Ein halber September

Das Gebrüll: Fast vergessen. Leere Straßen. Hitze und gebuchte Urlaubsreisen treiben die Menschen aus ihren Wohnungen hinaus in die Welt. Fremdenfeindliche Demonstrationen inmitten der Stadt? Wie Gespenstergeschichten, so fern und unwahr.

Langsam, scheint es, kehrt Besinnung ein. Was kann muss darf soll kritisiert werden? Wer kann muss darf soll verantwortlich sein? Leben wir noch trotz der »Krise«, die ja keine der Flüchtlinge, sondern nur eine unserer eigenen Wohlfühlblase ist?

Ouvertüre

Ich bin in Gohlis, einem Leipziger Stadtteil, an dem sich Bausünde, Betuchtheit und Beschaulichkeit treffen. In einer kleinen Backsteinkirche findet eine Asylinformationsveranstaltung zur Eröffnung einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete statt. Die Saisoneröffnung, das Auftakttreffen, die Messung der Reststrahlung nach dem GAU des Sächsischen Sommers ist nicht grundlos mit Anspannung versehen. Kaum dass sich herumgesprochen hatte, dass hier, inmitten gutbürgerlicher Historie, die kleine Ahmaddyia-Gemeinde eine Moschee errichten will, gründete sich reflexartig eine internetionale Bürgerbewegung. Einschlägig bekannte Empörungseskalateure traten auf, die Stimme des Volkes zitterte erregungswütig, die Medien holten sich ihre Bilder und irgendwer drapierte irgendwann aufgespießte Schweinsköpfe auf dem Baugelände. Warum? Im Internet stand wohl, dass ein ähnliches Bauvorhaben abgebrochen wurde, weil Aufklärungskritiker unreines Schweineblut ausgebracht hatten…

Holzduft. Staub. Entschlossene Gesichter. Jemand stellt eine Coke auf die Bank. Kinder huschen durch die Reihen. Sich taxierende Gäste: »Besorgter«? »Linksradikaler«? »Nazi«? Zwischen den Menschen wabert ein Äther aus Zuversicht und gegenseitigem Misstrauen. Die Hoffnung auf ein konstruktives Treffen jedoch überwiegt. Alle scheinen ausgeruht.
Bürgermeister Fabian und Sozialamtsleiterin Kador-Probst führen langatmig zur Situation aus. Nichts soll vergessen werden, kein Körnchen unterschlagener Wahrheit möge übrig bleiben. Wir erfahren: Ein altes Autohaus wird umgebaut, Geflüchtete mit »Bleibeperspektive« sollen als Gruppen aus den Notunterkünften heraus kommen. Wie viele Plätze in der ganzen Stadt benötigt werden, kann keiner sagen, denn erstmals hat das zuständige Ministerium keine Prognosen veröffentlicht. Man kalkuliert mit der Unberechenbarkeit.


Schnell wird deutlich, dass die Organisation und Verwaltung der Geflüchtetensituation dem Umbau eines Schiffes auf hoher See gleicht. Nachts. Während eines Sturms. Es fehlt vor allem an Geld und Planungssicherheit. Eine Sozialarbeiterstelle soll sich um 50 Personen kümmern. Der Wachdienst soll des Nachts die Dinge in der Unterkunft absichern. Wie lange die Menschen dort bleiben sollen, ist abhängig von ihren Verfahren. Wer aus dem Asylrahmen in ALG II wechselt, soll schnell in individuelle Wohnverhältnisse wechseln. Ob das ein Rausschmiss oder ein begleitetes Umziehen wird, vermag niemand zu sagen. Klar ist jedoch, dass sich spätestens hier der deutschlandweit vernachlässigte soziale Wohnungsbau bitter rächen wird.

