Sichtbarkeit

Keine Besorgnis. Kein Patriotismus. Nur der Zusammenschluss, vor dem wir seit Monaten warnen: Nazis und LEGIDA.

Gutmütig zottelt der junge Mann an seinem Redebeitrag. Außer uns stehen noch ein Dutzend weiterer Menschen an der Haltestelle. Es riecht nach Sidol. Während der Rede kniet ein anderer Mann am Boden und poliert drei Stolpersteine. Drei Namen, alle aus der Familie Frankenthal: Ludwig. Günther. Wolfgang. Ein Sprung, hundert Jahre durch die Zeit und wieder zurück. Ludwig wäre meine Generation. Studium, Arzt, Kriegsfreiwilliger, Leipziger, Vater, Chirurg, Ehemann, Geächteter. Warum? Keiner von »uns«. Einer von »denen«. Jude. Verfolgt, inhaftiert, geflohen. Wolfgang und Günther, seine Söhne, entwurzelt, vertrieben, der Jugend beraubt. Buchenwald. Niemand im Ort der deutschesten aller Klassiken wird etwas gesehen haben. Entlassung unter der Bedingung: Ausreise. Flucht in die Niederlande, Glaube an Sicherheit? Als die deutsche Besatzungsmacht auch dort aufschlägt, wird die gesamte Familie deportiert. Buchenwald, Theresienstadt, Westerbork, Auschwitz, Grab. Ludwig und sein jüngster Sohn Wolfgang werden gleich bei der Ankunft getötet. Günther, der ältere Sohn, stirbt ein halbes Jahr später durch die Wunden der Waffe Zwangsarbeit. Vier Wochen nach der Befreiung des Lagers. Acht Wochen vor Kriegsende. Es gibt nur noch Ilse. Sie überlebt Deutschland, wird ihm fortan aber zeitlebens fern bleiben. Jahrzehnte später kommt ein Leipziger in Ludwigs Krankenhaus zur Welt: Ich.

Es sind wenige Worte gesprochen worden. Man kann sie auch im Internet nachlesen, aber dort sind sie nur Code. Hier werden sie eine Verbindung vom Gestern ins Heute, vom Weg- zum Hinsehen, von anderen zu mir. Blicke ich in die Gesichter der Umstehenden, glaube ich tiefe Betroffenheit erkennen zu können. Oder sind das Tränen, die mir in die Augen steigen? Neben mir winselt ein Hund. Es geht uns beiden gerade nicht gut. In der Haltestelle stellt sich innerhalb der fünf Minuten Kollege Weltekel unter und kumpelt mich an. Nicht heute, mein Bester, nicht heute. Zu viel hast du schon überdeckt. Heute muss gezeigt werden, was zu lange unsichtbar blieb.

Der Mann, der die Stolpersteine putzte, will nicht in der Vergangenheit stehen bleiben. Entschlossen steht er mit einer Kerze neben dem Haltestellenhäuschen und ist enttäuscht: Vom Oberbürgermeister, der bis heute noch nicht einmal auf die Anfrage reagiert hat, ob man am 8. April, zum Internationalen Roma-Day, nicht die Flagge der Roma vorm Rathaus hissen könne. Von den Friedensbewegungen, die sich nicht klar genug gegen Rechts abgrenzen, sondern sich anschlussfähig für jene gestalten, die nur den Worten nach »Frieden« wollen, damit aber nur neue Querfronten aufmachen wollen. Von linken Politikern, die auf deren Veranstaltungen auftreten obschon sie es besser wissen sollten.

Dunkelheit.
Strahlensatz.
Pech gehabt.

Im Gegensatz zu den LEGIDA-Besorgten gibt er sich nicht dem Jammern hin. Er engagiert sich für Flüchtlinge auf dem Balkan im Verein »Verantwortung für Flüchtlinge«. »Es geht nicht darum, von hier aus die Armut und das Elend dort aufzulösen«, erklärt er mir. »Das können wir gar nicht und das wissen wir auch. Aber dort unten, in den Roma-Slums, leben seit 15 Jahren Menschen in Lagern. Man verzeichnet ein Vorhandensein von Suizidgedanken bei 30% der Kinder! [2] Das muss aufhören!«. Beinahe erkenne ich in seinem Gesicht so etwas wie gerechten Grimm, der sich aber deutlich vom heiligen römischen Zorn deutscher Nation jener unterscheidet, die nur das Schwert und die Angst kennen wollen.

