Halle – Leipzig – Dresden

Im Vergleich zu Dresden haben Leipzigs Demonstationsanmelder Glück mit den Versammlungsbehörden. Geht das vielleicht noch besser? Willkommen in Halle an der Saale!

Zärtlich streichelt der Polizist seinen Schlagstock. Mit drei spitzen Fingern umkreist er die glänzende Spitze seines harten Prügels. Die Sonne flickert darin wie auf einem Phallus aus Obsidian, als er verträumt auf die Menschen blickt, die vor ihm auf der Straße sitzen. »Noch«, mag er vielleicht denken, »sitzt ihr hier. Aber nicht mehr lange. Es gab eine Duldung. Es gab eine Frist. Beides läuft ab. Und dann werde ich da sein…oh ja. Wir werden bei euch sein…«

Ein Samstag im Mai. Die Leipziger Sonne scheint auf Atheisten, Katholiken, Pastafaris und eine Gruppe reisefreudiger Menschen mit entsicherten Gruppentickets. Das Ziel ist Halle an der Saale, genauer gesagt eine Nazi-Demo im Trabantenstadtteil Neustadt. Dort riefen die thüringische, sächsische und anhaltinische Demokratie-Totengräber zur Demo. Auch dabei: Die »Brigade Halle/Saale«, über die das ZDF schon im letzten Jahr berichtete:

Dort attackieren Rechtsextreme, die sich Brigaden nennen, immer wieder Ausländer und Andersdenkende. Erst schüren sie Hass im Internet, dann verbreiten sie ihn auf den Straßen. Ausnahmezustand? Nein, leider längst Alltag. Und einige biedere Bürger fühlen sich sogar ganz wohl damit.

Die Nazis wiederum stellen das alles ganz anders dar:

…berichtet … von selbstlosen jungen Männern der “Brigade Halle/Saale”, die aufgrund der Hilferufe von besorgten deutschen Eltern deren Sprößlinge nun morgendlich zur Schule begleiten. Damit sei sichergestellt, daß die einheimischen Kinder nicht Opfer von willkürlichen Übergriffen ziganistischer Kinderbanden auf dem dunklen Schulweg werden. Die kriminellen Ausländergruppen haben sich in dem Stadtteil bereits eingenistet und gingen auch in der Vergangenheit schon gewalttätig gegen deutsche Schulpflichtige vor.

Solch eine Bewerbung konnte die Reisegruppe »Platznehmen« schwerlich abschlagen. Daher fuhr sie auch nach Halle, um nach den Rechten zu sehen. Denn: Bestimmt ist das nur ein Missverständnis, wie so oft. Alles nicht so gemeint. Muss ja mal ein Schlussstrich sein. Sind ja nicht alle Nazis…

Kein Missverständnis sind die vielen Polizisten, die uns, seit wir Hallenser Boden betreten, auf Schritt und Tritt… nennen wir es mal: zur Seite stehen. Entweder haben sie auch den ZDF-Beitrag gesehen oder sie wurden falsch darüber informiert, dass die Gruppe zu 100% aus Orks besteht, die Neubaublöcke frisst und zudem irgendwie mit links zu tun hat. Im Hauptbahnhof holen sie uns vom Zug ab und führen uns zur S-Bahn. Dort passen sie auf, dass wir nicht ins Klo fallen oder zu früh aussteigen. In Neustadt bringen sie uns zur Straßenbahn und fahren blinkend neben uns her. Am Ziel passen sie auf, dass wir auch bei Grün die Fahrbahn überqueren. Voller Service – und nicht ein einziges Mal werden wir erkennungsdienstlich behandelt, überflüssigerweise über dieses und jenes belehrt oder abgefilmt. Sollte es das tatsächlich geben: Menschen in Polizistengestalt?

Schnell stellen wir fest: Obschon wir nur wenig Kilometer von unserer Heimat entfernt sind, ist dies eine andere Welt. Neustadt sieht an manchen Stellen wie ein Vorort von Tschernobyl aus, an anderen wie Leipzig-Grünau. Entweder ist man versucht, seine Atemschutzmaske aufzusetzen oder bei Oma zu klingeln, die irgendwo da hinter der nächsten Ecke wohnt. Auch unsere Hallenser Begleiter zucken häufig mit den Schultern: »Ich war hier noch nie. Hier will auch nie jemand wirklich hin!«. Klugerweise haben sie uns jedoch Karten mitgebracht: Generalstabsmäßig angefertigtes Material, glänzend, präzise, logistisch einwandfrei vorbereitet. Angeblich sei auch der OBM der Stadt bei den Gegenprotesten.


