Härte

Ein Zwischenruf. Abgedruckt im Buchprojekt der Journalisten Kleffner und Meißner, das im Frühjahr 2017 erscheint.

Die Sachsen, als alte Bewohner des Ostens, sind: Deutsche. Dennoch geben sie den alten Bewohnern des Westens und den überhaupt ganz neuen Bewohnern Deutschlands ein Rätsel auf: Warum herrscht heute dort diese spezielle Stimmung? Da ich aus der Innenperspektive nichts über das Äußere sagen kann, will ich es gar nicht erst versuchen. Allerdings habe ich von dort, von außen, schon verschiedene Erklärungen vernommen: Von Undankbarkeit ist die Rede, Dummheit, fehlender Weit- und Weltsicht oder vom toxischen Erbe der erlittenen Ideologien. Doch was bedeutete der Sozialismus in seiner real-abgelebten Form für mich?

Wäre ich eine Erzählung, spielten meine maßgeblichen Kapitel in jeweils verschiedenen Welten. Im ersten herrschte ständig Angst vor einer übermächtigen Vorherbestimmung der Sinnleere, des allgegenwärtigen Ohnmachtgefühls und der endlosen Langeweile eines sozialistisch verregneten Sonntagnachmittags auf deutschem Boden. Das zweite handelte von genau den selben Dingen, jedoch in der Hektik einer niemals stillstehenden Welt aus Konsum und Konkurrenz. Zusammen kartografieren sie die bisher von mir erlebte Welt namens Sachsen, jenem Vakuum, das von Verunsicherung und Orientierungslosigkeit eingegrenzt wird.

Früher hielten sich hier alle für frei, aber nicht weil sie es waren, sondern es mit „Berlin” oder „Moskau” Instanzen gab, auf die individuell alles abgeschoben werden konnte. Die Wirtschaft darbt? Die Läden sind leer? Das Land ist Richtung Westen isoliert? DIE haben es versaut! ICH habe damit nichts zu tun, wie auch? DIE sind weit weg und stellen sich über alles! ICH kann an dem nichts ändern, selbst im Kleinsten nicht. Gesetz ist Gesetz – Ich habe die Regeln nicht gemacht. Die Gängelung des eigenen Selbst als heiligen Praxis: Wer dagegen aufbegehrte, stiftete Aufruhr und gehörte sanktioniert. Ruhe als erste Bürgerpflicht war unser 47. Chromosom.

Wären wir alle hier, in Sachsen, im Osten, eine Erzählung, wäre genau das unser Plot. Noch heute fürchten wir uns vor der Häme, die ein Scheiternder in der tüpfelhyänenesken Welt ertragen muss, jenem Dung, auf dem das Autoritäre gedeiht. Der ursprünglich versprochene Glanz des Deutsch-Seins erwies sich als Irrlicht und nun herrscht Dunkelheit. Die Suche nach Drama, Erregung und Sieg verlief ergebnislos, weil das Spiel kein Ende, keinen Gewinner vorsieht. Und nirgends ein ZK der SED auf das man die Schuld für den eigenen moralischen Kleinmut abschieben könnte.

So wurde Selbstgerechtigkeit unsere vergiftete Form von Gerechtigkeit. Aber das darf so nicht bleiben. Wir müssen lernen, uns auszudrücken, um faulen Konsens in vitalen Dissens umwandeln zu können. Wir müssen lernen, füreinander zu fühlen, miteinander schöpferisch tätig zu werden, umeinander zu bangen, kurz: die durch den Autoritarismus eingetretenen Marschpfade verlassen. Nur so entsteht für alle ein neues Land, in dem „Sachse sein” keine Frage der Geburt, sondern der inneren Einstellung ist.

Und in dem man streitet, ohne zu hassen.

Ja.

Das wäre dann auch mein Land.

(Informationen zum Buch unter www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=937)

Schubél