Es sind diese kleinen Momente, die mich mit den Menschen meiner Stadt versöhnen. Das Wachbleiben, dieses beherzte Herausfordern der Ignoranz, die unbequeme Härte der moralisch gerechtfertigten Fragen. Habe ich das bis heute gesehen? Kannte ich das Problem? Nein. Diese Antwort schlägt bis in mein Innerstes durch. Ich bin ein Gutmensch von gar lächerlichster Gestalt.

Gerne wäre ich jetzt nach Hause gegangen, den Kopf so leer wie das Herz voll. Doch es ist wieder einer dieser Montage. Die Stadt tritt ein in LEGIDAs Schatten. Ein kleiner verbitterter Mond, der sich vor die Sonne der Empathie schiebt. Dunkelheit. Strahlensatz. Pech gehabt. Aber das muss nicht so bleiben. Deshalb muss ich bleiben. Wie ein Schwarzes Loch zieht mich LEGIDAs Versammlungsort an. Doch heute bleibe ich außerhalb ihrer Singularität. Ich will nicht verschlungen werden. Nicht schon wieder. Aber hinsehen. Immer wieder.

18:45 Uhr. Gerade einmal 100 Menschen haben sich versammelt. Im Laufe des Abends kommt noch einmal die doppelte Menge vom Hauptbahnhof hinzu. Dass sich weiter westlich »die Rechten« treffen, weiß hier jeder. Ob und wann sie zueinander stoßen, ist aber unklar. Die sozialen Medien schweigen sich vorerst darüber aus. Köpfe zeigen nach unten, Daumen wischen, Netzwerke aktualisieren. Dann die Ernüchterung: Wahrscheinlich sind es kaum mehr als 60. Eine Journalistin erzählt am Rand, wie sie durchgezählt hat: Nach Abzug der Ordnungsamts-Mitarbeiter und der Staatsschutz-Leute, die sie kennt, dürften es gerade einmal vier Dutzend sein.

Ich entdecke bekannte Gesichter aus den voran gegangenen Demonstrationen. Der Häuptling. »Sie wissen schon wer«. Einen, der »Messer-Kevin« genannt wird. Eventuell auch Reinhard Rade. Einige LEGIDAs scheinen zu frieren, sie haben Handschuhe dabei. Während »Wir sind das Volk« aus den Lautsprechern nölt, popelt einer der vielen anwesenden Rentner Aufkleber von Laternenmasten. Der Aprilwind bläht Transparente mit »Generation die sich wehrt« oder »Vaterlandsliebe statt Mutti (Merkel) Kult«. Einige machen es sich auf den Rändern der Springbrunnen bequem, während die Redner, allesamt unbekannte und untalentierte Provinzgrößen, ihr Schlechtestes geben. Im Zentrum nichts Neues.

Ich begebe mich weiter in Richtung der Rechten. Im Park vor dem Richard-Wagner-Denkmal kippen Teenager neben großen, beinahe ausgetrunkenen Colaflaschen ins Gras. Alles im Griff, bedeuten sie mir, keine Hilfe benötigt. Der Abend wird warm, der Schlaf bleibt ungestört, und der Kater heute wahrscheinlich tigerkatzengroß.

19:30 Uhr. Die Rechten sind auf Betriebstemperatur. Redebeitrag laut Twitter: »Die gesamte linke Brut, Lesben, Schwule, Grüne, sie allesamt müssen niedergemacht werden!« (Karl Richter). Die Nazis kommen durch die Käthe-Kollwitz-Straße in Richtung Dittrichring. Entschlossene Sprechchöre aus ganz dunkler Zeit, Hooligan-Stimmführung, eindeutiges Liedgut. Der Zug stoppt, aus Lautsprechern ertönt Völksmusik. Süffisante Frage an die Lichterkette: »Hören mich die linksversifften Trommler?«. Das tun sie, aber nicht begeistert. Gerne ist niemand hier, selbst Sigrid Schüßler hat auf Seiten der Nazis nur Weltuntergang in der sich hysterisch überschlagenden Stimme. Das Programm des Abends steht jedoch: »Es steht die nationale Einheitsfront. Heute wächst zusammen, was zusammen gehört« – gemeint sind LEGIDA und die Nazis. Was zusammen gehört, will sich heute gemeinsam zeigen.

