Mögen Muezzine montags Mozarts Musik?

Falsche Urteile: Sie entstehen meistens durch nur oberflächliches Hinsehen. Um dies zu verhindern, bin ich noch einmal nach Dresden gefahren.

Pfingstmontag, welch wunderbare Zeit! Die Atheisten haben frei, die Agnostiker haben frei aber ein schlechtes Gewissen, die Fans von RB Leipzig treffen sich als Aufsteiger in der Innenstadt und die Wave-Gothic-Freunde reisen aus der Stadt ab. Ich erhalte jedoch die Dunkelheit noch etwas am Leben und folge ihr in das natürliche Habitat aller Schatten: Die Dresdner Demonstrationen. Dass auf der Verpackung heute »Fortress Europe« und nicht PEGIDA steht, macht die Sache nicht angenehmer, nur spannender. Wie viele Menschen wird Festerling mit ihrer kleineuropäischen Initiative um sich scharen können? Nachdem es in den letzten Wochen etwas still um sie geworden war, will sie nun ihr Profil als Steinmetz einer Festung schärfen und gleichzeitig als Burgfräulein von Pöbels Gnaden entscheiden dürfen, wer innerhalb der Mauern leben darf und wer davor zu verrecken hat.

Dresden Hauptbahnhof. Vor zwei Wochen hatte sich PEGIDA hier getroffen. Wie sieht die Stadt eigentlich aus, wenn der Hass sich ihrer einmal nicht bemächtigt? Oder wenigstens an anderer als der kennengelernten Stelle? Ich steige nicht sofort aus, sondern fahre etwas weiter. Statt einer kurzen Pendelei zwischen Bahnhof und Goldenem Reiter will ich etwas umwegiger durch die Stadt zu schlendern. Mir steht der Sinn danach, Dresdens oft beschworene Vielfalt wahrzunehmen, das Lachen der Stadt im Sonnenlicht zu erlauschen. Irgend etwas muss in dieser Stadt doch noch an Widerspenstigkeit gegenüber dem Dunklen, Braunen, Garstigen am Leben geblieben sein.

Ich überquere heute einen beinahe menschenleeren Bahnhofsvorplatz. Kein GIDA nirgends. Reisende reisen, Sitzende sitzen, Trinkende saufen, Touristen fotografieren, »…zum Mitnehmen oder hier essen? Mitnehmen!«. Der Wind bläst Fahrräder um. Rasselnd fallen sie zu Boden. Glaubt man den lokalen Rechten, befinde ich mich praktisch auf dem städtischen Hauptumschlagplatz für Drogen aller Art, auf dem alle Nase lang der Krieg der Kartelle tobt, Hunde gefressen und Frauen vergewaltigt werden. Oder anders herum. Wer weiß das schon. Zu sehen ist vom Untergang des Abendlandes: nichts. Zwei Mädchen mit Longboards, irgendwo in den Vororten zugestiegen, unterhalten sich über die Qualität des Dresdner Hauptbahnhofs.

– Ist jetzt nicht so dolle hier.

– Nee. Da ist der in Stuttgart schöner. Kennste den von Leipzig?

– Da hab ich es noch nicht hin geschafft. Aber der Berliner. Ich sage dir: Me! Ga! Geiel! sage ich dir!

Eine andere Mädchengruppe kommt uns entgegen, vor einem Dynamo-Graffito über Fußball fachsimpelnd. »Dresden ist auch so voll Scheiße«, sagt die Erste. »Genauso wie Bayern« pflichtet ihr die Zweite zu. »Aber nicht so schlimm wie RB«, meint die Dritte. Die beiden anderen unisono: »Die sind noch viel scheißiger«. Womit auch das geklärt wäre. Keine der fünf wird gefressen, aber alle bekommen eine Überdosis Tristesse verpasst.

Die Stadt klingt wie meine Stadt, wenn sie sich bequem in der Sonne suhlt. Man könnte es fast mit einem Zustand des Friedens verwechseln. Aber eine halbe Stunde Fußweg später, so viel befürchte ich schon jetzt, habe ich anderes zu erwarten. Verträumt dreht sich das Werbeplakat einer Ausstellung im Militärhistorischen Museum vor mir im Kreis: »Gewalt – Kultur – Geschichte«. Dies ist nicht PEGIDA-Dresden in drei Worten, sondern eine »Geschenkidee für Ihre Familienmitglieder und Freunde«, gesponsert von der »Wir dienen Deutschland«-Bundeswehr. Slogans, die Autoritäres bemänteln wollen. Gähnend leere Balkons fantasieloser Plattenbauriegel zeugen davon, dass eine Umgestaltung des Stadtkerns mit kriegerischen Mitteln auch aus ästhetischen Gründen keine besonders gute Idee ist. Hier tobt das Leben wie in einer Kulisse nach Drehschluss. Ja, Sachsen braucht zur Lösung seiner Probleme unbedingt noch mehr Patriotismus und Stillgestanden. Und einmal im Jahr eine pittoreske Lichterkette, um »Gesicht zu zeigen« (wem eigentlich?).

