Don‘t cry for me Ficki Ficki – Teil I

Würde gerne Bilder schreiben können, ohne Wertung. Meinung zulassen, ertragen, statt zu erzeugen. Doch mehr Aufrichtigkeit ist nicht möglich.

Ich kann nicht atmen. Aus dem Nebel dringen Vokabeln wie Gefährdungslage, Randbezirksschutz, Lagezentrum, Deeskalationshinweise zu mir herüber. Flöge nun ein Stein durchs Fenster, bliebe er in den Schwaden hängen. Hier, am Ende des Planeten »Konsumgesellschaft«, hocken mehr als fünfzig Leute abseits aller Sachzwänge in einem Raum und denken darüber nach, wie LEGIDA am effektivsten die absolute Unerwünschtheit klar gemacht werden kann. Junge Menschen referieren mit beinahe schon erschreckender Sachkenntnis juristische Hintergründe polizeilicher Handlungsoptionen. Strategien zur wehrhaften Konfliktvermeidung wachsen in die Köpfe. Was den Nazis die Böller, sind den Menschen hier ihre Synapsen. Kein Wunder, dass sich die Konservativen vor dieser Menge fürchten. Sie ist klug, agil, kreativ und trägt ihre Ideale links. Wo das Herz sitzt.

Die Zeichen stehen günstig. Nach der letzten Demonstration sind Stadt und Polizei zur Einsicht gelangt, dass *GIDA keine normalen Aufläufe zur Äußerung von Meinungen organisiert, sondern einen Schwall moralischer Antimaterie über den Ring ausgießt, der notwendigerweise explosiv reagiert, wenn er mit gesundem Menschenverstand in Berührung kommt. Erste Auflagen: Nur 300 Meter Route, Verbot aller Blendmittel und Toiletten sind bitte selbst mitzubringen. Der Kneipier erbittet sich eine Laufgasse durch die Menge. Freundlich pendelt er Biere schleppend zwischen Tresen und Taktik-Treffen hin und her.

16. Februar 2016: Nach den Übergriffen auf Journalisten kündigen Medienvertreter Konsequenzen an. Der MDR will seinen Teams einen privaten Sicherheitsdienst zur Seite stellen. Die »Leipziger Internet Zeitung« will hingegen die Berichterstattung vor Ort ganz einstellen.

Es wäre zu schön gewesen, aber das Verwaltungsgericht hatte schon Tags darauf die Streckenbeschränkung und die Toilettenauflage wieder gekippt. Jedoch unterliegen Blendlampen, Fahnenstangen und Anmarschroute angeblich nun deutlich stärkeren Reglementierungen. Beim letzten Mal waren großformatige Baustrahler, Angelrouten und Billard-Queues zum Einsatz gekommen. Zudem wurde LEGIDA schon auf dem Weg zum Refugees-Welcome-Platz (RWP) ein Prä-Demo-Erlebnis organisiert. Dies soll nun unterbunden werden.

29. Februar 2016: In einer Sondersitzung des sächsischen Landtags nehmen der Ministerpräsident und die Fraktionen Stellung zu den jüngsten Ausschreitungen in Clausnitz und Bautzen. Tillich beginnt Einsicht zu simulieren. Parteikollege Kupfer steht hinter seinem Chef, aber nur in der Rednerliste. Sachsen hat ein Problem? Mag sein. Man brauche aber keine »Belehrung von außen«. Ein von der Linken und den Grünen gemeinsam gestellten Antrag auf die Erarbeitung eines Konzepts gegen Rechts wird mit den Stimmen der CDU, AfD und SPD abgelehnt.

Eine weitere Veränderung: Das »Team Dresden« hat sich angekündigt. Der, dessen Nase nicht genannt werden soll, die, dessen Fackel immer lodert, jener, dessen Schluchten immer voll geschissen sind und ein alliterierender Bildungsimitator besuchen LEGIDA. Die Chef-Visite soll den dümpelnden Kahn wieder unter Dampf bringen. Zuletzt hatten sich die Leipziger etwas schwer getan und waren selten über ein lokales Kommentarspalten-Niveau hinaus gekommen. Doch Dresden will zeigen, wie’s geht, man richtig Reichweite macht, wieder Glanz in die Hütte bringt. Nach dem Abend sollte selbst dem langsamsten der Leipziger Organisatoren klar geworden sein, dass dies ein vergiftetes Geschenk war.

