Don‘t cry for me Ficki Ficki – Teil II

Wir starten auf dem Platz des antisemitischen Komponisten und enden in der Bachmann-Stadt. Lepzig, my dear!

Den ersten Teil des Berichts können Sie hier abrufen.

Wir laufen los. Im sich sammelnden Demonstrationszug erblicke ich wieder junge Männer, die ihr Evangelium verbreiten: »…Ihre Religion – gegen die habe ich ja nix, ich bin da ja tolerant! Aber den ihre Kultur und den ihre Sitten…«. Der Angesprochene, wie die anderen zuvor ebenfalls ein älterer Herr mit Fahne, steigt darauf ein. Es folgt eine Aufzählung, wo er seinerseits schon überall im Urlaub war. Der junge Agitator will ansetzen…Wetter gut…und seine Ansprache…Essen auch…in einer Redepause fort…Leute nett…setzen, kommt aber nicht mehr dazu. Das freischwebende Radikal mit Schwarz-Rot-Gold am Besenstiel scheint nicht zum Ende kommen zu wollen, sich jeder Einflussnahme zu verweigern. Da tönt es im breit gezogenem erzgebirgischem Dialekt: »Kann gar nicht verstehen, weshalb die alle jetzt gerade hierher…«. Da ist man endlich wieder beieinander.

Die Polizei steht heute deutlich enger am Demonstrationszug. »Echte« Montagsstimmung will sich da nur schwer einstellen. Wie schon auf dem Anmarsch herrscht auf Seiten LEGIDAs irritierte Gereizheit. Die Wirkung der ordnungsöffentlichen Präsenz auf LEGIDA ist spürbar. Umkehrschluss: Unfassbar, wie viel Platz LEGIDA in den Wochen davor eingeräumt bekam, gleichsam im übertragenen wie wörtlichen Sinne. Das vorherrschende Geräusch in der Breite: Raunen. Nähme man einen generischen Gegendemonstranten, würde dieser dennoch lachen. Kein Vergleich zum Auftreten der Polizei an deren Aufzugsorten.

Nicht nur die Polizisten stehen Spalier, auch die Presse bewegt sich offensiver am Zug entlang. Auf dem langgezogenen Straßenstück vor der Hauptfeuerwache rennen sie sich beinahe gegenseitig über den Haufen. Die LEGIDA-Teilnehmer fühlen sich sichtlich unwohl. Nach allen Seiten versuchen sie möglichst unerkannt zu bleiben. Sie wissen, dass Kamerascheinwerfer und Blitzlichter, Symbole der Aufmerksamkeit, ganz nah dabei sind, alles sehen, alles hören, alles senden. Einige haben nichts zu verbergen, wie sie selbst meinen. Ihrem Herzen machen sie dennoch nur leise Luft. Andere ahnen sehr wohl, was für sie auf dem Spiel steht und verhüllen sich hinter Sonnenbrillen, Schals und Stehkragen. Ein Leben am Rande der Vermummung, wo man doch hier ist, um Gesicht zu zeigen, Stellung zu beziehen, Deutscher zu sein.

Mir fällt auf, dass einige der »alten« LEGIDA-Ordner heute im Demozug mitlaufen. Ein weiteres Zeichen für den Austausch der Orga? Die »neuen« hingegen sind agiler, schneller, wachsamer. Bis auf einen. Der Junge trägt neben seiner Binde einen Tetrapak mit Saft herum. Er schaut vor, zurück, dann wieder vor. Zwanzig Meter Laufen. Das selbe von vorn. So viel Beflissenheit war selten. Doch in der allgemeinen Hektik rempelt er versehentlich gegen einen schrankwandbreiten, turmhohen Polizisten. Er entschuldigt sich, untertänigst beinah. Der Polizist: »Das kommt davon, wenn man abends noch auf der Straße ist und rumbrüllt«. Ich muss mich abwenden, damit ich nicht laut los lache.

Alles ist Statement

Ich treffe auf Dresdner. Wie schon bei der Demo im Februar interessieren mich vor allem deren Selbstwahrnehmung im Bezug auf das Aufzugsgeschehen. Was ist in Dresden anders, dass sich dort aktuell um die 3000 Menschen versammeln, während hier, in Leipzig, die Zahlen, bei Tageslicht betrachtet, rückläufig sind?

