#le0606 - War was?

Gleichmäßig fährt eine Stange nach oben, verhakt sich in der hochgeklappten Seitenwand eines Transporters und befördert diese ruhig nach unten. Keine Aufregung nirgends. Jeder Handgriff sitzt, Routine bestimmt das Bild.

Aus der Ferne klingen vereinzelte Megafon-Durchsagen durch den dufterblühten Abend herüber. Langsam beginnt der Verkehr wieder zu fließen. Die ritualisierte Aufregung hinterlässt den Zuschauer mit nur einer Frage: War was?

Immer wieder die selbe Frage: Was macht das hier alles mit mir? Routiniert gehe ich zu *GIDA-Demos, halte Augen und Ohren geöffnet, sammle Bilder, Worte, Gesten in mir an, versuche zu begreifen, was ich längst schon zu wissen glaube: So wie die will ich nie werden. Und doch bleiben Zweifel, denn was unterscheidet uns eigentlich?

Zwei Wochen zuvor: LEGIDA wird von den Dresdner Parias Festerling und Wagensveld gekapert. Die Leipziger Organisatoren, so sie denn tatsächlich noch in irgendeiner Funktion standen, sind nicht mehr wahrnehmbar. Die Hyänen wittern das waidwunde Tier und umkreisen es. Bachmann hat sein Rudel sauber gebissen, so müssen die Unzufriedenen nun in andere Reviere ausweichen.

Fünf Tage zuvor: LEGIDA kündig will das Organisationstreffen der Gegendemonstranten besuchen, Gemeinsamkeiten ausloten, schließlich sind wir ja alle gegen das System, irgendwie. Und weltoffen. Und tolerant. Ja, tolerant, das ganz besonders. Die Leute von »Platznehmen« reagieren schnell und eindeutig. Kurzerhand wird die Facebook-Ankündigung in »Kein Bier mit Rassisten« umbenannt und die werbenden Bilder modifiziert. Wenige Stunden später weicht das gemeinsame Vorhaben der Weltoffenheit bis zum Endsieg den wüsten Beschimpfungen. Immer schon habe man es gewusst: Mit diesen Linken ist kein Staat zu machen. Im Zorn übersehen sie den Bilder-Hack und werben noch heute für ein rassistenfreies Biertrinken.

Oder unterscheidet uns vielleicht gar nichts mehr als die Menge des Zulaufs zu unseren Ideen? Können wir füreinander empfinden, was wir voneinander erwarten? Etwas wie Respekt? Wie tiefe Gräben vermag dies zu überspannen?

Drei Tage zuvor: Festerling, Wagensveld und andere im Rathaus. So absurd die Idee eines Treffens mit »Platznehmen« war, so einfach ist dieser Medien-Stunt zu durchschauen. Man wolle mit selbst gebastelten Mistgabeln in der Stadt aufräumen und hier gleich beginnen. Das Trüppchen von trauriger Gestalt lässt sich von der Pforte zum Dienstzimmer des Oberbürgermeisters schicken. Dort reicht schon eine einzige, resolut auftretende Mitarbeiterin aus, um das Revolutiönchen an den Katzentisch der Tagesgeschichte zu verbannen. Sich selbst tröstend zieht man ab und lädt alles auf YouTube hoch. Erfolg ist, wenn man trotzdem spinnt.

Einen Tag zuvor: Es steht Eins zu Sieben. Gegen LEGIDA wurden von einer Fahrraddemo bis zu einer Philosophie-Vorlesung unter offenem Himmel ein breites Spektrum von Gegendemonstrationen in Stellung gebracht, plus »Platznehmen«, Kirche, Fastenbrechen auf dem Refugees-Welcome-Platz und weitere Akteure. Diese Stadt hat die Nase gestrichen voll. Die noch nicht vollends Weggedämmerten wehren sich beharrlich, wenn auch zusehens müde.

