Der Ami, der Jude, der Russe und ich - Teil III

Wir sind auf dem Rückweg. Von mir aus könnte es jetzt schon vorbei sein. Schlecht ist mir seit einer ganzen Weile schon. Ich schäme mich weil ich mir einbilde, dass die Menschen auf der anderen Seite mich ansehen und denken: So sehen also Rassisten aus. Dumpfe Volksmenge. Sexistische Kackvögel. Und der da, in der roten Jacke, der ist bestimmt einer dieser rückgratlosen Mitläufer.

An der Spitze des Zuges läuft ein Fronttransparent der »Bürgerbewegung Altmark« neben dem von LEGIDA. Jemand hat ein T-Shirt mit der Aufschrift »Asylwahn stoppen« darüber gehangen. Daneben: Ein Schild mit der Aufschrift »Deutsche Volksherrschaft PEGIDA«. The Walking Dead. Einzig die Vorstellung, jederzeit wieder an den Gegendemonstrationen teilnehmen zu können, hält mich im Inneren zusammen. Andere Menschen nicht notwendigerweise hassen zu müssen, ohne Gewissenskonflikt es als meine selbst auferlegte, moralische Pflicht zu sehen, Menschen in Not helfen zu können, ganz gleich woher sie stammen oder welcher Gott der ihre ist – dieses soll mein Privileg sein. Und die Menschen um mich herum? Sind Lebensentwürfe, die mir auch hätten erwachsen können, hätte ich mich damals nicht so oder so entschieden, wäre mir nicht dies oder jenes widerfahren. Ist Anstand vielleicht doch Glückssache?

Es wird wieder doziert, diesmal im Fach »Staatsbürgerkunde«: 45 Euro Demogeld… 48 Busse in ständiger Bereitschaft!… Ein Demonstrant teilt uns in beinahe buddhistischer Unaufgeregtheit sein Wissen um die »Zwei-plus-Vier-Geheimverträge« mit. Diese sagen unmissverständlich, dass bis 2099… die Großen… unter Kontrolle… Alliierter Kontrollrat… sitzt regelmäßig beieinander… Amerikaner… fehlender Geltungsbereich… habe mit Bundesjustizministerium sogar mal telefoniert:

– Man muss auch mal wissen: Die BRD ist bis heute nie ein richtiger Staat geworden. Das ist ein reinweg…

– Besatzungszone! Besatzungszone!

– …das ist ein Besatzungskonstrukt! Und wo wir jetzt leben, im Freistaat Sachsen, der ist gar nicht korrekt gegründet worden. Das war interessant. Wende: Da wurde im Juli der Artikel 23 im Grundgesetz aufgehoben. Einigungsvertrag gemacht mit den Bundesländern…Sachsen, Sachsen-Anhalt und so weiter. Dann stellnse doch fest: Die, die das unterschrieben haben, die Bundesländer sind noch gar nicht gegründet! Dann gründen wir die mal noch ganz fix und vergessen, dass das nach der DDR-Verfassung unmöglich war. Das war Hochverrat! Die hätten erst die Verfassung ändern müssen, das war alles DDR-Recht! Formaljuristisch sind die nie gegründet worden!

– Ja ja!

– Ich habe mich letztens auch mal mit so einem Spacko-Politiker unterhalten, CDU, der hat mich mal ein bisschen aus der Reserve locken wollen. Ich frag da so: Wann ist denn der Freistaat Sachsen gegründet? Naja, naja…1991. Und ich: Wer hat denn da den Einigungsvertrag unterschrieben, wenn Sachsen da noch gar nicht da war? Ich sage: Alles Lug und Trug!

– Ja ja!

– Und der Russe hat mehrfach Friedensverhandlungen machen wollen. Das hat der Amerikaner ve-he-ment abgelehnt. Mehrfach! Und selbst jetzt gibt es Bush in seinem Buch zu: Dass es keine Friedensgespräche gibt! Gar nicht! Ausdrücklich nicht gewollt! Wer also jetzt sagt »Zwei-plus-Vier-Verträge« dem sage ich: Großer Kokolores! Wir im Osten sind eigentlich Deutsches Reich…

– Ja ja! Und die andern tun alles, damit es Deutschland nicht so gut geht!

»Rotfaschisten!
Ab ins Bett!«

Drei ältere Herren, gesetztes Äußeres, norddeutscher Akzent, gepflegt und stilvoll gekleidet, unterhalten sich darüber, dass die AfD »…Potenzial verschenkt. Man schließt sich hier marodierendem Pöbel an. Das ist aber, und lassen sie es mich so deutlich sagen, ein strategischer error fundamentalis. Sie müsste kulturell deutlich stärker dominieren, beispielsweise durch mehr Wortbeiträge oder Gesänge! Vorschlag: ›Eine feste Burg ist unser Gott‹. Das wäre eine deutliche Verortung im kulturellen Spektrum der deutschen Geschichte!«
Die Umstehenden nicken distinguiert.