– Leipzig ist schon anders. In Dresden sieht man keine Helme.

– Aber da muss doch auch irgendwie die Polizei präsent sein?

– Polizei? Ja. Aber höchstens ein paar Verkehrspolizisten, die den Spaziergang absichern. Wir sind ja eine lange Schlange, die da über die Straßen zieht.

– Wie sieht es denn mit den Gegenprotesten aus?

– Welcher Gegenprotest? Nein, im Ernst: Da siehste nix von. Da stellen sich mal hundert Männlein hin und singen ihre Lieder und das war es dann auch schon. Das sind dann nur viele Leute, wenn die Stadt mal Kohle in die Hand nimmt und ein Konzert veranstaltet. Da sinnse dann alle da.

– Ja, dann sinnse alle da.

Ein zweiter mischt sich mit in das Gespräch. Man kennt sich, ist als Gruppe angereist. »Ich sage immer«, so der Zweite, »das sind alles Leute, denen ist das alles nicht wichtig. Da ist das hier in Leipzig schon anders«.

– Rauer. Das hat auch ein bisschen Eventcharakter.

– Aber man muss auch mal eins sagen: Das ist ja nicht nur bei den Linken so, dass die so bequem sind oder eine Extra-Einladung brauchen. Wir hier zum Beispiel, das sind wir zwei und der da und der da vorne. Wir hatten eigentlich vor, hier mit sieben Mann anzurücken.

– Aber nun seit ihr nur zu viert. Was ist passiert?

– Ich sag mal so: Seinen siebenundvierzigsten Geburtstag, den kann man doch auch mal ‘nen Tag später feiern, oder?

– Ist ja nix dabei.

– Sag ich doch. Und am Dienstag, auf der Arbeit, kommen sie dann wieder alle an und fragen: Na, wie war’s denn? Anstatt mal ihren Arsch vom Sofa zu heben! Aber nee, wenn es dann mal Action gab, da wollense alle wieder dabei gewesen sein. Dann lassense sich feiern.

Der Zweite nickt beständig, während dem Ersten die abendländischen Gäule enttäuscht durchgehen. Er sagt mir eines: »Ich sage dir eins: Das sind alles Großmäuler. Sofa-Revolutionäre!«. Ach Dresden, du Residenzstadt. Man schätzt seine Ruhe. Leipzig als Powerevent for real Körls. Da reicht dann auch der PKW.

An der Bosestraße, zwischen der Hochschule und dem Schauspiel, wartet wieder die erste Begegnung mit dem Gegenprotest. Die Dresdner Pupillen weiten sich. Frauen schreien hysterisch, dass es die GegendemonstrantInnen sind, die so genau beobachtet werden müssten, nicht LEGIDA! Ihre Stimme überschlägt sich, während Männer mit bräsigem »Genau!« oder »Rüschtüsch!« beipflichten. Gegenseitiges Beruhigen durch das Heldenstadt-Narrativ: »Wir haben den Ring, wie ’89. Wir sind im Recht!«. Das Fundament ist gesetzt. Der Aufbau der Selbstlüge kann fortgesetzt werden: »Die sind alle zentral gesteuert. Die werden bezahlt. Wie die Polizei. 1989.«

Durch eine Umstellung der Polizeitaktik sind die GegendemonstrantInnen heute deutlich näher an der Strecke. Stellenweise erschreckend nah, wenn man sich die Minen der LEGIDA-Teilnehmer genauer betrachtet. Nicht das sie Angst hätten. Sie finden nur keine Antwort, keine griffige Reaktion auf das, was ihnen dort geboten wird. Sollten das nicht alles Verwahrloste sein, Linke, Penner, Kiffer? Stattdessen: Junge Menschen, die ihre Kinder sein könnten. Die wiederum lassen sich nicht lumpen und geben Vollgas. Der Ring tönt lauter als zuvor.

