Drei Tage Leipzig

Ein Idee zu opfern, ist schwer.
Eine Stadt zu opfern, wäre Verrat.
Eine Stadt für eine Idee zu opfern, ist legitim.
Ist ja nicht die Hauptstadt.

Ich stelle mir vor, Tausende Menschen stünden mir kritisch gegenüber.

Ich stelle mir vor, sie in zwei Lager teilen zu können.

Ich stelle mir Macht vor.

Ich stelle mir vor, wie ich diese Macht benutzen könnte. Wie ein Schachspieler stellte ich sie auf, um sie aufeinander losgehen zu lassen.

Ich stelle mir vor, dass ich nur so täte, als gebe es ein Ziel, Regeln, Gewinnmöglichkeiten. Für die Figuren.

Ich stelle mir vor, wie einfach es für mich wird. Alles weitsichtige, konstruktive Handeln kann ich mir schenken. Niemand erwartet Konzepte oder Strategien für die Zukunft.

Ich stelle mir vor, wie ich neuen Kritikern antworte: Es ist Notstand! Sehen Sie selbst! Über das Morgen können wir später sprechen, jetzt müssen wir das Heute retten, am besten mit den bewährten Methoden von Gestern! Aber seien sie gewiss, nach dem Problem werden wir gleich als Erstes an das Übermorgen glauben!

Wäre ich nicht ein weiser Fürst? Jemand, der die Kräfte nicht bändigt, sondern sie gegeneinander stellt? Der alle gleich behandelt, niemanden bevorzugt, keinen benachteiligt?

Willkommen in Sachsen.

Montag

Warum ich das tue, weiß ich nicht. Aber wie viele andere Menschen sitze ich auf weißen Holzbänken, lasse Orgelmusik auf mich herab dröhnen. Fragen stellen sich an die Sitzenden, Antworten provozieren Unbehagen. Manche denken nach, man kann es in ihren Gesichtern sehen. Einige beten vor, spürbar im Willen zum Wort. Wenige besichtigen das Friedensgebet, als handele es sich um eine Musical-Vorstellung über das Jahr 1989. Gleich wie man zur Kirche oder zur Religion steht: Menschen kommunizieren hier miteinander, legen sich fest, richten sich moralisch am Frieden aus und sie meinen es ernst. Ich bekomme eine Ahnung davon, was hier, in Deutschland, jetzt, im 21. Jahrhundert falsch läuft. Ganz unironisch.

Wie nach jedem Friedensgebet wollen die Kirchenbesucher gemeinsam gegen Legida und für die Weltoffenheit der Stadt demonstrieren. Wie immer findet sich eine Gruppe von Leuten zusammen, deren guter Wille ihr Schutzschild ist, der aber Angesichts der zu erwartenden Rücksichtslosigkeit der Gegenseite kaum dicker als eine Seifenblase sein dürfte. Ich, der sich beim Vaterunser nur aus Respekt vorm Ritus erhebt, weil er keinen Rechten Glauben zu entwickeln im Stande ist, fühle mich hier fremd. Aber das ist allein meine Sache.

Mein Weg führt die Straße buchstäblich hinab. Touristen sitzen erschöpft auf Rattangeflecht und verzehren Landesküchenimitationen aus aller Herren Länder. Die Stadt taucht in den Indian Summer ein, fröhlich gesprenkelt in den Jack-Wolfskin-Farben der Saison. Je tiefer ich nach unten steige, desto eindeutiger schließen die Geschäfte. Polizisten verbarrikadieren die Straßen, Gesichtskontrollen, Rucksackkontrollen, Kontrollkontrollen. Wie ein Gespenst treibe ich von der Neugier angezogen zwischen den Uniformen hindurch, jede Mustererkennung überwindend, absolut triggerneutral. Ich bin der Mann ohne Eigenschaften und sie haben nichts gesehen.

Letzte Woche geschlossen, heute offen – Was ist anders?

Wache ich nachts auf, erlebe ich die Welt nur im Extremen: Entweder geht alles vor die Hunde oder ich bin der König der Welt. Zwischen Selbst- und Tyrannenmord blinzelt die wahnwitzige Idee, sich einer Legida-Demo anzuschließen, um quasi aus dem Inneren Zirkel berichten zu können. Meist verbrennt der erste Sonnenstrahl diesen mehrbändigen Epos und schrumpft die Geschichte meiner Courage auf ein faltblattgroßes Normalmaß. Nun stehe ich an einem Gitter, das Legida von den Gegendemonstranten trennen soll.