Somit wissen wir, wo wir uns befinden, wie viele wir sind und welche Route die Fahrraddemo nimmt, die von einer anderen Stelle aus startet. Wer wir sind, wissen spätestens seit jetzt jedoch auch die Späher der Nazis. Team Braun machte es uns aber auch zu leicht, was wir sehr kollegial finden, denn schließlich ist es ein warmes Wochenende: Am Bahnhof stürzen drei Spargel mit geringelten Matrosen-T-Hemden durchs Gelände und kichern und gackern und telefonieren, als sie unserer angesichtig wurden. Die Freude war sogar so groß, dass sie uns an der Haltestelle beobachteten, obschon wir einige Bahnen durchfahren ließen.

Am Sammelplatz dann die nächste Abteilung der Nazi-Stooges: Auffällig unauffällig (Ringel-Shirt!) lungerten drei weitere Rechtsroller in unserer Nähe herum. Doch diese Scholle gehörte an dem Tag uns! Nassforsch gingen Gruppenmitglieder auf die Drei zu, um sie zu fragen, zu wem sie gehören. Ihre Antwort: »Amnesty International«! Zum Glück war Gott gerade in Leipzig beim Kirchentag, sonst hätte es ein gar gewaltigen Fingerblitz von oben gegeben, denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr ausseht, als hättet ihr nur noch wenig Blut im Mixery durch eure Adern laufen, sollt ihr euren Nächsten nicht für dämlich verkaufen!

Nachtrag 3. Juni 2016: Und hier sieht man wieder, wie angespannt und fordernd Demo-Nachmittage eigentlich sind, denn die Drei waren keine Nazis, sondern tatsächlich Helfer des AI-Standes. Womit wieder bewiesen wäre: Wenn du nur lange genig in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein. Schlechte Erfahrungen machen schlechte Texte. Eine großes Sorry an die Jungs, die sich glücklicherweise bei mir gemeldet haben!

Vielen Dank an die Fotografin, die das Bild gemacht hat – leider unverpixelt, daher ohne weitere Credits!

Indes die Laune ist gut, auch wenn keiner weiß, wo entlang die Rechten nun laufen werden. Dass sie noch vor Ort sind, ist nicht zu überhören. An einem symbolträchtig benannten Platz namens »Eselsmühle« hören wir sie durch ihre Lautsprecher brüllen. Applaus vernehmen wir keinen, aber wir können anhand von Sprechtempo, Lautstärke, Stimmüberschlag und Stakkato mühelos bestimmen, wann sich der Redner beim Hetzen in die Hose macht. Auf unserer Seite macht sich derweil eine famose Trommlergruppe warm. Auf dem Parkplatz vorm Netto lungern andere Rechte herum, während augenscheinlich Besorgte im Netto Menschen bepöbeln, die nicht so aussehen wie sie. Aus den Hochhäusern blicken Einwohner auf die Arena. Parteien stellen Info-Punkte, an dem sie sich und andere über sich und andere informieren. Irgendwo stehen die Reste der Marxistisch-Leninistischen-Partei und halten ein Banner. Jemand erzählt etwas von Torten als neuem Mittel der politischen Auseinandersetzung. Heute ist hier wirklich was los.

Nur Informationen gibt es kaum. Weder wissen wir, wie viele Nazis am Start stehen, noch wo sie hin wollen. Auch in Halle hält sich das Ordnungsamt bedeckt, um sich nicht angreifbar zu machen. Security by obscurity – Was bei Software schon nicht funktioniert, soll auch heute nicht klappen. Wie auf ein unsichtbares Signal hin starten wir in die Tiefe des Raumes.

Die Magistrale, herab herab herab, eine dieser dicken Bänder aus Asphalt entlang entlang entlang, heute auserkoren, um Ort der Nazischande zu sein, pfui pfui pfui, ist im Moment noch leer. Eine Gruppe von Polizisten übersieht uns beinahe, nimmt uns dann aber wahr und versucht das schlechte Stellungsspiel mit Laufarbeit auszugleichen, wenn auch vergebens. Was unter Erich Ribbeck misslang, klappt auch heute nicht. »Aber das keuch ist die Demoroute!«, hören wir sie noch rufen und beinahe erfasst uns etwas Mitleid, denn es ist in der Zwischenzeit richtig warm geworden.

– Wir wollen aber zu der Kundgebung!

– Welcher denn?

