Heimat

Gibt es die Heimat schlechthin überhaupt und wenn ja: Wie viele? Über einen Kampfbegriff aus alter Zeit.

Im Kinderheim. Ich lehne an der Wand. Zusammen mit Monster habe ich eine Mülltonne auf das Dach geschleppt, geschrubbt und zu meinem Thron erkoren. Unten tobt der Verkehr, hier oben die Tauben. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich träume.

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Ich denke an meine Urgroßmutter. Am Rande der Stadt, in der kleinen Siedlung, lebte sie allein in einem Haus. Im Wohnzimmer, neben dem schweren Regulator aus Eichenholz, hing das Passbild eines älteren Mannes. Schwarzweiß, gerahmt, hinter Glas, beinahe zu winzig. An einem Faden darunter hing das Skelett eines Krustentiers. Irgendwann einmal sagte meine Großmutter, dass ihr Vater einst an einer Krankheit namens Krebs gestorben sei. Von da an fürchtete ich mich vor jeder Krabbe.

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Es ist Nacht. Vorüber fahrende Autos lassen Finger aus Licht über Wände und Decken streichen. Ein Geräusch. Aus dem Flur. Nein. Aus der Küche. Nein. Vom Balkon. Ich bin ein Phantom. Niemand hört mich. Ich habe gelesen, wie das geht: Kein Licht. Den Fuß gerade aufsetzen. Ruhig atmen. Ruhig. Atmen. Alles so verlassen, wie vorgefunden. Der Vorgesetzte der NVA pflegt zu seinen Untergebenen ein freundschaftliches, aber kein kumpelhaftes Verhältnis. Knarrende Dielen. Das blecherne Waschbecken. Waschmaschine. Kühlschrank. Die Wäscheschleuder, auf der meine Gummi-Indianer ihren Kriegstanz vollführen. Die in die Wand eingelassene Speisekammer, muffig, nach Salmiak stinkend. Eine Hand greift von außen über die Balkonbrüstung aus grün gestrichenem Holz. Eine zweite Hand. Ich sehe einen Zylinder, einen Fuß, einen Mann. Er lacht. Böse. Er kommt. Er will mich holen. Er sieht aus wie Karl Valentin. Ich schreie ohne einen Ton. Niemand hört mich.

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Auf dem Polizeirevier. Stunden zuvor hatte mich ein aufmerksamer Bürger und Helfer der Volkspolizei am Arm gepackt, über die Gleise gezogen, die Böschung hinauf gezerrt und in die dunkle Kammer einer Heizstation gesperrt. Ewigkeiten später wurde ich abgeholt, verhört, warten gelassen, als schlechtes Beispiel für die Verkommenheit der Jugend im Eingangsbereich der Polizeiwache präsentiert, mit einer Aussage konfrontiert, die ich so nie gemacht hatte, politisch ins Klassenbewusstsein zurück gerügt und schließlich von meinem Vater in Empfang genommen. Schweigend gingen wir durch das Plattenbaulabyrinth nach Hause. Vier Wochen danach wollte mich der Abschnittsbevollmächtige standrechtlich zu zwei Monaten gemeinnütziger Arbeit verdonnern. Meine Mutter nahm ihn Maß und ich kam ohne Strafe davon. Man kannte sich aus der Kantine, die von Straßenbahnern, Sanitätern, Volkspolizisten und Rentnern gemeinsam benutzt wurde. Heute steht dort ein Einkaufszentrum. Ich kann den Duft aus Kaffee, Zigaretten und belegten Schinkenbrötchen noch immer riechen.

Nur noch raus, raus, raus! Die Soldaten müssen aus der Stadt, ihre Schlacht ist geschlagen und verloren. Chaos, überall Leichen, verbrannte Häuser, weinende Frauen, Dreck, Blut, Trümmer. Die Straßen sind eine Menschenmetzgerei, die Felder vor der Stadt ersaufen im Wahnsinn der Welteroberung. Es gibt kein Entkommen, nur eine kleine Brücke über den Fluss, kaum mehr als ein Steg. Wer kann, schlägt sich dorthin durch. Die Schwerverletzten siechen in dunklen Ecken still dem Paradies entgegen, die nur leicht angeschlagenen versuchen die Einheimischen davon zu überzeugen, dass es sich lohnen würde, sie zu retten. Hunde zerren an Kadavern. Dann plötzlich ein Knall: Die Brücke geht schwarz dampfend in Flammen auf. Körper fliegen durch die Luft und klatschen dumpf gegen das Ufer. Alle gefangen. Alle des Todes. Hundert Jahre später wird man Europas größtes Denkmal bauen. Hundertundein Jahr später beginnt das erste große industriell gefertigte Abschlachten.