Der Platz füllt sich, langsam aber kontinuierlich: Alte, Junge, Männer, Frauen, Sportliche, Bierbäuche, sportliche Bierbäuche, Oberlippenbärte, Glatzköpfe, Chantal, Kevin, Ronny, Mandy, Bärbel, Manfred, Fritze, Mathilde, C&A, H&M, Kampfsportmarken, Hooligan-Wear, Jeansjacken, Doppelhalter, Fahnen, Vierfarbdruck, Bettlaken, Fingerfarben, Fotos, Slogans, Gruppen, Gruppensuchende, Gruppenfindende, ewig allein Laufende, Muttis, Vatis, hurra das ganze Dorf ist da! Erlebnisorientierte Sonnenbrillenträger stromern hin und her, auf der Suche nach Leuten wie mir, Leuten, die dieser nur augenscheinlich heterogenen Masse nicht angehören, möglichen Stressoren, definitiven Opfern. Die Lämmer rücken zusammen, damit die Wölfe nicht beißen. Das Blöken ist uns jedoch vergangen. Weil die Polizei hinter uns verschließt, bleiben wir nur eine kleine Gruppe.

Die Kundgebung: Ein einziges selbstgefälliges, wehleidiges Klagen. Über die bösen X, die verkommenen Y und nicht zu vergessen, die links-versifften Z. Man solle doch auch einmal ihre Position bedenken und nicht immer nur die der Anderen. Weinerlich wie ein zu unrecht heraus gewählter Casting-Show-Teilnehmer zeichnet man ein Porträt von sich selbst in der Opferrolle des missverstandenen Dissidenten. Man könnte eine Software schreiben, die Versatzstücke aus Weltgeschichte, Fußballplatz und Kindergarten frei kombiniert und hätte Stoff für unendlich viele weiterer dieser Reden.

Das Gatter auf der anderen Seite öffnet sich. Die Kundgebung sammelt sich zum Marsch. Letzte Woche konnte er noch verhindert werden, auch weil die Polizei die Blockaden nicht zerknüppeln wollte. Legida hatte das damals schon angezweifelt und hätte die Angelegenheit auch gerne selbst geregelt, das Personal dafür wird seit Kurzem schließlich immer proaktiv mitgeführt. Anscheinend wollten sich Ordnungsbehörde und Polizei aber nicht für alle Ewigkeit auf diesen Akt gesunden Menschenverstandes reduzieren lassen und zeigten deutlich an, dass sie auch anders können. Zwar durfte Legida nur verkürzt laufen, aber sie waren unterwegs. Handfest zugreifende Blockaderäumungen ließen den gewaltlosen, zivilen Ungehorsam bersten. Jeglicher Gegenprotest stapelte sich hinter blockierenden Polizeifahrzeugen.

Und dann stehste mittendrin, verstehste? Gehste die Straße hoch, weg vom Gitter, mal gucken, damit dich Nichts überrascht, kommen da die ganzen Leute um die Ecke, so richtig mit Geschrei und Parolen und Rufen und so. Ich so nach rechts, aber da standen die Polizisten und haben alles zu gemacht, ich dann so nach links, da kamense schon mitm Plakat rum, also ab, ins Fenster vom Bagel-Fritzen, ran an die Säule gedrückt, flog ja ooch mal ab und zu was durch die Luft. Ich also so halb versteckt, kommen die um die Ecke rum, mitm Plakat, verstehste, gucken alle so und ich gucke so und denke mir, wenn ich so wie die gucke sehense mich nicht und wie ich da so gucke sagt Einer, dass ich nicht so gucken soll, so blöd, verstehste? Protestiert? Ja, hammse, gegen irgendwie alles und gegen jeden, Amerikaner und Regenbogen-Mafia, Gutmenschen und GEZ, Merkel und Moslems, keine Ahnung, irgendwie hatte da jeder seine eigene Demo. Dann hammse noch Nationalhymne gemacht und Ende der Spuk.

Wird einem schon anders, das kann ich Ihnen sagen. Und Mittwoch wollense wieder kommen und irgendwie was mit ‘nem Sarg machen. Na mal sehen. Oh, sieh mal einer guck! Dahinten! Merbitz Seiner, der Polizeipräsident! Ja, er lächelt und sieht entspannt aus.

Und ob mir das Angst macht!

Mittwoch

Ein Tag Pause ist definitiv zu wenig, um zu verstehen und zu verarbeiten, was am Montag passierte. Welche Kräfte reiben sich hier? Woher kommen sie, wohin wollen sie? Und die Polizei? Hatte sie nicht eine Woche zuvor dem Mob eine Blockade verordnet und sich gegen eine Eskalation entschieden? Weshalb also dieses harte Durchgreifen? …dachte ich mir auf dem Weg in die Innenstadt. Weniger Gitter. Mehr Strecke.

