Stillstand ist Fortschritt

Stagnation? Ruhe vor dem Sturm? Das Anfang vom Ende? Die Gegendemonstration gegen Legida kann sich beglückwünschen, sie wirkte. Doch welche Überschrift kann man solch einem Abend geben?

Friedensgebet: »Herr, öffne unsere Herzen und mache uns zum Werkzeug Deines Friedens«. Und: »Wir werden nicht ärmer sondern reicher, wenn wir zu teilen lernen«. Die Kirche beschäftigt sich mit dem kleinen, einzelnen, weil es das Große ebenso wenig zu fassen bekommt, wie ich. Je nach Taufstatus sind es Appelle an Verstand oder Herz. Das sind keine Demonstrationen auf Bahnhofsvorplätzen, sondern etwas Tieferes, Dunkleres. Das Dilemma hingegen bleibt, denn die Teilnehmer werden sich später auf genau dort wieder begegnen – auf verschiedenen Seiten. Tiefer. Dunkler.

Der Fußmarsch zum hot spot ist mittlerweile Routine. Abgesperrte Straßen, aufgeregte Diskussionen, blockierte Zugänge. Angesichts der zu gehenden Umwege frage ich mich, wie lange die Autofahrer-Nation diese Entbehrung noch auf sich nehmen will. Noch sind wir regenjackentragenden Meinungsgegensätze unter uns. Doch das soll sich noch radikal ändern.

Gesichtskontrolle. Alle fallen durch.

Wie jede Woche riegelt die Polizei auch heute variationsreich ab. Zu Ehren der LEGIDAner wird eine Gitterverhau errichtet, durch den die Demo-Teilnehmer zum Ort ihrer ideologischen Weiterverarbeitung geschleust werden sollen. Er ähnelt dem Zulaufbereich einer Schafschur, nur dass hier Ochsen durchkommen werden, die ohnehin schon sehr kurzes Fell haben. Eine Straßenbahn nach der anderen drückt sich durch die Gegendemonstranten. Ein Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe müht sich redlich und phonetisch einwandfrei, die Reisenden korrekt umzuleiten, während er nimmermüd um absolutes Verständnis wegen der Demonstrationssituation wirbt.

ES GIBT KEIN RECHT AUF NAZI-PROPAGANDA!

Hools kommen! Was bis zu Beginn des Nachmittags nur ein Gerücht war, wird nun konkret: Erste Sichtungen berichten von 200 schwarz Gekleideten, die sich vor einer Tabledance-Bar treffen. Minütlich treffen über Twitter neue Zahlen und Standorte ein. Die Menge bewegt sich vorwärts und wird dem Tag heute eine besondere Qualität verleihen. Die Polizei trennt nun entschieden die Gegendemonstranten, um ihren Walk of Shame zu installieren. Fünf Minuten braucht die Menge der Haudraufs, um das Spalier zu durchschreiten. Jeder einzelne ist dutzendfache Legitimation für die Notwendigkeit von »No Legida«. Die Straßenbahnen fahren noch immer durch die Menge. Wenn hier heute keiner überfahren wird, wäre das ein Wunder.

Auch heute sind die hellsten Leuchten jenseits des LEGIDA-Zauns

Rufen. Warten. Rufen.
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Rufen – warten -
Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein Ruf
Das Herzweh und die tausend Stöße niemals endet,
Die unser Geschichte Erbteil, ‘s ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen. Rufen – warten -
Rufen! Vielleicht auch vertreiben!

Nicht alles gelogen: »Wir sind das Pack!«. Stimmt!

Halb acht: Die Reden. Rücksicht auf das eigene Image nimmt man hier schon lange nicht mehr. Unverholen bedient man sich niederster Feindbild-Propaganda. Der triebgebremste Sarrazinist dürfte feuchtäugig auf die bunkerhafte Rednerbühne schauen, gerührt von so viel Traute, endlich auch mal das auszusprechen, was die anderen als Stuhlgang keines Blickes würdigen würden. Die Hools hingegen dürften sich zu Tode langweilen; die wollen doch nur “spielen”. Es sprechen Markus “Greinwichtel” Johnke und ein Kevin aus dem Publikum. Ob das sein Name, seine Funktionsbezeichnung oder seine Diagnose ist, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen. Im Selbstdiagnosenetzwerk Rechts tönt es: “Wir sind das Pack” & “Ich bin stolz droff, dazuzugehörn!”.