Wendeschleife Rathaus. Ein Demonstrant ruft begeistert »…und auf wen zeigen die Wasserwerfer? Auf DIE. Nicht auf UNS!«. Erkenne ihn wieder: Es ist mein alter Vermieter. Er arbeitet leitend in einem kommunalen Betrieb, besitzt ein Mietshaus und eigentlich keinen Grund zur Besorgtheit nach legidanischer Definition. Oder vielleicht gerade deswegen? Andererseits weist seine Reaktion auf etwas Entscheidendes hin: Alles in dieser Situation ist Statement: Die Engführung der Polizei. Die aufgesetzten Helme. Die Positionierung der Wasserwerfer. Man wird hellsichtig und weiß die unausgesprochenen Gesten der Staatsmacht zu deuten. Nur den Balken im eigenen Auge – den erkennt man nicht.

Wir trotten weiter. Es lullt sich so dahin. Auch heute sitzen wieder Menschen im Restaurant und sehen dem Umzug zu. Auch heute ist diese Situation befremdlich. Hier ist der Kontakt zu den GegendemonstrantInnen am engsten. Hinter einem Hamburger Gitter stehen zirka 30 Menschen und einige Polizisten. Die GegendemonstrantInnen singen, skandieren, sind laut. LEGIDA zieht an ihnen vorüber. Eine Frau entsinnt sich als Erste auf das, weswegen man eigentlich heute hier ist. »Ficki Ficki! Ficki Ficki! Ficki Ficki!« lautet ihre Antwort. »Ihr werdet schon sehen, was passiert! Ficki Ficki!«. Akademisch gesprochen: Sie referenziert mit der Wiederholung ihrer vulgär-diminutiven Aussagen auf die angeblichen Vorfälle mit sogenannten Nordafrikanern, die sich wiederholt in sexuell provokanter Weise autochthonen Frauen auf deutschen Plätzen genähert haben sollen. Zudem deutet sie, die Ruferin, an, dass anhand dieser virulenten Bedrohungslage ein physischer Übergriff der sogenannten Nordafrikaner mit sexueller Intention auf sie, die Gegendemonstraninnen, durch sie, die Ruferin, als sehr wahrscheinlich, wenn nicht sogar unabwendbar angesehen wird. Oder kurz: Sie hat eine Meise. Seeadlergroß. Ficki Ficki.

Ich begleite Ficki Ficki noch ein wenig. Sie schließt zu älteren Herrschaften auf. Diese unterhalten sich über die Ungerechtigkeiten der Welt. Nichts weniger. Und alle betreffen sie persönlich. Stets.

– …und wenn man dann im Ausland ist, dann kommt da auch immer einer an, der dich als Deutschen erkennt. Und weißte, was dann passiert?

– Sag!

– Nazi! Der nennt dich Nazi! Das ist mir so oft schon passiert. Immer nur Nazi, Nazi, Nazi!

– Als ob du was dafür könntest.

– Genau! Aber erkläre denen das mal. Aber das allerbeste ist ja: Das bestraft da keiner. Ich habe das mir mal recherchiert. Du musst dich eigentlich überall Nazi nennen lassen. Ohne dass du was dagegen tun könntest!

– Was auch schlimm ist, wie hier, im eigenen Land, unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Leute gelten.

– Ja, das ist auch schlimm.

– Zum Beispiel der Gabriel: Der sagt zu den Leuten, dass sie »Pack« sind und bekommt dafür Applaus. Aber! Wenn ich jetzt hingehe und zu so einem Neger sage, dass er ein Neger ist, dann bezahlt man da vor Gericht 1500 Euro!

– Mindestens!

– Mindestens! Dabei nennen die sich ja selber so! Die Neger. Die Neger nennen sich ja selber »Nigger«! Da ist »Neger« ja noch lieb gemeint.

– Armes Deutschland!

– Was genau so schlimm sein soll: »Zigeuner«. Das darf man auch nicht mehr sagen.

– Was kostet das denn?

– Weiß ich nicht. Aber sagen darfst du es nicht.

– Aber der Gabriel, der dürfte das bestimmt.

– Bestimmt. Drecksäcke, alle miteinander.