Dreieinhalb Stunden zuvor: Ich steige in den Tag wie in einen von Gewittern bedrohten See. Keine Routine stellt sich ein, obschon doch alles ist wie immer. LEGIDA sammelt sich am McDonalds im Hauptbahnhof. Die ersten bekannten Gesichter tauchen auf, müde wie meines, im Verdruss gehalten durch permanentes Nachgießen aus Bierdosen, fahl beleuchtet durch Smartphone-Displays. Die deutlich kleinere Menge hebt den Einzelnen automatisch heraus. Das passt vielen nicht, es lässt sich an ihren grimmigen Gesichtern ablesen. Kleine Grüppchen, heute noch stärker als sonst gegeneinander abgegrenzt, flottieren frei herum. Viele Frauen sind dabei, herrisch, verraucht, dominant. Um sie herum sammeln sich junge Männer, Söhne vielleicht oder deren Kumpel. Der Rest gehört zum »Team Rentenpunkte«.

Gestriger Tand und morgiger Müll

Alle warten. Doch worauf? Ein Signal zum Aufbruch oder wenigstens eine Person, die dieses geben könnte? In der Zwischenzeit treffen zwei Jungs ein, beide nicht älter als 16 Jahre. Sie haben Plastikrohre dabei, die so dürr sind wie sie selbst. Schon auf dem Bahnhof wollen sie diese als Halter für ihre Schlandwimpel zusammenstecken. Ein älterer Jüngling hält sie davon ab. Das Ritual besagt: Der Anmarsch zur Demo ist noch keine Demo und »Keine Demo« bedeutet »Keine Fahnen oder Transparente«. Nach einigem Hin und Her einigt man sich auf eine Auslegung. »Eine zusammengerollte Fahne ist im Grunde nur ein Stock mit Lappen«. Man schreitet zur Montage, doch dummerweise fehlt die geheime Zutat »Befestigungsmaterial«. Kurzerhand reißt der Ältere den Faden seiner Jackenkapuze heraus und knüpft Schland an PVC. Sächsische Innovationskraft und deutsche Opferbereitschaft werden hier groß geschrieben. Beinahe ist er mir sympathisch, als plötzlich zwei Punks vorbei laufen. »Ey, gugge mal! Zecken!!!« schreiflüstert er mit großen Pupillen. »Und gugge dir mal die Alte an: Die hat so richtig Speck an den Titten!«.

Festerling trifft ein. Mit großem Hallo und messianischem Leuchten strahlt sie den Haufen Langeweile an. Die sind alle wegen ihr hier…

(Oder nicht?)

…und möchten im Grunde, dass sie…

Heilige Tatjana der Schlachthöfe

…zu ihnen spricht.

Umarmung, Küsschen vielleicht, verschwörerisches Blicken. Schön dass ihr da seid. Schön, dass ich da bin.

Wir brechen auf. Die Polizei führt uns auf Nebenstraßen Richtung Versammlungsort. Vorbei an ehemaligen und noch betriebenen Hotels, vorbei an der mit schweren Gittern verriegelten Synagoge, vorbei an gentrifizierten Innenstadthäusern, immer weiter, immer fort, durch steinerne Kanäle, gestriger Tand und morgiger Müll.

»Du siehst wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden«

Pfeffi-Schnaps und fahle Haut – Sachsen ist Grün-Weiß. Blau-Gelbes Leipzig: Mentale Zustände und Bier als ihr Verursacher. Umweg an Umweg durch beinahe Menschenleere Straßenschluchten. Ein repräsentatives Hinterland sach- und fachgerecht entstandener Parkraumknappheit. Einige entrollen Fahnen, werden aber schnell von der Polizei wieder an die Auflagen erinnert. Nur der Strippen-Boy winkt verstohlen mit einem Lappen hin und her und schaut sich verstohlen um.

Wir kommen auf dem Platz vor dem Naturkundemuseum an. Unterwegs hatte jemand »Danke Polizei« gerufen und wurde stracks belehrt, dass diese Fraternisierung mit der Staatsmacht unangemessen sei. Ich denke: Das war nicht immer so. Auch die Menge der hier herum Laufenden entspricht nicht im Ansatz dem, was die Stadt schon erdulden musste. Vielleicht 80 Personen, höchstens einhundert, trudeln vor der LEGIDA-Bühne ein. Mit Applaus bedacht, aber alle enttäuschend. Ungläubige Blicke. Das soll alles sein? Nach dem ersten Schock wieder die rettende kognitive Dissonanz: Hoffen auf die Dunkelheit, einen Herbst, auf ein nächstes Jahr, auf ein »Die werden schon noch sehen!«, das für mehr Zulauf sorgen soll. Die Festung PeLeGida passt heute auf einen 300m² großen Parkplatz vorm Naturkundemuseum. Im Verlauf des Abends werden es um die 350 Teilnehmer.

