Mehr als nur ein Datum

Baracken. Männer stehen in Reih und Glied um eine riesige Fahne. Sie liegt auf dem Boden, in ihrer Mitte erkennt man die Runen der SS. Schnitt.

Wir sitzen in einem großen Raum, in Reih und Glied, vor einer großen Bühne. Ein kleines Mütterchen, die so alt ist, dass man kaum glauben mag, dass sie je jung gewesen ist, betritt den Raum. Auf ihre Begleitung gestützt, geht sie nach vorne und setzt sich an den Tisch. Vor ihr liegt ein Buch, auf dem man nichts als ihren Namen erkennen kann, der nicht einmal mehr ihr Name ist.

Kamerad nun lass Dir’s sagen
Kamerad nun sei bereit
Horch die Trommel hat geschlagen
Auf zum Streit

Aus ist der Trommen
Jetzt heißts marschieren
Heiß sein weniges Leben zu verlieren
Rot ist jeder Wolke Saum

Waggons. Schreie. Hände bohren sich durch kleine Ritzen, betteln um Wasser, brauchen keine Freiheit, nein, nur Wasser, verfluchtes Wasser in der verfluchten Hitze. Soldaten sitzen um einen Tisch und feixen über die Tiere im Waggon. Der Mann im weißen Anzug sorgt dafür, dass jemand mit einem Schlauch durch die Ritzen spritzt. Münder recken sich den Tropfen entgegen, um das unvermeidliche für Momente hinauszuzögern. Man kann nie wissen. Hoffnung, du dreckigste aller Huren. Schnitt.

Die alte Frau spricht zu leise, als dass wir sie alle verstehen können. Es ist ein Deutsch, dem sich englische Dialekte beimischen. Ich jedoch höre alles. Wie es damals war. Wie es niemals wieder werden solle. Wie es begann. Dröhnen. Blättern. Schweres Atmen. Jemand weint. Das bin ja ich.

Hier in dieser öden Heide ist das Lager aufgebaut,
wo wir ferne jeder Freude hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten …

Morgens ziehen die Kolonnen in das Moor zur Arbeit hin
Graben bei dem Brand der Sonne, doch zur Heimat steht der Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten …

Ein Knall. Niemand dreht den Kopf. Alle schippen weiter, Schnee, in Eiseskälte. Kaum einer ist die schwere Arbeit gewöhnt, alle jedoch schippen und schippen, als ginge es um ihr Leben, denn es geht genau darum. Dumpf sackt der Körper zusammen, dessen Schädel vom Projektil aus nächster Nähe zerschmettert wurde. Zufrieden steckt der Schütze seine Pistole zurück ins Holster. Alles ist schwarzweiß, doch das Rot des Blutes ist in allen Zeiten gleich, ist allen Menschen gleich, denn alle Menschen sind in allen Zeiten gleich. Wenn wir Menschen sind. Es ist nur ein Film, nein: Es ist ein Film. Schnitt.

Die alte Frau erzählt, wie diese eine Novembernacht Bühne war, in meiner Stadt, die damals ihre Stadt war, die heute unsere Stadt ist Von Nachbarn, die Bestien wurden, nicht weil sie etwas taten, sondern zu allem schwiegen. Von Lastkraftwagen mit offener Ladefläche, auf denen Uniformierte saßen, um jene ohne Uniform abzuholen. Brennende Synagogen. Zerborstene Scheiben. Geplünderte, verwüstete Geschäfte. Sie nennt Straßennamen. Die Straßen ihrer Stadt, die Straßen meiner Stadt, die Straßennamen unserer Stadt. Alles hat nun Farbe, nichts ist mehr schwarzweiß. Wo ich gestern noch ins Theater ging, standen sie. Wo ich letztens ein Buch kaufte, rannten sie. Wo heute Denkmäler stehen, fraßen Flammen den Anlass herbei.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen
wie wundervoll die Freiheit ist!

O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: dann sind wir frei!

Die Erzählungen, Bücher und Filme bekamen mit einem Schlag einen Ort. Was der staatlich verordnete Antifaschismus der DDR nicht vermochte – und er mühte sich sehr! – gelang einer Dame, die begann, alles aufzuschreiben. Es sind die Zeilen eines Teenagers, geprägt von Flausen, Emotionen und der unbestechlichen Gabe, sich über alles zu wundern. 65 Jahre später machten diese Sätze mir klar, dass alles, was ich zu wissen glaubte, Folien waren, durch die ich die Weltgeschichte sah und als etwas Fremdes wahnahm. Doch die Zeit ist jetzt und immer. Und wie Getanes nicht ungeschehen werden kann, gibt es keine Möglichkeit, sich aus der Pflicht des Darauslernens zu stehlen.

Der Holocaust? Weit weg, kennt man, kann man herbeten, gibt es Filme und Rentner, die im TV darüber was erzählen.

Pogrome? Passiert, ja, überall, das heißt anderswo und außerdem ist das ja sowas von dreißiger Jahre.

Täter, Opfer? Das waren Fremde, keine Nachbarn, also nicht meine. Nebenan wohnen Studenten, die vögeln immer etwas zu laut und bei denen riecht es ständig nach irgendwelchem Ökofraß, aber Mörder könnten das nicht sein. Der alte Meier, 3. OG links, der vielleicht, aber dazu ist der ja viel zu besoffen.

Niemand kann heutzutage auch nur ansatzweise nachempfinden, was damals hier ablief. Jeder kann aber nachlesen, was geschieht, wenn wir unsere Menschlichkeit gegen Mordlust tauschen und die dunklen Seiten in uns das Ruder übernehmen. Lasst uns nicht vergessen, dass den Mund aufmachen und gegen Unmenschlichkeit Partei zu ergreifen unsere Pflicht ist. Hierzu braucht es keine Superkraft, nicht das neueste Smartphone, keine Abwägungen, was angemessen ist und was nicht. Lediglich Aufmerksamkeit und den Willen, seine Fehler nicht dem Anderen anzuhängen. Niemand ist perfekt. Aber jeder ein fühlender Mensch, der lachen will und Schmerzen fürchtet.

Wer die Menschlichkeit gegenüber jedermann aufgibt, gibt sich selbst dem Untergang preis. Erinnern wir uns heute an alle Menschen, deren vergossenes Blut und zerstörte Seelen die Tinte sind, mit der diese Mahnung immer wieder aufs Neue geschrieben werden muss. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Der Mensch ist des Menschen Lamm.

#WeRemember. Jeden von allen.


Schubél