2. März 2016: Bei einer Anhörung im Landtag schätzt der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz die Lage im Land als hochexplosiv ein, »nur wenige Schritte entfernt von Rostock, Hoyerswerda, Mölln und Solingen in den neunziger Jahren«. Einen Monat zuvor hatte er diese Situation mit »Pogromstimmung« zusammengefasst.

18:15 Uhr: Anhaltiner, Dresdner, Berliner und Abordnungen aus allen Kuhkäffern innerhalb dieses Dreiecks – Im Hauptbahnhof sammelt sich, was von auswärts kommt. Altbekannte Besorgtheit neben sportlicher Potenz, Jack Wolfskin neben Thor Steinar, Mutti neben Vatti, Sonnenstudio neben Cambertbräune. Ein Kamerateam schlängelt sich durch, aufgeschreckte Verwunderung, keine Fotos bitte, Arschlöcher, Lügenpresse, Drecksfernsehen. Equipment wird ausgepackt, Menschen vertrauensselig angesprochen, Verabredungen getroffen. Augenscheinlich handelt es sich um die eigenen Leute. Vermutung: Elsässers neurechte Einprozent-Bewegung filmt und recycelt die völkische Wanderung – Oder wie sie selbst sagt: »Von der Asylkatastrophe und vom vorbildlichen Widerstand dagegen«. Blendlampen sind hier keine zu befürchten. Ein alter Mann will den irrtümlich angenommenen Vertretern des »dreckigen Zwangsgebühren-Fernsehen« die Leviten lesen. Er wird von jungen Männern entschieden zur Seite genommen, entsprechend »belehrt« und verlässt geduckt den Ort. Immerhin mit zwei gesunden Kniescheiben. Gewinnertyp.

3. März 2016: Die Initiative »Leipzig nimmt Platz« erwartet in einem offenen Brief, dass alle gesellschaftlich Engagierten im Rahmen der Gegendemonstrationen gegen LEGIDA vorgehen. Teile der CDU-Stadtratsfraktion sprechen sich explizit dagegen aus. Genervte Begründung: Es reiche ihnen schon längst. Beide Aspekte des montägigen Treibens seien lästig, da sie die Innenstadt blockierten. Außerdem habe man schon 1989 für Freiheit demonstriert. Das muss genügen.

18:32 Uhr: Zum ersten Mal und völlig überraschend, da nicht angekündigt, ist Tatjana Festerling zu sehen. Gestresst irrt sie auf der unteren Ebene umher. In ihrer Entourage schleppen zwei Leuten Demo-Sanitäter-Rucksäcke mit sich. Ein dicker Mann schwingt lachend einen braunen Mopp. Die Polizisten neben mir erkennen die üblichen Verdächtigen und tauschen ihre Geschichten über diesen und jenen aus.

Weniger später will der Zug starten, kommt aber nicht aus dem Gebäude. Keiner weiß etwas Genaues, aber alle wissen Bescheid. Die Bundespolizisten haben keine Ahnung, was ihre Landeskollegen vor der Tür eigentlich treiben und senden deeskalierende Durchsagen zur Menge hinüber. Wüsste ich es nicht besser, könnte ich es auch mit dem Aufruf zum Boarding einer Kreuzfahrt verwechseln. In Anbetracht der Situation klingt das unangenehm, ist polizeitaktisch aber nicht unklug.

Unten, vor der Tür, fuchtelt Lutz Bachmann mit den Armen und tanzt den »Orrrskanndochniwahrsein«. Oben stehen die Leute und vertreiben sich die Zeit mit Theorien über die Außenwelt. Einige wollen »Antifa-Angreiftrupps« gesehen haben. Andere mutmaßen, dass die Demonstration sogar ganz ausfällt. Dritte wissen genau, dass sie ausgefallen werden soll, sind aber trotzdem gekommen, um das Unglaubliche selbst zu sehen. Vor der Tür lamentiert Siegfried Däbritz gegen die Hinterköpfe der Polizei an, kommt aber trotzdem nicht rein. Handys blitzen. Der Führer und sein Paladin! So nahe kommt man denen ja sonst nicht! Eine rabenschwarze Damenfrisur stößt mich frustriert gegen die Scheibe am oberen Treppenabsatz. Sie will auch den »Orrrskanndochniwahrsein« steppen. Später sehe ich sie dann am LEGIDA-Front-Transparent. Zeternd bahnt sie sich ihren Weg, während Däbritz nun endlich reinkommen darf, um die Menge zu informieren.

