Jamal Engel: „Es ist eine Schande, was hier passiert ist“

Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Orte für ein Interview. Wir treffen Jamal Engel, den Vorstandssprecher und Vizepräsidenten der „SG Leipzig Leutzsch“ in Reudnitz, wo er im Rahmen der Aktionswoche „Sag NEIN zu Nazis“ als Referent zu Schülern einer Mittelschule spricht. Die Schüler hängen ihm an den Lippen. Jeder hier kennt ihn, Fußball ist im Leipziger Osten eines der wenigen Kulturangebote, für die man kein Geld, sondern nur eine Wiese und einen Ball benötigt. Das Viertel ist klamm, die Rechten sickern seit Jahren praktisch ungehindert in einen fruchtbaren Boden ein. „Der Jamal“ ist einer, der sich dagegen stellt, ganz besonders gegen den Alltagsfaschismus, der auch in seinem Stadion Fuß zu fassen versuchte. Er spricht ihre Sprache und versteht es, mit einfachen Worten Wege aus der scheinbar ausweglosen Situation zu weisen.

Herr Engel, Fußball und Politik – Immer wieder werden Stimmen laut, die dem eine Unverträglichkeit attestieren. Und nun sprechen sie hier gegen Nazis an. Hat das eine nun doch etwas mit dem anderen zu tun?

Zuerst sollte man sich fragen: „Was ist das, Politik?“. Betrachten wir es als das, was Politiker im Parlament tun, also das Beschließen von Gesetzen und Verordnungen, dann ist das viel zu eng gedacht. Niemand darf per Parteientscheid über den Ausgang von Sport entscheiden, das ist klar. Aber Politik ist viel mehr. Politik ist überall, sie ist der Rahmen, in dem wir uns als Gesellschaft bewegen. Und natürlich auch Sport treiben.

Wieso sehen das so viele Fußballfans anders als sie?

Leider hat Politik einen schlechten Ruf, gerade hier im Osten. Sie kommen von hier?

Ja, ich bin gebürtiger Leipziger.

Dann verstehen sie, was ich meine. Politiker werden als Störkraft empfunden, die oktroyieren statt gestalten. Früher fand das unter folgenden Gesichtspunkten statt: „Der Sozialismus soll Sieger sein“ und „Hauptsache ich bekomme in der Mangelwirtschaft meinen Luxuskram“. Das ist es, was heute noch als Politik verstanden wird: Jemand ist gierig und unlauter, hat aber Macht. Eine fatale Kombination.

Fußball in Leipzig ist seit jeher mehr als nur eine Sportveranstaltung; jahrelang tobte hier zu Zeiten der DDR ein reges Tauziehen. Auf der einen Seite standen die Staatsoberen, die mit der sozialistischen Überlegenheit im Volkssport das verbeulte Renommee ihrer Politik zu kaschieren versuchten. Dem gegenüber befanden sich die Fußballfans, denen diese Instrumentalisierung und die dadurch entstehenden Schräglagen gehörig missfielen. Bildete sich im Westen Ende der Sechziger eine Außerparlamentarische Opposition auf den Straßen und in den Hörsälen, so fand dies im Osten auch auf den Stehplätzen des Stadions statt. Ein klassisches Demokratieverhalten attischen Ausmaßes.

Lassen sie uns zu den Vorkommnissen des Pokalspieles gegen den Roten Stern Leipzig kommen…

…eine hässliche Sache. Aber gut, nur zu.

Fans ihres Vereins haben den Gästen faschistisches Gedankengut entgegen gebrüllt. Es ist vereinzelt zu deutlichen Gesten und Parolen gekommen. Wie bewerten sie das unter dem Gesichtspunkt der vorgeblichen „Politiklosigkeit“?

Sie haben recht, das ist ein ganz dunkles Kapitel, und es erfüllt mich noch heute mit Wut und Scham. Aber ich will hier nichts beschönigen: Ich habe keine Ahnung, wie es hier so weit kommen konnte. Der Verein arbeitet mit vielen Institutionen gegen Rechts zusammen, schafft langfristig Strukturen gegen diesen Schmutz – und dann das. So etwas macht ratlos.