Bässe wummern. Man spielt die Dresdner PEGIDA-Hymne, vokal eingeleitet durch ein Bachmannsches »Dresdn zeigt wie‘s geht!«-Knödeln. Links und rechts der Bühne: Dresdner Redner. Um die Menge patroullieren Dresdner Ordner. Neben dem Verkaufsstand für Fraß und Suff entrollt man ein Banner der »Festung Europa«. Läuft bei den »Leipzigern gegen die Islamisierung des Abendlandes«. Volksaufstand im Remix, mit den Besten Shits der Sechziger, Siebziger, Achtziger und den Dämlichsten von heute. Eine Modernität wird suggeriert, die altbackener als die Findlinge am Rand des Museums ist. Der Kaiser ist nackt, niemand will es bemerken müssen. Hatten ja früher selber nix.

Aus der Ferne, wie dunkles Donnergrollen, kündigen sich die Gegenproteste an. Als sie eintreffen, verlieren die GIDAs augenblicklich den letzten Rest Konzentration. Noch immer passiert nichts auf der Bühne und niemand der Granden macht auch nur im entferntesten den Eindruck, dass sich hieran in naher Zukunft etwas ändert. Kollektiv schwenken die Ersten zum Fahrbahnrand, endlich ist etwas los. Auf den Straßenbahngleisen gegenüber versammeln sich aus dem Stand mehr Leute, als sich bisher auf zu LEGIDA verirrt haben. Laut. Trommelnd. Rufend. Dr. Pawlow auf der Bühne befiehlt die Reflexgesteuerten zurück. Mit »Lasst die doch! Kommt wieder her! Das haben wir nicht nötig!« versucht er, seine Schäfchen wieder zur Herde zurück zu führen, aber die meisten kümmern sich einen Scheiß darum, was dieser Fatzke zu sagen hat, denn dort, auf der anderen Seite, keine zwanzig Meter, keine zehn Bullen entfernt, steht der wahre Feind: Die Taugenichtse, die Versifften, die Verblödeten, die ungefickten Kinderlesben, Bimbos, Dauerstudenten, Homos – Die Linken! LEGIDA balanciert auf der Datumsgrenze der guten Laune, angesiedelt zwischen der Verachtung des Heute, des Zweifelns am Morgen und einer kleinkindhaften Schwärmerei fürs Gestern. Als das Wünschen noch geholfen hat. Oder das Abholen und Totschießen. Lieber solch einen Feind als gar keinen.

Langsames Herunterkommen, den Gegner stets im Blick, kehrt man an den zustehenden Platz im Weltgefüge zurück. Das Mässchen ist so übersichtlich, dass die üblichen Protagonisten auch hier sofort zu erkennen sind: Queeny Festerling, die Menschen haifischhaft abholend. Wagensveld mit Zahnbürste am Revers und Sendungsbewusstsein im Lachfältchen. Stephane Simon, der cholerische Franzose mit Disziplinfetisch. Alexander Kurth, Beerdigungsredner aller rechtsnationalen Erhebungen von hier bis zum Sudan. Silvio Rösler, die Reichsbommelmütze, ehemaliger LEGIDA-Vorturner, dort heraus gedrängt, nun weiße Raben züchtend und unheilsschwanger in die politische Landschaft raunend. Anne Zimmermann, schwankend, staksend, grinsend. Arndt Hohnstädter, hauptberuflich seriös, nebenberuflich Sumpfschlumpf. Sandro Oschkinat, Dorfdisko-Demokratie-Demonteur. Christina Wienecke, schwarzhaarig. Die »LEGIDA-Familie« mit großen und kleinen Kindern, heute mal wieder keinen Ordner stellend. OfD-Heidi, mit Schweineköpfen auf einem Brett balancierend. Der Mann von der sachsen-anhaltinischen »Rechten«. Alle sind sie da, die Nationalmannschaft der verbrannten Moral, breit aufgestellt, ein in der Tiefe braun schimmerndes Panini-Album des Grauens, menschgewordenes Ergebnis eines verfehlten Medienkonsums in Tateinheit mit Herzlosigkeit.

