Drei zu Eins

Die Leipziger Montagabende sind wieder fest im Kalender markiert, denn LEGIDA spielt »Politische Süßwarenkasse« und wälzt sich zornig schreiend auf dem Boden herum. Was kann man tun? Drübersteigen und ruhig bleiben.

Sollte alles ein großes Missverständnis sein? Diese Personen, die sich Goebbels-Zitate auf ihre Transparente schreiben, die Flüchtlinge pauschal als Islamisten nicht willkommen heißen wollen, die sämtliche Strophen der Nationalhymne singen, ohne sich zu vergegenwärtigen, dass das kein Ersatz für Kulturbeflissenheit ist – sind das vielleicht wahre Menschenfreunde? Mit guten Argumenten sogar?

Was? Meine Tabletten? Achsojadanke!

Nö, kein Missverständnis. Die sind, wie sie sind. Da gibt es nur diese eine Ebene und aus der kann man eben keinen Würfel machen.

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Ausganslage: Goldener Herbst. Vor sieben Tagen hat LEGIDA trotz massivem Aufgebots kein nennenswertes Ergebnis erzielt. Zumindest keines, dass nicht unter lautem Getriller der Gegendemonstranten untergegangen wäre. Die Polizei hatte weder die Blockierer noch die Erlebnisorientierten im Griff. Logischerweise musste zur heutigen Veranstaltung die raumgestalterische Definitionsmacht gefestigt werden.

Dramatische Beleuchtung? Können wir!

Durchführung: Die Innenstadt als Aufmarschzönchen. Die Polizei riegelte Wanne um Wanne ab, LEGIDA sammelte sich Wampe um Wampe am kleinen Willy-Brand-Platz. Ein Drittel der nationalen Hoffnungsträger trägt schwarze Jogginghosen das zweite Drittel sind Fensterbank-Rentner mit handwerklichem Geschick und kakophonischen Schildbeschriftungen; der Rest trägt, redet, ist Beige und offenkundig mit Regierungshandeln zufrieden, wenn es die Massenarbeitslosigkeit wirkungsvoll bekämpft und Autobahnen bauen kann. Das dürfen sie aber nicht sagen, zumindest nicht laut. Sie wissen ja: Gutmenschen-Faschismus und so weiter.

Die hellsten Leuchten standen wie gehabt außerhalb der LEGIDA-Demo (Symbolbild)

Der Rest ist schnell erzählt: Ohne Reden will man gleich los. Geht aber nicht, weil es sich AktivistInnen vorm Reichsaufmarschplatz bequem gemacht haben. Mit undeutscher Verspätung bewegt man sich einmal die Straße hoch und wieder runter. (Notiz an die Linguisten: Für diese Menge an Protestieren braucht es unbedingt eine neue Verniedlichungsform, denn weder das Suffix -lein noch -chen werden dem gerecht!) Am Augustsplatz krakeelt jemand etwas vom »Nationalen Handstand« oder so. Wieder zurück gibt es das übliche Geschimpfe, irgendwas mit Frühsexualisierung (böse!) und Bearbeitungdauern von Asylanträgen (zu lang!) und Grenzen (zu offen!). Oder wie es der LEGIDA-Organisator sagen würde: »Mi! Mi! Mi!«.

Die warme Luft in den Seifenblasen wurde freundlicherweise von der LEGIDA-Rednertribüne zur Verfügung gestellt.

Die Polizei indes blieb sehr gelassen. Nur ein kleines Gerangel zu Beginn, weil ein Gegendemonstrant ein erregtes Händel über 100 m Luftlinie mit seinem Gegenüber hatte. Nicht einmal als drei Aktivistinnen in die Unterführung gingen, um den ersten abziehenden Legidensern ihr »Refugees Welcome!«-Transparent praktisch vor die Nase zu halten, gab es Unruhe. Man erledigte das wie Gentlemen – Danke dafür!

3 Mädels. 2 Polizisten. 1 Transparent. 0 Eskalation.

Das Ende (?): LEGIDA verlässt seinen Versammlungsort buchstäblich unterirdisch. Die letzte Bastion der braunen Besorgnis, die vehementen Verfechter des Völkischen, fahren (sic!) auf einer Rolltreppe (sic! sic!) unter die Erde (sic! sic! sic!) und waren fortan nicht mehr gesehen. Einen symbolischeren Abschied kann man sich nicht vorstellen. Natürlich kommen sie wieder. Und wieder fragen wir uns alle: Was muss mit Menschen nicht stimmen, wenn sie sich mit offenkundigen Miesepetern, gewaltaffinen Testosteronis und schreienden Überfremdungsphantasten Woche um Woche treffen, wo doch jenseits ihres Gatters eine bunte Menge schöner, kluger, lustiger, freundlicher, talentierter, mitfühlender, alter und junger Leute stehen? Die zudem noch dreimal so groß ist?

Wir werden es wohl nie erfahren. Andererseits kann sich auch niemand den Erfolg von Modern Talking erklären. Also was soll’s.

Schubél