#le2104

Wie Pinnie der Wu uns vorgestellt wird und sich wundert

Hier kommt nun Schubél der Bär die Trepper herunter, rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Franz Konrad. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte. Und dann hat er das Gefühl, dass es vielleicht keine andere Art gibt. Jedenfalls ist er jetzt unten angekommen und bereit, dir vorgestellt zu werden: Pinnie-der-Wu.

Manchmal will Pinnie der Wu irgend ein Spiel spielen, wenn er die Treppe herunter gekommen ist, und manchmal sitzt er auch gern still am Fenster und lauscht einer Geschichte. An diesem Abend…

»Pinnie der Wu hat draußen Geräusche gehört. Nun ist er ganz blass. Ich glaube, er hat Angst«, sagte Franz Konrad.

»Was waren das denn für Geräusche?«, fragte ich.

»Ein Rufen und Brüllen. Bestimmt waren das Gespenster. Oder schlimmer noch: Patrioten! Könntest Du bitte so lieb und so nett sein, Pinnie-dem-Wu eine Geschichte zu erzählen?«

»Ich glaube, das könnte ich«, sagte ich. »Welche Sorte von Geschichten mag er denn?«

»Über gute Sachen. Die keine Angst machen, aber ehrlich sind. Denn diese Sorte Bär ist er.«

»Aha. Ich verstehe. Ich werde es versuchen«, sagte ich.

Also versuchte ich es.

Kapitel 1, in welchem das Licht ausgeht

Es war einmal vor einig langer Zeit, ungefähr 21 Minuten nach Frühlingsanfang, also etwa letzten Donnerstag, als Pinnie der Wu zufrieden aus seinem Fenster sah. Ihm war ganz gemütlich zumute, denn er hatte Tee aufgesetzt. Als ihn der Staub in seinem Zimmer mit der Sonne um die Wette kitzelte, überlegte er sich gerade, wie viel Mundvoll Honig zu einem Tee im April angemessen wären. Denn ihr müsst wissen, dass das Wichtigste für einen Wu die Frage nach den Mahlzeiten war.

Da klopfte es an der Tür: »Pinnie, lass mich rein! Da draußen passiert gerade etwas Gru-Gru-Gruseliges!«

Es war Förgel. Er war ganz aufgeregt, was sicher nur daran liegen konnte, dass er so kurz vor der nächsten Mahlzeit und viel zu kurz nach der letzten durch den Hundert-Morgen-Wald rannte.

»Sehr richtig!«, sagte eine Brummstimme am Kamin.

»Verschließe sofort alle Luft! Lösche den Tee! Halt das Licht an! Trink Türen und Fenster aus! Aber leise!«

Pinnie, der ein Bär von gar langsamer Gestalt war, tat, was Förgel ihn geheißen hatte. Er trank den Tee ohne zu Schlürfen aus, hielt dabei die Luft an, verschnapperte die Fensterläden und beschloss, das es zwischen Staub und Sonne unentschieden stand. Förgel versteckte sich in der Zwischenzeit auf der Lampe und setzte sich einen Helm auf, der genau so wie Pinnies Nudelsieb aussah.

»Förgel, du, sag mal: Warum mache ich das eigentlich?«, flüsterte er ins Dämmerlicht seiner Hütte.

»I-i-i-ich habe Stimmen gehört, Pinnie, viele, laute, garstige! Sie kamen von der Lichtung! Das waren bestimmt Wölfe! Oder ein Herde Cheffalumps!«

»Ich verstehe«, sagte Pinnie, der eigentlich überhaupt nichts verstand. Im Sechshundert-Morgen-Wald hatte er noch nie einen Wolf gesehen. Außerdem gab es hier nur einen Cheffalump, aber der war schon ganz alt und sagte am Ende jedes Satzes immer »Muss man wissen!«. Und davor. Und mittendrin. Bis er vergessen hat, was er eigentlich sagen wollte.

»Ich finde, wir sollten uns hier verstecken«, zitterte Förgel. »Wenn es wieder still ist, gehen wir zu Franz Konrad. Der weiß immer, was man da machen kann.«

Pinnie freute sich immer, wenn Förgel zu Besuch kam. Aber er wusste auch, dass er nur noch wenig Honig im Haus hatte, also für knapp mehr als ausreichend zu wenige Mahlzeiten. Und die Sonne? Sollte es in seiner Hütte immer dunkel bleiben müssen, mit wem sollte der Staub dann spielen?

»Nein, das war keine gute Idee«, brummte es erneut hinter Franz Konrad hervor.