Viele Reden, ein Tenor: Alle doof außer wir. Oder: »Blubb. Blubb. Blubb. Wiedastant. Blubb. Blubb. Blubb. Ausmisten.« Festung LEGIDA langweilt sich mit Angstphantasien. Festerling, die längst schon alle Masken der Diplomatie, des Anstandes und der Menschlichkeit hat fallen lassen, im Modus der ständigen Wiederholung. Während sie redet, versuchen GIDAs Medienvertreter an ihrer Arbeit zu behindern. Sie stellen sich mit Regenschirmen vor die Kameras oder verwickeln Tonleute in brüllende Sinnlosdiskussionen. Ja, man will als politische Bewegung Gesicht zeigen. Aber nicht jedem. Fotografen, die Fotografen fotografieren. Eine Gesellschaft in permanenter Lauerstellung.


Noch immer gilt: Ich nehme Festerlings Kriegserklärung nicht an. Und doch kocht Wut in mir hoch. Dreiste Verkürzungen, argumentative Blutgrätschen, rücksichtsloses Verdrehen der Tatsachen, Glaube als Wissen verkleidet, entschlossen vorgetragene Dummheit macht mich immer erst einmal sprachlos, was dann zu der Illusion führt, das Gegenüber habe wohl recht. Denke ich in Ruhe darüber nach, bemerke ich das gelebte Scheinriesentum dieser Argumentationen. Die Redner begeben sich in die Opferrolle, sehen sich um etwas betrogen, dass ihnen doch exklusiv zustünde – Wohlstand und Macht – schließlich sind sie Deutsche, Leistungsträger, Volk oder irgend eine andere verzichtbare Etikettierung von Substanzlosigkeit. Redepausen von der Länge eines »Jawoll!« wollen Affirmation und ernten Peinlichkeiten. Was sie sagen, wie sie es sagen, wem sie es sagen erinnert an das Tschilpen von Spatzen unter dem Tisch eines Innenstadtbäckers.

Ein Bild: Zwei Männer machen ein Selfie mit einem verwirrt scheinenden jungen Mann mit dunkler Haut. Sehe es vor mir, wie es später als Gegenbeweis zum Rassismus und Antisemetismus-Vorwurf im sozialen Netz erscheint. Nach der letzten Rede wendet sich die Menge zum »Spaziergang«.

Eine blonde, gut gekleidet Frau fasst das eben Gehörte zusammen: »Du wirst dann nicht mehr mit Weißen ficken dürfen, irgendwann wirst Du dazu verpflichtet, einen schwarzen Schwanz in dich rein stecken zu lassen!«. Das Vulgäre, mit der sie diese Obszönität pressend ihrem Begleiter entgegen empört, scheint hier beinahe etwas erotisch Erwünschtes zu besitzen. »Schwarzer Schwanz«, kehlig, tief, dunkel, die Unterlippe auf der oberen Zahnreihe belassend, zweimal vorgeblich weltekelnd betont auf »Schwa«. Wie überhaupt alle Themen sich nur um die Lust am Untergang drehen: Überfremdung. Kulturaustausch. Abschlachten. Vergewaltigen. Die Phantasie der Teilnehmer ist ein einziges Snuff-Video voll Blut, Schweiß und Sperma. Und jeder darf mal dran riechen.

Ein alter Mann, politisch Alles und Jeden korrigierend: »Die Ausländerbehörde in Borna wird abgeschafft. Das heißt dann Rückführungsbehörde!«

– Genau! Alle wegschaffen von denen!

– Die verteilt dann an jeden eine Jurte, Brot und Wasser.

– Und wenn die Arbeiten, können sie sich ja auch was kaufen, für aufs Brot

– Es soll ja ein paar geben, die hier korrekterweise arbeiten. Die können ihr Geld behalten. Aber der Rest ist dann ein Fall für die Rückführungsbehörde. Ich arbeite da auch gerne mit, auch ehrenamtlich. Habe ich damals auch gleich dem Landrat gesagt.

– Höhöhö. So isses!

– Die Logistik, da gehört ja auch die Logistik dazu, das muss organisiert werden.