– Der da vorne. (irgendwo in die Prärie zeigend)

– Achso! (schnauf) Na ja. Na dann.

Wir kreuzen durch den leeren Raum vor der Abwehr auf die andere Seite des Strafraums, umdribbeln geschickt die Straßenbahngleise, körpertäuschen über den Randstein und geben kund. Manch einer sitzt auch.

Keine fünf Minuten später sind wir von Polizisten umstellt. Doch wie schon am Bahnhof ist man hier sehr darauf bedacht, das Geschehen in aller Ruhe zu beobachten. Während wir auf die Versammlungsbehörde warten, um eine Kundgebung anzumelden, versucht sich einer der Polizisten in Gruppenpsychologie. Immer wieder stellt er in seinen Reden ein Wir her, welches kein Interesse hat, eine Eskalation herbei zu führen. Wir tauschen uns über die Lesarten des Versammlungsrechts und des Grundgesetzes aus, darüber, weshalb Wir hier sind und warum Wir uns nicht gegenseitig feindselig behandeln müssten. Fasst scheint es, als seien Wir alle bisher recht zufrieden mit dem Verlauf des Tages. Obschon das Wir der Sitzenden besser angezogen ist, denn mittlerweile brennt die Sonne erbarmungslos auf Beton, Wiese, Gleis und Fleisch. Lediglich dem Anmelder unserer Kundgebung wird noch mehr eingeheizt: Er sei, und zwar allein, und zwar vollumfänglich, und zwar bis in alle Ewigkeit, und ganz bestimmt bis in die 161. Generation dafür verantwortlich, was nun geschehe. Macht unsere Gruppe Stress, sei er dran, so die Polizisten. Machen andere Zirkus, muss er den Hut nebst Kopf hinhalten. Kein Wir mehr. Nur er. Allein.

Die Behörde spricht eine zeitlich begrenzte Duldung aus. Einfach so. Keine Auflagen bezüglich irgendwelcher Geräte, Alkohol oder einer einzuhaltenden Maximallautstärke. In der Zwischenzeit hat sich auf der anderen Fahrbahn der Magistrale eine zweite Sitzreihe eingefunden. Die Straße ist somit in alle Richtungen dicht. Noch brüllen die Nazis an der Mühle. Während des Wartens gehen solidarische Menschen durch die Reihen und verteilen Eis und Wasser. Wir schlecken den Polizisten etwas vor. Einer von ihnen stellt einen Betrunkenen ins Hallo, der sich kurz zu uns gesetzt hatte, nun aber wieder verschwinden will, nachdem er seine Sicht der Dinge kund genuschelt hat. Mit einer Hand am Tonfa – polizeiinterne Bezeichnung MES schwer (Mehrzweckeinsatzstock, schwer) – weist er ihn auf alles Mögliche hin: Er mag nicht geduzt oder angehaucht werden und auch wenn man das, was die Sitzenden hier tun, für Stuss hält, ist das noch kein Grund, »aufzuräumen«. Als der Suffkopp verschwindet, blickt er in unseren Haufen. Wer genau hinsieht, erkennt, dass seine Augen ein fieses noch nachbetonen. Dass der BFE-Beamte zudem einen Patch mit dem Aufdruck »Infidel« an der Uniform trägt, was wiederum auf solch eine Weltanschauung hinweisen könnte, beruhigt da eher wenig.

Die Uhr tickt. Nur noch wenige Minuten und unsere Duldung endet. Noch immer weiß niemand, welche Route die Nazis nehmen werden. Laufen sie direkt auf uns zu? Leitet man sie um? Doch wie und wohin? Oder kommen sie irgendwann in unserem Rücken die Straße entlang? Die Ungewissheit zehrt. Noch drei Minuten. Zwei. Der Infidel-Pitbull lockert sich langsam auf. Betont lässig spricht er verdeckt mit seinen Kollegen, immer wieder in die Gruppe weisend. Die anderen Polizisten nicken. Einer streift sich seine Handschuhe über. Eine Minute. Es erfolgt eine Durchsage aus der Gruppe heraus, ab wann und wie die Polizei sanktionieren darf. Der Wir-izist nickt, schüttelt den Kopf, nickt. Die Gruppe setzt sich näher zueinander. Dann beginnt es…oder nicht? Plötzlich, wie von einer Hundepfeife gerufen, greift sich einer der Anführer ans Ohr. Die Zentrale ruft. Seine Polizisten werden zusammengerufen. Laufschritt olé, die Nazis warten und wollen durchs Nirgendwo umgeleitet werden.