»Was sollen wir Franz Konrad denn sagen?«, fragte Pinnie. »Soll er uns helfen, müssen wir ihm bestimmt erzählen, wobei. Aber das können wir nicht, wenn wir es selbst nicht wissen.«

»Du meinst, wir sollen da raus gehen und nachsehen?«

Das leuchtete Pinnie ein, und er hatte auch gar keine Angst, dass dieses Leuchten draußen zu sehen war. »Förgel, du bist ein Kerlchen von mächtigem Verstand! Wir sollten uns aber beim Nachsehen vorsehen. Man kann nämlich nie wissen, wer einen beim Hinsehen zusieht.«

Kapitel 2, in welchem sich Pinnie und Förgel nachzusehen entschließen und Verbo nicht kennenlernen

So brachen Pinnie und Förgel zur Lichtung auf. Unterwegs erzählten sie sich Geschichten und aßen etwas vom kleinen Proviant, den Pinnie in seinem Handwagen hinter sich her zog. Plötzlich erreichten sie eine Stelle, die anders war als alle anderen Stellen im Wald. Jemand oder Etwas hatte einen Strich auf den Boden gezeichnet. Daneben hatte Jemand oder Etwas ein Schild aufgestellt, auf dem Verbo stand.

»Dies ist aber ein stolzer Strich, nicht wahr?«, stellte Pinnie anerkennend fest.

»Wie der wohl hierher kommt?«

»Da hast du Recht. So einen Strich hat man selten im Sechshundert-Morgen-Wald gesehen. Eigentlich habe ich noch nie solch einen Strich hier gesehen.«

»Und dieses Schild. Was das wohl heißen mag: Verbo

»Das kann nur bedeuten, dass hier die Familie Verbo wohnt. Herr und Frau Verbo und die Verbo-Kinder. Vielleicht haben sie auch ein Haustier. Man kann das nie wissen. Einen Verboter vielleicht. Reinrassig, in braun mit blauen Punkten.«

»Hm. Seltsam ist es aber schon. Aber bestimmt weiß Franz Konrad mehr darüber. Also, was meinst Du: Gehen wir weiter?«

Förgel war sich unsicher. »Was, wenn die Verbos nicht wollen, dass wir auf ihren Strich treten?«

Das war in der Tat ein Problem. Nach einigem Überlegen kam Pinnie eine Idee: »Wir könnten ja darüber steigen!«

»Großartig!«, freute sich Förgel und nahm Anlauf. Zusammen mit Pinnie sprang er über den Strich der Verbos. Doch auf der anderen Seite bemerkten beide, das etwas nicht stimmte. »Der Handwagen? Der kann nicht darüber steigen«, gab Förgel zu bedenken. Pinnie kratzte sich an der Nase und begann, dem Handwagen gut zuzureden. Der wollte sich aber nicht überreden lassen.

Der Gedanke, dass der Handwagen hier bleiben müsste, machte Pinnie Angst. Ohne Proviant durch den Wald? Undenkbar. Und den Wagen hier allein lassen, wo doch bestimmt keine Wölfe und sicherlich kein Cheffalump nicht unterwegs waren? Gruselig. Auch Förgel begann darüber nachzudenken, ob das eine gute Idee sei. »Was wissen wir denn eigentlich über diesen Verbo?«

»Das ist bestimmt ein ganz Garstiger.«

»Kennst Du den etwa?«

»Nein!«, schlussförgelte er. »Und ich will ihn auch gar nicht kennen lernen! Der ist so gefährlich, dass ihn niemand kennt! Man sagt, er habe sogar einen reinrassigen Verboter!«

»Und wenn ihn einer kennt, dann redet er nicht darüber, so gefährlich ist dieser Verbo!«, dachte sich Pinnie. So schlug er vor, dass sie vielleicht besser, um den ganzen Wald herum laufen, um zur Lichtung zu gelangen. Förgel stimmte zu und der Handwagen hatte auch nichts dagegen.

Franz Konrad warf »Ein Verboter! Mit braunen Punkten!« ein.

»Gut, dass du das noch einmal erwähnst«, sagte ich. »Denn braune Punkte sind etwas, das man immer im Auge behalten sollte. Vor allem bei Verbotern.«

»Überhaupt sind braune Sachen immer sehr verdächig!«, brummte es hinter seinem Rücken hervor. Und so erzählte ich weiter.

Kapitel 3, in welchem der weise weiße Oberwaldmeister Schwanenhals von hinten angetroffen wird

Als sie den Waldweg um den Sechshundert-Morgen-Wald entlangstapften, sprachen Pinnie und Förgel nicht viel miteinander. Nur das quietscherte-quatscherte des Handwagens murmelte hinter beiden her. Aber als sie an den Rosinenplatz kamen, dachten sie, dass es von besonderem Verstand wäre etwas zu singen.

Wenn einer was nicht wissen kann
was tut man dann, was tut man dann?
Man geht hinaus
und findet’s raus
das tut man dann, das tut man dann!