Wo sind die Nazis? war die Frage des Tages. Mal liefen sie, mal wurden sie blockiert. Dann wieder um die Blockade herum geleitet. Bis zum nächsten Stopp. Unverhohlene Hohlköpfe zeigen den Hitlergruß. Sie fühlen sich sicher, droht ihnen doch nur das verwunderte Kopfschütteln eines hilflosen Bloggers. Die Polizei putzt die Straßen sauber und verschafft Legida eine schlängelnde Routenführung durch das abendliche Leipzig. Aus dem Lautsprecherwagen ertönt mehrfach die Hymne der DDR: »Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt«. Eine größere Pervertierung der Historie kann man als Demonstration auf dem Leipziger-Heldenstadt-Ring nicht vollführen.

Legida schafft auch heute wieder die geplante Strecke. Die Polizei hat erneut durch weiträumige Absperrungen wirkungsvoll den Gegenprotest zersplittern können. Eines wird immer deutlicher: Die Strategie besteht nicht darin, die Zivilgesellschaft möglichst breit gegen den braunen Unrat Stellung beziehen zu lassen. Es geht einzig und allein um eine Zermürbung, die zur Eskalation geführt werden soll. So fordert die Gewerkschaft der Polizei folgerichtig auch kein Überdenken der Genehmigungspraxis für Aufzüge dieser Art, sondern ein Ende des Sparkurses und die Aufstockung des Personals. Die Exekutive will dort aufräumen, wo die Legislative nicht zu gestalten vermag. Ein lauter Schrei, der sich beklagt, nach Feierabend nicht mehr reibungslos durch die Innenstadt nach Hause zu kommen, wiegt schwerer, als der hundertfache Ruf nach Menschenrechten für Alle und die Ablehnung nationalistischen Gedankenguts. Die Gewaltenteilung koppelt sich vom Souverän, der Bevölkerung, ab, um durch Grundrechtsbeschneidung das Menschenrecht auf politischen Dämmerschlaf durchsetzen zu können.

Hinter dem Rathaus wird der Sarg mit der Aufschrift »Versammlungsfreiheit« und »Rechtsstaat« atmosphärisch dicht niedergelegt. Angereiste Nazis halten Reden und fordern »Masse, Masse, Masse«, um den letztendlich bevorstehenden, verdienten Sieg davon zu tragen. Grinsend zieht man ab. Hunderte Hooligans, jeglicher politischen Agenda unverdächtig, schwemmen uns entgegen. Ein Damm von kaum mehr als einem Dutzend Polizisten will sie in Schach halten, schafft dies mit letzter Mühe. Der Abmarsch ist hochaggressiv, die Polizei filmt – die verbliebenen zwanzig Gegendemsonstranten.

»Jaja, Sie sind die einzigen, denen Unrecht widerfährt!«. Ein Polizist quittiert unsere Äußerungen des Unverständnis mit Sarkasmus. Er ist der gelebte Korpsgeist, der Kritik am System auf sich als Person bezieht. Wir halten es für unangemessen, dass die Gegendemonstranten von drei Kameras erfasst werden? Er fühlt sich persönlich zurück gesetzt. Wer solche Jünger in seinen Reihen weiß, ich sage euch, dem gehört die Zukunft. Und nicht nur das: Als die Diskussion sich mit ihm entspinnt, steigen seine Kolleginnen mit ein. Eindeutig: Der Feind steht links. Dass wir auch dafür auf die Straße gehen, damit Mandy und Nadine ihre Einsatzklamotten weniger oft tragen müssen, konnten wir offensichtlich bis nicht wirkungsvoll genug vermitteln. Aber ein Igel definiert sich nun einmal durch seine Stacheln. Kannste reden wiede willst, verstehste?

…unter der Woche

Gereizte Müdigkeit verpestet die Stimmung. Nach der Sarg-Geschichte und all den anderen Schweinereien der Rechten in Europa, die dank der sozialen Netzwerke in Echtzeit über den Kontinent funken, fällt auch immer öfter das Wort »Feind« und »Krieg«.

Irgendein Spinner fabuliert über mögliche Angriffsszenarien seiner Hooligan-Truppen? Schnell einen Screenshot gemacht und mit »Achtung! Vorsicht!« auf Twitter verteilt! Gibt eine Menge anerkennender Sternchen und Retweets, kannste dir was drauf einbilden, Du Social-Media-Star! Dass solcherlei Scheißhausparolen mehr verunsichern als aufklären und Du damit die Arbeit des Gegners erledigst, der eine Atmosphäre der Angst erzeugen will, wird dir erst klar, wenn du mit den anderen Tastatur-Rambos am Haltestellenhäuschen stehst und sich keiner mit dir im heiligen Zorn waffeln will.