Die Rückmeldung des Publikums lässt sich so auch einfach zusammenfassen: Liebe Stadt, vermassel das nicht! Habt ihr euch das alles gut überlegt? Ist eure Aktion der gesamten Situation angemessen und solide geplant? Wer kümmert sich um die Kümmerer? Bedenke: Es geht hier um Menschen, die unsere Hilfe brauchen! Ein Stadtbürgertum, das vielleicht individuell selbst leitend in komplexe Prozesse eingebunden ist, meldet sich hier zu Wort und überrascht mit Aufgeklärtheit, Pragmatismus und dem Willen zur Hilfe. Einige rücken unruhig in ihren Bart kommentierend auf den Kirchenbänken hin und her. Popelnde Burschenschaftler beäugen skeptisch die Diskussion. Doch alle bleiben ruhig. Keine Zwischenrufe.


Vielen ist klar, dass Verwaltungshandeln Grenzen hat, vor allem in dieser unberechenbaren Situation. Probleme können und müssen schließlich auch von der Bürgerschaft – also uns – gelöst werden. Wegducken und hetzen gilt nicht! Leider greift dieser Geist aber nicht auf jeden über. Ein »Besorgter« muss es dann doch mal sagen dürfen: Was tun diese Menschen eigentlich in der Unterkunft? Trinken die nicht eigentlich nur den lieben langen Tag Alkohol, lungern herum und kommen auf dumme Gedanken? Ist es nicht allgemein bekannt, dass Unterkünfte dieser Art nichts anderes als Werkstätten für den Bombenbau sind? Lautstarker Widerspruch. Eindringlicher Widerspruch.

Ein guter Abend.
Wir sind voller Hoffnung.

(Mehr Infos unter kiezgefluester.de/infoabend-zur-gemeinschaftsunterkunft-in-gohlis-ein-protokoll)

Die Rückkehr der Sorge

Zwei Tage später: Die selbe Veranstaltung findet in einem ehemaligen Messepavillon im Südosten Leipzigs statt. Geplant ist der Umbau eines alten Schulgebäudes im Vorort Meusdorf, einem kleinen Speckgürtelchen. Dörflicher Siedlungscharakter, hoher Altersschnitt, der erst nach und nach von jüngeren Nachzüglern abgesenkt werden wird, dominierende Eigenheime. Jeder kennt jeden und vor allem kennt man die, die noch keiner kennt: Die Kulturfremden in Ausländergestalt. Jene aber ganz genau.

Thor Steinar, Ansgar Aryan, Lok Leipzig

Vorm Pavillon werden Flugblätter mit vorgefertigten Fragen an den Bürgermeister verteilt. Im Gewand des aufgeklärten Ungehorsams verkleiden sich auf zwei Seiten Ressentiments als Frage: Kommen hier wirklich Bürgerkriegsflüchtlinge oder eigentlich doch bloß verschlagene Wirtschaftsflüchtlinge aus Urlaubsländern? Wie wird eine Diskriminierung Andersgläubiger verhindert? Mit welchen Veränderungen der Grundstückswerte sei zu rechnen? Familien oder Cousin-Brüder-Clans – Wer zieht hier ein?


Schnell wird klar, dass dies ein ganz anderes Konzert wird. War Gohlis noch vom Willen zur Hilfe geprägt, herrscht hier kalter Zynismus und sarkastische Ablehnung aller Notwendigkeiten. Keine aufmerksame Neugier, nur ein angriffslustiges hin und her Wippen. Des Bürgermeisters Ausführungen sollen schnell enden, man hat schließlich ein bis mehrere Anliegen. Die soll er mal erklären, der feine Herr da vorn, der feine Herr von da oben, der feine Herr, der immer nur einer von denen, niemals aber einer von uns sein kann! Fabian und Kador-Probst referieren, aber deutlich defensiver als noch zwei Tage zuvor.

