LEGIDA

Wird dies der Tag der Spaltung sein? Können wir uns morgen alle wieder begegnen und in die Augen sehen? Ein Albtraum: Jemanden auf der anderen Seite sehen, den man kennt, einen Verwandten vielleicht oder Arbeitskollegen.

…You, you may say I’m a dreamer
But I’m not the only one…

Spannung sirrt durch die Stadt. Den ganzen Tag lang schon fahren Polizeiwagen durch die Innenstadt, räumen Abschleppwagen die Demo-Routen autoleer, fluten Wortmeldungen durch alle Kanäle.

Was, wenn das nicht mehr aufhört oder nur in verknöchertem Verdruss endet?

In was für einer Welt wollen wir leben? Ich kann Ihnen das nicht beantworten, wohl aber schildern, dass ich Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität als die grundlegendsten Elemente einer würdigen Existenz betrachte. Daraus lässt sich alles weitere für alle Zeiten und alle Situationen ableiten.

Prämissen bitte!

Menschen können nicht beurteilt werden, nur ihre Taten.
Das Äußern einer Einstellung ist eine Tat.
Diese Tat kann in Inhalt sowie Art und Weise beurteilt werden.

…und was bitte bedrückt Sie jetzt so unmenschlich?

Die Art und Weise: Es braucht eine Masse, um zu Äußern was Einzelne empfinden. Die Masse, kehlig völkisch brüllend, Wissen glaubend überzeugt, redet nicht, von Zuhören ganz zu schweigen. Sie verleiht dem Gebrüllten Rechtmäßigkeit durch Menge. Sie wagt nie den Gesinnungswechsel, verhindert per Definition das Stutzen.

Der Inhalt: Der Vorwurf des Rassismus steht im Raum. Sprechen wir wohlmeinend: Wer einmal so etwas ruft, ist noch kein Rassist, sondern jemand, der vielleicht noch nicht so lange über das nachgedacht hat, was er da ruft, der noch nicht die andere Seite seiner Argumentation eingenommen hat. Er ist auch kein Nazi, wenn Nazis in seiner Kundgebung mitmarschieren. All diese Etiketten verkleben den Blick auf die Bewertung des Tuns, sie erleichtern die Bewertung nur scheinbar.

Aber?

Wer sich nach der Reaktion »Hey, du läufst da mit nachweislichen Nazis durch den Abend, nämlich dem und dem und dem. Gibt dir das nicht zu denken?« immer noch mit den gleichen Menschen gemein macht, sollte wenigstens die Herausforderung annehmen, die Warnung zu reflektieren, statt »Ich bin kein Nazi! Siehst du hier Nazis? Hier sind keine Nazis! Oder nur ein paar!« zu waschweiben.

Aber sie sind besorgt! Und aus der Mitte!

Was treibt sie an? Hass? Besorgnis? Beides als Folge des jeweils anderen (wobei zu klären wäre, ob sie hassen, weil sie ihre Sorge nicht in den Griff bekommen, oder ihre Besorgnis aus einem Hass erwächst).

»…If the Russians love their children too…« – Und selbst so?

Ich bin ein geistig Heimatloser, weil das Land der sich selbst Befragenden mit alternativlosen Kanonen der Marke “Sachzwang” zerschossen wurde und ich gezwungen bin, bei denen zu leben, den man das mal sagen dürfen angeblich verboten wurde. Meine Religion ist der Zweifel, meine Ethik entspringt einer ewig währenden Unsicherheit über das sicher Geglaubte.

Jungen wird der Glaube an die Kraft des Zweifels verboten, weil das sichere Wissen der Alten alles Einströmende erschlägt. Die Zufälligkeit der Geburt, besser noch: des Geburtsortes, besser noch: der Geburtsorte der eigenen Erzeuger, besser noch: der Menge der Legenden, die dem Geburtsort der eigenen Erzeuger durch dieselben zugeschrieben wird, wiegt mehr als die universelle Verpflichtung zur Solidarität. Die Felder der Ehre, unter denen

Ängstliche,

Mutige,

Tollkühne,

Wahnsinnige,

Patriotische,

Verräter,

Glaubende,

Ungläubige,

Gerechte,

Schwache

wir schon immer und zukünftig gemeinsam modern, treiben ihre Totenlichter aus, und gaukeln jedem, der sich ihnen nähert, Orientierung vor. Die Vergangenheit dient zur Richtschnur: Dem Philosophen, der sich fragt, was er aus ihr lernen könnte; dem Ignoranten als entferntes Märchen, dass er hört wie nur er es hören kann; dem Garstigen, der sich aus der Richtschnur ein Seil drillt um sein Missfallen daran aufzuknüpfen.

“…sich als Verlierer wahrnehmen”, “…die Erwartung an den Staat nicht erfüllt”, “…glauben nicht gehört zu werden” – Fragen Sie sich selbst: Hat Ihre Selbstwahrnehmung, Ihre Erwartungen, Ihr Glauben vielleicht nur ein Problem mit Ihnen?

16:10 Uhr: Es klingelt an der Wohnungstür. Der Kleinsfloh kehrt aus der Schule heim. Gleich brechen wir gemeinsam auf, um auf den Straßen Leipzigs zu lernen, wie wir gerecht und frei bleiben können, und welchen Preis das von uns fordert.

Auch in Zukunft.
Mit allen Nachbarn.

Schubél