Während man in den Leipziger Wohnzimmern gerade an den Wetterbericht der Tagesschau abgibt, vollzieht sich mitten auf dem Ring der Schulterschluss zwischen den Maskenträgern der Besorgtheit und jenen, die längst schon auf alle Masken pfeifen. Mit Sprechchören sind sie LEGIDA entgegen gekommen und damit es auch der Letzte versteht, skandieren sie »Wir sind das Volk«. Nie war dieser Ruf in den letzten Jahren missbrauchter, deutscher, verabscheuungswürdiger. LEGIDA selbst gewährt großmütig Zugang: »Reiht euch ein«. Der braune Kontakt zündet. Unter den Augen Richard Wagners, der von seinem absurd quietschbunten Denkmal ins Dämmerlicht stiert, fließt der antisemitische Strom durch die Stadt. Kichernd schlägt sich der Weltgeist auf den Schenkel. Amseln zwitschern durchs Gebüsch. Einer der Teenager kotzt in die Büsche.

Wir wollen keine Asylantenheime!

Als ich hinter der Demonstration um die »Runde Ecke« biege, erwartet mich ein unfassbarer Anblick.

Eines Morgens, in aller Frühe,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
eines Morgens, in aller Frühe
trafen wir auf unser’n Feind.

Es stehen nicht nur ein paar Vereinzelte Träumer am Gitter, an Kerzen geklammert, sich gegenseitig den antifaschistischen Folklore versichernd.

Israel, internationale Völkermordzentrale!

Der Fußweg ist dicht mit einer agilen Menge von Menschen aller Alter, aller Herkünfte, aller Wesensarten.

Partisanen, kommt, nehmt mich mit euch,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
Partisanen, kommt, nehmt mich mit euch,
denn ich fühl’, der Tod ist nah.

Und es ist laut. So laut, dass LEGIDA Hören und Sehen vergehen muss. Irgendwo spielt eine Trompete Partisanenmusik.

Hopp! Hopp! Hopp! Asylantenstopp!

Später wird man auf Videos sehen, wie sich die Rechten, ausgerüstet mit Quarzsand-Handschuhen und Sonnenbrillen groß machen, die Arme heben. Etwas rufen. Sich umsehen. Stocken. Faktisch allein sind, weil es immer nur die selben sind, die mitrufen.

Wenn ich sterbe, oh ihr Genossen,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
wenn ich sterbe, oh ihr Genossen,
bringt mich dann zur letzten Ruh’!

Fotos werden belegen, wie die Frontreihe der Transparentträger den Kühnen-Gruß entbietet. Strafbarkeit umstritten, Symbolgehalt durch Herkunft wasserdicht.

Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eignen Land!

Die Gegendemonstranten toben lautstark, stehen am Rande einer emotionalen Springflut.

In den Schatten der kleinen Blume,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
einer kleinen, ganz zarten Blume,
in die Berge bringt mich dann!

Fahnenschwenken. Mittelfinger. Trillerpfeifen. Zunge raus. Trommeln.

Widerstand! Widerstand! Widerstand!

Bevor es laut wurde, hörte ich eine Frau »Ich bin die, die immer lacht!« kichern.

Und die Leute, die geh’n vorüber,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
und die Leute, die geh’n vorüber,
seh’n die kleine Blume steh’n.

Als ich sie nun wiedersehe, ist ihr Gesicht komplett launenbefreit in sich zusammen gestürzt.

Antifa! Hurensöhöne!

Alle sehen, welch trauriger Haufen dort läuft. Alle riechen, welche Farbe dieser Haufen hat.

Diese Blume, so sagen alle,
o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao,
ist die Blume des Partisanen,
der für uns’re Freiheit starb.

Alle sind sich einig: Dieser Haufen kann weg.

Nie, nie, nie wieder Israel!

