Makro. Mikro. Mittendrin.

Mit offenen Augen in einen Strom von nach Scheiße riechender Angst eintauchen. Inmitten einer Besorgten-Nazi-Hooligan-Demo mitlaufen. Was man Samstagnachmittag halt so macht. Protokoll eines Ekels.

Manches ist so selbstverständlich. Anderes wiederum ist unverständlich. Beides: subjektiv. Das Selbstverständliche ist mir so nah, dass ich es übersehe, das Unverständliche so fern, dass ich es nicht zu erblicken vermag. Zeit, das Eine abzulegen und sich dem Anderen zu nähern. Warum? Auf das ich erkenne: Was ich bin. Was ich nicht bin. Was ich nie werden will. Was ich erreichen könnte. Vergangenheit und Zukunft fallen in einer Gegenwart zusammen.

Ich genieße es, quer durch die gesamte Stadt zu fahren. Ziegelsteinbauten, Straßenbahnschienen, Klinik-Komplexe, Altbauten jenseits nachvollziehbarer Mietzinsforderungen, renaturierte Industrie-Stadtteile, Parks, Baumärkte, Altbauten jenseits nachvollziehbarer Lebensentwürfe, Atlas, eine Kugel tragend, gekleidet in Grafitti, Kleingartenanlagen, geparkte Autos. Nichts davon ist besonders, all das gibt es auch woanders. Am Horizont stapelt sich Beton in die graue Wolkendecke. Was zu Zeiten der DDR eine Verheißung darstellte, ist heute Biom für jene, die nicht individuell sein wollen oder können, denen eine Wohnuniform übergestreift worden ist, sei es gegen ihren Willen oder aus purer Lust an Standardisierung. Hier war ich Kind. Meine Eltern leben noch hier. Also ist dies kein fremder Planet, sondern nur drohendes Gestern. Passend, dass die »Offensive für Deutschland« gerade hier demonstrieren will.

Polizeiwagen ballen sich an der Brücke und machen sie zu einem steinernen Nadelöhr, durch das man die Plattenbau-Stadt zu erreichen hat. Menschen werden amtlich fotografiert und auf Identitäten geschrumpft, die es festzustellen gilt, auf dass man sie in Systeme einspeist, die über Schuld oder Unsdochegal entscheiden. War es die angezündete Pyrotechnik auf dem Dach oder das Transparent »Deutschland, du mieses Stück Scheiße«? Schicksale entscheiden sich an der Einhaltung von Brandschutz- und Feinstaubverordnungen. Eventuell auch an der Beleidigung eines Landes, dessen Einwohner mit pinkvergrellten Smartphones Fotos machen, um sie später dem Internet angedeihen zu lassen, als Ausweis des örtlichen fun factors. Sie betreten die Komfortzone des deutschen Wohnzimmerterrorismus.

Zwischen Liebe und Hass, Zuneigung und Wut, Zustimmung und Ablehnung steht manchmal nur ein Hamburger Gitter. Ist es wirklich eine freie Entscheidung, auf welcher Seite ich stehe, oder kommt all das was mich ausmacht von außen? Und wenn es von außen kommt: Wieso denken Gegner voneinander, dass die jeweils andere Seite den falschen Einflüssen ausgesetzt war? Ist das Bedingung oder Folge des Gegner-Daseins? Der Entschluss fällt spontan: Heute stehe ich auf der anderen, der kalten Seite. Das ist kein Heldentum, nur Neugierde. Die OfD ist die sich bürgerlich gebende Gesichtswurst des Polit-Spektrums. Man fragt sich stets, wer die Idee dazu hatte und welches Ziel damit verfolgt werden soll. Außerdem weiß man, dass sich darin nur ungenießbare Zutaten befinden. Nährwert hat das keinen, es setzt sich aber dauerhaft in den Gedärmen fest.

Wenn diejenigen, die aus lauter Angst nur noch hassen können, recht haben, müsste ich mich ihnen nach der Teilnahme an ihrer Veranstaltung unweigerlich und tiefenüberzeugt anschließen wollen. Sind das nicht immer ihre Vorwürfe gewesen, dass wir, dass ich ihnen nie wirklich zugehört hätte? Ich höre also zu: den Liedern einer Sängerin (vom Band), die Angst davor hat, »fremd im eigenen Reich zu sein« und zudem meint:

Ich gehör zur NPD
Nicht weil man mich bestochen
Auch hat mir keiner meinen Willen gebrochen
Denn Deutschland ist doch meine Heimat, mein Land
Und mit einer Träne
Leg ich die Rose in den Sand

Besorgte Bürger ohne politisch-verbrecherische Intention, mit denen man reden muss, die zu verstehen wir nicht in der Lage sind, die verzweifeln an…allem und nur nicht die Mittel besitzen, dies so gewandt zu artikulieren?