Die Spannung ist greifbar, das Volksempfinden erigiert, da!, wird er etwas sagen?, ja!, er hebt die Hände, beide!, öffnet den Mund… und in einem bacchantischen Ausbruch beginnt die Menge Parolen zu grölen. Däbritz’ Gesicht entgleist. Zusammen mit Bachmann wedelt er mit den Armen. Die Menge solle doch bitte mal still sein! Doch diese nimmt das Fuchteln zum Anlass, noch eine Schippe drauf zu legen. Vier Wochen hat man schließlich warten müssen, da wird einem doch der Patriotismus flockig! Nach mehrmaliger Verständigung darüber, wer denn hier das Volk ist, kommt selbiges auch zur Ruhe. Vorsichtig setzt Däbritz nochmal an. In zehn Minuten soll es los gehen, verspricht er. Wir schaffen’s in acht. Von Festerling ist weit und breit nichts mehr zu sehen.

Auf dem Weg zum RWP: Reflexhaft entrollte Flaggen werden seitens der Polizei angemahnt, denn der Zugang zur Demonstration ist nach deren Auslegung noch keine Demonstration. Verwundert schauen sich die Noch-Nicht-Demonstrierenden an und rollen daraufhin ihre Fahnen wieder ein. Nach einer kurzen Besinnung ist man aber wieder ganz GIDA und brüllt seine Slogans in den Abend. Doch auch das wird heute nicht gern gehört. Einem jungen Mann mit LOK-Mütze springt ein Polizist beiseite: »Keine Meinungsäußerungen hier! Erst auf der Demo!«. Ich weiß nicht, was mich mehr irritiert: Dass der Polizist Meinungsäußerungen auf offener Straße untersagt oder er den mehrfach wiederholten Ruf »Merbitz! Stasi-Schwein!« als bloße Meinungsäußerung ansieht. »Fünf Tage lang hammse euch verarscht, fünf Tage lang!«, ruft LOK-Mütze, als wir in sicherer Entfernung sind. Wen oder was er meint? Unklar. Wahrscheinlich uns beiden.

An den Höfen am Brühl: Ich entdecke eine weitere Meinungsäußerung, liebevoll aus einem Vileda-Wischmopp und zwei kleinen Hörnern gebastelt. »Das ist der braune Mob«, erklärt mir seine Trägerin stolz, »den habe ich gebastelt, weil die immer alle sagen, dass wir aus Dunkeldeutschland kommen!«. Trotzig meldet sich ihr Begleiter zu Wort: »Aber weißt du was? Ich bin stolz aus Dunkeldeutschland zu stammen!«. Weshalb er das ist, erklärt er nicht. Dafür ist jedoch keine Zeit mehr, denn der erste Kontakt der Dresdner Handarbeitsfraktion mit dem Ur- und Erzfeind kündigt sich an: Antifa! oder zumindest was man dafür hält. Irgendwo am Rand stehen die ersten Gegendemonstranten und skandieren »Eure Kinder | laufen bei uns mit!«. Das kann sich Mändy Normalrassistin natürlich nicht bieten lassen und kontert. »Eure Mütter laufen bei UNS mit!«. Cool geht anders, aber einen Versuch war es wert.

So drollig diese in elementarer Naivität gewälzten Brutwürste auch erscheinen mögen, so sind sie doch nur Staffage für eine tragische Inszenierung voller Gewalt. Nur wenig später schon legt sich der aggressive Kern von selbst frei. Ein paar Polizisten bilden einen Kordon um zu Boden gegangene Gegendemonstranten. Jemand hält sich das Gesicht, junge Frauen weinen, die Situation ist unübersichtlich, kurz vorm Kippen. Die Besorgten jubeln, ihrer maßgeblichen Ansicht nach hat es nicht die Falschen getroffen. Im Sadismus vereint bemerken sie nicht, wie sich keine zehn Schritt weiter die ersten Schläger aus ihren Reihen absondern, ansammeln und die Lage peilen. Wache Blicke unter tief gezogenen Kapuzen wittern nach Beute. Jeder Augenkontakt kann hier der letzte sein.