Ein dunkelhäutiger Obdachloser: Er nuschelt etwas von »auf der Straße schlafen«, sein Outfit meint »kann gut sein«, sein Körpergeruch sagt »Da fragst Du dich noch?«. Durch diese steinerne Rinne voller Globalisierung und Futterbuden marschierte PEGIDA in den letzten Wochen, heute ist auch sie wie leer gefegt. Vor einem Hotel schimpft ein Franzose auf seinen Chauffeur. Ich werfe etwas Klimpergeld in den leeren Cola-Becher. Der Wind weht zwischen romanischer Erregung und sächsischer Totenstille Kommentare einiger Umstehenden zu uns herüber. Sie hätten, und da ist man sich kopfschüttelnd einig, das, abschätzig blickend, nicht, auf keinen Fall, getan. So schnell wird man hier zum Thema. Ich bin Teil einer leider alltäglichen Szene. Doch wirkt in dieser Stadt alles wie durch eine große, grausame Linse betrachtet. Mitleid ist etwas für Dumme, Mittellosigkeit karmisches Unglück, jeder ist seines Glückes Onlinehändler, früher hat es das nicht gegeben. Sondern Lager.

Als ich die ehemalige PEGIDA-Strecke verlasse und den Ort der Gegendemonstration erreiche, wird deutlich, wie zynisch eine Ordnungsbehörde sein muss, um diese Entfernung noch als »Protest in Hör- und Sichtweise« deklarieren zu können, ohne nicht in das laute, preußische Gelächter einer Anstalt für Buchstabenfundamentalismus zu verfallen. Dabei fällt mir die Auflage der Versammlung ein, zu der ich mich eigentlich gerade begeben will. Diese darf in rund 300 Meter Entfernung auf einer Wiese am Ufer der Elbe stattfinden. Eine »Abordnung von bis zu zehn Personen« darf sich gnädigerweise bis auf 50 Meter nähern, eine mehrspurige Fernverkehrsstraße und eine Straßenbahnstrecke zwischen sich und der »Fortress Europe« lassen und nur rein »optischen Protest« ausüben. »Der Abordnung wird das Mitführen sowie Verwenden jeglicher (unterstrichen) lärm- bzw. geräucherzeugender (sic!) Utensilien untersagt, um die Versammlung« der Menschenfeinde »…akustisch nicht zu beeinträchtigen«. Alles ganz legal. Alles hat seine Richtigkeit. Dass Anstand kein Gesetzbuch hat, ist nicht unsere Schuld. Ihr Ordnungsamt Dresden, Abteilung Sicherheitsangelegenheiten und Besondere Sicherheitsangelegenheiten. Dass der Sachse den Preußen in seiner sprichwörtlichen Kernkompetenz rechts zu überholen vermag, ist der Treppenwitz der Geschichte schlechthin. Der Versammlungsbescheid ist nicht nur eine Farce, sondern auch eine Falle. Einmal als Gruppe aufgelaufen, wird sie nach alter Väter Sitte gekesselt werden.

Ein Huhn reißt mich jäh aus gramvollen Gedanken über den Zustand der sächsischen Bürokratie. Es ist einsachtzig groß, trägt in der einen Hand einen Korb und streichelt mit dem anderen Flügel ein Kind, das sich gerade eine Tüte Gummibärchen aus eben diesem Korb gesichert hat. Touristen strömen durch die akkurat aufgestellten Verkaufsbuden auf dem Altmarkt. Großväter fluchen, weil die Kinder immer dann nicht gucken, wenn der Mann im Hühnerkostüm zum Fotoapparat schaut, und dass die Kinder immer genau dann herüber sehen, wenn das Huhn anderweitig beschäftigt ist. Großmütter beruhigen alle. Väter trinken Bier. Mütter appen whats. Ein Hund klaut eine Wurst und rennt damit davon. Eine Kutsche fährt vorüber und verfehlt das hinterher stolpernde Herrchen nur knapp. Alles sehr entspannt. So lange die Touristen noch kommen, kann es mit der Stadt noch nicht so schlimm sein, oder? Begreife ich gerade Dresden: Man wartet ab? Man lässt es sich totlaufen und absterben? Reden wir nicht mehr drüber? War was? Hier werden keine Probleme gelöst sondern kompostiert. Vielleicht kann man ja später nochmal was davon gebrauchen.

Die Frauenkirche: Symbol für all das, was Menschen zu tun im Stande sind. Glaube, Wille, Konstruktion – Aufbau, Zerstörung, Wiederaufbau. Zu häufig wird an touristischen Orten wie diesem immer nur das Ergebnis betrachtet und der Prozess der Entstehung vergessen. Klugheit, Austausch, Wissen: All das kann nicht aus sich selbst entstehen, es braucht Impulse von außen. Eine Festung bauen. Eine Kirche bauen. Das eine will glauben, das andere hat jeden Glauben verloren. Vorm Luther-Denkmal spielt jemand Klavier. Touristen fotografieren, als ließe sich Klang in Pixeln festhalten. Eine Aktivistin steht abseits daneben und sammelt Unterschriften gegen die Organentnahme an lebenden Mitgliedern der in China unter Druck geratenen Falun-Gong-Bewegung. Sie wird nicht fotografiert und wahrscheinlich noch nicht einmal gesehen. Ein britischer Fremdenführer erklärt im saubersten Englisch etwas über die Royal Air Force. Zumindest diese Prozessschritte des Dresdner Architekturwandels wäre damit besprochen.

