Der Sächsische Sommer

Der Sächsische Sommer begann bereits im letzten Herbst. Er ist noch immer voller Kälte, dass sich niemand in ihn hinein wagt, aus Furcht, darin politisch umzukommen. Als würde es draußen tauen, wenn nur genügend andere erfroren sind. Ein ratloses Bedauern.

Es hat sie dann doch immer gegeben. Sie waren nie wirklich weg. Wir dachten nur, dass die Nazis und ihr Denken verschwunden oder wenigstens nur noch Restbestände des globalen Unrats wären, der sich einst über dieses Land gelegt hat. Nein: Ich dachte das nur. Ein fataler Irrtum.

Ich nahm an, dass es bloß ein gefühltes Zu-kurz-gekommen-Sein wäre, welches die Menschen seinerzeit hinter schwarzen Fahnen durch mein Viertel ziehen ließ. Jene virtuelle Verlierer-Attitüde, der man sich nicht entziehen kann, weil sie die Betroffenen immer tiefer in den Strudel der eigenen, täglich auf’s Neue erlebten Wirkungslosigkeit hinab zieht. »To-des-strafe | für Kin-der-schänder!« grölend, beschützt von Hooligans, zynisch Angst und Schmerz ausnutzend, billige Lösungen präsentierend.

Was mir als Außenstehenden aber nie bewusst war, ist die buchstäblich unfassbare Macht des Neides. Noch weigere ich mich, meine Gutwilligkeit als Naivität neu zu begreifen. Aber das Firnis ist dünn, das beide voneinander trennt. Heute, sieben, acht Jahre später ist klar: Nichts lässt sich billiger herstellen als eine Hierarchie, Nichts ist umkämpfter als ein möglichst günstiger Platz in derselben. Neid ist dabei der Treibstoff, der das System aktiv hält.

Hierarchien bestimmen, wie und als was wir uns begreifen. Es gibt vom eigenen Standpunkt aus mindestens zwei Relationen der Dynamik: Die über und die unter mir Stehenden. Die an übergeordneter Stelle Stehenden bilden gleichsam das Ziel größter Verachtung wie Anbetung.

Sollte ich es einmal dahin schaffen, werde ich es ihnen zeigen! Dann räume ich auf, bei denen da oben! Ich bin das Volk!!!

Die an untergeordneter Stelle in der Hierarchie Stehenden sind logisch notwendig, damit ich überhaupt oben stehen kann. Dieser simple aber wirkungsvolle Dualismus droht permanent mit Abstieg, Deklassierung, Abwertung, Konvergenz gegen die existenzielle Null. Da in Deutschland der Ethos der (Erwerbs-)Arbeit stärker strahlt als universelle Menschlichkeit, soll ein Gehe arbeiten! immer härter treffen als ein Warum hast Du nicht geholfen?. Besser noch: Um eventuelle Restbestände eines Gewissens ruhig werden zu lassen, kann es zielsicher mit der fast buddhistischen Einstellung sediert werden.

Selber Schuld, dass es ihm schlecht geht! Mir schenkt auch keiner was!

Unsere Gesellschaft glaubt offensichtlich solche Hierarchien zu benötigen. Wo Mitgefühl aufkeimen könnte, wird alternativloser Sachzwang zur Planierraupe, um ein Fundament für Menschenunwürdigkeit zu schaffen. Flüchtlinge werden zu Verhandlungsmasse und Aufnahmequoten zu Schleifsteinen, an denen sich vorzüglich ein innenpolitisches Profil wetzen lässt. Die Funken, die dabei entstehen, zünden Unterkünfte an, in denen – noch – niemand Hilfebedürftiges wohnt.

Bin ich Messer? Bin ich Stein? Was kümmert mich der Schwelbrand? Weisen Sie mir das erst einmal nach! Und nennen Sie mich nicht Nazi!

Dieses Land benötigt Lager. Wer sich in Lagern befindet, lebt nicht selbstbestimmt und gehört nicht zum dritten Baustein der Hierarchie: Die gleichrangigen Konkurrenten. In einem Lager wird gelagert, abgelegt, sortiert, benamt, kategorisiert, gewogen, befunden. Das Lager ist der ideale Ort der Entmenschlichung unter dem Deckmantel der Solidarität. Auch wenn es vielerorts Heim genannt wird, so ist und bleibt es doch nur die Stätte einer Objektivierung von Subjekten, weg vom Mensch-Sein, hin zum Verwaltungsakt. Individualität ist nicht standardisiert, daher findet sie an solchen Orten – wenn überhaupt – nur als Abweichung statt.

Oder wie es auf Deutsch heißt: »Hat nicht statt zu finden!«

Abschiebung oder Duldung sind in ihrem Kern nichts anderes als logistische Prozesse, die man wohlfeil kritisieren kann. Diejenigen – und ich wage es kaum den Begriff »Menschen« in diesem Zusammenhang zu verwenden – Entitäten, die das Bleibenswerte vom -unwerten scheiden oder die jene Selektion 2.0 an der Rampe kommentieren, wissen um das, was sie tun. Deshalb flüchten sie auch immer wieder in Selbstbeschwichtigungen. Sie entschuldigen sich ungefragt bei einem dritten, imaginären Diskursteilnehmer, selbst wenn sie sich unbeobachtet wähnen.

Wir haben eine handfeste Verteilungs-, Anstands-, Werte-, Menschen-, Deutschen-, mitnichten aber eine Flüchtlingskrise. Es wird eine sprachliche Aufrüstung gegen diejenigen betrieben, die keine Stimme haben. Nicht hier. Nirgends. Im Gegenzug reden wir uns rein, bezeichnen die schwarzen Schafe in unserer Mitte Konsens heischend als Kritiker (Asyl-, Islam- usw.) oder Besorgte Bürger. Das Elend der Welt ist nichts Verursachtes, schon gar nicht von uns, sondern willkürlich wie ein Tsunami (Flüchtlingswelle). Gewalt und Übergriffe sind Vorkommnisse. Böse ist gut. Alt ist neu. Für uns ist nicht gegen uns und gegen uns sein macht nicht satt.

Ich werde Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen. Es gibt hier schon zu viele Führer. Ich bitte Sie nur, mich nicht mit diesen schlechten Menschen allein zu lassen.

Schubél