die eigentliche … Menge … herbei. 70 Menschen versammeln sich angeregt plauschend um den Lautsprecherwagen. Warnwesten mit dem Aufdruck »Montagsdemo« werden verteilt. Irgend jemand raucht eine E-Zigarette, Geschmacksrichtung »Lufterfrischer-Bäumchen«. Väter begrüßen ihre Töchter, Aufgeregte Gelassene, Tätowierte Schrankwände, alte Männer alte Männer. Zum ersten Mal wird mir der Kontrast zu Leipzig klar. Marschiert bei uns eine logistisch ambitionierte Organisation auf, sammelt sich hier eine friedensbewegte Gruppe von Mahnern und Feindbildmalern ohne festen Anspruch an Stringenz oder Fakten. Die Ansprüche an Offenheit und Demokratie sind wiederum nur scheinbare, dies wird beim Verlesen der Veranstalter schnell klar. Wer stört, fliegt. Von wem man ausgeht, dass er stören könnte, fliegt. Wer die Redebeiträge unterbricht, fliegt. Eigene Redebeiträge, die eine Dauer von 10 Minuten nicht überschreiten dürfen, müssen mit angemessener Frist vorab schriftlich eingereicht werden. Hinterher gibt es ein offenes Mikrofon für spontane Wortbeiträge. Wer hier Seltsames von sich zu geben vor hat, fliegt.

Wir gehen los. Hinter dem Lautsprecher trottet die Kolonne eine Einkaufsstraße herunter. Wir passieren Supermärkte, Telefonläden, einen misstrauisch drein blickenden asiatischen Gemüsehändler, Sportwetten. In einem Friseurgeschäft langweilen sich junge Männer, während der Maestro einem kleinen jungen einen Fasson-Schnitt mit der Schere an den Hinterkopf flext. Döner, Bäcker, Damenmoden, Bank, Bäcker, Schuhe. Vom Band spricht Liebich das Dilemma der modernen Welt an: Parteien kommen und gehen. Politik als Andocksystem für Lobbyisten. Genetische Veränderung von Lebensmitteln. Es werden immer mehr Medikamente produziert, trotzdem werden die Leute immer kränker. TTIP. Zivilisationskrankheiten. Niedrige Geburtenrate mache die Deutschen zur »bedrohten Art«. Und jedes Jahr haben wir immer weniger in der Tasche. Die da oben, wir hier unten. Keiner hört uns mehr zu. Döner, Bäcker, Damenmoden, Bank, Bäcker, Schuhe. Ein Mann mit schütterem Haar will zwei Junge Mädchen zur Teilnahme am Zug überreden. Sie empfehlen ihm, sich zu verpissen.

– Aber hier geht es doch um die Zukunft!

– Ey Mann, lass misch in Ruhe!

– Auch eure Zukunft!

– Meine Zukunft. Ist doch dir scheißegal!

– Nein, ist sie nicht. Gucke dich doch mal um hier!

– Ey, lass misch in Ruhe! Isch bin selber Ausländerin!

– Aber das macht doch nichts!

– Ey, Alter! Mach disch selbst ab!!!

Döner, Bäcker, Damenmoden, Bank, Bäcker, Schuhe. Liebichs Durchsage endet. Und beginnt erneut. Alles ist hier auf Wiederholung angelegt. Zwei ältere Herren feixen.

– Das ist doch nur so ein Selbstdarsteller. Eigentlich kann er das auch seinem Spiegelbild erzählen!

– Wahrscheinlich macht er das auch.


Wir kommen ins Gespräch. Der eine heißt Erwin*, der andere Günther*. Beide halten sich feinsinnig kommentierend im Hintergrund. Neben uns laufen die Ordner, kontrollieren nach alter Väter Sitte alle möglichen Angriffspunkte auf, neben, unter und über der Strecke. Am Wahlsonntag haben sich spontan ein paar Hundert Menschen versammelt. Man befürchtet »massivste« Übergriffe. Man ist das gewohnt. Als wir die Ulbrichskirche passieren erzählen sie von damals.

– Da war hier noch richtig was los. Da war der ganze Marktplatz voll. Aber da waren eben auch die Linken, von der Antifa. Kennense die?

– Die Antifa, die haben dann hier gestanden und die Leute verprügelt…

– …und mit Steinen geschmissen…

– …und mit Steinen geschmissen, ja.

– Und als die damit fertig waren, haben sie auch noch die Polizei verdroschen.

– Ja, die hat dann auch noch ganz schön was abbekommen.

Ich frage Erwin und Günther, ob sie damals dabei waren und selbst in diese Gefechte geraten sind. Oder sie wenigstens aus der Ferne beobachtet haben?

– Nein.

– Glücklicherweise!

– Kann man sagen, ja, glücklicherweise! Aber ich hatte Angst. Wir sind kurz vorher hier vorbei gekommen.

– Da war es noch ruhig!

– Ja, da war es noch ruhig.

– Aber hinterher hat man das überall lesen können.

– Überall. Und im Internet.