Ich habe noch Zeit. Am Fürstenzug spielen müde Kutschpferde und die sächsische Selbstvergewisserung an der Wand »Wer sich zuerst bewegt, verliert!«. Zwischen provisorisch aufgestellten Souvenierbüdchen mit russischer Preisauszeichnung, fernöstlich produziertem Gedenkkitsch und deutscher Olé-Olé-Olé-Couture flaniert die halbe Welt entlang. »Ein Fürstenstamm | dess Heldenlauf | reicht bis zu unsern Tagen | in grauer Vorzeit | ging er auf | mit unsres Volkes | Sagen.« Schland-Schals kosten 10 Euro. Ein Leporello (Nur 3,50 €!) des Fürstenzugs verstaubt an einer Hauswand lehnend. Die Sonne kommt heraus. Zwei Angler waten unter der Augustusbrücke durch die Elbe. Einer versucht es bis an den nächsten Pfeiler heran zu schaffen, rutscht beinahe aus, kann sich aber noch halten. Auf den Brühlschen Terrassen liegt ein Mann im Staub und fotografiert mit seinem ofenrohrlangen Objektiv die Tauben, welche seine Frau zu füttern hat. Sie scheitert an der angeblich leichten Aufgabe. Er bellt russische Anweisungen zu ihr. Sie füttert weiter. Er kriecht, knipst und koffert. Sie mästet, lächelt und pariert.

Dresden ist eine Stadt der anspruchsvollen Kultur, so viel ist nun klar. Und hier findet heute auf der anderen Seite der Brücke nochmal was genau statt? Eine national-chauvinistische Demonstration mit was? Rechtem Gedankengut? Ach komm! »Sachsen wollte den Rechtsextremismus nie so recht wahr haben« ist DAS Märchen schlechthin. Er war immer da und wurde politisch benutzt. Die CDU hat das Land über autoritäre Mechanismen permanent in einem Zustand der Angst-Spannung gehalten. Nun geht die Kontrolle verloren. Das Problem der falschen, nämlich der rechten Autoritätshörigkeit soll nun mit noch mehr Autorität und Repression geheilt werden. »Fight fire with fire« wird scheitern. Doch kann unsere Menschlichkeit überleben, wenn alles in Asche fällt? Wie bleibt man Licht, ohne Brand zu werden?

Am Fuße der Freitreppe treffe ich Johanna wieder. Wir haben uns verabredet, um gemeinsam nach den Rechten zu schauen. Auf dem Weg zur Fortress-Demonstration werden wir von deren Besuchern umströmt. Wie auch schon bei PEGIDA können wir keinen erkennen, der in elementare Not geriete, sollte Deutschland zum ersten Mal in den letzten einhundert Jahren keinen Scheiß bauen und sich von seiner humanen Seite gegenüber den Opfern unseres Reichtums zeigen. Automatisch fahren wir unsere Gesprächslautstärke herunter. Das selbstgefällige Auftreten der »Patrioten« schüchtert uns zwar nicht ein, aber ihr neurotisches Misstrauen gegenüber dem Anderen färbt auf uns ab.
Still werten wir die beiden letzten PEGIDA-Gegendemonstrationen aus: In der ersten Woche nach meinem Besuch hatte sich ein Rucksack-Mann der Meute in den Weg gestellt.

In der Woche darauf haben sich um die zwanzig Gegendemonstranten direkt an der Strecke eingefunden und wurden daraufhin von den 3000 PEGIDAnern als »Feigling« ausgelacht.

Speziell bei diesem Anlass spielte die Dresdner Polizei einmal mehr eine unrühmliche Rolle: Ohne dass PEGIDAs Spaziergang in nennenswerter Weise gestört worden war, wurden die Aktivisten eingekesselt, einer Identitätsfeststellung unterzogen und mit Anzeigen überzogen. Widerspruch dagegen? Aus der »Zivilgesellschaft« sogar? Fehlanzeige. Schwingt der Büttel den Knüppel wird der Herr schon Recht haben. »Ein Fürstenstamm | dess Heldenlauf | reicht bis zu unsern Tagen…« Eigentlich gibt es für uns keinen Grund, nicht sofort von der Brücke in die Elbe zu springen. Aber wir gehen weiter, als einzige ohne Fahne oder Bekenntnisschild.