– Was haben die da gesagt in den Nachrichten: Die nächsten stehen schon wieder vor der Tür!

EINE MILLION! – hat der de Maiziere zugegeben – EINE MILLION! sitzen in Lybien am Strand und machen Urlaub. Und wenn der sagt »Eine Million«, sind es garantiert zwei!

– Das sind das garantiert zehn Millionen!

– Aber nur in Lybien!

– So isses!

– Und dann kommen die ja noch von weiter unten dazu!

– Die warten bloß drauf! Da wirste wohl Platz machen in deiner Wohnung!

– Da machen wir gar nüscht mehr: Da müssen wir an die Gewehre! Da müssen wir an die Kalaschnikows!

– Hast du deine schon frisch geputzt oder müssen da noch ausgebildete Soldaten ran?

– Das kann ich schon noch selbst! Wir MÜSSEN das selbst machen. Wir können da nicht mit einer Kerze in der Hand da stehen.

– Das hätten wir gleich machen müssen, mit den Gewehren. Schon am Strand.

– So isses!

Und immer die gleichen Sprüche: »Wir wollen keine Asylantenheime!«, »Wir sind das Volk!«, »Lügenpresse!« »Antifa Hurensöhne«, »Volksverräter«, »Merkel muss weg!«. Die Gegendemonstranten lassen nicht nach, während sich GIDA an Splatterphantasien berauscht.

– Guggse dir an, die Arschlöcher! Die feigen Schweine!

– Da machen wir mal eine Liste. Da kommen die drauf, da kommen die ALLE drauf! und wenn sich die Zeiten ändern, dann…

– Da gibt‘s doch schon eine Liste, Mensch!

Ein alter Mann drapiert die Menge: »Die Fahnen ein bisschen verteilen! Damit die nicht alle auf einem Platz stehen«. Identitäre Seitenscheitel brüllen »Schließt euch an!« und »Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen«. Die Akustik in der engen Straße ist gut, man gefällt sich als Marschbrüllkörper. p(linksklein). »Macht die Grenze dicht – Festung Europa!«.

Wie seltsam unempfindlich ich werde, angesichts der immer wieder gleichen Sprüche. Langeweile und der Wunsch nach Ablenkung steigen in mir auf. Menschen fachsimpeln über Atomwaffen, den NATO-Putin-Konflikt, Verwandte und Bekannte im »Westen«, die noch immer nicht demonstrieren, das einlullende Fernsehprogramm. Der Strippentyp vom Bahnhof sieht einen Gegner und schwärmt sich wieder ein: »‘ne Zecke!«. Leider kann er nicht ausschwärmen, trägt er doch eine Ordnerbinde.

»Multi-Kulti-Endstation!«

Neben dem Zoo stehen Wasserwerfer, das tropfende Rohr auf GIDA gerichtet. Man bemerkt es, ist sich aber sicher, dass es an der Rückseite noch andere Düsen gibt, die auf die Gegendemonstranten gerichtet sein muss – alle drei, die an dieser Stelle mit Fahrrädern stehen.

»Heute seid ihr tolerant – Morgen fremd im eigenen Land!«

Vor der Michaeliskirche wird die Menge per Megafon an die Auflagen erinnert: Es solle Ruhe herrschen. Kurz vorher wird noch ein »Grenzen dicht!« skandiert. Die blonde Frau und ihr Begleiter fachsimpeln über den Zusammenhang von Gegendemonstrantenversifftheit und lokalem Studienangebot. Schnell kommt man überein, dass hier ja nur Geisteswissenschaften angesagt sind (»Sind das überhaupt echte Wissenschaften?«), währenddessen die richtigen, die Ingenieurswissenschaften vernachlässigt werden. Ja, Toto, du bist wahrhaftig nicht mehr in Kansas-Dresden.