Thor Steinar, Ansgar Aryan, Lok Leipzig – auch äußerlich wird schnell deutlich gemacht, dass man hier nicht auf Konsens aus ist. Genannte Fakten werden bitter verlacht, Handys klingeln, man appt sich whats zu, schüttelt ostentativ den Kopf, alles mit Ansage, so ein Kopfschütteln will schließlich in Szene gesetzt sein. Männer mittleren Alters, gekleidet wie kleine Jungen in bunte Shirts und Shorts. Frauen mit Haarfarben, die in der Natur unseres Planet keine Entsprechung besitzen. Südlandgebräunt, man hat ja schließlich was erlebt, man arbeitet, man zahlt Steuern.


Lange Reihen brauner Klappstühle. Der Pavillon dient einer christlichen Gemeinde als Andachtsraum. Doch eine dem Ort angemessene Würde will sich nicht einstellen, Kreuz an der Wand hin oder her. Im Gegensatz zu Gohlis ist die Fragerunde vom Futterneid geprägt, der in Deutschland stets ein gesetzlich zu regulierender ist. Die zu sanierende Unterkunft hat kein Baustellenschild – sofort alle Arbeiten einstellen, Baustelle schließen, Bauamt abmahnen! Wie sieht denn das Sicherheitskonzept aus – nicht für die, sondern für uns! Bekommen die etwa ein Catering? Nein? Das heißt, die kochen selbst? Na das kann ja was werden! Machen die ihre Unterkunft selbst sauber? Nein? Die bekommen einen Putzdienst? Na so was, das kann ja was werden!

Satte Menschen gönnen den Geflüchteten nicht die Butter im Wohnheim. Buschkowsky wird zitiert, Integrationswissen aus Talkshows präsentiert, Dorfdenken als Reaktion auf internationale humanitäre Krisen favorisiert. Dem Charakter der Fragen folgend, leben in Meusdorf einzig Schulnetzplaner, Stadtkämmerer und Immobilienverwalter. Als versuchte man, einem Hamsterbesitzer die Notwendigkeiten und Grenzen der Viehwirtschaft auf Großfarmen zu erläutern.


Eine ältere Dame mokiert sich darüber, dass sie Lehrerin gewesen sei und man weder sie noch ihre Meusdorfer Ex-Kollegen gefragt hat, ob sie nicht Sprachkurse oder ähnliches anbieten wollen. Überhaupt wird ja viel zu selten an die armen Einheimischen gedacht. Viele singen in ihren Einlassungen eine Strophe des Trauerspiels »Unsere Rentner! Unsere Kinder! Unsere Aufstocker!«. Eine junge Frau, die bei einem Pflegedienst arbeitet, erzählt von einem uralten Ehepaar: Er musste ins Pflegeheim, sie vereinsamt und kann sich auch die Wohnung nicht mehr leisten. »Und nun frage ich sie: Wer kümmert sich um diese Leute? Eigentlich?«. Dass die soziale Kälte in unserem Land durch die Geflüchteten entstand, ist hier Konsens. Die bekommen alles. Wir nur die Rechnung.

Einziger Lichtblick ist ein junger Mann, der als Stimme der Vernunft auftritt. Er schäme sich, meint er, eine solche Atmosphäre der Ausgrenzung und des Kleingeistes miterleben zu müssen. Das bringt den Pavillon zur Explosion. Was erlaubt der sich? Appelle an Humanität haben hier nichts verloren! Wenn wir hassen, dann mit allem Recht und aus gutem Grund! Der Saal tobt. Ein Mann in der ersten Reihe bekommt sich nur schwer wieder ein. Sicherheitskräfte postieren sich. Als die erste Welle abebbt, fragt der junge Mann, was man eigentlich als Anrainer und zukünftiger Nachbar tun könnte, um den Angekommenen zu helfen. Dreckiges, kehliges, verachtendes Lachen, so deutsch, wie es nur sein kann, schlägt ihm entgegen. »Kannst Dein Arsch hinhalten, zum Reinficken!«, tönt es irgendwo her. Übrigens: Das Unterdrücken von Minderheiten und/oder Frauen findet nur in Flüchtlingsunterkünften statt. So was kann man dann auch mal an Abenden wie diesen lernen.