Wenn einer was nicht machen kann
was tut man dann, was tut man dann?
Man hilft ihm raus
auch ohn’ Applaus
das tut man dann, das tut man dann!

Wenn einer was nicht wissen will
was tut man dann, was tut man dann?
Man lächelt still
und ohne Wut
nur so geht’s gut, nur so geht’s gut!

Wenn einer was nicht machen will
was tut man dann, was tut man dann?
Man macht es selbst
und ohne Gram
so geht es dann, nur so geht’s dann!

Als sie beim Rathaus ankamen, erblickten sie jemanden, der vor einer Reihe von Schachtelhalmen stand und eine Rede hielt. Es war der weise weiße Oberwaldmeister Schwanenhals.

»Es ist rrrichtig und wichtig. Herrrrjeh! Es ist fairrr. Und rrrichtig. Ach! Ach! Es ist wichtig und notwendig. Oioioi! Es kann nicht sein, dass! Hum! Hum! Unerrrtrrräglich! Alle los jetzt!«

Förgel fasste sich ein Herz und unterbrach den weisen weißen Oberwaldmeister zwischen einem Seufzen und einem Barmen: »Weiser weißer Oberwaldmeister Schwanenhals! Schön sie zu sehen. Was tun sie da? Können wir vielleicht behilflich sein?«

»Auch wenn mich manche frragen: ‘Was tun sie da?’ so kann ich doch nurrr eines. Nämlich verrrsprrrechen, dass ich etwas tue. Ich mache mich nützlich, und zwar sehrrr!«, setzte der Oberwaldmeister fort, ohne sich zu Förgel und Pinnie umzudrehen. Die Schachtelhalme bewegten sich sanft im Wind hin und her. Dabei fragen sie sich, was der weise weiße Oberwaldmeister denn eigentlich von ihnen wolle, denn schließlich waren sie ja nur Schachtelhalme. Und wie jeder weiß, ist man als Schachtelhalm dem Etwas tun wenig zugeneigt, weil man schon mit Etwas sein voll beschäftigt ist.

»Können wir uns auf eine Weise mit ihnen zusammen nützlich machen?«, fragte Pinnie. Förgel nickte heftig, der Gedanke, nützlich zu sein, machte ihn ganz aufgeregt. Auch der Handwagen war nun ganz still.

Wieder hob der weise weiße Oberwaldmeister an: »Die rrrichtige Frrrage kann daherrr nurrr lauten: Können wirrr uns auf eine Weise nützlich machen? Und meine weise weiße oberwaldmeisterliche Antworrrt darrrauf lautet: Soso! Falls sie, meine Damen und Herrrrrren, werrrte Waldbewohnerrrrinnen und Waldbewohnerrrr, liebe Frrrreunde und Frrrreundinnen, Rrrrömerrr und Römerrrinnen, Schachtelhalme und Schachtelhalmas, verrrrstehen, was ich meine.«

Und Pinnie sagte: »Genau das finde ich auch, weiser weißer Oberwaldmeister«, und Förgel sagte: »Aber andererseits , Pinnie, müssen wir auch daran denken«, und Pinnie sagte: »Sehr richtig, Förgel, es war mir nur kurz entfallen.«

So zogen sie weiter und freuten sich, dass sie zu etwas nützlich sein konnten, auch wenn sie keine Schachtelhalme waren.

Franz Konrad wunderte sich. »Weshalb ist der weise weiße Oberwaldmeister denn nicht mit Pinnie und Förgel mitgegangen und hat ihnen geholfen? Zu dritt ist man doch mutiger als nur zu zweit?«

»Das liegt daran, dass Schwanenhals immer auf die Schachtelhalme achten muss, weil er befürchtet, dass sie ihm sonst nicht mehr helfen«, antwortete ich.

»Das verstehe ich nicht. Aber ich bin ja auch nur ein alter dummer Bär«, brummte es da wieder.

Kapitel 4, in welchem Pinnie und Förgel Reisspeck verlieren, ohne es zu bemerken

Drei Mundvoll Pause später gelangten die beiden an den Rand der Lichtung. Doch auch hier war wieder etwas anders als sonst immer auch, und zwar so sehr, dass man denken könnte, dass es niemals anders gewesen sei. Irgend jemand hatte eine rot-weiße Strippe über den Waldweg gespannt. Als Pinnie und Förgel sich umsahen, ob nicht wieder irgendwo ein Verbo-Schild stand, kamen drei Schildkröten mit Papphüten angeflitzt.

»Ihr könnt hier nicht durch!!!«

»Aber warum denn nicht? Wir gehen hier doch immer entlang, wenn wir zur Lichtung wollen?«, fragte Pinnie.