Im Internet war vielerorts zu lesen, dass die Gruppe der gegnerischen Fans durch ihre politische Ausrichtung provozieren und auch zukünftig immer wieder solche Vorfälle anziehen werden. Der RSL bekennt sich offen zu links. Wo stehen ihre Leute? Wo stehen sie?

Mein Engagement wie hier, an dieser Schule, spricht da sicher für sich. Wenn ich mich nur hinter wohlfeilen Worthülsen verstecken oder mich an diesen, von ihnen genannten abstrusen Provokationstheorien beteiligen würde, wäre die Sache sicher weniger eindeutig. Man muss klar Stellung gegen Rechts beziehen, alles andere hieße mit dem Übel zu kungeln. Ich möchte hier ein Bild bemühen: Eine Frau ist niemals an ihrer Vergewaltigung Schuld, weil sie mit ihrer Kleidung provoziert. Ich sehe hier eine ganz klare Analogie in den Fußballstadien. Die gedankliche Ausrichtung einer Menschengruppe kann nicht ernsthaft als Provokation dargestellt werden, wenn sie im Kern aus Antirassismus, Antichauvinismus und Antisexismus besteht. Es sei denn, wir befinden uns in einer Gesellschaft von Unmenschen und Verbrechern. Aber das tun wir nicht. Hoffentlich.

Und dennoch erschallten Sprechchöre wie „Wir Leutzscher sind arisch, teutonisch und barbarisch“ durch ihren Sportpark. Interessanterweise sind sie der einzige der Vereinsführung, der sich hierzu äußert.

Wissen sie was: Das verstehe ich auch nicht. Ich habe zwar seinerzeit von den Aktionen nichts mitbekommen, aber als im Nachhinein Presse und Internet über die Geschehnisse berichteten, bin ich hellhörig geworden und habe ein paar Leute kontaktiert. Was ich da zu hören bekam, ist für mich heute noch unfassbar. Es ist eine Schande, was hier passiert ist.

Distanziert sich der Verein von diesen Geschehnissen?

Distanzierung ist doch auch nur ein anderes Wort für Wegsehen. Wenn ich mich distanziere, nehme ich Abstand. Schauen sie mal nach Dresden. Der dortige Verein kommt aus dem Distanzieren gar nicht mehr heraus. Irgendwann hat er dann die Erde umrundet und steht wieder am Ausgangspunkt, nur diesmal mit dem Rücken. Nein, diese Phrase „Wir distanzieren uns“ ist viel zu wenig, da fehlt die Überzeugung. Vielleicht ist das auch ein Punkt, weshalb es so inflationär gebraucht wird: Es kostet nichts und stellt die Medien sowie den Verband ruhig. Das ist nur Aktionismus für Rückgratlose.

Drei kleine Jungen in grünen Trikots nähern sich, Engel winkt sie heran und gibt Autogramme. Sieht so ein Nazi aus? Oder wenigstens jemand, der eine unangenehme Wahrheit vertuschen will? Der Gedanke daran fällt schwer, dennoch drängt sich der Verdacht auf. Nicht gegen ihn als Person, jedoch gegen das, wofür er steht: Für einen Fußballverein im Osten Deutschlands. Dass in Leutzsch die gleichen Probleme wie anderswo herrschen, entschuldigt die Sache nicht, lässt aber den Schluss zu, dass hier strukturell etwas nicht stimmt. Engel stemmt sich gegen den Trend. Einsam.

Mit wem haben sie im Nachgang gesprochen? Was hat man ihnen gesagt?

Zuallererst natürlich mit den Leuten vom Roten Stern selbst. Ich habe dort selbst ein paar Jahre gespielt, von daher kennt man mich dort auch. Und auch mit damals anwesenden Presseleuten und einigen Besuchern. Wussten sie, dass eine Abgeordnete und ein Leipziger Stadtrat mit im Stadion waren?

Ja, das stand in der Zeitung.

Das waren harte Momente für mich. Monika Lazar (für die Grünen im Bundestag – Red.) hat mir von weiteren Ausfällen berichtet. So sollen beispielsweise einige „Wenn das der Führer wüsst`, was Chemie Leipzig ist, dann wär`er nur in Leutzsch, denn Leutzsch ist deutsch” gesungen haben. Wer weiß, was da noch gefallen ist und nur nicht dokumentiert wurde.