Weiter vorn diskutiert man die zu erwartenden Wahlergebnisse: »Wenn die SPD unter 5% fällt, das wäre was!«. Sie ist greifbar, die Lust am Untergang der anderen. Aber auch gegenüber eines AfD-Wahlerfolgs positioniert man sich skeptisch: »Macht macht korrupt. Das wird bei denen nicht anders laufen«. Die LEGIDA-DemonstrantInnen verdächtigen mittlerweile jeden, der sich außerhalb ihres geistigen Zuges aufhält. Soweit sie spucken können, vertrauen sie auch – das war’s dann aber auch schon. Das beharrlich gesäte Misstrauen der rechten Führer wendet sich nun gegen sie selbst. Vielleicht hat man irgendwann tatsächlich geglaubt, eine Menge bis zur kritischen Masse aufwiegeln zu können, indem man ihr das Vertrauen in alles raubt: Die Politik, die Gesellschaft, die eigene Kraft. Worin man sich dabei aber gnadenlos verschätzt hat, ist die Dynamik dieses Impulses. Einmal konditioniert verschwindet die Destruktion des »Wir« nicht einfach mit 24% AfD in Sachsen-Anhalt. Als wollte man ein selbst gelegte Feuer mit dem Tankstellenschlauch löschen, versucht die Destruktion mit der Abrissbirne ein Haus zu bauen.

Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

An der Hochschule: Ein paar Musiker machen richtig Rabatz. Ein Saxophon quängelt ins Dunkel, vielleicht Zwölftonmusik spielend, vielleicht auch einfach nur Krach machend. So oder so: Aufmerksamkeit ist garantiert. LEGIDA, sich mit dem Blick nach links empörend, sieht, wie sich Kamerateams vor dem Fenster postieren. Das ist nicht nur laut, sondern auch ungerecht. Nichts scheint schlimmer für besorgte Deutsche: Krach von anderen und Lob für andere.

– Hier, gucke sie dir an!

– Das nennen die Musikschule? Die sollten sich was schämen!

– So ein Katzenjammer! Und da! Kameras. Rennen alle da hin!

– Für den Krawall. Nicht zu fassen. Die müssen ja sonstwas denken.

– Na weeste, warum der das macht? Der kommt da mit seiner Tröte ins Fernsehen! Das ist praktisch Reklame in eigener Sache!

– Du meinst, der steht dort, macht Krawall und wird dann gebucht?!

– So und nicht anders!

An der Auf dem Rückweg scheren immer wieder Männer aus dem Demonstrationszug aus. Die Polizei nimmt diese ebenso wenig wie die Ordner zur Kenntnis. Die Gebüsche vor der Feuerwache und am Richard-Wagner-Denkmal werden nachhaltig gewässert. Einige kommen zurück, andere gehen gleich heim. Sie verpassen nicht mehr viel, denn zurück auf dem RWP spricht erneut: »Fröbel«. Und spricht. Und spricht. Bachmann, Däbritz und andere unterhalten sich kichernd hinter dem Bockwurst-Transporter, während »Fröbel« auf der Bühne Klassiker zitiert, über Angela Merkels Vorleben schwadroniert und die Menge an diesem kühlen Abend vollends frustriert. Er langweilt die Sportlichen vom Platz, die nun in kleinen Gruppen in die Innenstadt ausschwärmen. Zum Dank dafür darf er noch am nächsten Tag seine »Rede…zum nachlesen« auf LEGIDAs Facebook-Seite hochladen.

Nach »Fröbel« spricht »Bobbina«, die nie ohne ihre »Waffen« das Haus verlässt: Gehirn, Zunge und Wut. Sie freut sich, in der Bach-Stadt zu sein, die sich heuer – Grüße aus der Wortspiel-Hölle – wohl »Bachmann-Stadt« nennen kann. Aber es geht noch schlimmer: Sie singt ein Lied, gemeinsam mit der Crowd, das hernach noch »politisch obduziert« werden soll. Und sie verspricht nicht zu wenig. Als sie mit »Wer soll das bezahlen?« fertig ist, liegt die Musikstadt Leipzig tatsächlich in den letzten Atemzügen. Wer soll das bezahlen – Wollt ihr das bezahlen? NEIN! Denkste! »Die ganze Scheiße, die in Deutschland passiert, bezahlt ihr mit euren Steuern!«. Und so setzt es sich fort: Bobbina hat keinen gemeinsamen Urlaub mit ihrem kleinunternehmenden Mann machen können, der ist nun kaputt und euch wird es genau so gehen…yadda yadda.