»Wir sind viele, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!«

Plötzlich Schreie nach der Polizei. Der Lautstärke und der Aufregung nach zu urteilen kann das nur eines bedeutet: Es brechen Tiger, Löwen, Hyänen und Otter aus dem Zoo aus. Vielleicht auch Spinnen! »Verhaften! Verhaften! Verhaftet sie da oben!«. Ordner fordern zum Weitergehen auf und leiten die Menge an etwas vorbei. Eine Blutlache, Knochensplitter, Reste von Hirn und Haaren, Gliedmaßen, alles in einer fetten Soße aus Körpersäften – erwartete ich. Doch nicht der Anblick menschlicher Endlichkeit lässt die Menge eskalieren, sondern kleine flüssigkeitsgefüllte Ballons. Von irgendwo her fliegen sie auf die Strecke, gefüllt mit linksversifftem Leitungswasser. Schnell glaubt die Menge den Herkunftsort zu kennen: Offene Fenster. »Rot und Grün ergibt Braun!«, kreischt ein bärtiger Mann mehrmals von unten nach oben. »Rot und Grün ergibt Braun, ihr Nazis!«

»Wo sind denn die Bullen?«, wundert sich der Logistiker des Rückführungsamtes. »Früher hätten wir gestürmt!«. Sein pitbulliges Auftreten lässt keinen Zweifel daran, dass er bei solchen Aktionen schon öfter dabei war, früher, wo die Zeiten besser, die Sache klarer war. »Rotfaschisten! Da oben sinnse!«, ist er sich sicher. Leute schauen von der Dachterasse. Keine Ahnung, ob sie etwas damit zu tun hatten, aber Beweise oder Wahrheit sind in dieser Phase des Wahnsinns irrelevant.

– Rotfaschisten! Die Drecksauen!

– Für eure Bolschewisten-Genicke gibt es hier unten noch genug Bäume!

– Springt! Springt doch!

Alexander Kurth stimmt einen eigenen Chor an: »Hausbesuch! Hausbesuch!«. Einige nehmen das gerne sofort wahr. Noch bevor die Polizei da ist, rammelt ein vollkommen entrückter GIDA gegen die Haustür. Scheiben wackeln, halten jedoch. Schnell sind die Ordner da. Der Strippen-Boy muss mit all seiner Kraft den wilden Stier vom Haus entfernen. Gemächlich traben Polizisten herbei. Vielleicht sollten sich die Linken auch einmal zu einem unverhohlenen Lynchmob formieren, dann hätten sie wenigstens ihre Ruhe vor den Unifofmierten.

»Ob Ost, ob West, nieder mit der roten Pest!«

Pferdestaffeln. Hamburger Gitter. Vor der Kirche harren seit geraumer Zeit Gegendemonstranten aus. Nach der kurzen GIDA-Dusche ist ihr Moment gekommen. Druckvoll trillern sie aus einiger Entfernung gegen den Zug. Der Stresslevel steigt, GIDA schwebt für einen Moment zwischen Nichts und Allem. »Hier muss man sich alles gefallen lassen! Die Linken, die werden hier doch gezüchtet in Leipzig!«, weiß der Logistiker zu berichten. »In Connewitz haben se ja sogar die katholische Kirche durch den Dreck gezogen! Aber die werden ja von der Polizei gedeckt, vom Merbitz, dem alten Kommunistenschwein!«. Im Osten nichts Neues. Viel interessanter ist aber, wem er das alles erzählt. Hinter dem Demozug trottet Hohnstädter über die Straße. Der Gesichtsausdruck ist jenseitig. Für einen Moment erinnert er mich an Franz Beckenbauer, wie er 1990 nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft ikonenhaft über den römischen Rasen schreitet. Nur dass der »Kaiser« seinerzeit keinen verrückt gewordenen Oppa an seiner Seite hatte, der die ganze Welt in Flammen versetzen will, um auf ihre Asche pinkeln zu können. Ob ihm dort, kurz vorm Wendepunkt der Hass-Faschingsparade klar wird, dass er der spiritus rector einer Horde von Knallflanschen ist, die man eigentlich lieber von hinten sieht?