Wo sind die, die für uns weitergehen
Die für uns unter den Standarten stehen?
Wer kommt nach uns
Um die Freiheit zu erringen?
Wer wird nun für uns
Die Feinde der Freiheit bezwingen?
Nun kämpft ihr Jungen
Ich kann nicht mehr
Für uns ist nun
Das Schwert zu schwer.
Nun nehmt’ es hin
Und schwenkt es in Ehren
Das alte Schwert der alten Herren

Zwischen Türmen aus Beton steht ein billiger Baumarkt-Pavillon, geschmückt mit Fahnen, groß genug um all die kleinen Geister unter sich zu versammeln, die hier in muskelbergiger Verpackung anrollen. Vielleicht werden es am Ende tatsächlich hundert Personen. Aktuell tummeln sich sportlich aussehende Jogginghosen-Gangster zwischen ein paar alten Leuten, die es schon immer gewusst haben und vom Bau der Bagdad-Bahn über den geheimen Kampfpanzer »Wolpertinger« bis hin zu Assads Regime und Putins Geheimplan alles zu referieren wissen, was man braucht, um Merkel, die Linke, die Amis, die Juden, die Schwulen, die Neger, die schwulen Judenneger, Merkel und die Juden der geheimen Übernahme der Weltkontrolle zu bezichtigen. Der ganzen Welt. Mindestens. Dazu: Junge Mädchen, ausgestattet mit allem, was Geschlechterstereotype und Konsumzwang an Scheußlichkeit zu erzeugen in der Lage waren. Wollen wir über sie lachen? Dann aber auch über das kleine Männchen, ewig lachend im Parka, die Hände nur außerhalb der Taschen, um Fotos zu machen. Es ist Rolf Dietrich, ein sachsen-anhaltinisches Mitglied der Partei »Die Rechte«. Wie, noch nie davon gehört? Dann schauen Sie sich mal dieses Bildschirmfoto und das Motto an.

Erreicht man das Stadium des Hasses, ziehen dies alle Kräfte aus dem Menschen. Es gibt nur noch richtig oder falsch. Für alles andere hat man in diesem Stadium der Selbstentfremdung keine Ressourcen mehr.

Gegendemonstranten? Kaum zu sehen, dafür aber um so deutlicher zu hören. Ohne Unterlass trillert und ruft es in die Demo hinein. Ordnungsamt und Polizei sorgten dafür, dass nur diese Geräuschkulisse wahrzunehmen ist. Nur kurz schaue ich auf mein Smartphone, welches mir die sechs- bis siebenfache Anzahl seitens der Demogegner meldet. Stolz beschleicht mich, während kurzhaarige Nazigans mich umschleichen. Es wird auf mich gedeutet, sehr unauffällig zunächst, immer selbstsicherer in der Folgezeit. Fortan genieße ich einen persönlichen Wachschutz. Anscheinend war mein Dresscode und die Böser-Deutscher-Mimik nicht ausreichend genug. Durch geschicktes Laufspiel versuche ich meine Kettenhunde abzuschütteln, doch bei den kaum mehr als 120 Leuten ist dies ein schweres Unterfangen, wenn man keinen Elben-Mantel dabei hat.

Die Rechten sind auf der Suche nach zwei Dingen: Macht durch Masse und einem Narrativ, das eint und zusammenfügt, damit die Lüge lebbar wird oder wenigstens an der Oberfläche verkäuflich bleibt. Menschen flechten am Mikrofon aus Halbwahrheiten ein Netz zum Fangen all jener ohne Zukunft. Sie wissen, das jemand Schuld ist, weil es einfach so sein muss. Sie nennen Namen. Sie kennen das Problem

Die Politiker!

Die Mächtigen!

Die Industriellen!

Die, die schon immer die Völker aufeinander gehetzt haben!

und die Leidtragenden

Wir, das deutsche Volk! Einzig!

Wir hören Definitionen

Demokratie kommt aus … bedeutet Herrschaft des Staatsvolkes!

Toleranz bedeutet Duldung! Damit ist es nun aber vorbei! Toleriert uns, weil wir euch nicht tolerieren!

Abhandlungen zu Hartz-IV-Sätzen

Zu wenig!

Straßenbahntarifen

Zu hoch! Und steigend!

und Abfall-Gebühren

Keine Ahnung! Aber man weiß ja, wo die Reise hingeht!