Als ich auf die andere Seite wechseln will, bleibe ich an einem Gesprächsfetzen hängen. Ein junger Mann erklärt einem alten Pärchen, was derzeit falsch läuft, in der Leipzig, in Deutschland, in der Welt, eigentlich immer und vor allem überall. Wie die Linken in dieser Stadt machen, was sie wollen, während »Die da oben« nur zuschauen. Aber was heißt zuschauen: Die fördern das ja auch noch! Der Oberbürgermeister wird dergestalt zu einer Art Sektenführer des »Linkskommunismus« und die Angestellten der Stadt zu einer indoktrinierten Masse von Ja-Sagern. »Ich war auch schon oft im Ausland, wegen weil manche sonst vielleicht denken, ich bin ein Nazi. Ich habe auch viele Leute dort kennen gelernt. Aber wohnen würde ich dort nicht wollen! Und nun stellnse sich mal vor, die kommen alle hierher, in unsere Stadt und bringen mit, was sie von daheim so kennen: Ihre Religion – gegen die habe ich ja nix, ich bin da ja tolerant! Aber den ihre Kultur und den ihre Sitten und den ihre Lebensart und so! Nein, also den Dreck will ich hier nicht haben!«. Die alten Leute sagen meist »Mmmmh« und »Ja, genau«. Weshalb der Agitator eigentlich mit Hallenser Dialekt spricht, bleibt hingegen unbefragt. Doch nicht unbemerkt.

Als der Zug am RWP eintrifft, kommt es zu einem erneuten Stau. Die Polizei scheint Taschenkontrollen durchzuführen. Neben dem Gatter stehen wieder Gegendemonstranten und decken die LEGIDAs mit Schmähungen ein. Mittendrin: Das Deeskalationsteam der Polizei. Mit buddhistischer Gelassenheit plauschen die Beamten mal mit diesem, mal mit jenem. Ein LEGIDAner, Stimmritzen wie Oberarme geht aus sich heraus: »Geht arbeiten, Dreckspack!«. Der größere der beiden Deeskalatoren bewegt sich gemächlich auf den Schreihals zu – zumindest scheint es so. Es könnte auch die Erde sein, die sich langsam unter uns hinweg dreht. »Und nun kommen wir mal wieder runter, ok?«, onkelt er geruhsam. Der von diesem argumentativen Jiu-Jitsu vollkommen Überrumpelte weicht zurück. Aus dem zukünftigen Kommandanten eines Arbeitslagers ist in einer Sekunde ein »Aber ich, aber ich, also, äh, aber ich…« geworden.

»Ist ja kein Problem. Nun gehen wir aber alle wieder an unseren Platz, ja?«
»Ich wollte ja nur…«
»An unseren Platz. Und keine Sorge. Sehen sie meine Hände? Wo sind meine Hände? Richtig: Die stecken noch in meinen Hosentaschen. Und so lange die dort sind, ist alles ruhig, haben wir kein Problem. Wir haben doch kein Problem, oder?«
»Also, äh, aber ich… nein. Kein Problem.«
»Dort ist der Eingang zu ihrer Veranstaltung.«
»Danke.«

Ja, Höflichkeit in Zeiten der Revolution. Da macht uns keiner was vor.