Auf dem Platz der Versammlung: »Festung Europa« will nicht provinziell sein, daher sind wohl auch weniger Ortsschilder der sächsischen Provinz zu sehen. Auch vexillologisch geht der Trend zur Monokultur: Schland-Fahne, Wirmer-Fahne, Identitären-Fahne. Ab und zu sieht man noch eine russische und eine israelische. Der Rest: Irrlichternde Transparente und Schilder. Jemand macht sich für die FPÖ stark. Ganz originell: Ein über ein Brett gespanntes T-Shirt als Mittel der Meinungsäußerung. Ein älterer Herr trägt stolz ein kopiertes Dokument am lang bestielten Brett spazieren: Seinen »Staatsangehörigkeitsausweis«. Der Arierpass für geistige Kleingärtner ist wasserdicht hinter einer Folie fixiert. So viel sei an dieser Stelle verraten: Sein Träger wird uns wieder begegnen und mit juristischen Argumentationen dreifach um den Verstand bringen. Am Rand der Bühne ruft jemand der Menge ins Gedächtnis, dass »Tatjana« immer zum PEGIDA-Orga-Team gehören wird, quasi als Ehrenmitglied in der Liga der außergewöhnlichen Hampelmen.

Das feierlich zur Schau getragene Selbstbewusstsein neu eintreffender Rechter schwindet von Minute zu Minute. Die Gegendemonstranten haben es vorgezogen, eine Spontankundgebung direkt hinter dem Festungs-Gelände zu starten und trillern geräuchintensiv (sic!) wie unermüdlich. Dabei ist die Choreografie immer identisch: Der Festungsbewohner betritt den Platz. Er schaut sich um, findet bekannte, grüßt artig, ruft sich beim Namen. Irritiert wird er der Lärmkulisse gewahr, verschiebt diese aber in weniger beschäftigte Prozessoren seiner Kognition. Gemeinsam mit Günther und Heidi freut man sich über das [unverständlich]. Das was? Na d[unverständlich]!!!

– Mönsch! Was ist denn hier los?!

– Die machen da die ganze Zeit schon Lärm, das [unverständlich] dir sagen!

– Sind das [unverständlich] Linken?

– Ja! Die Linken! Und die [unverständlich]fa!!

– Die sind aber heute krawa[unverständlich]. Was rufen die?

– Irgendwas mit »Nieder mit [unverständlich]schland«, »Deutschland verrecke«, »Scheiß Deutschland« und Refu[unverständlich]. Und »Nazis raus!« Hältste im Koppe nich aus! Die sollen sonst wohin gehen, w[unverständlich]nicht passt. Und »Komm mal wieder und bombardiere Dresden« – Das ist einfach so bekloppt!

– Unkl[unverständlich]. Aber dürfen die das denn? Die sollten doch ganz woanders stehen! Da hinten, wo sie keener hört!

– Ja, ich verstehe das auch nicht. Und die Pol[unverständlich]chützt die auch noch! Lass uns [unverständlich] gucken gehen!

Gemeinsam begibt man sich an die Grenze, versucht einen Blick zu erhaschen, verhält sich den Polizisten gegenüber demütig, bis man das Unglaubliche gesehen hat: Widerstand. Mit Geräuschen! In Dresden!! Eine Ewigkeit dauernde Jota-Sekunde der Konsternierung später ist man sich einig, dass es sich hier nur um Ortsfremde handeln könne. In ihren Gesichtern erkenne ich nicht ohne Freude erste Risse im Selbstbewusstsein. Doch sie wären keine Deutschen, wenn sie nicht hierfür sofort einen, ach was: den Verantwortlichen, ach was: den alleinigen und stets verschlagenen Verantwortlichen benennen können. Und so muss die Polizistin direkt vor ihnen einen kurzen Abriss über das Demonstrationsrecht liefern. Doch alles sprechen hilft nicht, wenn die Zornesfalten der Besorgten bis über die Trommelfelle laufen. »Rechte? RECHTE? Womit haben die sich denn das Recht verdient, hier zu demonstrieren?! Die sind doch wahrscheinlich alle gar nicht von hier. Und bekommen Stütze oder Bafög oder was es da alles für die faulen Lumpen gibt!«. Ein anderer ruft, dass man doch mal »den Haufen dort zusammen zählen« sollte. »Ob die gemeinsam auf einen halben Rentenpunkt kommen? Die haben noch ni nen halben Rentenpunkt erarbeitet«, fährt er glücklich fort, weil eine ältere Dame kichert. »Die verlassen sich doch nur auf die Grundstütze. Nach dem Motto: Wir säen nichts, wir ernten nichts, aber der dumme deutsche Staat ernährt uns dennoch«. Irgendwo lacht ein Huhn über das bemühte Hochdeutsch beim Absingen seines Credos.