Wir bleiben fast den ganzen Abend über beieinander. Erwin, der ältere der beiden, hat sein ganzes Leben lang in Leuna gearbeitet und muss nun nach eigener Aussage mit einer kümmerlichen Rente auskommen. Günther war 15 Jahre vor der Wende »in der Versorgung tätig und im Betriebsschutz«, Pförtner, Sicherheitsdienst usw. Nach der Wende hat er in einer Immobilienfirma gearbeitet. Die größte Sorge der Beiden am heutigen Abend: Dass ich sie für Nazis halten könnte.

Gerechtigkeit bedeutet: Alle gleichermaßen ablehnen. Die Ausländer, die hierher kommen, um sich ein Leben aufzubauen. Die Ausländer, die hierher kommen, und beim Arzt wie Privatpatienten behandelt werden. Die Ausländer, die hierher kommen, und die Straßenbahnen unsicher machen. Alles haben sie selbst schon erlebt, gesehen, erlitten oder eigentlich mehr im Internet gelesen.

»In meinem Bekanntenkreis haben alle die AfD gewählt. Das sind keine Nazis. Die haben aber die Schnauze voll. Die wollen nicht mehr wie die kleinen Kinder behandelt werden. Die Politiker stellen sich dann immer hin und versuchen uns ihre Politik zu erklären. Aber sind wir denn etwas kleine Kinder, denen man alles erklären muss, weil wir zu doof sind?«, fragt mich Günther.

– Aber wenn sie es nicht machen, wird ihnen doch vorgeworfen, dass sie intransparent sind. Und machen, was sie wollen.

– Das machen die doch sowieso.

Ein hochvernetzter Unruhepol, so ungefährlich wie die Wüste menschenfreundlich.

Während sich vorne die Redner überstolpern, lachen Erwin und Günther sie aus. Ein erster Anlass für Misstrauen ist der Dialekt der Sprecher. Erwin meint zu wissen, dass das irgendwie norddeutsch klingt oder wenigstens: nicht wie von hier. Außerdem weiß Günther zu berichten, dass er, Frank Geppert, ständig on Tour ist, um hier und da und dort Reden zu halten. »Was der dann immer so quatscht, das könnse vergessen. Das wollen die Leute gar nicht hören. Das ist alles viel zu geschraubt, viel zu intellektuell. Aber das merkt der nicht«. Langsam gesellen sich Freunde und Bekannte der beiden zu uns. Bei solch einer kleinen Demo kennt man sich, freut man sich über neue Gesichter, selbst wenn es wie meines aussieht. Jeder hat was zu erzählen. Von der Antifa, die in Leipzig Ziegelsteine von den Dächern auf die Demos wirft und dafür 25 Euro pro Stunde kassiert.

– …von den Gewerkschaften. Müssense sich mal vorstellen!

– Ich bin mal später gekommen, da stand unten am Riebeckplatz ein Bus und im Fenster ein Schild: Demogeld hier abholen. Abrechnungsstelle Antifa.

– Müssense sich mal vorstellen.

– Meinen die das ernst? Kann das nicht auch ein Scherz sein?

– Nein, nein. Das könnense nachlesen, im Internet.

Und so geht es weiter. Und weiter. Und weiter. Man ist unzufrieden. Die Renten sind zu klein. Der Ausländer ist schuld. Die Region liegt darnieder. Der Wessi ist schuld. Es geht nicht voran. Die Politiker sind schuld. Hätte es früher alles nicht gegeben. Hand drauf, sicher. Ich frage, was ihnen lieber wäre: Das als schön empfundene Leben von früher oder die Freiheit heute. Die Antwort kommt schnell:

– Früher.

– Trotz der Diktatur, wie sie es ja vorhin auch selbst mal genannt haben?

– Naja, wissense, Diktatur. Muss man ja immer sehen, wer da der Diktator ist.

– Aber früher, dass kann ich ihnen sagen, da waren die Straßenbahnen sicher!

– Aber sie haben doch vorhin selber zwei Ulbricht-Witze erzählt und gemeint, dass damals Leute deswegen »abgeholt« worden sind. Heute können sie die erzählen und keiner tut ihnen was.

– Das mag ja sein. Aber früher, das war irgendwie… irgendwie… anders. Besser.

– Wir haben ja alle unsere Witze gemacht. Musste man halt aufpassen, wann und wo und über wen, aber auch die in der Kreisleitung und die Parteisekretäre haben nach zwei Schnaps bei der Betriebsfeier mal einen gucken lassen.