»Auch du, Brutus?«

Wir sind auf dem Platz. Fahnen flattern im Wind, angebunden an dicke Stangen, Besenstiele, dünne Metallstangen. Wirmer, Identitäre, Friedenstaube und die Fahne mit dem Wappen der Stadt Jerusalem. Ich kann mir auch hierauf keinen Reim machen, aber heute ist nicht gestern und nicht nur das Line-Up auf der Bühne ist anders als gewohnt, auch die Marschierenden sind es auf eine unfassliche Weise. War LEGIDA bisher schon wie ein großes Familientreffen kleiner Hirne, so ist dies heute nochmals eine Steigerung. Die Demoteilnehmer scheinen genau so viele wie im letzten Monat zu sein. Welch Armutszeugnis, welch Glück, wenn man bedenkt, wie viele Auswärtige heute mit vor Ort sind. Vielleicht ist das auch eine Erklärung für die eigenartige Stimmung: Viele sind einfach nur Besucher ohne Antennen für die ortsüblichen Rituale und Verhaltensmuster, die in Leipzig mal schauen wollen, was so abgeht. Neben den maulfaulen Eingeborenen fallen sie eigentlich nur auf, weil sie mit großen Augen nicht begreifen, dass hier keiner »volle Pulle« mitblökt, wenn die Redner ihre rhetorischen Trigger setzen. Ein Lied erklingt und droht »Dresden zeigt wie’s geht«. Dies ist die Erklärung für alles, was noch folgen soll.

Die Redner: Es eröffnet »Friedrich Fröbel«, die anonymisierte Raufasertapete der deutschen Gelehrsamkeit. Kein Wort darüber, was mit Markus Johnke los ist, dem ungeistigen Führer des lokalen Franchise. Weder er noch sein T-Shirt-Verkaufsstand sind zu sehen. Dafür wird er wenig subtil abgewatscht, indem die Anti-GEZ-Kampagne wieder stark geredet werden soll. Wir erinnern uns: In einem seiner Live-Talks hatte er sich wenig begeistert über den ausbleibenden Zuspruch ausgelassen. Dresden will nun zeigen, wie’s geht.

Überhaupt ist Fröbel ein vollkommen anderes Kaliber als Johnke. Den ehemaligen Schallplatten-Alleinunterhalter und aktuellen Obertrikotagen-Vertreiber kann man am ehesten mit einem Autoscooter vergleichen, der auf einer Fläche von 10 mal 30 Meter von allen Seiten angerempelt wird, dabei aber immer noch der Meinung ist, ein Leopard-Panzer zu sein. Fröbel hingegen reitet als rhetorischer Kürassier durch die Reihen seiner Feinde, ausgesandt im Namen seiner Königin, der deutschen Kultur. Er spricht schneller, lauter, deutlicher, hochdeutscher, aggressiver, pointierter, strukturierter, aber auch steriler, achtel-intellektueller und distanzierter als Johnke. Dies verfängt, zunächst. Doch mit zunehmender Rededauer versteigt sich Fröbel immer weiter in seine geistige Foliantensammlung. Sein größter Feind ist er selbst oder besser gesagt: Seine Eitelkeit. Er hört sich selber zu gerne reden. Das Publikum reagiert schon nach kurzer Zeit irritiert und sehnt sich insgeheim nach Johnkes doof-liebenswürdiger Bratapfeligkeit.

Ich stromere weiter über den Platz. Neben der Bühne halten einige Menschen ein großes Transparent der neurechten Einprozenter. Hatte sich Elsässer bisher nur mit einem Angela-Merkel-als-Kopftuchträgerin-Zeitungscover unterstützend gezeigt, so steigert er nun sein Engagement. Es kann kein Zufall sein, dass mir in diesem Moment der Wind ein »…Ihre Religion – gegen die habe ich ja nix, ich bin da ja tolerant! Aber den ihre Kultur und den ihre Sitten…« herbei weht. Nein, es ist kein Dejavu. Aber das Setting ist es: Ein junger Aktivist agitiert wie beiläufig alte Leute. Aber er muss sich mühen, seine vergiftenden Gedanken in die Köpfe zu bringen, denn Fröbels Falsett, prosodisch irgendwo zwischen Björn Höcke und Joseph Goebbels angesiedelt, wird durch übersteuerte Boxen auf jedes Trommelfell geschleudert, das sich im Umkreis von zwei Kontinenten befindet. Sollte also im Zoo ein Tiger seinen Wärter fressen, so fordere ich hiermit schon jetzt mildernde Umstände.

Dann ist es soweit: Das große Diktaphon, der König der Wortspieler, die sächsische Antwort auf das Medellin-Kartell, The Bachmann Experience, Los Lutzos tritt vor das Mikrofon. Sauber gescheitelt und in eine absurd quietschbunte Tracht gehüllt, zieht er vom Dederon. Er freut sich, so viele Patrioten zu erblicken, »…die sich nicht mehr verdummen lassen von den Volksverrätern in Berlin«. Die Latte liegt. Der Limbo beginnt.