Auswärtige Prominenz ist auch vor Ort. Ich sehe die schillernden Totengräber der Leipziger Rechten-Proteste: Alexander »30 Leute im Vorort ist auch eine biblische Volkserhebung« Kurth; Rolf »Die rechte und die rechte Hand der Rechten« Dietrich; Anne »Rotkäppchen« Zimmermann; Erhard »Reim dich oder ich fress dich« Kaiser; die rechtsextremistisch eingestufte Reichsbommelmütze Silvio »farbloser Krähenvogel« Rösler. Eigentlich muss man ihnen ja dankbar für ihr Kommen sein, denn wenn die Geier kreisen, ist das ein Zeichen dafür, dass der Kadaver bald hinüber ist. Und dann ist da noch Jens Lorek. PEGIDAs juristischer Consigliere, ein pangalaktischer Donnergurgler von einem Anwalt, wahrscheinlich nebenberuflich Wiglaf-Droste-Double, auf jeden Fall aber »Deutschlands erster Anwalt für Alien-Opfer« schwebt rauschend heran. Wo er wandelt, wird es still. »Herr Lorek«, wie ihn seine potenziellen Klienten im Gegensatz zur »Tatjana« oder dem »Holländer-Ed« nennen, wird gebeten, mal her zu kommen. So brüsk die Anrede, so drängend und publicity-trächtig der Anlass. Inmitten einer keifenden Menschentraube mache ich eine junge Frau aus, daneben einen Mikrofonträger und weiter hinten Carsten Thurau, Leiter des ZDF-Landesstudios Sachsen. Ladies and Gentlemen: Auftritt der »Lügenpresse«!

Damit sie auch nicht vergisst, dass sie nichts anderes als das ist, bricht jener viersilbige Chor der Verachtung über sie herein, der zwar wenig originell ist, aber wenigstens die Fronten klärt. Dem Mikrofon-Mann billige ich ob seiner wirkungsvollen Bewaffnung die besten Überlebenschancen ein. Seine Kollegin muss auf Gnade hoffen, denn die Kamera auf ihrer Schulter wirkt unhandlich und kann im Notfall bloß einmalig einen Angreifer am Zeh verletzen, und auch nur, sofern er Sandalen trägt. Thurau schreitet ruhig durch die Menge wie ein unsterblicher Highlander, während sprudelnder Volkszorn an ihm abperlt. »Sie fragen sich immer, wo der Hass herkommt? Ich sag es ihnen: Bei dem, was Sie senden, muss man ja aggressiv werden!«, rechtfertigt ein Demonstrant seinen Brüllreflex und die der anderen. »Die Beschimpfung haben sie sich aber auch verdient«, staatsmännelt ein anderer, mit jovial verschränkten Armen um Seriosität bemühter Mann. Ein dritter holt das Grundgesetz aus seiner Tasche. »Artikel Drei Grundgesetz, Herr Thurau, Artikel Drei!«, ruft er immer wieder.

– Ich gehe davon aus, dass sie lesen können. Oder soll ich es ihnen vorlesen, Herr Thurau, soll ich? Artikel Drei! Ich habe ihnen doch schon meine Meinung gesagt: Solange die Ostdeutschen nicht nach Artikel Drei des Grundgesetzes behandelt werden, Herr Thurau, aber sie wollen ja ni hören…

– Artikel Drei? Der wird hier jedes Mal bei diesen Demonstrationen verletzt.

– Artikel Drei! Sie dürfen keine Propaganda machen! Ich habe Hochschulabschluss! Haben sie einen? Nu lesen sie den doch mal laut vor, den Artikel Drei Grundgesetz!

Der Journalist macht keine Anstalten, dem versammelten Mob, der gleichzeitig neben der Lektion in Staatsbürgerkunde mit hundert anderen Fragen auf ihn eintönt, irgend etwas vorzulesen. Ein Frau ruft: »Jetzt hat er Schiss, weil er nicht lesen kann!« und ein junger Mann weiß, dass die »doch nur Hetze gegen Sachsen« machen. Stattdessen stellt Thurau klar, dass er keine Fragen beantworten oder irgendwelche Diskussionen führen muss, wenn er schon von Vornherein vom Gegenüber als »Lügenpresse« verunglimpft wird. Ich bin also nicht der Einzige mit einem seelischen Sachsen-Schaden auf dem Platz. Dabei hat er noch nicht einmal erwähnt, dass er vorher als »Großfresse« bezeichnet worden ist, der man auch mal wieder »…paar aufs Maul hauen sollte«. Oder das »Mit dem Zweiten lügt sich’s besser!«. Oder »Go home in dein Wessi-Land!«.

»Herr Thurau will nicht den Artikel Drei vom Grundgesetz vorlesen! Herr Thurau will nicht den Artikel Drei vom Grundgesetz vorlesen!« krakeelt der Alte nun wie ein historischer Nachtwächter durch die Menge. Lorek schaut dem Treiben eine Weile zu und verzieht sich wieder, ohne Anstalten oder Geräusche zu machen. Kleinkram. Irdischer Pillepalle. Ruft an, wenn E.T. landet. Das ZDF rückt hinter die Polizeiabsperrung und zoomt von dort. »Geht doch rüber zu den anderen Idioten!« – wenigstens dieser Aufforderung scheint er nachgekommen zu sein. Aber auch dort hat er keine Ruhe vor besorgter Medienkritik. »Sie haben doch letztens wieder so eine schöne Sendung gemacht«, ruft Artikel Drei und betont das Wort schön, als wolle er damit einen Flugzeugabsturz in ein Waisenhaus umschreiben. »Legense doch lieber mal ihre Verdienste offen! Fragense mal die alten Leute, wieviel die hier verdienen! Ich krieg für ein Jahr Armee eine Monatsrente von 19 Euro – aber der Bundeswehrsoldat bekommt 28 Euro! Und? Artikel Drei?«.