Im Netz kursiert auch ein Video, dass Bilder vom Spiel zeigt und mit entsprechenden Rufen unterlegt ist.

Das ist schwierig, weil es keine genaue Zuordnung ermöglicht. Die Sprechchöre können irgendwann aufgenommen worden sein. Das muss nicht beim Spiel gegen die Sterne geschehen sein.

Aber es gibt Stimmen, die die Existenz dieser Aussagen bestätigen.

Das streite ich auch nicht ab. Ich meinte nur, dass es schwierig ist, da wir hier keine „Täter“ benennen können. Es handelt sich also eher um eine formaljuristische Schwierigkeit, die in eine moralische übergeht. Darüber hinaus gedacht ist es an sich schon eine Schande, dass solche Sprüche überhaupt fallen!

Das Sportgericht hat die SGLL von den Vorwürfen freigesprochen, weil es sich nicht von seinen Restzweifeln an den Vorkommnissen losmachen konnte.

Hier hat der Verein richtig richtig Glück gehabt. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Manche haben sogar den Slogan „Wir sind frei, sozial und national“ verstanden. Ist ihr Stadion Rekrutierungszone für Neonazis?

Es hat den Eindruck. Ich kann zumindest nicht für jeden Besucher die Hand ins Feuer legen. Aber der Vorwurf ist mir zu pauschal.

Proteste gab es ja lediglich von außen.

Stimmt, ja. Die Reihen der Fans scheinen sehr geschlossen zu sein. Zumindest ist es in dieser Beziehung still. Zu still, wenn sie mich fragen.

Weniger still sind ja die Gesänge im Stadion. „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“, seit Urzeiten Leipziger Schlachtruf bekommt vor solch einem Hintergrund eine unübersehbar hässliche Konnotation.

Das ist auch so ein Übel. Hier fehlt das Bewusstsein für das, was da gerufen wird. Früher war das mal eine Parole, die mit der Provokation gegen die sowjetische Zwangsfreundschaft kokettierte. Aber selbst beim Letzten sollte angekommen sein, dass das nun vorbei ist und der Ruf ganz andere Erinnerungen weckt. Und ich bin mir nicht sicher, ob das nur aus rühseliger Tradition gerufen wird.

Haben sie einen Verdacht, was dahinter steht?

Nein. Aber eine andere Schlussfolgerung gibt das Umfeld nicht her. Vor allem nach dem Spiel gegen den RSL.

Viele Fans pflegen das Image des Unpolitischen. Kritiker werfen der SGLL vor, dass sie wenigstens „rechtsoffen“ ist. Drastisch formuliert: Sind sie ein Naziverein?

Das würde ich so nicht sagen. Aber der Verein und die Fans sollten in sich gehen und fragen, ob ihr Schweigen, ihr Nichthandeln solche Vermutungen bekräftigen. Menschenhass, Faschismus und Homophobie leben immer im Humus des Schweigens der Mehrheit. Und ich möchte nicht in einem Land leben, in dem meine offene Ablehnung von Fremdenhass Gewalt gegen mich legitimiert.

Unsere Zeit ist um, Engel bricht auf. Er hat heute noch zwei weitere Termine, einen im benachbarten Jugendzentrum und einen beim Sächsischen Fußballverband. Ganz oben und ganz unten. Er ist einer der letzten Funktionäre mit Herzblut, doch das geht ihm langsam aus, zu viele Stiche aus den eigenen Reihen hat er bisher einstecken müssen. Seine Iden des März dauern länger als neunzig Minuten.

(Leider fand dieses Interview niemals statt. Es ist fiktiv. In der Realität steht Jamal Engel Menschen vom politisch eher rechten Spektrum Rede und Antwort. Ein Privileg, welches beispielsweise die Onlineausgabe der LVZ nicht in Anspruch nehmen darf. Dafür kann der Journalist die Beschimpfung der SGLL-Fans genießen. Und wer weiß, was da noch alles kommt.)

Schubél