Auf dem Rückweg: Der großtmögliche Gegensatz. Es herrscht Stille. Keine Gegendemonstranten für die nächsten 200 Meter. Man singt die Hymne, entspannt patriotisch, schief, laut, inbrünstig, ganz Kulturvolk. Ein dünnes Kerlchen mit Fahne, erzählt einem Typen in einem knallbunten Hemd, dass er es als Ehre empfände, sollte er von diesem Staat als Volksverhetzer angeklagt werden. »Was ich nicht verstehe: Wenn ich an eine Hauswand „Tötet alle Moslemschweine” schreibe, bekomme ich eine Anzeige. Wenn jemand „Tötet alle Deutschen, tötet alle Christen” und so weiter – keine Anzeige. Verstehe ich nicht! Hat einer im Ruhrgebiet an einer Kirche gemacht. Aber ich sag mal so: Das Ruhrgebiet ist ja schon fast verloren.«

Die Menge trottet weiter. Ab und an schaut ein Gohliser aus dem Fenster, mehr belustigt als begeistert. Zeit sich zu sammeln. Frauen schimpfen auf all die fremden Vergewaltiger. Der Logistiker schwelgt in seinen Ausführungen zwischen Altenburg, Altona und Alma-Ata. Das dünne Fähnchen ruft »Wir haben euch trotzdem lieb!«, weil er die faulen Zuschauer an den Fenstern so herunter zu ironisieren glaubt. Das Megafon stimmt ein »Merkel muss weg!« an. Jemand erzählt, dass das Blödsinn sei, denn die Kanzlerin ist nur eine Marionette. Von? »Den Amerikanern, dem Establishment, der Weltelite (in Anführungsstrichen), also den Großbankiers Rockefeller, Morgan, Deutsche Bank, Fitschen, BMW und Co.« Und natürlich: Die Bilderberger, die so dreist sind, und sich in Dresden treffen, der »…Höhle des Löwen!«

– Warum ausgerechnet dort? Ich denke, das ist eine gezielte Provokation.

– Vielleicht ist das ja auch ein ganz geschickter Schachzug. Wenn du deinen Gegner nicht besiegen kannst, kauf ihn.

– Wir lassen uns doch von denen nicht kaufen!

– Naja, du persönlich jetzt vielleicht nicht…

– …denkste vielleicht, Tatjana lässt sich kaufen? Oder Bachmann? Oder die AfD lässt sich kaufen? Wahrscheinlich werden sie bei dem Treffen den nächsten Kanzler wählen. Merkel ist verbrannt. Jetzt werden sie uns von der Leyen vorsetzen, da können wir gleich weiter demonstrieren!

– Ach schau mal: Gegendemonstranten!

– Ich würde gerne mal einen von den rausholen und dann sagen: Los, argumentier mal! Innerhalb von einer Minute hätte ich den erledigt. Die haben keine Argumente. »Deutschland weg« und was dann?

So geht es weiter, so geht es zurück, so geht es bergab. Merkel hat die Grenzen geöffnet, weil jemand aus Washington angerufen hat. In der Bibel steht im letzten Kapitel schon all das, was hier passiert. Schmelztiegel-Nationen funktionieren nicht, siehe USA. Aber da hat man halt mehr Meinungsfreiheit. Kann man sogar den Holocaust leugnen oder »Mein Kampf« lesen. Passiert nix. Von allen Seiten schwappt es auf mich ein. Überall ist besser als hier. Überall ist es schlechter als hier. Hier ist überall. Man kann Kulturen nicht vermischen. Wir sind die Besten und haben nur das Beste verdient. Aber: Ab 10% Moslemanteil wird es kritisch, Brandanschläge, Selbstmordattentate, Scharia. Aktuell stehen wir bei sechs (offiziell), realiter also bei acht. Frankreich steht bei 15%, da werden die Leute auf der Straße vergewaltigt, steht so im Koran, sind Schlampen, alles nicht so schlimm nach deren Lesart. Wir müssen JETZT handeln. Eine Minderheit kann eine Mehrheit besiegen, wenn die nicht organisiert ist. Siehe Nazis. Der Spaziergang ist vorbei.

Die Wahrheit labert auf dem Platz und ein GIDA-Spaziergang dauert viel zu viele Minuten. Jetzt soll der zweite große überregionale Akt zünden, doch der Funke mag nicht überspringen. Der Holländer spricht. Festerling muss sich wiederholt das Gähnen verkneifen, weil Wagensveld kurz vor der Agonie steht. »Wir wollen „Made in Germany”. Hier wird Deutsch gesprochen«, meint er im phonologischen Geknote eines EM-Endrunden-Nichtteilnehmers. Der Weltgeist pinkelt sich vor Lachen in die Hose. Als gelernter Ossi denke ich mir hinter jeden Satz ein »Aber nicht überbieten!«, das macht die Sache erträglicher. Dann noch »Der Lange aus Roßwein von der Bürgerbewegung „Roßwein wehrt sich gegen Politikversagen”«.