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Meine Mutter kniet weinend vor mir. Sie kam aus der Schule und musste mit dem Direktor sprechen. Besser gesagt: Sie wurde von ihm auf Linie gebracht. Ihr Sohn ist auffällig geworden. Man hat ihr eine Zeichnung der Pequod präsentiert. Deutlich zu erkennen waren Queequeg und eine Bordwand voller Hakenkreuze. Nie wieder, schluchzte sie, nie wieder dürfe ich dieses Zeichen malen, verstehst Du?! Niemals im ganzen Leben! Ich wusste nicht, wo das Problem war. Im Fernsehen waren die Zeichen ständig zu sehen, aber die Sowjetunion hat gegen die Träger dieser Zeichen doch ganz gut ausgehen, oder?

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Sein Vater ist in den Westen abgehauen. Seine Mutter soff wie ein Loch. Alexander war ein König. Niemand nervte ihn mehr und er hatte mehr Westkrempel als wir alle zusammen. Wurde er bei irgend etwas erwischt, ließ man ihn wegen schwerer Kindheit vom Haken. Hatte er freie Hand, plante er Neger und Fidschemucken aufzumischen. Zwischendurch prahlte er, wie er im Kellergang ein Mädchen aus der Parallelklasse gefingert hatte. Alexander hatte immer Schnaps. Roten, grünen, blauen. Wir waren ein Dutzend Rotznasen, die herumlungerten, Leute anpöbelten, ihren Schwanz in die Welt hielten und Pläne schmiedeten, in die riesigen Zelthallen einzusteigen, um dort Elektrokram zu klauen. Ich selbst brauchte nur ein paar Akkus für die Modellautos, die ich von meinem Stiefgroßvater geschenkt bekommen hatte. Die anderen wollten gleich ganze Stereoanlagen und Fernseher mitgehen lassen. Idioten. Wie will man sowas in seinem Kinderzimmer unterbringen, ohne dass die Eltern es merkten? Kurz vorm Bruch wurde Alexander von einem Lieferwagen überfahren. Das war mein erster Toter, der nicht durch Krebs starb.

Kaum dass wir die Atmosphäre verlassen hatten, wurde alles ganz leicht. Wir begannen zu schweben. Töne waren nur noch entfernt wahrzunehmen, als lebten wir in einer riesigen Blechdose mit Radioempfang. Die Welt unter uns wurde kleiner und kleiner. Waleri Fjodorowitsch, der von der Seite immer wie ein verdrossener Pinguin aussah, sprach nicht und steuerte viel. Für einen Augenblick lag die Idee in der Luft, dass wir an Saljut vorbei und bis zum Mond fliegen sollten, um mit dem Lunochod eine Runde zu drehen. Am nächsten Tag brachte mich Vater in den Kindergarten und ich wiederholte stolz den Namen Bykowski. Bykowski! Bykowski!!! Außerdem trug Vater einen blauen Anorak, bei dem ich mich fragte, ob es möglich wäre, dass, wenn ich mich ganz klein machte, ich in seine Tasche passte. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Ich sehe sie unter mir liegen. Eigentlich ist sie zwei Jahre jünger, sieht aber schon zwei Jahre älter als ich aus. Augustwind wirft sanfte Wellen an den Strand der Kiesgrube. Sie duftet nach allem, was ich mir wünsche. Zum ersten Mal bin ich lebendig. Unsere Blicke treffen sich und ich denke bei mir, wenn ich sie nicht jetzt, hier am Strand, hier im August, hier auf dieser Parkbank, küsse, bricht die Welt auseinander und niemals wieder, weder nachher, weder auf der Wiese, weder im September, bekomme ich die Gelegenheit dazu. Liebe schmeckt zuweilen nach Kaugummi.

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50%. Das Risiko steigt angesichts der Befunde auf 50%. Wenn das Kind es auf die Welt schaffen sollte, wird es im besten Fall sechs Monate überleben, aber nur unter Geräteversorgung, mit offenem Rücken und all sowas. Es ist nur eine Nabelschnur-Arterie zu sehen. Das ist ein Indiz. Die Überlegung einer Schwangerschaftsunterbrechung kann ich ihnen nicht abnehmen. Aber kommen sie einfach noch einmal in sieben Wochen vorbei. Vielleicht zeigt die Feindiagnostik dann mehr. Noch am selben Abend beschließen wir, vollkommen verheult, das Kind zu bekommen. Ich durchsuche das Internet mit einem 56k-Modem nach Hinweisen, wie eine Steigerung des Risikos um 50% zu interpretieren sei. Stunden später bringe ich in Erfahrung, dass unsere Chancen deutlich besser stehen, als die einer Raucherin in den Mittdreißigern. Schnell gehen wir unseren Bekanntenkreis durch, um diese Mütter zu identifizieren. Alle gesund wie die Schweine am Trog. Wir atmen auf. Am nächsten Tag sind wir krank.