Vorerst weht der Wind nur noch leise die Geräusche der Gegendemonstranten zu uns herüber. Dafür lässt er überall bunte Fahnen tanzen: Die Wirmer-Flagge läuft neben der des Königreichs Preußen, hinter der der Bundesrepublik Deutschland, neben der des Königreichs Sachsens, flankiert von einer DDR-Fahne mit verdrehtem Emblem, eine »Islamists not welcome«-Fahne mit identitärem Minilogo verdeckend, kontrastierend zu einem Schland-Russland-Mix, gespenstisch angeflattert vom kaiserlichen Schwarz-Weiß-Rot, vor der Sachsenflagge. Mittendrin: Irgend etwas mit einer durchgestrichenen Moschee und ein Friedenstaube im Batik-Look. Die Fahnenstangen bestehen aus metallischen Teleskop-Besenstielen, florettartigen Angelruten, und massiven Billard-Queues. Ich spreche zum ersten Mal am Abend einen Demonstranten direkt an:

– Darf ich mal fragen, was das für eine grüne Fahne ist?
– Königreich Sachsen. Das ist noch, wo es ein souveränes Deutschland gab.
– Ist das so um »Weimar«?
– Nein, vor Weimar. Das ist noch Kaiserreich. Kaiserreich waren noch einzelne Nationalstaaten, aber nach außen hin: Deutschland. Das ist die letzte offizielle Staatsfahne von Sachsen. Kriegt man im Internet überall zu kaufen.
– Und die da vorne?
– Das ist Preußen.
– Naja. Hätte man sich auch mal nicht träumen lassen, dass eine sächsische und eine preußische Fahne hier auf einer Straße…
– Ja, hehe, genau. Bei der Kriegstreiberei, die die hier jetzt machen…
– Naja, rein weltgeschichtlich hat ja Sachsen auch nicht unbedingt immer auf der richtigen Seite gestanden.
– Nein. Sagt ja auch keiner. Jeder hat seine Geschichte. Da sollte man auch daraus lernen.

Ein Schlag zerreißt den Chor des »Wir sind das Volk«. Keine zwanzig Meter vor uns flog in einer steilen Kurve ein flickerndes, flackerndes Glitzern aus dem Demonstrationszug, kam drei Meter entfernt davon auf dem Boden zum liegen und detonierte. Ein Böller, direkt an einer Schnittstelle von Demo und Gegendemo, zwischen Schauspiel und HMT. Nach einem kurzen Schrecken singt der Zug »Das habt ihr schön gemacht!«. Ich mutmaße das Gesehene einmal in die Menge hinein:

– Das kam aber aus dem Zug.
– Nein. Das kam von vorn.

»Ja, aber das flog da rüber«. Ich zeichne die Kurve in die Luft. Ein Ordner im Zug springt sofort darauf an und dreht sich um. »Das kam nicht von uns. Das lag ja direkt neben unserer Route. Der ist ja direkt neben uns hingegangen«. Er ist hellwach und misstrauisch. Länger als die anderen, mit denen ich hier bisher Kontakt hatte, mustert er mich. Ich entschließe mich zum Rückzug. »Ok. Das sah so aus wie als käme es von da drüben raus«. Und weg. Wie wenig man in einem Demozug so mitbekommt. Oder mitbekommen will? Jedenfalls finden sich überall Erklärinstanzen, die das Erlebnis zu dem machen, was es sein soll.

Wieder an der Hochschule angekommen, bemerkt der Zug, dass seine Empörung beim Rest der Gesellschaft so wenig verfängt, wie das Testbild des DDR-Fernsehens. Keiner guckt mehr. Vielleicht eine kleine Provokation setzen? »Rotfaschisten! Ab ins Bett!«. Das verstehe wer will. Erst schreien sie »Faules Pack«, nun »Ab ins Bett!«. Aber irgendwie mach Volk sein auch keine Freude, wenn die Opposition fehlt. Die Studenten der HMT haben sich zurück an ihre Projekte begeben und beschäftigen sich mit ihrem Training, nicht aber mehr mit dem Mob. Dieser ruft per Megafon »Hallo! Wir sind wieder da!«.

– Kommt mal auf den Balkon hier!
– Hallo! Wir wollen euch singen hören?
- Wo ist sie denn, eure Toleranz?
– Ey, wo seid ihr denn? Wir lieben euch doch alle!

