In der Höhe - Rettungsversuch. Reisegenuss.

Menschen suchen Menschlichkeit.
Sie bekommen: Sachsen.
Eine Nestbeschmutzung.

»Wir haben den Beginn der Ebbe verpasst«
(Joseph Conrad: Herz der Finsternis)

Von allen fixen Ideen, die ich in meinem Leben hatte, war diese wohl die dunkelste. Nach den Ereignissen in Clausnitz, als eine gutbürgerliche Menge sich gegenseitig ihrer Unmenschlichkeit versicherte, entschließe ich mich, eben dorthin zu fahren. Ich hoffe erspüren zu können, was ich mir von hier aus nicht erklären kann.

Wir sind schon hunderte Kilometer unterwegs, als wir erfahren, dass die Polizei Folgendes bei einer Pressekonferenz zu Protokoll gibt: 1 (in Worten: Ein) Kind (in Worten: Kind) aus dem Bus habe die Menge (in Worten: mehr als 100 Erwachsene) durch Mittelfinger-Zeigen provoziert (in Worten: wie erwartet, tolldreist, anmaßend, kulturfremd, respektlos, wahnsinnig, feindlich, dreckig grinsend, typisch muselmanisch, asylantesk, vor lauter in den Arsch geschobenen Wohlstand kaum noch laufen könnend, aha! soso! aha! herausgefordert). Da war sie wieder, die erneute Bestätigung des ursächsischen Gründungsmythos vom undankbaren Ausländer. Man habe ja nichts gegen Kriegsflüchtlinge, heißt es allerorten, noch. Aber sie sollen sich doch bitte immer ihrer niederen, nachrangigen Stellung bewusst sein! Den Herren und Menschen und Herrenmenschen der Region hat man sich stets in gebührendem Abstand bäuchlings zu nähern!! Diese Empörung muss man verstehen!!! Und die sächsische Administration hört bei all dem »common senseless« genau hin. Man kann das selbstgerechte Wellness-Feeling sogar mit Händen greifen, wenn der zuständige Polizeichef tags darauf auf einer Pressekonferenz seinen Beamten vor Ort ein korrektes Vorgehen attestiert.

Will ich mir heute ins Gedächtnis zurück rufen, was ich gestern sah, bleibt da nur ein schwarzer Fleck und ein bunter Funke. Nach einer Odyssee durch Schnee und Nacht erreichen wir unser Ziel. Wir fühlen uns in dieser Region sogar von Landschaft und Wetter abgelehnt. Clausnitz und seine Nachbargemeinden sind in puncto Verschlafenheit ein Metropolenverbund. Es mag an der späten Stunde (19 Uhr) oder einer diffus empfundenen Zeitverschiebung (100 Jahre) liegen, aber eine zivilisatorische Existenz oder einfach nur Menschen sind kaum zu sehen. Genauso gut hätte jemand Straßen bauen, Schilder aufstellen und hie und da Gebäude errichten können – Der Eindruck bliebe derselbe. Es sind Stunden voller Sarkasmus und Heimweh, Sehnsucht nach Lachen, Licht und Farbe.

Viel war davon zu lesen, dass die Menschen, die um diesen Bus herum »Wir sind das Volk« und anderes grölten »nicht das Volk« seien oder »nicht zum Volk« gehörten. Doch dies ist ein fundamentaler Irrtum: Sie gehören dazu. Da stehen unsere Nachbarn; unsere Kollegen, mit denen wir schon lange nichts mehr zu tun haben wollen; jene, die im Bus neben uns stehen; die Typen aus unserem Fanblock, mit denen wir uns über X freuen und zusammen Y verfluchen. Die sind wir. Wir sind die. Zumindest so lange wir nichts dagegen tun und wir uns in die Wohlfühlecke unserer Filterblase zurück ziehen. Ist ja auch alles so schön Regenbogen hier! Und: Ist es nicht toll, zu den Guten zu gehören?