Vor der Thomaskirche: Pfarrer Wolff, Mit-Initiator der Aktion »Licht statt Hass«, diskutiert mit Polizeichef Merbitz. Die Exekutive bemängelt, dass sich die Teilnehmer nicht nach dem Ende der Kundgebung entfernt hätten. Der Initiator hält dagegen: Warum sollten die Leute sich nicht einfach an die Gitter stellen dürfen? Freies Land – klingelt da was? Es ist eine Schrödinger-Situation, ein klassisches Patt: Beide haben ein Problem. Beide kennen den Anspruch des Anderen. Beide schätzen sich auf zivilisiertem Niveau. Beide haben Recht. Niemand kann sich vorstellen, dass den anderen etwas Größeres bewegt. Jeder steht auf seiner Seite und kann diese nicht Preis geben. Dafür kann aber auch jeder dem jeweils anderen unendlich auf die Nerven gehen – und tut dies hingebungsvoll.

Wirmer, Schland, TTIP, Peace auf Regenbogen, »Überfremdung stoppen«

Ordnungsbürgermeister Rosenthal, derweil herbei geschlendert, hält sich abseits, wird wahrgenommen, doch weder von Merbitz, noch von Wolff in die Diskussion gezogen. Die erledigen das lieber unter sich. »Ich kann Pfarrer Wolffs Erregung durchaus verstehen. Aber auch Herr Merbitz ist nicht im Unrecht«, erläutert er mir ruhig, als ich ihn anspreche. »Auf der einen Seite muss die Demokratie diese gespannten Situationen zulassen, auf der anderen sind aber die Polizisten angehalten, sich in genau diesen Situationen zwischen die Fronten zu stellen. Schade ist nur, dass wir hier eine Stimmung in der Stadtgesellschaft haben, die ein miteinander Reden aktuell unmöglich sein lässt.«

Miteinander Reden? Bei dem Klientel? Antifa-Hurensöhne? Nie wieder Israel? »Wenn man in Verantwortung steht, darf man das nie unterlassen, so sehr es einen auch persönlich widerstrebt. Aber es ist schwer, wenn die andere Seite überhaupt nicht reden will.«

Rosenthal schaut auf den Demozug, die Gegendemonstranten, die Polizisten. Amüsement sieht anders aus, auch wenn er versucht, sein Lächeln nicht zu verlieren. Er will ansprechbar sein, versteckt sich nicht hinter Floskeln. Der Druck kommt sowieso von ganz allein: Politisch ist Rosenthal ein Linker, doch muss er qua Amt den Rechten die Versuche der Abschaffung der Demokratie genehmigen, so lange diese formal korrekt sind. »Dann erfolgt die Absprache mit der Polizei, eine Gefahrenabschätzung und der Bescheid«. Die Ruhe, mit der er dies beschreibt, steht im krassen Gegensatz zum Geschehen um uns herum. Seine letzten Worte, als wir uns verabschieden: »Glauben Sie mir, hier schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite das Amt mit seinen Regeln und Vorschriften, auf der anderen mein persönlicher, politischer Kompass. Mal sehen, wie das heute hier verläuft. Wie wir das in der Zukunft machen können. Oder ob sich da was ändern muss.«

Der braune Zug kommt wieder zurück. Merbitz und Wolff streiten noch immer. Rosenthal inspiziert, wahrscheinlich mit nicht wenigen Bauchschmerzen, die öffentlichen Grünflächen, die auch in seiner Verantwortung liegen. Wirmer, Schland, TTIP, Peace auf Regenbogen, »Überfremdung stoppen«. Es duftet nach Frühling auf der Wiese, als der Straßenstaub vorüber weht. Aber auch das geht vorbei.

