Game of Bones – #le1803

Die Nazis kommen und Leipzig vibriert.
Erste Gedanken aus dem Auge des Orkans.


Vorbereitungstreffen. Volles Haus. Eine Menge formiert sich. Etwas ist anders. Damals, bei LEGIDA, trafen sich ein Dutzend Leute. Heute sind es viele Menschen. Alle Alter, jede Herkunft. Bekannte Gesichter. Neue. In der Ecke sitzt ein kleines Kind und malt. Vor der Tür wird geraucht. Nach und nach kommen Weitere hinzu. Die Mission: Krallen schärfen, um Frieden für alle zu behalten.


»Zuwegung«

Der Name des Gegners: Nicht »Besorgte«. Nicht »Populisten«. Nicht »Rechte«. Sondern »Nazis«. Die Zeit der Euphemismen ist vorbei. Die Situation erfordert Klartext. In Leipzig mag am Samstag Frühling sein. Wir erwarten eine Kaltfront. 12 Uhr mittags, Treffpunkt S-Bahn-Brücke »MDR«. High Noon der gesellschaftlichen Zustände: Braun vs Bunt. Gestern vs Morgen. Zerstören vs Kreativität.


»Täuschungsmanöver«

Ich habe keine Ahnung, mit wem ich mich hier gemein mache. Den Anderen geht es genau so. Einige reden laut. Manche lächeln leise. Die Atmosphäre ist angespannt und konzentriert. Ein Beamer wirft Demonstrationsstrecken an die Wand. Der Weg der Nazis ist eine braune Bremsspur durch symbolschwaches Niemandsland.


»Höflich bleiben«

Bundesweit haben sie mobilisiert. Das Ziel: Connewitz. Die Rote Burg soll gestürmt werden. Als handele es sich um ein Spiel. Game of Bones. Und dann? Selbst wenn es ihnen gelänge, blieben den Nazis nur Bilder und verwackelte Filmchen. Doch das nehmen sie in Kauf. Wer keine Zukunft hat, hängt am Trug des Gesterns. Triumph des Killens.


»Kein Freiknüppeln«

Jemand gibt mir das Buch. Unfassbar. Worüber wir hier sprechen: Gedruckt. Sachsen. Wegsehen. Kaltland. Nicht wahrhaben Wollen. Schmerzliche Verluste. Aber auch: Widerstand. Für etwas einstehen. Hartnäckigkeit. Nein-Sagen. Alles Synonyme für die letzten beiden Jahre. In ihm denken Viele über Eines nach: Wie konnte es so weit kommen? Keine Zeit zum Lesen. Die Seiten sind voller Gestern. Hier geht es um Morgen.


»Negative Versammlungsfreiheit«

Wir müssen vertrauen: Allen, die hier sitzen. Jenen, die vorne stehen und reden. Den Behörden. Vor allem uns selbst. Keine Wahl. Eine Entscheidung. Die Zeit der Selbstverzwergung ist vorüber. Wenn wir eines gelernt haben, dann das: Egal ist nichts. Sind wir müde geworden? Nein. Gespannt. Organisiert. Strukturiert wie ein Vogelschwarm, kompakt, laut, ungreifbar, eine schnelle Wolke, eine Vorahnung die Schatten wirft. Wir werden nicht entmenschen, verletzen, töten. Schlimmer: Wir zeigen der Welt, was ihr seid. Ein böser Albtraum, aus dem sie erwachen muss, um blühen zu können.


»Putzaktion«

Gerüchte. Über die Hundertschaften der Polizei. Den Anreiseweg der Nazis. Das Wetter. Es gab Gespräche da, es gibt Vermutungen dort. Niemand weiß, was der Tag bringen wird. Springen wir wieder über das Stöckchen, das die Nazis hinhalten und, quasi über Bande, die Polizei anzündet? Wirkt das Gift der Angst, dass die Polizei durch ihren Sprecher injiziert? Was ist schon Mut, wenn allein das Protestieren gegen Nazis schon verurteilt wird? In Sachsen, dem nur mühsam zum Recht gegen Rechts findenden Land? Er ist alles – Antrieb, Begründung, einzige Chance.


Und wo wirst Du sein?

Schubél