»Sinnlos!«, tönt es da erneut von hinten. Es ist das Staatsmännel. »Der kann dochgarni bis Drei zählen!«. Da reicht es Thurau und er kontert mit »Artikel Eins? Menschenwürde unantastbar?«. Großer Fehler. Artikel Drei lässt sein Grundgesetz-Tourette von der Kette. »UNSERE AUCH! UNSERE SACHSENWÜRDE IST AUCH UNANTASTBAR!!! Haben Sie schon einen halben Rentenpunkt auf ihrem Konto?«. Es wurde auch viel gelacht. Falls Sie sich jetzt fragen, was die Polizei angesichts dieser Bedrohungslage zu tun gedachte: Man blieb offensiv zurückhaltend. Also man hielt sich zurück – nicht die Demonstranten, die dem Gott des gebührenfinanzierten Fernsehens ein bis drei Opfer bringen wollte! Und immer schön die Gegendemo vom Dach des Eiscafés filmen!

Die Thor-Steinar-Fraktion am Rand der Demonstration scheint verunsichert. Zu viele Wörter. Zu wenig Feinde. Die Gegendemonstranten sind zu gut abgesichert und der Tag ist noch jung, die eigene Standhaftigkeit angesichts der zu erwerbenden Prügelpoints aber nur mäßig motiviert. Nur ab und zu Sprechchöre alter Sachsen-Vatis: »Heimat – Freiheit – Tradition! Multikulti Endstation!«. Ein Mann auf der Bühne gibt bekannt, dass man einen Ausweis gefunden hätte. Kollektiv greifen sich die Festungsbewohner an die Arschtaschen. Außerdem gäbe es noch die Möglichkeit, die GEZ- und die Sportstätten-Petition zu unterzeichnen. Das eine soll weg und das andere wieder »unseren Kindern« zur Verfügung stehen. Gefälligst. Toller Pappkamerad angesichts sinkender Nachfrage. Wie wäre es eigentlich mit einer Petition, dass der auf den Mai folgende Monat endlich mal »Juni« genannt wird? Das könnte was werden!

Doch begehen wir bei all der bitteren Ironie nicht den Fehler, das Augenscheinliche zum Grundlegenden werden zu lassen. Der goldene Gaul zeigt an diesem Tag sein Gemächt nicht nur verwirrten Rechthabern sondern auch einer sich europaweit vernetzenden Rechten im Schlafrock: »Hooligans gegen Salafisten« und NPD-nahen Bürgerbewegungen aus der Sächsischen Schweiz. Der Verfassungsschutzbericht Ihres Vertrauens weiß hier mehr zu berichten

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe Gänsehaut!

Zum Inhalt der Reden etwas zu schreiben, ist die lästigste Chronistenpflicht. Anders als PEGIDA hat man heute allenthalben Kreide gefressen.

Wir alle sitzen in einem Boot – in einem Boot, das kurz vorm Kentern ist!

Man gibt sich staatstragend, das Einende betonend. Videoeinspieler erklären der Menge, was alles zu ihrem Kulturgut gehört.

Wir wollen unser Europa vor der Überfremdung schützen und dass unsere Kinder und Enkel in Frieden aufwachsen können!

Aber vor allem auch: Was der eigenen Kultur fremd ist. Absurd: Als ob Muslime Mozart nicht mögen könnten, einfach nur, weil sie Muslime sind.

Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft – Ich liebe Dresden und ich liebe Deutschland!

Menschen, die sich einreden lassen wollen, was sie zu denken, zu fühlen, zu mögen haben, sitzen, stehen, starren auf vorgefertigte Videos. Wenn Deutschsein bedeutet, auf öffentliche Plätze zu gehen, und sich anbrüllen und verarschen zu lassen, bin ich staatenlos.

Europa muss sich bewaffnen – politisch, moralisch und geistig!

Immer wieder wird erklärt, wie großartig die Deutschen ob ihrer Musik, Technologie, Architektur, Erfinder, ihrer Disziplin und Ordnung seien. Wir alle, betonen sämtliche Redner, seien Opfer riesiger Umerziehungsmaßnahmen, die einzig ein immer währendes, kollektives Schuldgefühl zum Ziel hat.

Russland ist neben Deutschland die andere spirituelle Lunge unseres Kontinentes!