Der Zug ist lange durch und weg, da kommt es am Rande der Absperrung zu einem kleinen Handgemenge zwischen der Polizei und einigen Gegendemonstranten. Der Erzählung nach wollten diese nach den Nazis über den Ring laufen, um ihn sich symbolisch zurück zu holen. Als sie die Gitter überstiegen, haben einzelne Beamte wohl erst keinerlei Anstalten gemacht, sie aufzuhalten, wohl sogar zugenickt, dann aber voll zugelangt. Einer der Aktivisten verlangt gefasst den Namen einer Beamten. Loepki, der Pressesprecher der Polizei, schaltet sich dazwischen. Es folgt ein Lehrstück in Sachen Korpsgeist, Abteilung Vertuschung. Die Beamte wird langsam aber sicher aus der Aufmerksamkeitslinie manövriert. Die Forderung nach dem Namen ist nicht illegitim, sie steht sogar als Pflicht der BeamtInnen im Gesetz. Doch das gilt in dieser Sekunde und an diesem Ort nur selektiv. Die Raumzeit der Legalität beugt sich im Maße der Dreistigkeit des sächsischen Polizeihandelns. Einstein hätte seine Freude daran. Später ist sie dann weg. Der Polizeisprecher kennt plötzlich den Namen seiner Kollegin nicht, nur den der Einheit. Er gibt sich ahnungslos. Alles beim Alten. So geht sächsisch. Mal sehen, wie das weiter verläuft. Ob wir das in der Zukunft so weiter machen wollen. Oder ob sich da was ändern muss.

Doch dem Ring, unserem Ring, dieses wieder und wieder durch Kleinmut, Menschenhass und Nazitum besudelte Stück Straße, sollte sein Höhepunkt noch bevor stehen, denn es wird eine Spontandemonstration angemeldet: »Keine Straße für Rassismus – Kein Ring für Nazis«. Die Polizisten schauen verdutzt. Der eben noch beinah Mitgenommene und ein Dutzend solidarisch vor Ort gebliebener Leute wollen tatsächlich…? Loepki telefoniert: »Und sie sind sich sicher, dass Sie das wollen? Nicht dass wir hier jetzt jemanden von der Versammlungsbehörde ran holen und dann haben sie es sich anders überlegt? Nein? Na gut.«

Durchatmen. Runter kommen. Twitter glüht. Menschen telefonieren. Keine zehn Minuten später sind die Vorzeichen komplett umgekehrt. Den Polizisten stehen wie aus dem Nichts knapp 100 Leute gegenüber und der Zustrom von der Hainspitze will nicht abreißen. Kräfte, die eine Eskalation abfangen könnten, sind weit und breit nicht in Sicht. Die Vertreter der Staatsmacht scheinen nervös. Damit hatten sie nicht gerechnet: 200 Linke – Und keiner von denen wird aggressiv. Schwanken da Weltbilder? Man will es hoffen. Wie aus Hosentaschen hervor gezaubert, tauchen Ordnerbinden und Megaphone auf. Der Mensch vom Ordnungsamt trifft ein. Man kennt sich, grüßt sich, nennt sich beim Namen. Business as usual. Verhandlungen über die Strecke. Bis zum Naturkundemuseum? Zu heikel. LEGIDA redet und redet und redet. Keiner weiß, wann das Trauerspiel zu Ende sein wird. Bis zur Runden Ecke? Deal! Der Rest ist schnell erzählt: Knapp 250 Leute marschieren die Straße sauber. Es ist laut. Es ist entschlossen. Es war der 4. April 2016.

Und an den Stolpersteinen von Ludwig, Günther und Wolfgang Frankenthal leuchtete still eine Kerze in die warme Aprilnacht, damit jeder sieht, dass sie zu »uns« gehören.

[1] Nachtrag: Es wurde angemerkt, dass der Satz »Knapp 250 Leute marschieren die Straße sauber« sich eines faschistischen Sprachgebrauchs bedient, also einen Schmutz- und Reinlichkeitsdualismus im Stile von “-strömen”, “-flut” oder “-welle” nutzt. Dies ist ganz bewusst nicht der Fall. Die Formulierung bezieht sich auf »Doch dem Ring, unserem Ring, dieses wieder und wieder durch Kleinmut, Menschenhass und Nazitum besudelte Stück Straße…«. Es geht also um die an dieser Stelle seit Monaten erduldeten, wandelbaren Einstellungen der LEGIDA-Teilnehmer und nicht unveränderliche oder gar rassistische Zuschreibungen von Eigenschaften. Danke trotzdem für die Kritik.

[2] In der ursprünglichen Version hieß es: “Man verzeichnet ein Suizidrate von 30% – Bei Kindern!”. Dies war nicht korrekt. Es handelt sich um ein Ansteigen der Selbstmordgedanken auf dieses Niveau. Danke an Verantwortung für Flüchtlinge e.V. für die Korrektur!

Schubél