All die kleinen Provokationen und Meinungen, die Menschen im Vorfeld über die Medien von sich gegeben haben, sei es aus politischem Kalkül oder persönlichem Nervenkitzel, sei es gestern in einer Talkshow oder einem Interview, fallen in der Leere der Plattenbauten in die Leere der platt Gebauten. Die deutsche Expertokratie flüstert vor, was hier geglaubt werden will. Der deutsche Deutsche zitiert. Das ist alles formal korrekt, jeder Satz wurde gesagt, alles lässt sich notfalls nachweisen. Zusammenhänge der Original-Äußerungen interessieren jedoch nicht. Den Menschen hier reicht die Behauptung. Belege stören da nur.

REIHT! EUCH! EIN!

Der Marsch formiert sich. Zumindest haben das zwei Frauen vor, die sich mit einem Front-Transparent zum Abmarsch bereit hinstellen. Während die letzte Rednerin spricht, kommt plötzlich Bewegung in den Pulk. Wie von Geisterhand lösen sich die sportlichen Kurzhaarträger aus der Versammlung und lassen besorgt Gekleidete und kleinen Mädchen allein vorm Pavillon stehen. Anscheinend hat ein unwillkürlicher Reflex durch das Angesicht des Feindes die Alpha-Tiere in Vibration versetzt, während der Rest des Rudels ahnungslos schauend hinterher sprintet. Verdutzt wird das Transparent wieder eingerollt. Geht es jetzt etwa doch in die andere Richtung? Doch die Polizei fängt jedoch die Herde wieder ab und leitet sie zu den wenigen Stehengebliebenen zurück, von denen übrigens keiner darüber gestutzt hat, wie leer der Platz plötzlich geworden ist, als die Hoolzis auf Beutelauf gingen.

Wozu ist die Straße da? Zum Marschieren! Zum Marschieren um den ganzen ganzen Block! Doch leider leider müssen wir ihnen mitteilen, dass sie ihren Abmarsch noch etwas verschieben müssen, aus organisatorischen Gründen, sie verstehen? Ach so: Sie wollten nur spazieren? Aber sagten Sie nicht vorhin, dass aus dem Spaziergang in Zukunft eine mächtige Demonstration werden sollte?

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen | denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen | Sind alle Straßen, voll vom Himmelsgrauen. | Wie eines Wassers Bodensatz und Tand | Regt sie des Hasses | Wille und Verstand | Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen. | Die Menschen sind wie grober brauner Sand | Im wüster Wut der großen Wellenhand.

Anwohner schauen vom Balkon. Viele filmen, einige rasseln, andere klatschen. Die Rechten rufen »Reiht euch ein!« und machen deutlich, dass dies heute keine wirklich ernst gemeinte politische Bewegung, sondern ein Rekrutierungstermin in der Fläche ist. Der Krieg auf der Straße soll auch hier Soldatisches in den Köpfen erzeugen, ein »Hier wir, dort die!«, auf dass sich künftig aufbauen lässt. Doch niemand tauscht an diesem trüben Samstagnachmittag die zentralgeheizte Wohnung gegen herbstnasses Straßenpflaster ein. Über die Gründe kann man nur spekulieren; angesichts des hier trottenden Gesichtsfaschings können aber durchaus ästhetische vermutet werden.

Der Feind? Steht überall, doch das ist man gewohnt, stellt es doch das eigentliche Selbstverständnis der Bewegung dar. Die Gegendemonstranten sind, wo die Polizei sie lässt, sehr dynamisch und lautstark unterwegs. Keineswegs handelt es sich nur um die klassische Protestgemeinde aus Studenten und Langhaarigen. Was hier hinter den Zäunen Abscheu kund tut, sind Menschen aus allen Schichten und Altersstufen der Bevölkerung. Ich bin glücklich, als sie mich anschreien, mir Parolen entgegen rufen, nicht von uns ablassen. Die Rechten freilich interessiert es wenig. Die demaskierendste Reaktion erfolgt auf das Zeigen eines Fanschals der BSG Chemie Leipzig durch einen älteren Mann. Das Rudel rückt reichlich nach links, denn diese Provokation hat einen unwillkürlichen Reflex getriggert, gerade so, als wollte man sich den Finger in den Augapfel rammen. Polizisten gehen dazwischen. Dann erreichen wir zwei Wasserwerfer und der stille Hades gehört uns.