In der Zwischenzeit redet Liebich. Ein kleiner Mann mit großen Geschichten. Wahrscheinlich namensbedingt lautet sein Lieblingswort »ich«. Er erzählt, wie er am Wahlabend heldenhaft bei der trauernden Linken vorbei geschaut hat und Ernst-Busch-Lieder sang, um ihnen eine Nase zu drehen. Wie er hinterher bei einer kleinen Keilerei auf dem Markt sein Skateboard eingebüßt hat, was aber nicht so schlimm sei, weil es eh schon Tausende Kilometer auf den Rollen hatte. Und dass er gar kein Nazi sein kann, weil er einen (in Worten: Einen) ausländischen Freund hat, der aber erst jetzt, wo sich so viele Linke und Gutmenschen in der Stadt tummeln, seiner Haut erwehren muss. Die linken »Gutmenschen« werden hier übrigens immer lakonisch vom Mikro aus gegrüßt. Eine Gruppe von zehn jungen Leuten betrachten aus sicherer Entfernung das Treiben. Man winkt zurück. Ach ja, und Liebich hat noch dies gemacht, und danach das getan, doch der Höhepunkt ist zweifellos jenes…kann man bei Facebook sehen…kann man bei YouTube anklicken.

Es liegt nahe, sich über ihn lustig zu machen. Später, als ich mich mit einigen Gegendemonstranten unterhalte, machen sie mir seine Bedeutung für die entsprechenden Umtriebe in der Region deutlich: Ehemaliges Blood-and-Honour-Mitglied. Anfang der 2000er hat er den Nationalen Beobachter Halle herausgegeben, zusammen mit »Corelli« einer Figur im Spektrum des NSU-Komplex. T-Shirt-Versand mit einschlägigen Motiven. Ein hochvernetzter Unruhepol, so ungefährlich wie die Wüste menschenfreundlich. Aber vor allem: Facebook. Liebich betreibt dort, wahrscheinlich allein, eine Seite, die all das, was Erwin und Günther als Wahrheit akzeptieren (wollen), in die Welt bringt, und das alles in einer schwindelerregenden Frequenz. Versucht LEGIDA hin und wieder die Volksseele mit Empörungslinks anzuköcheln, packt Liebich den publizistischen Flammwerfer aus, um unhinterfragbare weil verbrannte Erde zu hinterlassen. Kein Gegner ist zu groß, kein Fakt zu nebulös, kein Zusammenhang zu fremdgesteuert. Liebich kennt sie alle und spricht seine Wahrheiten zu jenen, die keine eigenen haben. Und das sind hier eine ganze Menge.

Auf dem Heimweg überlege ich mir, was ich hier erlebt habe und was das eigentlich bedeutet. Fakt ist: Meine Höhle lässt nur wenig Licht herein. Wir müssen raus. Wir müssen hinsehen. Wir müssen unsere Erkenntnisse teilen. Dass eine AfD in Sachsen-Anhalt so groß werden konnte, ist angesichts der Melange aus Verlierergefühl, fehlender pluralistisch orientierter Alternativen und diskursiver Abgehängtheit kein Wunder. Erwin und Günther sind keine Nazis. Diese Zuschreibung greift zu kurz. Sie macht eine bequeme, aber grobe Teilung durch die Gesellschaft. Ich kann sie aber auch nicht von Vorurteilen, Fremdenhass, Neid und einer tiefen Sehnsucht nach einer Autorität freisprechen, die für sie die Dinge ins Reine bringt. Sie ersehnen ein historisches Zurückspulen, egal auf wessen Kosten und diese Sehnsucht ist größer als die Kraft, sich im Heute für etwas zu engagieren, statt sich bequem in der Dagegen-Hütte zu verschanzen.

Wer, wie die beiden, AfD wählt, ohne zu wissen, dass deren Programm sie selbst am härtesten trifft, ist von der trotzigen Wirkmacht der eigenen Wählerstimme zu überzeugt. An uns ist es nun, sich zu fragen, wie wir, die wir es ja alle besser zu wissen glauben, auch besser machen können. Auf meine Seite werden diese Menschen nicht wechseln, einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr. Doch was können wir tun, dass sie nicht mehr als Klatschmasse für die Rechten und die Menschenhasser auflaufen? Denn eines ist und bleibt klar: Nein, man darf Rassismus nicht tolerieren. Nein, der grassierende Sozialdarwinismus ist kein Naturgesetz. Nein, Erwin und Günther wollen nicht stumm bleiben. Die laufen dort mit, weil sie ihrer Ansicht nach sonst keine andere Möglichkeit haben, ihren Unmut zu verarbeiten. Aber um sie von den Liebichs und den Bachmännern dieser Welt loszueisen, hilft keine Überheblichkeit.

Da bringt vielleicht nur eines wirklich Gewinn: Die solidarische Vernetzung mit den Wenigen, die sich vor Ort dagegen stellen und dann: Aufklären, aufklären, aufklären. Die Generationen, die sich heute auf den Märkten treffen, sind verloren. Aber nicht die folgenden. Das ist ein Preis, um den zu kämpfen es sich lohnt. Häme ob der kleinen Gruppengrößen ist daher unangebracht, weder den in Halle, noch in Dresden. Dort ist ganz viel Herz. Aber eben auch ganz viel Hetze. Wie überall, in diesem Internet, wo sie alle drin sind, hier, im Frühaufsteher-Land, wo alles still und flach ist. Und viele erschreckende Schatten geistern.

*Namen geändert.

Schubél