»Diese spitzen Papphüte!!! Seht ihr die nicht!!!«

»Das sind wirklich sehr nette Hüte, meinst Du nicht auch, Förgl?«

»In der Tat! Ich finde, jeder sollte solch einen Hut tragen. Das täte dem Wald gut, weil dann die Bienen immer wüssten, wo oben ist und ihre Wohnung besser finden.«

»Oh, das ist wirklich eine gute Idee«, brummte Pinnie. »Alle Ideen mit Honig sind gut. Und die hier ist wahrscheinlich die beste, die du je hattest, mein Freund. Wir sollten allen davon erzählen, damit fortan jeder solch einen Hut trägt.«

Die Schildkröten indes wurden immer ungeduldiger. Sie stellten sich nebeneinander auf, hoben ihre Köpfe, auf dass man ihre Papphüte besser sehen konnte, spreizten die Beine, damit sie noch stärker wirkten, polierten ihre Panzer, denn darauf waren sie stolz wie Bolle und schauten monsterig drein: »Wir sind Personen öffentlichen Respekts!!! Und ihr nicht!!!«

»Ui. Reisspeck. Ich selber mag ja lieber Honig, aber Reisspeck klingt auch nicht schlecht. Und warum sollen wir hier nicht lang gehen?«

»Wir als Reiss… Respektspersonen sagen: Das ist gefährlich!!! Das haben wir auch den anderen schon gesagt!!! Und damit ist es: Amtlich!!!«

Förgel erschrak. »Gefährlich? Weshalb denn? Hast du gehört Pinnie? Ge-fähr-lich! Und: Amtlich. Ich meine: Amtlich!!!«

Als die Schildkröten sahen, wie Förgel zitterte, waren sie zufrieden, weil sie merkten, dass ihre spitzen Papphüte noch funktionierten. »Angeblich hat man auf der Lichtung Dinge gefunden!!«, befahlen sie beruhigend. »Wenn man Dinge findet, muss man sich darum kümmern!!«

»Gefunden? Dinge? Jemand hat also etwas verloren?«, frage Pinnie besorgt, weil er Mitleid mit den Schildkröten hatte und sich als waschechter Wu mit Vorliebe um Dinge kümmerte, die sein Hilfe brauchten.

»Quatscherlapapp!!! Es handelt sich um Dinge, die dort nicht hingehören!!! Gefährliche Dinge!!! Ein Rabe hat gesehen, wie ein Igel gehört hat, dass der Fuchs zum Nilpferd sagte, dass es gefährlich riecht!!!«

Da unterbrach eine zweite Schildkröte: »So ein Unsinn!!! Du bringst wieder alles durcheinander!!! Ein Rabe hat gerochen, wie der Igel sah, dass der Fuchs auf einem Strauß ritt, um sich vor dem Gesang eines Nilpferdes in Sicherheit zu bringen!!! Sagt zumindest der Chef und der muss es wissen!!!«

Der Dritte: »Es handelt sich ganz eindeutig um einen Fall von Verschwörung!!! Das Spinnenkommando ist schon aktiv, um das Netz zu prüfen!!! Dann wissen wir, wer was wann wo wie wem warum weshalb gesagt hat!!!«

»Wer hat das gesagt!!!«

»Na ich!!!«

»Und warum!!!«

»Auf jeden Fall nicht hier!!! Und schon gar nicht jetzt!!!«

»Wie meinen sie das!!!«

»Wem!!!«

»Genau!!!«

Pinnie verspürte eindeutig, wie der Handwagen ihn langsam rückwärts zog. Vorsichtig tippte er Förgel an, und zusammen schlichen sie sich ihrer Wege. »Wenn jemand gefährliche Dinge verliert«, dachte Pinnie so bei sich, »muss man sich darum kümmern, das habe ich heute gelernt. Viel wichtiger ist aber: Wo bekommen wir solche Hüte her?«.

Kapitel 5, in welchem Pinnie und Förgel auf ein gar wundersames Volk treffen

Müde tapperten Pinnie und Förgel an der rot-weißen Strippe entlang. Je länger sie liefen, desto häufiger fragten sie sich, ob es sein könnte, dass die Strippe auch weiß-rot sein könnte und wer dann bestimmt, was richtig ist. Wie sie so darüber schwiegen, hörten sie ein Geräusch.

»Aber hallo!«, brummte es. »Das war vielleicht ein Geräusch! Wir wussten nicht, woher es kam und ob es ein großes oder viele kleine waren.«

Förgel blieb stehen und fragte Pinnie, ob er dieses Geräusch auch gehört hatte. »Vielleicht ist es ja gar kein großes Geräusch in weiter Ferne, sondern viele kleine ganz in der Nähe?«, antwortete er mit aller Wu-Weisheit, die er besaß.