Wir sind frei.

So geht der Nachmittag ins Land. Ein Lautsprecherwagen unterstützt die Blockaden, die mittlerweile weit ab von den Nazis sitzen. Immer wieder schauen Hallenser vorbei, neugierig, pikiert, skeptisch. Die Hallenser Demotruppe hingegen zeigt uns, dass sie noch deutlich mehr drauf hat, als nur bunte Karten zu drucken. Jederzeit sind sie darüber informiert, wo der Feind steht und welche Blockade als nächstes unter Druck geraten könnte. Durch die breite Abdeckung werden auch strategische Diskussionen sinnvoll: Sitzen bleiben oder Blockade auflösen? Den Nazis nachjagen, um sie anzutrillern, oder die Route verschlossen halten? Da wir zu wenige für eine Trennung sind, bleiben wir vor Ort. Derweil marschieren die Rechten durch leere Neubaugebiete und schreien dem Rückbau gewidmete Betonkästen und Garagenhöfe an. Nirgendwo lebt sich der Volkstod besser als an der vertikalen Autobahn. Die fernab der Action halten durch ihre bloße Präsenz den anderen den Rücken für entschiedenen Gegenprotest frei.

Nüchtern betrachtet: Fuck yeah! Was für ein Erfolg! In weitläufigem Gelände haben es um die 500 Gegendemonstranten geschafft, 150 Nazis die Bilder zu verweigern, die sie gern gehabt hätten: Dicke Hose auf dicker Fahrbahn. Nehmen wir ihnen die Symbole, nehmen wir ihnen alles. Möglich wurde das meiner Meinung nach durch drei Dinge:

1.) Das Hallenser Demobündnis hat exquisite Vorarbeit geleistet. Mit relativ geringem Aufwand aber jeder Menge Know How haben sie den Nachmittag koordiniert und die Leute an die richtigen Stellen geschickt. Nicht die Nazis bestimmten die Agenda, sondern der Gegenprotest.

2.) Die Demonstranten selbst haben beherzt gehandelt, als sie die offenen Räume besetzt haben, um den Nazis die Strecke zu sperren. Diese wiederum sind über ihren eigenen Größenwahn gestolpert, und konnten nur begrenzt ausweichen, denn ihr riesiger Lautsprecherwagen erwies sich als taktisches Hindernis – so ein Kleinlaster kann eben mal nicht überall hin ausweichen.

3.) Und das ich das mal schreibe, hätte ich auch nicht gedacht: Polizei und Versammlungsbehörde haben das Demonstrationsrecht tatsächlich in einer Art ausgelegt, die der Situation angemessen war. Sitzblockaden sind eben nicht auf eine Stufe mit Völkermord zu stellen. In Sachsen hätte man wahrscheinlich schon längst die Knüppel tanzen lassen. Hier und heute hat man aber abgewogen, ob die Kräfteverhältnisse tatsächlich unmittelbaren Zwang erfordern.

Ganz im Gegensatz zu Leipzig, wo die Polizei nach der Umleitung einer LEGIDA-Demo noch die Leute gekesselt hielt und entsprechend wie Verbrecher behandelt hat. Und im völligen Kontrast zu Dresden, wo die Versammlungsbehörde in Gutsherren-Manier jeden Gegenprotest im Voraus unterbindet, kesseln lässt und somit vom Schreibtisch aus autokratisch abschaltet. An diesem Tag wurde, wenn auch nicht alles, so doch aber viel richtig gemacht, aber auch bewiesen, dass es in puncto Bürgerrechte ein massives West-Ost-Gefälle zu geben scheint.

Aber wir waren nicht in Halle, um den bewaffneten Organen zu danken, sondern um Nazis klar in die Schranken zu weisen. Wieder einmal zeigte sich, dass es nur wenig braucht, um den Menschenfeinden entgegen zu treten. Keine gesamtgesellschaftlichen Bündnisse, keine Anständigen-Aufständige, keine Sonntagsreden oder Gratis-Konzerte. Einfach nur Menschen, mit dem Herzen am rechten Fleck. Weder aggressive Helden noch drei Meter große Superfrauen. Und schon gar keine Ignoranz oder die kindisch-dresdnerische Hoffnung darauf, dass sich das schon irgendwie von selbst erledigt.

Es braucht nur Dich.
Immer wieder.
Als Mensch.

Nachtrag: Radio Corax aus Halle hat hier eine ortskundige Zusammenfassung des Geschehens veröffentlicht.

Schubél