Niemand sagt mal »Danke«, weil VW so tolle Autos baut. Die Welt ist ein Jammertal. Dafür nennen einige Festungsbewohner ihren vorbei laufenden, dunkelhäutigen Demosanitäter »Brikett-Bimbo«. Welch Ironie, wenn man bedenkt, welche verdientes PEGIDA-Mitglied dort gemobbt wird. Das muss diese Weltoffenheit sein, die GIDA und Co auszeichnet…

Ihr seid fantastische und starke Leute! Ihr müsst euch daran erinnern! Ihr habt einige außerordentliche Dinge erfunden!

Der Kundgebungsauftakt ist auch das Startsignal für die Identitären. Wirksam marschieren sie mit wehenden Fahnen an den hinteren Rand der Menge, und zwar so, dass man sie in der Kamera, die einen Livestream ins Netz schickt, martialisch flattern sieht. Gelbe Blousons mit schwarzem Logo. Partypeople beinahe, outfitesk näher bei Peek & Cloppenburg als bei C&A.

Ist es euch klar, dass ihr durch die Migration und die demographische Entwicklung innerhalb der nächsten zwanzig Jahre Minderheit im eigenen Land sein könntet?

Man kann es sich schließlich leisten. Und du auch! Nimm das Flugblatt, log Dich ein! Mach mit! Komm ins Bild! Sei Masse! Konsumiere, hasse! Wir sind keine Rassisten, denn wir besitzen edle Identität! Noch! Wer nicht mitmacht, macht sich schuldig, der lässt zu, dass wir ausgetauscht werden. Gegen wen oder was? Na gegen die!

Ihr seid keine emotionslosen Menschen, sondern lustig und cool!

(Für alle, die gerade eben erst zugeschaltet haben: Es handelt sich hierbei um ein hip und poppig auftretendes Projekt, dass sich völkischen bis rechtsextremen Ideen verschrieben hat. Allem voran der eindeutigen europäischen Identität. Wer hier dazu gehören will, darf vor allem eines nicht sein: Muslim. Die Identitären sind rein optisch schon der krass denkbarste Gegenentwurf zur Antifa.

Adrett gescheitelt und markenbewusst angezogen stellen sie den feuchten Traum aller bausparenden Schwiegereltern dar, die wollen, dass es ihre Kinder einmal besser als sie haben – also drei statt zwei Autos. Hier werden sie keine tumb saufenden Springerstiefel sehen, dafür eine fest in allen Sozialen Netzwerken verankerte Propaganda-Truppe. Hauptanliegen: Warnung vor einem »großen Austausch« der Bevölkerung und das Schüren von Angst vor den »10.000 Menschen, die täglich (!) nach Deutschland wandern«. Und natürlich vor dem Gesinnungsterror: »Alle wissen es, aber niemand traut sich offen darüber zu reden!«. Alles klar soweit?)

Deutschland das Licht der Völker!

Doch so recht will keine Stimmung aufkommen. Der ausdauernde Gegenprotest schickt seine nervenden Irritationswellen Reihe um Reihe Richtung Bühne. Immer wieder richtet man sich in den Reden – vermeintlich ironisch geschickt – an die trillernden, rufenden, singenden, aufrechten, etwas riskierenden, halb schon Erschöpften.

Wehrt euch gegen Afrikanisierung und Islamisierung!

Doch umsonst. Die gehen heute nicht weg. Die bleiben nicht still. Da kann das behäbige Dresdner Bürgertum noch so sehr im Eiskaffee oder im Freisitz verschanzen und meckern. Ein junger Mann schiebt sein Rad durch die Menge, der ein Durchgang zwischen den Kundgebungen freigehalten wird. Zwei ältere Damen diskutieren darüber, woher er das Rad hat. Schnelles Ergebnis: Bestimmt geklaut. Kann gar nicht anders sein. Auch die kleinen »von denen« haben schon bessere Räder als die Deutschen. Gespendet? Selbst erstanden? Pah!

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe Gänsehaut!

Dieses »Gesindel«, dieses »Gesocks«, diese »hirnentleerten Dreckspenner«, jene »Untermenschen ohne Anstand und Bildung«, die »den ganzen Tag nur pennern« haben heute den nächsten Schritt getan. Sie haben die »Festung Europa« nicht gestürmt, wie auch, steht das Problem doch nicht nur auf dem Platz vor ihnen, sondern wohnt sorgsam kultiviert in den harten Herzen um sie herum. »Alle einsperren, wäre besser für die Stadt!«, wird eine Dresdnerin nach der Kundgebung zu ihrem Gatten meinen und dabei auf die Gegendemo zeigen.