War beim letzten Mal noch Amerika (ausgenommen die Rocky Mountains, Harley Davidson und Las Vegas) das unfassbar Böse, ist es heute das Finanzamt. Neid geht immer, denn wer verdient schon, was er verdient? Eben. Da passt es auch ins Bild, dass »neidische linke Bazillen« Bobbinas Mann anzeigen, damit er Behördendruck bekommt. Einfach so. Antifa-Bauaufsichtsbehörde, staatlich finanziert seit 1535. Meine Grenze ist erreicht. Wer das, was da nun von der Bühne kommt, ernst nimmt und sich dadurch bestätigt fühlt, dem ist mit gesundem Menschenverstand nicht mehr beizukommen. Das, was sich hier auftut, ist keine Position, keine Haltung, ja noch nicht einmal Pose. Das ist eine Schlammkur im Becken der Weinerlichkeit. Ist sie das gewesen, die sächsische Revolution?

Ich wage eine Prognose: Wenn nichts Gravierendes mehr geschieht, haben wir spätestens im Herbst alle »legidafrei«. Das wäre aber nur Oberflächenkosmetik. Der Geist wird in den Köpfen der »Spaziergänger« weiterleben, denn er stammt ganz wesentlich von dort. Doch bevor sich die Gidalierer gebauchpinselt fühlen, weil ich in ihren Köpfen anderes vermute als geronnenes Selbsmitleid: Jeder, der hier mitlatscht, hat sich im Grunde selbst schon abgeschrieben. Ihr spielt keine Rolle, tatet ihr nie, und das wisst ihr auch. Das ärgert euch mehr als alles andere, ihr habt es oft genug gesagt. Doch statt sich bewusst zu werden, dass ihr statt in einem grenzenlosen Helden-Ozean nur in einem Waschzuber unterwegs seid, in den eine Mixtur aus Zukunftsangst und Überforderung gefüllt wurde, haltet ihr euch Augen und Ohren zu und frönt der morbiden Lust am Untergang auf der »MS Chauvinismus«.

Ihr könnt die GegendemonstrantInnen abwerten und verlachen, doch tief in eurer Leere, die durch euer Geschrei und Jawoll!-Rufen nur mäßig überdeckt wird, beginnt ihr zu spüren, wie ihr euch selbst abwertet. Denn wie ist es denn, später am Abend, am nächsten Morgen, in der nächsten Woche? Still, oder? Es sei denn, eine neue Facebook-Gruppenmeldung schlägt ein oder ein anderer, den ihr nur vom Fernsehen kennt, haut wieder eine Posse raus. Aber ihr? Bleibt stumm. Ihr seid Rufer im Walde, ohne Stimme, ohne Bäume.

Zweite Prognose: Bachmann, Festerling und Co. werden diese Gemengelage zukünftig nicht mehr allein beherrschen können. Hier bahnt sich ein Wachwechsel an: Weg von GIDA, hin zu den bekennenden Neurechten. Diese sind wesentlich besser vernetzt, ausgebildet und bezüglich ihrer politischen Koalitionen mit deutlich weniger Skrupel ausgestattet. Auch wenn die Anquatschversuche heute mehr als durchsichtig waren, bei einigen wird das verfangen. Hat PEGIDA den Bodenschlamm aufgewirbelt, sitzen AfD und Identitäre am Ufer und fischen um die Wette. Entweder treten Bachmann und Däbritz in naher Zukunft einen Schritt in den Hintergrund oder sie inszenieren eine große Aussteiger-Show. Bachmann hat hierin bereits Erfahrungen sammeln können. Als er nach seinem Frisuren-Posting a la Braunauer Welle Kathrin Oertel den Vortritt ließ, auf dass sie sich in Talkshows selbst verbrannte, musste er nichts weiter tun, als ein paar Wochen abzuwarten. Gegen eine wesentliche Säule der Querfront-Bewegung dürfte das kein zweites Mal gelingen. Die ist ein anderes Kaliber als eine politisch vereinzelte Dresdner Hausfrau. Und Festerling? Die passt so derart ins Anforderungsprofil der AfD, da lässt sich bestimmt etwas machen. Vielleicht die Übernahme der Jungendorganisation?