»Genau!«

»Was machen wir nun?«

»Wir sollten auf keinen Fall weglaufen.«

»Also hier bleiben und uns von den keinen Wölfen, die hier nicht leben oder dem Cheffalump, der vielleicht überhaupt nicht mehr gar nicht lebt, schnappen lassen?«

»Du hast recht. Und wenn weglaufen nicht geht, müssen wir wegfahren. Spring in den Handwagen, Förgel – Wir rasen davon, zum hohlen Baum!«, rief Pinnie, setzte sich einen leeren Honigtopf als Helm auf und warf Förgel das Nudelsieb zu. Dann griff er sich die Deichsel, sprang in den Handwagen, hob Förgel mit hinein und fuhr los.

»Zumindest haben wir das versucht. Aber der Wagen wollte nicht losfahren. Wahrscheinlich hatte er einfach nur Angst. So eine Art Wagen war das nämlich.«

Wie sie da so standen und dem Wagen zuredeten, mal freundlich, mal lieblich, kam das Geräusch näher. Es war in der Tat ein großer Krawall, der aus vielen kleinen bestand. Selbst die Bäume um sie herum hatten lange nicht mehr so ein Geraune gehört und auch die Steine konnten sich nicht mehr daran erinnern, wann es das letzte Mal solch ein Gerausch gegeben hatte.

LEGIDA! LEGIDA! LEGIDA ist wombaba!
LEGIDA! LEGIDA! LEGIDA ist pumpelfar!
Hashtag, Hashtag, Hühnerkacke
Wer nicht hier ist, hat ne Macke!
Gehört nicht zu uns stolzem Volke!
Hart wie Gummi, klar wie Molke!

LEGIDA! LEGIDA! LEGIDA ist knörzelmus!
LEGIDA! LEGIDA! LEGIDA ist schrutzibuz!
Hashtag, Hashtag, wundervoll
Jeder, der nicht denken soll
Kommt zu uns, zu LEGIDA!
Cheffalump war auch schon da!

LEGIDA! LEGIDA! LEGIDA ist rankelös!
LEGIDA! LEGIDA! LEGIDA ist dösofrös!
Hashtag, Hashtag Volksbewegung
Geht voran die Volksverblödung!
Jeder, der nix werden will
kommt zu uns, da braucht’s nicht viel!

»Ganze Abteilung stooooooop!1!1!«, rief der Anführer, als der Zug an Pinnies Handwagen ankam. »Was haben wir denn da?!? #Sosoahasoso!1!1!1 Ein Wu und ein, ein…«

»Förgel«, sagte Förgel.

»Ein #Förgel?! Ein #Förgel?!?!? Habt ihr das gehört?!?!? Es will uns glauben machen, es sei nur ein #Förgel!1!1!«

Die Menge schaute sich verwundert an, weil sie nicht wusste, was ihr Anführer meint. Als der Berg der Verwunderung so groß war, dass man auf ihn steigen konnte, fing einer zu lachen an. Es war Pinnie.

»Ja, Förgel. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich bin ein Wu. Nicht mehr und nicht weniger. Und ihr seid?«

Plötzlich war alles ganz still. Selbst die Sonne hielt für kurze Zeit die Luft an und schickte nur noch kleine Strahlen in den Sechshundert-Morgen-Wald. Der Anführer drehte sich zitternd um, schnaufipopaufite aus beiden Nasenlöchern, schob seine Brille zurecht, holte tief Luft und baute sich bedrohlich vor Pinnie und Förgel auf. Als er fast so hoch wie Förgels Knie war, zeterte er los.

»Zum #Hashtag! Mein Name lautet #Armando #Rodrigo #Norberto #Diego #Thiago von der flachen #Meisenweide. Und das hier sind meine treuen Anhänger im Kampf #dagegen! Die härtesten #Lemminge, die du dir vorstellen kannst!1!1!«

»Das sind aber viele Vornamen für nur einen Lemming.«

»In der #Tat! Ich habe so viele #Vornamen, dass meine #Geschwister keine mehr abbekamen und von unseren Eltern #durchnummeriert wurden!1!1!«

»Kann ich dich auch anders nennen?«

»Warum #Anders?«

»Warum nicht?«

Eine Stimme aus dem Zug rief: »Nicht ist ja noch dümmer? Ich will andererseits auch nicht Anders heißen!1!1!1 Sondern Larry!«

Als der Rest der Demonstration bemerkte, dass es vielleicht etwas zu verteilen gab, bei dem sie, wie immer, zu kurz kommen könnten, riefen sie mit einem Male alle »Ich auch!1!1!« – »Ich auch!1!1!« – »Ich auch!1!1!«.