Heute sprechen neben Festerling und einem Lokalmatador verschiedene Nationalisten aus anderen europäischen Ländern. Feigenblätternder Tenor: Die können ja per se keine Chauvinisten sein, wenn sie aus Spanien, Polen oder Dänemark kommen. Und die Tschechen, ja die, da gibt’s immer gutes Bier und Oblaten. Und die Polen! Ja, da gibt es… gibt es… was gibt es da eigentlich? Die Festungsbewohner schalten derweil Eine nach dem Anderen in den Stromsparmodus. Die Fahnen werden schwer und schwerer. Vier Meter lange Angelruten und Zeltgestänge halten sich schließlich nicht von selbst. Man befürchtet noch längere Reden als bei der ESC-Punktevergabe. Links und rechts locken proppenvolle Freisitze. Von der Sonne beschienen revoltieren gegen die da oben? Sitzend? Mal Beine hoch legen? Klingt beinahe schon royal. Auf jeden Fall besser als das hier: Kein Marsch, dafür »arschloses Gelaber«. Der Euro-Patriotismus erreicht seine Grenze, als der Spanier spricht. »Wir wollen eure Freunde sein!«, ruft der iberische Redner. »Die Spanier wollten unsere Freunde sein? Hättense uns mal im Urlaub zeigen können!«, kontert eine offensichtlich vom Leben schwer gebeutelte Sächsin. Man wartet einzig auf Festerling. Der Rest ist öde Füllmasse. Noch nicht einmal die Tatsache, dass ein ehemaliger Europa-Abgeordneter des »Front National« per Videobotschaft zu den Dresdnern spricht, vermag noch zu aktivieren. Europas politische Schmuddelkinder sind wieder ganz bei sich, als die Festungsdamen und -herren die nationalistische Hose ganz herunter lassen.

Am Rand schreit ein Kind laut »Pikachuuu!« als Päpstin Festerling Deutschland und Europa die Absolution erteilt. Schlussstrichmentalität. Nicht im Bild: Die Millionen ermordeten und vertriebenen Menschen, die aus den Statistiken und Wohngegenden der selbst gesalbten Kulturvölkern ausgeschlossen worden sind. Die blutschwangere Historie der Schlacht vor Wien ist ihnen näher als die greifbare Zukunft des morgigen Tages. Festerlings pastoraler Pathos ist jedoch derart daneben, dass die Festungsbewohner ein kollektives Schleudertrauma vom Kopfschütteln erleiden. »Wir vergeben und bitten um Vergebung« – diese perfide Verdrehung eines historischen Wortes passt ins Bild der Veranstaltung. Man will sich reinwaschen von der Vergangenheit, damit die aktuelle Unmenschlichkeit leichter relativiert werden kann. Der pseudomythische Singsang verfängt, das Denken wird durch das Fühlen abgelöst. Große Täter nutzen die noch größeren Worte der Opfer und verhöhnen sie damit nochmals. Denn der Satz »Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung« ist der Kern des Versöhnungsbriefes der polnischen katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder. Selbst Erika Steinbach hätte solch einen Coup nicht perfider planen und landen können. Jeder Königshof braucht Narren. Festerling versammelte heute ungefähr 2500 um sich salben zu lassen. Viele Mäuler, die es mit dem harten Brot des Patriotismus zu stopfen gilt. Weltweit sind die Friedhöfe voll damit, nicht nur zwischen Verdun und Stalingrad.

Was bleibt: Großer Respekt für die Dresdner, die sich dem entgegen stellen und die begriffen haben, dass im Jahr 2016 »Nazis wegignorieren« genauso wenig funktionieren wird, wie im Jahr 1930 ff. Ich hoffe, den 500 Besucher des anschließenden Konzerts von »Herz gegen Hetze« war das auch klar und sie haben christlich spendabel die müden Kehlen mit Bier versorgt. Ansonsten wäre euer »Dona nobis pacem« in diesem Kontext nur so viel wie »Lass uns doch endlich mal in Ruhe mit dem Mist« wert. Denn jenes höhere Wesen, das wir verehren, war auch ein Fighter, wenn es um die richtige Sache ging: Gerechtigkeit. Freiheit. Solidarität. Liebe. Für alle.


Aber: Ich weiß auch, dass es nicht leicht ist, in einer Stadt zu agieren, die anscheinend gar nicht zum Besseren gewandelt werden möchte. Die sich gierig in dem verbeißt, was Gut und Schön an Dresden ist, um es alleine aufzufressen.

Ich war nun schon ein paar Mal bei euch zu Gast und ich versichere euch: Ihr habt so unheimlich viel, für dass es sich einzustehen lohnt. Aber sucht das nicht in einem königlichen Gestern, zwischen dem Staub der Geschichte und den kalten Steinen eurer historischen Kulisse. Ihr seid so viel mehr wert – spielt nicht nur die Statisten, die freundlich lächeln und den Mund zu allem halten, obschon es sie im Innersten anstinkt! Wagt den Schritt in ein selbstbewusstes, aufgeklärtes, buntes Morgen!

Und wenn ihr stolpert? Scheißegal! Wir wohnen gleich nebenan und helfen euch gerne wieder auf. Denn ihr seid nicht allein, wenn ihr Fremde zu Freunden macht, ganz gleich ob sie aus Leipzig oder Lampukistan stammen, Hubert, Hassan oder Haim heißen, lieber koscher, halal oder gutbürgerlich essen. Freunde sind wie Blumen auf der Wiese: Je vielfältiger, umso besser.

Und davon könnt ihr gerade in der Ödnis unserer Zeit jede Menge gebrauchen.

Schubél