In bester Wochenschau-Tradition listet er auf, was von den wirklich wichtigen Dingen der letzten Zeit die lächerlichsten und verachtenswertesten waren, denn nichts führt so schnell einen Konsens herbei, wie gemeinsam gepflegter und scheinbar überlegen zur Schau gestellter Ekel über Nichtigkeiten. Der Justizminister (»Maasmännchen«) und sein übereifriger Pressesprecher in einer TV-Talksendung; eine Grüne (»Frau Kuhknast«), die einen Gast ebendieser Show als Polen statt Slowaken bezeichnet; der Rücktritt Becks (»Macbeth oder BeckMeth«) von seinen Funktionen auf Grund eines nicht näher bezeichneten Drogenfunds. Muhahaha allenthalben, was der sich traut, der Lutz, klasse, yeah, Volk. Und wie selbstironischer er doch daher kommt! Da thematisiert er doch tatsächlich seine eigenen Drogen…verfehlungen, jene bedauerlichen …Vorkommnisse, die diese vermaledeite Siegerjustiz mit zwei Jahren auf Bewährung bestrafte. Wahrscheinlich hat der Lutz vier Hoden. Ein normaler Mensch traut sich so etwas ja nicht, stimmt’s? Stimmt.

So hält er nichts weiter als eine Rede aus einer Summe von Facebook-Kommentaren, garniert mit einem Gruß nach Österreich, besser gesagt an die rechte FPÖ und deren Vorsitzenden Strache. Was Bachmann sagen will: Wir sind vernetzt, wir sind international, wir haben Einfluss. Was bei den Zuhörern ankommt: Was interessiert uns euer Lokalkram, wir sind hier schon längst drüber weg. Sogar das: »Angie, verpiss Dich!«. Sechs Hoden. Ganz bestimmt.

Im Publikum ist die Polizei heute deutlich präsenter. In kleinen Gruppen patrouillieren Sie durch die Menge, zwischen Gähnen und Lächeln hin und her gerissen. Zu tun gibt es wenig, noch ist der Zug nicht in Bewegung. Und was von der Bühne kommt? Alles nicht justiziabel, meint einer der Beamten, als ich ihn darauf anspreche. Zumindest nichts, was den Aufwand einer Anzeige usw. lohne. Und so weiter. Nun gut. Der Abend ist ja noch lang.

Ein auswärtiger Journalist, leicht an seinem großen Notizbuch und seinem noch größeren Gottvertrauen zu erkennen, geht zur Polizei und zeigt in die Menge. Anscheinend will er etwas melden, doch bevor er seinen Satz aufsagen kann, steht schon das Leipziger Faktotum Stephane Simon neben ihm und redet ihm wortreich sein Unterfangen aus. Anscheinend mehr als dankbar, einen Gesprächspartner gefunden zu haben, schaltet der Journalist um und beginnt auf Französisch mit Simon zu parlieren. Später sehe ich ihn weiter auf dem Platz umher kreuzen. Was er nicht bemerkt: Er hat spätestens seit seiner Simon-Situation zwei, nennen wir sie einmal »Bewacher«, die ihn nicht mehr aus den Augen lassen und quer durch die Demo folgen werden.

Bachmann liest noch ein bisschen aus irgendwelchen Polizeiberichten und geht, den Leipziger »Badrioden« dankend, ab. Bleiben noch Däbritz und Festerling. Ist Bachmann das rhetorische Florett der Bewegung, sind Däbritz die Urmenschen-Keule und Festerling das Maschinengewehr. Grob und verletzend sind beide gleichermaßen, nur bedienen sie sich in der Regel unterschiedlicher Mittel. Festerling ist eine medial tageslichttaugliche Eiskönigin voll charismatischen Hasses, die tough daher kommt und bei allem was sie tut, die Illusion aufrecht zu erhalten vermag, eine Frau könne weder böse, noch rassistisch oder sexistisch sein. Wer daran im Laufe einer Rede zu zweifeln beginnt, wird von einem weiteren verbalen Atomschlag vom Nachdenken abgehalten.

Lutze befiehl, wir volken!