Dem Gefühl nach geht es nach Clausnitz immer bergauf. Doch das täuscht, in Wahrheit geht es steil bergab. Wir betreten fremde Melancholie, die uns nur so fremd ist, weil wir uns nie darum gekümmert haben. Kurz nach der Ortseinfahrt ist relativ schnell auszumachen, dass die linke Solidaritätskundgebung rechts von der Ortsdurchfahrt stattfinden soll. Ich zähle auf dem Weg dorthin mehr als ein Dutzend Mannschaftswagen. Um nicht noch länger herum zu irren, fragen wir einen Polizisten nach den Weg. Seiner kargen Antwort entnehmen wir, dass er gerade aus einem Dämmerschlaf erwacht. »Irgendwo dort entlang. Mehr kann ich auch nicht sagen. Ich stehe hier nur.« Also fährt er stundenlang in die Pampa, mit Einsatzbefehlen und weiß eigentlich gar nicht, was er wo gegen wen bewacht? Im Schach hieße dies bestimmt die »Hose-Kneifzange-Verteidigung«. Ein Junge, der mit seinem Hund Gassi geht, ist deutlich freundlicher und mitteilsamer. Wir erreichen die Kundgebung kurz vor den Redebeiträgen.

In Gottes verlassener Gegend, wo Kaltland derzeit am kältesten ist, stehen wir auf erfrorenem Untergrund: Menschen, die genau zu glauben wissen, was zu tun ist. Menschen, die nicht wissen, was man eigentlich machen kann, gegen diese »sächsischen Verhältnisse«. Menschen, die zu begreifen beginnen, dass jeder nur ein wenig machen muss, nämlich das, was er kann, um gegen das Dunkel der Ignoranz anzuleuchten. Das Haus, in dem die Geflüchteten untergebracht sind, sieht in der Tat nett aus. Es befindet sich jedoch eine halbe Stunde Fußweg von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt, in einem Ort mit Fleischer, Blumenladen, zwei Möbelgeschäften einer Grundschule und sonst nichts weiter. Es wird zeitig dunkel. Hier hört dich keiner weinen. Die gesamte Situation ist Landschaft gewordene strukturelle Gewalt.

Schritt 1: Schiebe sie ab ins Niemandsland.
Schritt 2: Mache ihnen klar, dass sie hier nicht erwünscht sind.
Schritt 3: Wirf ihnen vor, dass sie sich nicht integrieren wollen.
Schritt 4: Winke ihnen hinterher, wenn sie gebrochen von dannen ziehen.

Neben dem Demo-Transporter hat man Spenden niedergelegt: Gebäck, selbst gemachte Kuchen, kleine Aufmerksamkeiten. Von Herzen kommende, kalorienreiche Versuche der Annäherung, Symbole dafür, wie wenig es eigentlich braucht, um den Fremden zu einem Nachbarn zu machen. Es schneit regnet, schneit, regnet, schneit. Kleine Perlen flackern bunt auf Plastiktüten. Musik aus fremden Ländern hämmert dumpf über die Felder. Geduldig stehen wir an, um einen Brief, der an die Geflüchteten gerichtet ist, mit bunten Stiften zu unterzeichnen. Eine Atmosphäre wütender Kondolenz. Die wenig Zuversichtlichen schreiben an die Hoffnungslosen um gemeinsam neues Vertrauen im Miteinander zu finden. Spendendosen gehen herum, um für rechtlichen Beistand zu sammeln, denn es gab Anzeigen gegen die Lämmer, die nicht freiwillig durch das Wolfsrudel wollten und sich gegen den wohlmeinenden einfachen Zwang™ wehrten. Die Dosen klappern wenig, weil Scheine nur rascheln. Großartig.

Eine Studentin aus dem Ort ist entsetzt darüber, wie wenige Menschen aus dem Ort selbst da sind. Ein junger Mann berichtet, wie sie mit den Geflüchteten Zeit verbracht haben und wie sehr sie dafür angefeindet werden. Und auch von einer Frau, der diese Situation hier zu viel wurde und freiwillig in die Erstaufnahmeeinrichtung zurück nach Chemnitz wollte. Kommentar der Leitung: »Nimm dir ein Taxi. Gute Fahrt.«


Glückwunsch Sachsen: Es haben sich »nur« um die einhundert Leute nach Clausnitz gefunden. Pech gehabt Sachsen: Die lassen nicht locker. Die machen Dich und Deine Ignoranz zu ihrem Problem. Je gewalttätiger Du und Dein »Volk« wirst, sei es handfest oder verbal, desto lauter lachen sie Dich aus. Du siehst den Schmerz in ihrem Grinsen natürlich nicht, denn dafür fehlt euch beiden das Organ und der Wille, aber er ist da. Doch ich weiß, dass euch das Lachen mehr als alles andere ärgert, da seid ihr, Sachsen und Volk, Autokraten durch und durch. Nein, ich werde die Hand nicht gegen euch erheben. Das willst Du doch nur. Aber genau das sollst Du nicht haben: Deinen Willen.

Gute Fahrt.

Schubél