»Na gut!1!1!«, rief Armando Rodrigo Norberto Diego Thiago von der flachen Meisenweide. »Dann bist du Larry #Nummer 1, du #Larry Nummer 2 und so weiter. Klar soweit?!«

»Klar!«

Die Menge begann durchzuzählen, verstolperte sich immer wieder, fing mehrmals von neuem an, verlor wieder den Faden und kam am Ende bei Drölfzig Billionen Millarden Tausend an. Ohne Anführer.

Pinnie und Förgel sahen verwundert dem Treiben zu. »So viele Larrys«, fragte Pinnie und sorgte sich, ob er noch genügend Honig hatte, falls er etwas anbieten müsste, schließlich war er ein gastfreundlicher Bär. »Kommen da noch mehr?«

»#Nein!1!1!1 Das sind alle!1!1!1 Die gesamte #LEGIDA!1!1!«

»Dann bist du also der letzte Larry, ja?«, fragte Pinnie, im Kopfe seine Vorräte portionierend.

»#Korrekt!1!1!1 Und falls du es #genau wissen willst: #Hashtag!1!1!«

Das war das Stichwort für die Menge: »Hashtag!1!1 Hashtag!1!1 Hashtag!1!1«

»Zum Glück«, sagte Förgel, »handelt es sich nicht um Wölfe. Oder Cheffalumps.«

»Wölfe, pah!1!1!1 Sehen wir etwa aus wie #Wölfe? Haben wir #Springertatzen an?!? Oder Glatzen #unter unserem Fell?!? Nein, wir sind ganz anständige #Lemminge!1!1!1 Wir gehen arbeiten, also die meisten, #also manche, also ich. Und wir sind dafür, dass wir dagegen sind, zumindest die meisten, also manche, aber auf jeden Fall #ich!1!1!1 Das macht uns viel mächtiger als die #Wölfe!1!1!1 Unsere Superkraft besteht aus #genau drei Teilen. Erstens: Mit #Drölfzig #Billionen #Millarden #Tausend zu demonstrieren und nur wie einhundert auszusehen. Zweitens: Nichts mehr zu #merken. Drittens: Mit #Drölfzig #Billionen #Millarden #Tausend zu demonstrieren und nur wie einhundert auszusehen!1!1!1 #Viertens: Wir können keinen leiden, der nicht auch ein #Lemming ist!1!1!«

»Das ist aber schade«, bedauerte Pinnie. »Was haben die denn gemacht, dass ihr sie nicht leiden könnt?«

Armando Rodrigo Norberto Diego Thiago von der flachen Meisenweide blickte Pinnie und Förgel abwechselnd an. Leise begann er zu zischen: »Es ist vollkommen egal, was diese #Personen machen!1!1!1 Wir können sie nicht leiden, weil sie nicht wie wir sind!1!1!1 Denn #wer nicht ist wie wir, dem trauen wir #alles zu!1!1!1 Und davon auch nur das #Schlechteste!1!1!«

»Aber was kann ich denn tun, um ein Lemming zu werden, wenn ich, mal angenommen, eine Biene wäre?«

»#Nichts!1!1!«, rief die Menge. Triumphierend drehte sich der letzte Larry zu den seinen. »Da hört ihr es: Nichts. Nada. Nitschewo. Nullinger. Und weshalb nicht, meine Getreuen?!?«

»Weil das #kulturfremd ist – Hashtag!1!1!«

»Gegen die #Natur – Hashtag!1!1!«

»#Außerdem sind wir schon genug – Hashtag!1!1!«

»Drölfzig Billionen Millarden Tausend nur #alleine hier im Wald – Hashtag!1!1!«

»Der Wald ist #voll!1!1!«

»Es droht die #Überzuckerung der #Gesellschaft!1!1!«

»Zuwanderung nimmt überhand #und schadet allen – Hashtag!1!1!«

Da zuckte Armando Rodrigo Norberto Diego Thiago von der flachen Meisenweide zusammen: »Wie war #das?!?«

»Tschuldigung Chef! Ich meine natürlich: #Hashtag!1!1!«

Pinnie kratzte sich an der Nase, wie immer, wenn er etwas nicht versteht. »Ich glaube, ihr habt vor irgend etwas Angst. Aber ihr wisst nicht wovor. Und ich weiß es auch nicht. Aber ich bin ja nur ein alter dummer Bär. Doch eines weiß ich: Furcht kann man entweder mit Honig im Tee herunter spülen oder zusammen mit einem Freund so lange zerteilen, bis sie so klitzeklein ist, dass sie der Wind weg weht. Habt ihr denn Freunde?«

»#Freunde?!? Wer braucht Freunde, wenn er Wölf… ich meine, wenn er Wolle hat!1!1!1 Wir sind im #Recht!1!1!1 Immer!1!1!1 Wir demonstrieren heute #machtvollst, weil man uns mächtigst seitens der Macht belogen hat! #Schamlos!! Dreist!!!«