Gespenstische Stille auf der Hauptverkehrsader. Gegendemonstranten können hier durch lokale Gegebenheiten nicht wahrgenommen werden. Und doch wirken sie auf den Zug ein, entschlossen verstopfen sie die Marschroute. Man sieht sie nicht, aber der Zug muss deutlich vor der Zeit rechts abbiegen und sich über erbärmliche Fußwege und Parkplatzzugänge – oder wie es in Grünau heißt: die Botanik – zum Ausganspunkt zurück begeben. Eine ältere Frau mit weißblondiertem Haar schreit Parolen. Update: Es handelt sich dabei um Angelika Kanitz, die unter dem Etikett ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin firmiert und vor einiger Zeit auch den Schutz der Wortmarke »Wir sind das Volk!« aufheben lassen wollte – Wahrscheinlich um ihn an Anlässen wie diesen exklusiv nutzen zu können. Sie beschwert sich an einer Schule über deren Aussehen: Zugewuchert, Scheiben eingeworfen, Türen vernagelt. »Auf sowas müssen unsere Kinder in die Schule gehen! Und die Assilanten kriegen es vorne und hinten rein geschoben!!!«. Niemand sagt ihr, dass die Schule einfach leer steht, weil sie nicht mehr benutzt wird. Auch nicht das ständig neben ihr laufende Grinsemännchen Dietrichs, der diebisch vor sich hin lächelt. Das daneben sich befindliche Gelände der Grundschule mit Turnhalle und Spielplatz sieht sie nicht. Noch nie war selektive Wahrnehmung so wertvoll wie heute.

Die Enge erzeugt Misstrauen. Angst. Kein Handy draußen. Blicke überall. Leviathan, der Schoßhund, schaut eierleckend dem sich anbahnenden Krieg »Jeder gegen Jeden« zu. Hier ist kein Schutz zu erwarten, höchstens ein »selbst schuld«. Aber es geht noch perverser: Zehnjährige Mädchen schreien »Wir sind das Volk!« – Die Menge steigt darauf ein. »Wir wollen keine | Asylantenheime!« – Die Menge steigt darauf ein. »Maximaler Widerstand!« – Die Menge feixt. Und steigt darauf ein. Selbst den Polizisten ist dies nicht geheuer, sie schauen fragend Pressevertreter an, die ihrerseits mit den Achseln zucken. Die Kinder tragen in die Welt, was ihre Eltern sich selbst offen nicht zu sagen wagen. Nebenbemerkung: Die Rechten diffamieren die Gegenproteste auf Grund der meist jungen Teilnehmer als »Schreikinder«. Ob sie die Ironie dieses Nachmittags selbst bemerken?

***

Wir werden diesen Kampf im Heute nicht gewinnen, der Preis ist nicht im Vorbeigehen abzuräumen. Die Lüge wird nie aufgeben, der Feinde sind zu viele und ihre Unaufrichtigkeit, gleich aus welchem Motiv, schlicht zu bequem. Kaum sind kleine moralische Geländegewinne erreicht, planiert ein Landtagsabgeordneter sie patriotisch hoffend wieder zu Brachland. Jeder den eine kraftvolle Gegendemo kurz zum Zweifeln brachte, wird durch Professoren und ihre akademischen Modellmeinungen wieder im alten Stumpfsinn bestätigt und aufgebaut. Alle initialen Demaskierungen der Hintermänner verpuffen, weil sie weitergehende Recherche bedeuteten, die aus Kostengründen kaum ein Medienunternehmen leisten kann oder will.

Doch was ist morgen? Immer wieder ein neuer Tag. Immer wieder eine neue Gelegenheit, den unmenschlichen Gedanken gegenüber zu treten, nicht zu schweigen, nicht weg zu sehen, nicht ironisch gebrochen darüber zu sprechen, nicht nur die Augen zu verdrehen, nicht zu denken, dass andere das Problem lösen werden, nicht davon zu laufen, nicht zu denken, man sei allein, verkehrt, fremdgesteuert, anders, nutzlos, ahnungslos, leblos. Jeder dieser Tage muss mit dem Schmerz beginnen, den einzig die Frage nach dem Sinn des Ganzen aufwirft. Und immer wieder soll die Antwort lauten: Ich stehe gegen das engherzige Dunkel auf, weil ich ein Mensch bin. Ein Mensch, der Raum und Licht zum Lieben braucht, um Fragen stellen zu können, sich irren zu dürfen, anderen helfen zu können, weinen zu dürfen, lachen zu wollen, alleine oder mit allen! Ich will für etwas sein, um etwas sein zu können.

Wenn ich schon an nichts anderes glaube, dann doch an das: Auf eine streichelnde Hand scheint immer mehr Sonne als eine wütende Faust. Deutschland kann diese Wärme gerade sehr gut gebrauchen.

Schubél