Endlich legen die Verkehrsbetriebe den Straßenbahnverkehr still. Zumindest diese Seite der Situation ist entschärft. Bei Legida hingegen will man marschieren, denn wozu ist die Straße da, wenn nicht hierfür. Doch allein es fehlt die Route. Gegendemonstranten, erfährt man via Twitter, blockieren nicht nur der Ursprungsweg, sondern auch die Alternativstrecke. Und so steht Legida nun | dämlich an der Ecke rum. Eigentlich eine komfortable Situation, doch angesichts der kognitiven Präsenz vor Ort muss man befürchten, dass sie sich selbst dabei verlaufen.

Hütchenspieler

Wir warten. Wasserwerfer fahren auf um die Blockaden zu räumen. Wir warten. Wasserwerfer fahren weg. Den Hools bekommt die Frischluft nicht, sie drängen auf die Polizeikette vor sich und pressen sich etwas Raum herbei. Gute einhundert Meter geht es voran. Gegendemonstranten bekunden ihren Unmut über die Legididis, diese schreien zurück.

Jedes Grauen hat seine Gespenster und bösen Geister

Plötzlich Standbild. Ich sehe mich um: Neben mir ältere Semester, mit Trillerpfeifen. Junge Frauen mit ausgestreckten Mittelfingern. Junge Männer, die wie elektrisiert wirken. Ein Kordon von Polizeifahrzeugen. Schrankwandgroße Männer mit Handschuhen. Prozessierende Frauen mit Kerzen in der Hand. Mittelschicht mit Deutschlandflaggen. Selbstgemalte Transparente. Junge Kerle, wie Hyänen grinsend, auf Aas wartend, das ihnen die Schrankwände vielleicht übrig lassen. Langsam dreht das Bild weiter. Ich verlasse die Situation und sehe, wie ich noch immer sprachlos in diesem Vulkan stehe und fassungslos meinen Kopf schüttle. Ein Flasche fliegt auf mich zu. Sie dreht sich im Flug mehrmals um ihre eigene Achse. An der schönen blauen Donau. Leute, die in ihrem Leben nie wirklich etwas auszustehen hatten, randlose Brillen, Jack-Wolfskin-Bekleidung, bicolorgefärbte Frauen, Rechthaber, Rechthabenwoller, Rechtshänder, Rechtsradikale. Die Flasche nähert sich. Normalgeschwindigkeit. Ausweichbewegung, Linksschwung Hüfte, Augen auf, Kopf hoch, Handy weg, Adrenalin!

LEGIDA geblitzdingst

Und: Stop. Legida gerinnt auf der Straße wie Rotz am Ärmel. Ebenjene, die gerade noch hämisch lachten und sich als Marschierer wähnten, stehen nun. Die Gegendemonstranten sorgten – wie auch immer – für Statik. Wie anständige Deutsche es tun, warten sie an einer roten Ampel. Und warten. Und warten. Und warten. Die Hools können nicht aus ihrer Haut, aber aus ihrem Schafspelz. Die Polizei würzt sie dorthin wieder zurück. Böller und Flaschen fliegen aus Legidastan auf die Gegendemonstranten. Alles in allem kann man sagen, dass bei Legida die Großmäuligkeit von 100 auf Null in nur drei Minuten zu schrumpfen vermag – auch ein Rekord. Regen setzt ein. Hier durchweicht der nationale Widerstand. Keine Stunde nach den Hetzreden ist man am Ende und dreht um.


Und doch keine rechte Befriedigung: Die Hools sind in ihrer Masse eine neue Qualität und wenn in 14 Tagen das rechte Netzwerk Widerstand Ost West in Leipzig aufschlägt, dürften das noch mehr werden. Betroffen macht mich hingegen die Menge von Normal Besorgten. Hier schaut man in den direkten Hass der eigenen Nachbarschaft. Ich habe keine Idee, wie das je wieder ein Frieden werden kann, denn an Kapitulation denkt hier heute Abend niemand.

Schubél