Pinnie tat das schon ein bisschen Leid, denn er war ein gutmütiger Bär. Auch wenn die Lemminge so viele !1!1! benutzten, dachte er, dass es ganz gut wäre, ihnen allen mal einen Tee zu machen. Denn den ganzen Tag durch den Wald zu schreien, das lockt am Ende vielleicht wirklich noch Wölfe an. »Was ist denn passiert?«

»Major #Kiebitz und seine Gesellen haben #Dinge über uns gesagt!1!1!1 Absichtlich!1!1!1«

»Was soll das heißen: Über euch gesagt?«

»Das heißt, dass wir #am Boden waren und er über uns drüber gesprochen hat!1!1!1 Das prangern wir an!1!1!«

»Und wie oft ist das schon vorgekommen?«

»Du meinst: Mit heute?!? Ein #Mal!1!1!1«

»Und weil einmal jemand über euch etwas drüber sagt, demonstriert ihr?«

»Wir #demonstrieren im-mer, merk dir das !1!1!1 Es gibt im-mer etwas, gegen das man sein kann!1!1!1 Und da ist es die Pflicht jedes! einzelnen!! echten!!! Lemmings!!!, dagegen zu sein und zu demonstrieren!1!1!1 Das ist das #Einzige, wo wir #dafür sind!1!1!1 HASHTAG!1!1!«

Die anderen Lemminge erwachten kurz aus ihrem Dämmerschlaf, da sie Armando Rodrigo Norberto Diego Thiago nie wirklich zuhörten, aber bei diesem Ruf machten sie alle immer wieder gerne mit. »HASHTAG HASHTAG HASHTAG!1!1!«

»Wofür steht LEGIDA eigentlich?«, fragte Förgel vorsichtig.

»#LEmminge #Gehen #In #Den #Abgrund!1!1!«, antwortete ihr Gegenüber sichtlich stolz. Dabei wuchs er noch ein Stück und reichte jetzt fast bis an Pinnies Knie. »Eine stolze Bewegung!1!1!1 Eine mächtige Bewegung!1!1!1 Eine Zierde #von Bewegung!1!1!1 Selbst wenn wir #nur irgendwo herum stehen, sind wir bewegt!1!1!1 Doch weshalb willst du das eigentlich so genau wissen, häh?!? Wo kommst du eigentlich #her, #hm?!? Gehörst du etwa auch zu denen?!? Versuch es nicht #abzustreiten, wir haben dich durchschaut, schon längst #übrigens, har har!1!1!«

Förgel erschrak. Er hatte doch nichts gemacht außer zu fragen und nun gehörte er schon zu jenen denen? Und wer waren die eigentlich? »Aber ich, aber ich…«, stotterte er. Armando Rodrigo Norberto Diego Thiago unterbrach ihn jäh: »Rede dich #nicht heraus!1!1!1 Du bist einer von #denen!1!1!1 Oder #willst du behaupten, dass du zu #uns gehörst?!?«

»Also ich,… also wer,… also nein?«

»Ist das eine #Frage?!? Oder gleich eine #Lüge?!?«

»Ich weiß nicht? Pinnie: Habe ich gefragt oder gelogen? Wer bin ich denn eigentlich nochmal?«

Pinnie erschrak sich, weil er gerade darüber nachdachte, wie die Lemminge eigentlich ohne Honig leben, wenn sie die Bienen so hassten. »Förgel würde nie lügen. Er hätte viel zu viel Angst, dass man ihn für einen Lemming hält«, antwortete er. »Außerdem: Zu wem sollte er denn gehören, außer sich selbst?«

»Komm uns nicht mit solchen #dreckeligen #Fragereien!1!1!«, wütete der letzte Larry. »Wir wissen, dass ihr unter eine Decke steckt!1!1!1 Alle miteinander!1!1!1 Alle gegen uns!1!1!1 Major #Kiebitz, der Obwerwaldmeister #Schwanenhals und die Oile von der Presse, das #schwatzhafte Stück!1!1!1 Die drehen alles so lange rum, bis es nicht mehr nicht stimmt und keine #Lüge mehr nicht ist oder sein werden #geworden kann!1!1!1 HASHTAG!1!1!«

»HASHTAG HASHTAG HASHTAG!1!1!«

Pinnie wunderte sich. Was hatte Oile damit zu tun? Und weshalb war sie schwatzhaft? Er konnte sich an einen vierstündigen Nachmittagstee erinnern, in dem Oile genau drei Mal Jup! und zwei Mal gesagt hatte. »Na wenn das so ist«, sagte er, »wollen wir euch nicht weiter stören. Wo geht ihr nun hin?«