Die Rede ist so inspirierend wie der Kampfname eingängig. OfD-Heidi verteilt Handzettel, während von der Bühne gegen die böse Presse gewettert wird. Kichernd drückt sie mir einen in die Hand. Offenbar will man die Schweineköpfe nachher noch beim Fastenbrechen zu den Muslimen bringen, so als Zeichen der Weltoffenheit. Von der Bühne lobt man Akif Pirincci, den wohl integrierten Türken; Xavier Naidoo, der nicht-rechte Nicht-Biodeutsche; Willi Wimmer, Politiker unter Kohl, heute als Verschwörungstheoretiker verschrien; Vera Lengsfeld, die weitsichtige DDR-Bürgerrechtlerin, die besser mal auf die Straße kommen solle! Klar ist: Das sind alles keine Rassisten hier! Wie auch!

Die Uhr zeigt 21:49 Uhr. Fußlahme Schmerbäuche in karierten Cargo-Bermudas stolpern die Hymne in den Abendhimmel. Sitzend. Das war #le0606. War was?

Eine Woche später begeht Bachmann in Dresden einen vielleicht folgenschweren Fehler. Er bringt die Neu-Leipziger Renegaten gegen sich auf, die in ihrer Wahrnehmung heldenmutig gegen die Bilderberger-Konferenz angestürmt waren. Bachmann selbst bezeichnete das als sinnlose Aktion, wohl wissend, dass er seine fußlahme Truppe zu nichts anderem mehr als einen Dresdner Kreislauf durch die Fußgängerzone zu mobilisieren vermag. Im Netz dämmert die Nacht der langen Statements. Wagensveld, Festerling, Däbritz, Bachmann, PEGIDA, Herr Schmidt sein Hund, Frau Meiers Kuchengabel, alle fallen sie übereinander her. Ein Mount Everest schmutziger Wäsche rechnet sich virtuell gegenseitig ab. Es werden Fragen gestellt, die GIDA nicht gefallen können. Fragen nach der Finanzierung der ganzen Chose, nach Konzepten für die Zukunft, nach der Wirkmächtigkeit des PeiFaZ Bachmann, dessen desolater Zustand vielen schon lange aufgefallen war. Hatte nicht mal wer von Parteigründung gesprochen? Nichts scheint unmöglich. Vor allem aber zerlegt sich GIDA selbst.

Zwei Wochen später: Bachmann kann nun nur noch Mimimi. Die gesamte Veranstaltung dreht sich substanziell einzig um die Vorwürfe gegen den Maximo Lóser. Je schwächer der Leitwolf, desto gieriger das Rudel. Badewannengroße Popcornportionen werden benötigt, um das alles angemessen würdigen zu können.

Ist bald alles vorüber? Kann GIDA sich nochmals aufraffen? Ich weiß es nicht. Zu viele Faktoren spielen hier hinein, nichts davon ist steuerbar. Klar ist, dass die Chance auf eine Marginalisierung der GIDAs heute so günstig steht wie nie zuvor, wenn die Gegenproteste nicht nachlassen. Damit ist aber nicht gesagt, dass ihre Einstellung weg wäre. All der Hass, die Ablehnung, die Suche nach der Zerstörung all dessen, was sie nicht verstehen, macht die GIDAs brandgefährlich. Ein kleiner Funke genügt und schon stehen sie wieder auf der Gasse. Wir müssen wachsam bleiben, solidarisch, entschlossen. Wir haben nur diese eine Stadt, nur diese eine Zeit. Lohnt es sich, dafür zu kämpfen? Ich weiß es nicht. Aber DIE sollen beides nicht in ihre Hände bekommen. Sie haben sie lange genug mit ihrem autoritären Gehabe beschmutzt, mit Anmaßung überzogen und in Regeln gepackt, die gestern, heute und morgen falsch waren, sind und sein werden.

Alles hängt mit allem zusammen. Nur der Duft der Linden, der war immer schon hier. Ansonsten: War was?

Schubél