Irritierend: Juliane Nagel, Leipziger Stadträtin und Landtagsabgeordnete der Linken ist ebenfalls im Saal und tut: nichts. Keine Intervention, keine Wortmeldung, gar nichts. Nur ein paar Mini-Statements bei Twitter. Schade. So entsteht ein unangenehmer Eindruck, das ihr die Röstung des Bürgermeisters gar nicht so ungelegen kommt.

Drei Tage vor der nächsten LEGIDA-Demo wird deutlich, dass sich rein gar nichts geändert hat. Doch wird die Empörung ausreichen und bis auf die Straße tragen?

Wir sind das Volk. Irgendwie.


Es gibt Tage, an denen man glaubt, nicht könnte gelingen und die dann zu Sternstunden der eigenen Überraschtheit werden.

Es gibt Tage, an denen man ahnt, das etwas richtig scheitert – und es dann alles noch viel schlimmer wird.

Und dann gibt es Tage wie den 5. September 2016. Aus Sicht von LEGIDA kann dieses Datum als der absolute Tiefpunkt gelten. Neun Wochen Pause sind seit der letzten Versammlung ins Land gegangen. Und es existiert augenscheinlich noch immer, trotz Flüchtlingen und durch die Straßen marodierenden Extremisten, die kleine Kinder fressen und Schland-Fahnen von Autos reißen. Damals hatte noch Tatjana Festerling für einen bulgarischen Grenzeinsatz geworben, ein absurd gekleideter Moppi geheimnisvoll über den grünen Anwalt Kasek als Al Antifa Capone geraunt und am Ende ein Ordner blutüberströmt und bewusstlos in der Dunkelheit linke Angreifer identifiziert.

Kein Rufen. Keine Fahnen. Keine Transparente.

Es ist schwül. Das Wetter kann sich nicht zwischen Sommerferien und Wolkenbruch entscheiden. Die oberste Herrenleitung befiehlt: Socken raus, Sandalen an! Heute sind nur die Härtesten der Harten vor Ort: Halsstarrige, dauerdozierende Großväter; Mittelalte Männer, stecken geblieben zwischen dem Revolutions-Chic des Jahres Neunundachtzig und einem Ramschmarkt voller gefälschter Markenklamotten am Balaton; Dorfbewohner mit Bekenntnis-T-Shirts; Flaggenschwenker und Transparent-Dichter; wahrscheinlich ehemalige Volkspolizisten mit ausgeprägter Autoritätssehnsucht und dem Wissen um optimale Laufwege zur Objektsicherung; Halbstarke, die nicht wissen, ob sie ihre frisch eingetroffene Körperbehaarung zeigen oder, weil en vogue, rasieren sollen; Halbstarkinnen, die sich laut mit »Na du Dreckszecke!« begrüßen und derart als Alpha-Weibchen auftreten, dass Beate Zschäpe dagegen wie Hildegard von Bingen wirkt. Alle sind sie da. Es ist ein einziges Scheitern in Menschengestalt. Noch nicht mal Identitäre, THÜGIDA-Nazis oder die Einprozentler lassen sich blicken.


Obschon: Die Hoffnung währet ewiglich! Vielleicht sind ja schon alle am Kundgebungsort, meint einer, am Hauptbahnhof vor McDonalds wartend. Eventuell kommen ja vom Bahnhof noch ein paar Leute, meint einer, am Kundgebungsort wartend. Ist ja noch Zeit, beruhigt ein Dritter. Ist kaum noch Zeit!, zittert ein Vierter. Still trottet das Mengchen los. Am Westin Hotel, dem in DDR-Zeiten gebauten »Merkur«, doziert ein Mann über die geschehenen und wenig bekannten Bauunfälle. Später wird er einen Doppelhalter enthüllen, auf dem er unter anderem dem Oberbürgermeister, Leipzigs Polizeichef, einem ehemaligen Pfarrer, dem Sänger der »Prinzen« und diversen Politikerinnen attestiert, die »…geistigen Väter des kommenden Bürgerkrieges« zu sein. Unterschrift: »Ein echter Leipziger der Friedl. Revolution von 89«. So viel zum Pathos.