Prognose Drei: Ein anderer Kampf dürfte noch bevor stehen. Die klassischen Rechten werden den Neuen das Feld nicht einfach so überlassen wollen. Der gängige Straßenradau und die martialischen, ans Gestern gebundenen Auftritte greifen aktuell nicht. Dieses Konzept ist verbrannt und auf seiner Asche tanzen Elsässer und Co mit smarten Medienstrategien durch die Sozialen Netzwerke. Und der kommende LEGIDA-Aufzug wird vielleicht der Moment sein, an dem das Revier abgesteckt wird. Entweder zersplittert die GIDA-Bewegung oder sie verfestigt sich zu einem Kern, der extrem viel Energie in sich birgt. Dieses schwarze Loch zöge dann unaufhaltsam alle Energie in seiner Umgebung in sich hinein. Die OfD war nur ein sanftes Vorbeben, aber das hat gereicht, um im Dezember in Connewitz eine Eskalation herbei zu führen. Man muss vorsichtig sein. Jeder von uns.

Sapere aude

Nachtrag: Die Ereignisse haben sich seit dieser Demo überschlagen. Markus Johnke ist nicht mehr im LEGIDA-Vorstand. Ein Abgang in Raten, gleichsam durchsichtig wie zwangsläufig. Der Preis des Ruhms in einem Ein-Führer-System ist seine Endlichkeit. Das muss man wissen, damit muss man umgehen können. Johnke hat zu lange an der süßen Publicity-Flasche genuckelt und dabei nicht bemerkt, wie sie sich allmählich leert. Nun fehlt der Nachschub. Aus den hinteren Reihen war niemand bereit, noch etwas zu holen. So verhungert man, trotzig aber unaufhaltsam, im Kreise seiner sogenannten Kameraden. Genau diesen Fehler begehen die politisch deutlich gewiefteren neurechten Strukturen aktuell jedoch nicht. Ihre Köpfe, wie zum Beispiel Jürgen Elsässer, Publizist und Herausgeber des Compact-Magazins, oder Götz Kubitschek, ebenfalls Publizist und Verleger, halten sich bewusst im Hintergrund. Sie liefern die Ideen, das Know How, die mediale Präsenz und verleihen dem Ganzen ein bundesrepublikanisch adrettes Aussehen. Hier der Bonvivant an der Druckerpresse, dort der Gummistiefel-Germane, der sogar respektvoll seine Frau siezt und damit sogar in die Kultursendungen der Dritten Programme gelangt. Die Abteilung Attacke reiten derweil andere.

Mein Lieblingsbild des Abends

Was bedeutet das für uns, die wir weder die Einstellung der Einen noch die Taten der Anderen zu dulden bereit sind?

Für die Zukunft sollte sich jeder die Einführung einer Obergrenze für Bullshit verordnen. Die öffentliche Diskussion drehte sich schon viel zu lange um das, was Neurechte, GIDA oder AfD vorgegeben haben. Man muss selbst aktiv werden und aufdecken, was die gesamte Bewegung lieber verbergen möchte. Was von Dresdner Plätzen oder den Parteizentralen in die Nachrichten strömt, darf nicht mehr nur abwartend entgegen genommen und weiterverarbeitet werden. Das sind in der Regel nur Nebelkerzen, deren Gehalt belanglos ist, an denen sich aber die öffentliche Wahrnehmung abschmirgeln soll. Bis sie so glatt ist, dass der wirklich dreckige Teil aus dieser Richtung geschmeidig darüber hinweg zu gleiten vermag. Schießbefehl? Parteiprogramm? Lächerlich! Die ziehen an den Fäden, wir tanzen. Also: Ruhe bewahren. Hinter die Kulissen sehen. Klug bleiben. Füreinander da sein.

Und aktiv. Eine Gegenbewegung kann nur funktionieren, wenn ihre Teilnehmer bereit sind, etwas zu investieren und sich persönlich verzichtbar zu machen. Wir müssen mit der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie brechen. Es darf nicht länger um Applaus gehen, Likes, Retweets oder persönliches Renommee. Der tiefe Wert ist es, der zum Glänzen gebracht werden muss: Menschlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit, Liebe. Genau das wird dem Autoritären nämlich nie gelingen. Es ist immer schwach durch die Eitelkeit seiner Anführer. Der Gegenprotest darf keine Führung besitzen, höchstens Organisatoren, die sich selber aber als verzichtbar betrachten. Wir sind jeder die Führung unserer selbst. Sapere aude.

Die pure Existenz einer lebenswerten Zukunft ist das »Danke«, das nur jene hören, die sie errichtet haben.

Schubél