Däbritz hingegen klöppelt Argumentationen aus Chauvinismus und Fremdenhass, versetzt diese mit etwas, was er für eine Pointe hält und stülpt sie dann reductio ad absurdum seinen Gegnern über. Beispiel? Die Gegendemonstranten seien explizit implizit »…dafür, dass Mädchen und Frauen und unsere gesamte Gesellschaft einen Vergewaltigungs-Dschihad erleben wird, wie er aus Norwegen und Schweden seit Jahren gemeldet wird«. Aber nicht nur das: Sie sind auch »…dafür, wie heute in der Türkei geschehen, dass Demonstrationen zum morgigen Frauentag mit Tränengas auseinander getrieben werden«. Und weshalb das alles? Oder wie überhaupt? »Sie demonstrieren gegen UNS und damit direkt FÜR die geplante Moschee der Ahmaddiyya-Gemeinde«. Keine weiteren Fragen.

Falls sie jetzt »Ja und?!« denken, warten sie ab. Es folgt die logidasche Schlussfolgerung: Jene ominösen Gemeindemitglieder behaupten nämlich, zumindest laut Däbritz, unwidersprochen unüberprüfbare und abstrus klingende Dinge, beispielsweise eine Korrelation von Schweinefleischverzehr und Homosexualität. Also: Nix Religionsfreiheit für alle! Diesen Gutmenschen-Schmonzens können Sie sich abschminken, Sie Unterstützer von Zwangsehe, Inzest, Jungen- und Mädchen-Beschneidung, Homosexuellen-Auspeitschungen und Hinrichtungen, Frauenabwertung, SMS-Scheidungen, geschlechtergetrenntem Schulunterricht, Burka-Zwang und den islamistischen Kreuzzüglern des 21. Jahrhunderts im allgemeinen! Kulturfremde, -unwillige, -unfähige Siedler werden importiert – Ding Dong! Der Zivilisations-Dschihad steht vor der Tür, positioniert euch gegen Halal-Händler!

Bachmann nickt, heuchelt Betroffenheit, nickt, applaudiert, kann es nicht fassen, was er da, offenkundig, zum ersten Mal hören muss. Und nickt. Festerling grinst breit, sagt aber den ganzen Abend über: Nichts. Dem MG fehlt heute der Patronengurt, es bleibt still.

Da kommen die Großen aus Dresden und lassen Dir keinen Platz mehr. Na, Markus, wie fühlt sich das an, Stimme des Landeskreises, Du?

Und dann tun die alle so, als hätten sie das Pulver erfunden und bekommen kaum mehr Leute als Du zusammen. Tut weh, oder? Auch die alten Gefährten gehen langsam von der Fahne, der Mann mit dem Hut, der Franzose und wie sie alle heißen…

Bloß weil die in Dresden unbehelligt wirken können, denken sie, dass das hier auch so leicht geht. Schon ist man weg vom Fenster. War es das, was Du dir vorgestellt hast? Dass sie über Dich kichern, wenn Du Dich verhaspelst oder über Dich herziehen, wenn Du mal nicht da bist?

Und niemand, der nach Dir fragt, ganz im Gegenteil. Und dann ist PEGIDA der Leipziger Einsatz offensichtlich auch noch irgendwie peinlich, denn schon am nächsten Tag stand die »Berichterstattung« schon unter vier weiteren Meldungen, drei davon irgend welche Kuhkaff-Events.

Und wie oft wart ihr schon stolz in Dresden, ohne Dank, ohne Lohn, nur für ein paar Facebook-Fotos? Ist sie das? Die große Bewegung? Dein Ziel? Oder wieder nur ein weiterer Flop? Hättest Du das besser gemacht? Ach so, ja, stimmt. Du warst ja krank…

Und solange Elsässer Dir gewogen war, hast Du das gerne mitgenommen, stimmt’s? Doch nun beginnt er Morgenluft zu wittern, und Deine Arbeit abzugreifen. Schickt seine Leute in die Menge, macht Stimmung, verteilt Flyer, wirbt mit Transparenten. Schon unfair, oder?

Und jetzt: Angetreten. Lutze befiehl, wir volken!

Im nächsten Teil: »Sowas kommt von sowas«.

Schubél