Kein Rufen. Keine Fahnen. Keine Transparente. Folgsam auf dem Fußweg gehen wir durch stille Winkelgassen. Anlieger bringen schnell noch ihre Fahrzeuge weg, um nicht später Opfer der rituellen Vollsperrung zu werden. Gespräche über Autoreparaturen (»Immer ich!«), Festivalbesuche (»Highfield war extremst!«), Handy-Tarife (»Alles dabei!«). Niemand wagt eine Parole. Entschlossenheit und Sendungsbewusstsein sieht anders aus. Man hat in den letzten Monaten gelernt, dass zwar das Rufen in der Menge schön ist, doch dies zu initiieren einem selbst nicht zusteht. Das machen die auf der Bühne, die Taktgeber, die Redner, jene übersteuerten Empörungsjongleure, die endlich mal sagen, was man selbst immer schon gesagt hat. Nur eben leiser. Zudem muss man mit seinen Kräften haushalten, schließlich gilt es nachher noch im patriotischen Überschwang der Welt zu zeigen, was im Deutschen Wesen neben »von nichts gewusst« und »gut gemeint« weiterhin alles schlummert: Ein Spaziergänger.

Vorm Naturkundemuseum, dem Versammlungsort, stockt die Menge kurz aber nachhaltig. Das soll wirklich alles sein? Das Volk, welches erst Stadien, dann Plätze, dann wenigstens Parkplätze besetzen wollte, passt heute in zwei Parktaschen. Wenn die Theorie stimmt, dass auf diesem Planeten jeder jeden über sieben Kontakte kennt, dürften hier alle miteinander verwandt sein. Laut der Forschungsgruppe »Durchgezählt« werden es am Ende 180-220 LEGIDAs sein. Ziehe ich Pressefotografen, Zivilpolizisten und Demonstrationsbeobachter ab, dürfte 150 eine realistische Zahl sein.


Aber Qualität ist ja bekanntlich das, was wirklich zählt. Ich sehe mich um und erkenne bekannte Gesichter. Die Haute­vo­lee des regionalen Versagens, die AfD kuschelnden Facebook-Jockeys und ihre Freundinnen, die ehemaligen Bürgerrechtlerinnen von gar erblondeter Gestalt – man will ihre Namen nicht mehr nennen, kann sich ihrer nur grausend erinnern, sieht sie in einer Aura von Selbstgefälligkeit honorig Hände schütteln, über den Platz flanieren, Egos kuscheln, dicke Männer grüßen, von ihrem Ruf zehren. Ein junger Mann nähert sich im Schlepptau eines älteren den vermeintlich coolen Rädelsführern. Er trägt eine Wirmer-Fahne in der einen und die feste Entschlossenheit zum Eintritt in den inneren Kreis in der anderen Hand. Vorsichtig reicht er sie herein, doch, schade schade, umsonst, oder doch nicht?, hat er mich gerade angesehen, meine Flagge, mich als Gleichen erkannt, akzeptiert vielleicht? War da nicht ein Zucken in seiner Schulter, nein, oder doch, oder ach, nein. Als politischer Mensch empfinde ich diese Leute als Zumutung, doch diese Szene erweichte mein väterliches Herz, so dass ich ihn am liebsten adoptiert hätte, von der Stelle weg, so wie er da steht, mit grüner Kapuzenjacke und einem Kochtopf-Haarschnitt, ein wirklich dämlich-garstiger Forrest Gump.