»Das geht dich gar #nichts an!1!1!1 Wir gehen, wohin wir wollen!1!1!1 Das wird man ja wohl noch spazieren dürfen!1!1!1 Aber wenn #ihr schon so fragt: Zum Nest von Major Kiebitz; versucht nur nicht, uns aufzuhalten!1!1!1 Wir liefern ihm eine donnernde #Antwort, die zeigt, aus welchem Material wir geschnitzt sind, und zwar moralisch, intellektuell, ästhetisch, ironisch, handwerklich, weltanschaulich und religiös: #Braun #gepresster #Zwiebackstaub!1!1!1 In Form eines gigantösen #Kuhfladens!1!1!1 Da wird er schon sehen, wie er guckt!1!1!1 HASHTAG!1!1!«

Unter lautem »HASHTAG HASHTAG HASHTAG!1!1!«-Rufen zog LEGIDA von dannen. Als Förgel bemerkte, dass sie in die falsche Richtung gingen, rief er ihnen dies noch hinterher, denn er war genau so eine Art Förgel. Doch Armando Rodrigo Norberto Diego Thiago winkte lässig ab.

»Wir gehen immer nur #rechts!1!1!1 #Rechts, #rechts, #rechts!1!1!1 Wenn man sich immer nur #Rechts hält, kommt man auch #rum in der #Welt, verläuft sich aber nicht!1!1!1 Außerdem haben wir auf unserem #Weg schon viele Spuren von Lemmingen gefunden, und #wenn so viele von denen hier bereits lang gegangen sind, kann das kein Irrweg sein!1!1!1 Außerdem wird die #Straße ständig breiter – #LEGIDA ist auf dem richtigen Weg!1!1!1 Uns gehört der Ring!1!1!«

Als es wieder still war, schauten sich Förgel und Pinnie erleichtert an. Noch immer saßen sie in ihrem kleinen Handwagen.

»Riechst du das auch?«, fragte Förgel.

»Ja. Es riecht nach Wolf und Zwiebackstaub«, meinte Pinnie. »Lass uns verschwinden. Irgendwann merken die es vielleicht von selbst. Aber uns geht der Honig aus.«

Letztes Kapitel, in welchem Förgel lernt, keine Angst mehr zu haben

Auf dem Weg nach Hause, an der weiß-rot-weißen Strippe entlang, über die nun papphutfreie Lichtung, vorbei am Rathaus und den Schachtelhalmen und dem Verbo-Schild, sprachen Pinnie und Förgel viel über dieses und jenes, aber auch welches und solches, wobei ihnen ersteres und letzteres viel kürzer vor kamen als der Mittelteil. Sie redeten über den Oberwaldmeister, und fragten sich, ob es klug sei, ihm zu nützen oder nicht doch besser dem gesamten Wald. Aber auch über die Schildkröten und dass es doch ziemlich albern aussieht, wenn man wie eine Eistüte auf Beinen herum läuft, Bienenwegweiser hin oder her. Und über LEGIDA und was man davon halten sollte.

»Ich denke ja, dass man sich überlegen muss«, meinte Pinnie.

»Ja«, antwortete Förgel an Pinnies Haustür, »das denke ich auch. Wer nicht überlegt, unterliegt. Ich für meinen Teil habe nun gesehen, dass man vor LEGIDA keine Angst haben muss. Ich meine, die laufen da ängstlich schreiend im Kreis und zählen können sie auch nicht. Wem können die eigentlich als Orientierung dienen?«

Pinnie nickte. Er war wieder einmal sehr erstaunt, denn immer wenn er dachte, dass Förgel ein kleines ängstliches Kerlchen war, packte er so eine Weisheit aus und verschenkte sie, weil Freunde das eben so tun, um sich gegenseitig die Angst zu nehmen.

»Förgel, versprichst du mir eines?«, fragte Pinnie, als sie sich verabschiedeten.

»Was denn?«

»Hörst Du bitte nie auf, ein echtes Förgel zu sein?«

»Na klar. Was sollte ich denn außerdem sonst sein?«

»Nicht mehr hier.«

»Das wird nicht passieren, Pinnie. Niemals.«

»Siehst du, Franz Konrad: Wenn du dir einen guten Freund suchst, wirst du immer einen finden, denn alle Wesen reinen Herzens sind stets dabei das selbe zu tun. Und natürlich nie ängstlich im Kreis laufen«, schloss ich meine Geschichte.

»Da hat er Recht«, brummte es.

Und wie ich so an den Kamin sah, stellte ich fest, dass Franz Konrad die Augen fest verschlossen und sich ein alter Bär von geringem Verstand fest an ihn gekuschelt hatte. So trug ich beide in ihr Bett, wünschte ihnen eine gute Nacht und ein gutes Förgel.

Schubél