Pegida lästert über Homosexuelle? Diagnostizieren wir Festerling doch gleich mal das CUV-Syndrom: Chronische Untervögelung! Und nicht vergessen: Interventionen gehören verlacht.

»Ich will nicht mit den selben Waffen wie der Gegner agieren. Wir können das besser!«

»Hab dich nicht so mädchenhaft!«

»Ist psychologische Kriegsführung!«

»Geh doch mit der Kaffeetrinken und Bäume streicheln!«

»Hat keiner gesagt, dass das ein sauberer Job werden würde!«

Jeder trennende Zaun ist nutzlos, wenn wir werden wie der Gegner. Nichts unterscheidet uns von Legida, wenn wir sexistisch reagieren, die Situation mit Ängsten und Aggression aufladen, die Debattengegner zu »Feinden« umwerten, wir Feuer mit Feuer bekämpfen, den Montag zum Kriegstag werden lassen wollen. Verbitterung und Brandwunden auf allen Seiten wären das Ergebnis in einer Zukunft, die niemand leben würde leben wollen.

Samstag

»Wir distanzieren uns vollständig von dem, was am Samstag passieren wird!« – Die Hyänen wollen nicht mit Hyänen in Verbindung gebracht werden.

Wolken ziehen auf über der Stadt.

Wie an den Tagen zuvor ist auch heute wieder die Menge der Demonstranten kleiner als die der Polizisten und der Gegendemonstranten. Das Klientel ist noch »sportlicher«: Hooligans, die sich selbst in »Brigaden« organisieren, neben Vertretern der Partei »Die Rechte« neben NPD-Kadern, neben Opis mit Megafonen, neben Familien mit Kindern, neben Glatzen mit »Todesstrafe für Kinderschänder«-Trikots unter der Ritterkreuz-Fahne.

Sportliche junge Männer mit politischer Agenda. Im Hintergrund: Hooligans.

Und dann geht alles ganz schnell. Rechts läuft, Links pfeift. Böller und Gegenstände fliegen. Ich sehe in einiger Entfernung, wie Vermummte Steine aus dem Gleisbett holen. Polizei rennt, kurz zuvor soll es Pfefferspray gegeben haben. Was in den Wochen zuvor immer geduldig, kreativ und gewaltfrei ablief, kippte innerhalb weniger Minuten in die hektischen Bilder um, die ich mir wünschen würde, wäre ich darauf aus, den Gegenprotest diskreditieren zu können.

Kommando Hanghuhn

Jeder noch so unbeteiligte Sadist in Uniform kann nun wieder den Knüppel erheben und käme vulgärmoralisch legitmiert damit davon.

Jeder noch so kleingeistige Politiker kann nun wieder, berechnend oder blöd, rechte und linke Gewalt gegeneinander stellen, gleichsetzen und ausspielen.

Alle bräsig daheim Sitzenden bekommen eine hochamtliche Entschuldigung dafür, dass sie es in den letzten Wochen nicht »geschafft haben«, sich dem braunen Mob entgegen zu stellen, sich aber bei »Schindlers Liste« oder Bildern von ertrunkenen Flüchtlingskindern am Strand die Augen ausheulen.

Flucht! (Symbolbild)

Was aber noch mehr schmerzt, als diese Bilder, ist die unerträgliche Selbstgerechtigkeit der Steinewerfer. Mit politischen Selbstverständnissen ausgestattet, die selbst die letzte Menschenrechtsvermutung auch für »Bullenschweine« und Nazis aromadicht außen vor halten, gerieren sie sich als jene, die den Unterschied machen. Die das Gesicht hinhalten, sollten die Nazis mal ausbrechen. Die sich hie und da und dort allem und jedem entgegen stellen, sei es ein Wasserwerfer, eine BFE oder ein kapitalistisches System. Sie sind Krieger auf der Suche nach Schlachten und wo sie keine finden, entfachen sie diese, weil ihnen die Geduld fehlt, die Sache gewaltfrei auszutragen.

Ich habe auch keine Idee, wie wir diese braune Gülle schneller von der Straße und aus den Köpfen bekommen. Sicher bin ich mir aber, dass dies nicht mit der Faust gelingen wird. Fäuste haben die Anderen auch. Lacht mich ruhig auch wieder aus, nennt mich »Naivling«, verdreht die Augen, aber ich wiederhole es bis zum letzten Tag: Wir müssen einen Weg finden, die Situation zu befrieden. Ganz gleich was getan wird, es muss friedlich getan werden. Die Nazis werden nicht verschwinden, wenn man sie verdrischt. Sie gehen dann nur woanders hin und verbreiten ihren Opfermythos umso kraftvoller weiter.

Und so fangen wir am Montag wieder bei unter Null an. Irgendwo in Kaltland. Willkommen in Sachsen.

Schubél