Sieben Gegenveranstaltungen haben die Leipziger dem entgegen gestellt: Fahrrad-Corsos, Vorlesungen unter freiem Himmel (Großartig: »Gehört das Christentum zu Deutschland?«), eine Demo zur Kanzlei des LEGIDA-Anwalts Hohnstädter usw. Doch durch die weiträumige Absperrung der Polizei ist wieder einmal keine Möglichkeit für eine wirkungsvolle Ablehnungsmanifestation möglich. So trägt der Wind, der mittlerweile auch dicke Gewitterwolken vor die Mondsichel treibt, nur vereinzelt Sprechchöre herüber. Angesichts der ebenfalls großzügigen Absperrung für die Demo-Strecke kann man hier wieder nur von einem Rückfall in alte Zeiten sprechen. Lieber den zahlenmäßigen Gegenprotest auf Distanz halten, als nicht die härteste Sanktionsmacht in da hood zu gelten? Da waren wir schon weiter, liebe Leipziger Polizei. Gar lächerlich hingegen wird es, wenn man sich LEGIDAs Abgang betrachtet. Dazu aber später mehr.


Die Reden sind der Rede nicht wert, ein Redner hingegen ist es schon, weil er in seiner Person all das an Symbolkraft vereint, was Querfront, Verschwörungswahn, Autoritätsfetisch, organisatorische Verzweiflung und viele andere Meisen von Menschen mit zu viel Tagesfreizeit ausmacht: Stephane Pierre Roger Simon.

Kurzer Steckbrief: 1968 in Frankreich geboren; erster EU-Bürger, der in Europa Beamter (Bundespolizei) geworden ist, ohne die Staats­an­gehörigkeit des Landes zu besitzen; Lehramtsdauerstudent, der es selten in die dritte Semesterwoche geschafft hat, ohne vom Dozenten wegen endlosen Stänkereien rausgeworfen zu werden; Rassist; Schreihals; Hans Dampf in allen Demo-Gassen; stehende Wendung; bei fast allen Veranstaltern des völkisch-besorgten Spektrums wegen chronischer Logorrhoe mit Redeverbot belegt.


Letzteres ist für heute außer Kraft gesetzt. Den bisher erduldeten drögen Vortrag und das breite Hausfrauengejammer vom Blatt kann Simon kontrastieren. Kurz flammt bei den Zuhörern ein »Weißt Du noch, wie es früher war? Als wir noch nicht wie wechselwarme Waschweiber herum gejammert haben?« auf. Er gibt alles. Wie jeder Erleuchtete kann er alles aus dem Stand, braucht keine Zettel oder Stichworte, nur ein Podium und eine Crowd. Das ist sein Moment. Doch schon nach wenigen Minuten ist das aufrührerische Reden einem Kreischen gewichen, steht seine ganz private Revolution wegen Heiserkeit vor dem Ende. Aber Simon hält durch, schließlich hat er eine Mission. Der Polizeipräsident ist zum Katholizismus konvertiert? Dann ist er gleichsam verblendet wie die Islam-Überläufer, die überkompensieren und sich stets besonders produzieren müssen. Der Polizeipräsident war schon vor der Wende bei der Polizei? Quelle belle oioioi?! Die Zuhörer klatschen amüsiert. Simon ist ihr Hofnarr, das Lachen so aufrichtig wie eine Befragung der Inquisition. Sie nennen ihn »Kreischender Homo-Hitler« und »Kleiner Merbitz-Giftzwerg«, wie er da auf der Welt seiner Bühne die Welt als Bühne zu demaskieren glaubt. Noch eine Tirade bis zum totalen Stimmverlust. Es wichtelt ganz arg wahn. Selbst LEGIDAs Querfront-Ikonen vom »Weißen Raben« haben den Kundgebungsort verlassen.