Unter keinen Umständen sollen wir zu den Demonstrationen gehen! So viele Menschen! Was da passieren kann! Wirst schon sehen, was du davon hast, wenn dich die Polizei mitnimmt! Kinderheim! Oder sogar Jugendwerkhof! Außerdem musst du mal überlegen: Wenn die alle gleichzeitig über die Fußgängerbrücke gehen und die zu schwingen beginnt, bricht das alles ein! Klar?! Wir haben doch alles – Warmes Wasser aus der Wand, Badezimmer, Toilette sogar innen! Neuer Fernseher kommt nächste Woche, oder übernächste! Ne, komm, bleib mal besser hier. Am Ende sieht dich noch jemand. Was sollen denn die Leute denken.

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Sie stiert an die Decke. Wachkoma. Mehr als sieben Minuten ohne Sauerstoffversorgung. Das schafft niemand. Essen ist ein Brei, der ihr direkt in den Magen gepumpt wird. Ich versuche ganz normal mit ihr zu sprechen. Für die Zeit in der ich nicht da sein kann, montiere ich ihr eine Zeitschaltuhr an der Steckdose, die ich mit ihrem Radio verbinde. MDR Sachsen, der Heimatsender, Blasmusik und fette Weiber wie du es immer genannt hast, was dich aber nicht davon abhielt, immer leise mitzusingen. Sieben Minuten. Das schafft keiner. Und was, wenn doch? Meine Tochter will nicht mehr mitkommen, sie ist noch zu klein, sie fürchtet sich vor dem Monster im Bett, das so komisch klingt und sich nie bewegt. Als ich später wiederkomme, haben die Schwestern die Zeitschaltuhr heraus gezogen. Es ist still. Sieben Minuten. Dann stirbst du und ich sitze bei einer Gesprächsrunde zur Oberbürgermeisterwahl. Mein erster Gedanke: Endlich. Die Scham währt heute noch. Sieben Minuten. Das schafft keiner.

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Im Ferienlager, hinter der Jugendbaracke. Zum ersten Mal sehe ich Menschen aus dem Westen. Es sind zwar nur Franzosen, aber die haben wenigstens die Concorde, Platini und Asterix. Röchel und ich erwischen sie beim Rauchen und/oder Knutschen. Sie schimpfen uns etwas auf frankreichisch zu, was wir nicht verstehen. Einer der größeren kommt zu uns, wir verpissen uns und werden unsichtbar. In Geländespiel macht uns keiner etwas vor, wir sind der Abendwind und das Sirren der Grashüpfer. Röchel verkrümelt sich in einem Laubhaufen und kommt sofort schreiend wieder heraus, weil sich darin neben ihm zwei Igel verstecken wollten. Die Franzosen erwischen ihn, brüllen ihn an, schubsen und ohrfeigen ihn. Kein Betreuer in der Nähe. Langsam robbe ich zu unserem Quartieren und verberge mich unterm Bett. Die Franzosen haben sich aufgeteilt und suchen nun in mehreren Gruppen nach mir, jedoch erfolglos. Man muss auch mal Glück im Leben haben.

Heimat?

Ein Wort. Leer. Von jedem mit eigener Bedeutung aufgeladen.

Heimat?

Ist für mich dort, wo meine Geschichten leben. Kein Punkt auf der Landkarte. Kein Fleck auf einem Globus. Keine juristische festgelegte Bezeichnung, mit Strich-Punkt-Linien in bunten Atlanten, dazu verflucht, immer und immer wieder von armen Schulkindern auswendig gelernt zu werden. Es gibt keinen Grund, Menschen hiervon auszusperren. Ihre Geschichten könnten auch meine werden. Wut, Arbeit, Politik, Fußballergebnisse, unsauber konfigurierte Betriebssystem, Mietrückstände, Staatsschulden.

Vielleicht verlieren wir darüber manchmal das Wesentliche aus den Augen. Aber denken wir an unseren Schmerz, das Lachen, die Aufregung, das Wahre, die Missverständnisse, das Eingebildete, das Vergeben, das Erzählte, Gesehene, Gehörte, das uns zu dem macht, was wir hier und jetzt sind, wird klar: Heimat ist etwas, das wir nicht haben, sondern das uns gegeben wird – Und das wir einander bereit sind zu geben. Seien wir also nicht knauserig. Gerade nicht Du, mein liebes Deutschland. So zufällig, wie nur was – wir beide.

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Und du: Füchschen. Meine Königin. Und ihr: Liebe Freunde. Lasst uns noch etwas zusammen bleiben und uns unsere Geschichten erzählen. Beispielsweise von diesem einen Fußballspiel, bei dem…

Schubél