In der Zwischenzeit zwitschern es die Tweets aus allen Netzwerken: LEGIDA wird heute nicht laufen! Keiner weiß, weshalb. Ob es die Scham über den schaumgebremsten Haufen Besorgnis ist? Das Wissen darüber, wie lächerlich ein Gang durch die äußeren Bereiche der Innenstadt ist, wenn am Wendepunkt dreimal so viele Gegendemonstranten ihre Trillerpfeifen warm laufen lassen? Oder hat es doch, wie offen von der Bühne geheimst wird, mit den aggressiven Linksextremisten zu tun, die sich in dunklen Ecken eingenistet haben und – man muss das nun Kommende mit einem Anlauf lesen, der von der alttestamentarlichen Symbolik über Wilhelm Tell bis zu Steve Jobs reicht – vorhaben, den Demozug mit Äpfeln zu bewerfen? Nein nein nein, altvatert es von der Bühne, da ist man schlauer, da geht man nicht lang, den Trick, nönönö, habe man längst schon durchschaut. »Wir hoffen, dass das ihre Darmflora auch aushält, wenn nicht: Schaumerma. Und die Leute in der Michaeliskirche [dem geplanten Wendeort der LEGIDA-Demo – Schubél] werden überrascht sein von irgendwelchen Fluktuenzen (sic!) durch Äpfel. Aber da müssen sie halt durch. Vielleicht kann das Ordnungsamt mal die Lautstärke messen«. Irgendwo rollt ein Gebüsch über die Prärie. Eine Grille zirpt. Dies Hö-Hö der ganzen Welt.


Da skandiert man lieber »1-2-3 Danke Polizei!«, rechnet vor, wie viel die Sicherungsmaßnahmen der Demos kosten, dass die anderen daran Schuld seien und watscht gleich noch die Medienvertreter (»Zuträger für kleines Geld«) ab, die alle Berichte über die heutige Demo bereits geschrieben haben, bevor man sich überhaupt getroffen hat: »Ohne Antifa und Gegendemo würde das wesentlich ruhiger ablaufen…«. Ja, genau!, ruft eine alte Dame. So apart wie Radiosender, die »Das Beste der Achtziger, Neunziger und die Tophits von heute« zum Programm haben, tönt das »Wir sind die Opfer, uns wird alles verwehrt, andere dürfen alles, nur wir nicht!« in die Dunkelheit. Alle doof, außer wir.

Ja. Und in dieser Hinsicht verdammt stolz drauf.


Abgang. Die Menge ist aufgeladen. Heute gab es keine Triebabfuhr per Spaziergang. Es brodelt. Der Aufstand der Abschätzigen steht unmittelbar bevor. Kaum dass wir uns bewegen, ertönen Sprechchöre. Jetzt sind die letzten 15 Minuten angebrochen, ab hier gilt: Alles raus, was verletzen kann! Grimmige Mittfünfziger nesteln an ihren Taschen und kramen Taschenlampen heraus. Die Polizei, die die Gegendemos beflissen auf Distanz gehalten hat, tut: nichts. Fotografen werden von mindestens drei Strahlern geblendet. Die Polizei: Tut nichts. Kaum dass sie ihre Ordnerbinden los sind, machen die LEGIDAs den ganz großen Otto los, brüllen, provozieren, drohen den Pressevertretern. Die Winkelgassen von vorhin sind nun dunkel. Das Licht der Straßenlaternen ordnet nur noch sporadisch Gesichter Aussagen zu. Der garstige Forrest Gump ist am oberen Limit der Unterirdischkeit angelangt: »Wir marschieren für Deutschlands Zukunft!« oder »Wir wollen keine Asylantenheime!« profiliert er sich in den Abgesang hinein.

Knacksende Geräusche. Jemand ruft »Ihr Dreckschweine! Verbrecher! Euch sollte man einsperren!«. Wir gehen an einer Pfütze aus Glibber vorüber. Das Volk, das Menschen im Mittelmeer ersaufen lassen will, eskaliert bei zwei rohen Eiern. Parolen. Drohungen. Beleidigungen. Fahnen. Blendereien. An den Kreuzungen der Seitenstraßen sammeln sich lautstark Gegendemonstranten. Teilweise in kleinen Gruppen sind sie scheinbar überall. Trillerpfeifen. Schilder. Mittelfinger. Ein Mann, der regelmäßig mit der Spendendose bei LEGIDA unterwegs ist, legt sich mit einem Pressefotografen an.

– Ihr verdient doch eh kein Geld mehr! Immer auf die Leute, frontal drauf halten, ne?!

– Wenn sie dauernd in die Linse rennen, kann ich auch nichts dafür…

AHA! »In die Linse rennen«! Frontal! Auf die Gesichter! Und dann Presseausweis holen. Das Schöne ist ja, dass eure Zahlen derartig im Keller sind, ne? Nur noch montags, Live-Berichterstattung bringt was ein!
Der Fotograf lässt den Troll in seiner eigenen Häme ertrinken und bedient seine Provokation nicht. Irgendwer ruft noch »Antifa-Fotograf! Die sind nur hier um Schande über uns zu bringen!«. Wir sind am Bahnhof. LEGIDA zerstreut sich in alle Winde der Geschichte.


Zum Abschied trillert es leise »Fuck You«.

As time goes by

12. September 2016: Die Internet-Gruppe »NoLegida« kündigt an, ihren Betrieb einzustellen. LEGIDA ist hinüber, andere Aufgaben wichtiger. Viele Menschen bekunden ihren Respekt und bedanken sich für die geleistete Arbeit.

Ich sage: Wir hätten die nicht gebraucht. NoLegida ist überflüssig wie ein Kropf. Kein Mensch benötigt Aufrufe anderer Leute, um zu tun, was zu tun ist. Diese Struktur, die da entstand, hat letztlich nur dazu geführt, dass die Demos für die Stadtkasse immer teurer wurden. Nein, keiner braucht NoLegida. Niemand hier…


…wenn wir selbst auf die Idee gekommen wären, etwas zu tun. Wir selbst an uns geglaubt hätten, an die Kraft der Einzelnen, die ein großes ganzes Gutes zu vereinen mag. Unsere Analysekraft und Reichweite genutzt hätten, um uns zusammen mit bis dahin Fremden zu vernetzen und nicht nur alles besser gewusst, sondern besser mal gemacht hätten. Ich nicht selbstgefällig mit meiner Stadt gehadert und sie ob ihrer Ignoranz, die ja stets die meine war, in Bausch und Bogen verdammt hätte. Wir schlicht den Arsch hoch bekommen hätten, auch jenseits der eventigen ersten beiden Demos im hobbitesken Gefühl des »Jetzt zeigen wir es Mordor aber mal so richtig!«. Somit haben wir euch gebraucht, mehr als alles andere, weil ihr trotz des »No« nicht nur reine Opposition, sondern auch Gestalter, Initiatoren und Ort wart, an dem man Position beziehen konnte, auch wenn man Marx & Co nicht zitierfähig rezipiert hat.

Nicht wie LEGIDA, die einfach nur kaputt machen wollen, was sie nicht verstehen. Jeder Narr kann etwas zerstören, das ist leicht. Aber ein Licht zu sein, an dem man sich ausrichten kann, ohne selbst Licht sein zu müssen, hilft mehr, als ihr, Marcel, Martin, Jürgen und all die namenlosen Helfer, vielleicht je gedacht habt.

Und es ist gut, dass ihr geht, dass ihr es jetzt tut, dass ihr die Verantwortung aussät. Nur so kann unsere Stadt wachsen. Nicht weil Einzelne etwas für Protest-Konsumenten anleiern, sondern wir nun die Gelegenheit haben, uns selbst auszuprobieren, selbst hinzusehen, selbst zu widersprechen. Gehen wir es an!

Ja.
Das ist ein Danke.
Von Herzen.

Schubél