Man singt: »Die Toleranz ist weg«. Sich gegenseitig zu. Grausig. Doch Rettung naht. Jemand hat vorhin auf dem Balkon auch »…einen Neger gesehen« gesehen. »Die machen jetzt bestimmt wieder Urwaldtrommeln für Fortgeschrittene!«. Gegen Ausländer hat hier niemand was. Natürlich. Nur gegen Undankbare. Das muss man verstehen. So allgemein. Was hat man ihnen nicht alles schon erzählt, damals: Von armen, durch den Kolonialismus versklavten Negern – Aber tanzen, das können sie! Von armen, durch den Imperialismus mit Krieg überzogenen Fidschis – Erst gegen den Ami kämpfen und dann deren Musik hören und Cola saufen! Von armen, durch den Nationalsozialismus verfolgte Juden – Jaja, zahlen wir heute noch für, wo kommen die eigentlich her, die Damen und Herren?! Erst groß am rumheulen, dann her kommen, zu uns, nach Deutschland, wo es so schön ist, und dann die große Klappe haben. Kennt man ja. Staatlich verordnete Opferrolle – Ja ja!

Es herrscht eine unermessliche, ewigliche Dankbarkeitserwartung, denn wir helfen ja denen obwohl wir ja überhaupt nichts dafür können! Und dann, plötzlich, werden die armen Opfer selbstbeswusst, statt sich servil in Bauchlage zu nähern! So so, dann, auf ein Mal, sind die Herrschaften unzufrieden, aha aha. Fazit: Irgendwie hakt das Belohnungs- und Bestrafungssystem. Also am besten: Alle raus. Wäre ja mal ‘ne Endlösung ohne Opfer. Man ist ja kein Unmensch.

Deutsche Technologie!
Deutsche Industrie!

Ich treffe den Häuptling wieder. Er unterhält sich mit einem älteren Herren über die NATO-Osterweiterung. Nun stehen sie in der Ukraine. Das war anderes ausgemacht. Der alte Mann ist sich sicher: »Das ist von der Tsia gemacht worden!«. Ich rätsle lange darüber, was dieses Tsia sein soll, bis mir dann klar wird, dass er die CIA meint.

– Ja, das hammse auch geschickt eingefädelt. Die haben die Polen hoch gezüchtet. Das ist ein Kampf der internationalen Finanzjongleure. Das kann man im Internet nachlesen: »The Wall Street an the rise of Hitler«.

– Und der Wahnsinn ist ja: Die meisten denken, dass die das freiwillig alle mitmachen!

– Die haben die Deutschen ja schon in Abhängigkeit gebracht mit dem Versailler Vertrag, mit dem Dawes-Plan und dem Young-Plan. Da haben sie gesagt, ihr kriegt Kredite, aber mit den Krediten haben sie die Deutschen immer weiter in die Abhängigkeit getrieben.

– Und es sind ja auch immer die selben, die dahinter stecken! Tsia! Und wie sie alle heißen!

– General Electrics, General Motors – was Opel ist. Alles, AEG, alles ist bei General Electrics geblieben. Und die Chemiewerke, da war dieser Barbour Aktionär, mit Auschwitz, wie hieß das nochmal…hier…hier…Birkenau. Da hat der voll mit drin gesteckt!

– Aha?

– Das kann man nachschlagen, wenn man gezielt sucht. Also, da kann mir keiner mehr was erzählen. Das haben die bewusst gesteuert, damit sie die Deutschen so richtig in die Zange nehmen können.

Was irritiert mich mehr? Die »Faktenlage«? Des Häuptlings zynisches Lächeln, als er die Weltgeschichte, seine Weltgeschichte innerhalb von zwanzig Schritten vollumfänglich erklärt? Dass ich mir praktisch an der selben Stelle wie auf dem Hinweg etwas über die Verschwörung des jüdischen Weltbolschewismus hören muss? Der alte Tsia-Mann fasst zusammen: »Die wollen Deutschland klein machen, weil sie wissen: Wenn Deutschland sich mit Russland verbündet, ist die Macht der Amis gebrochen.« Auch dazu weiß der Häuptling etwas zu sagen:

– Es gibt da ja noch diesen »Treatment of Constructor«, einen dieser Sink Tänks, der will seit mehr als 100 Jahren einen Keil zwischen Deutschland und Russland zu treiben.
– …genau der hat das gemacht…
– Deswegen treiben die Amerikaner auch die Ukraine und die Polen so hoch!
– …genau!
– …denn das ist das Bollwerk zwischen Deutschland und Russland.

Jetzt klinke ich mich ein, weil mich interessiert, weshalb man die Russen und die Deutschen so auseinander halten will und warum der Russe sich, angesichts seiner massiven Ressourcen an einfach allem, eigentlich an bilaterale Verträge halten soll? Opa Tsia weiß es: »Deutsche Technologie! Deutsche Industrie! Russland: Großer Markt und große…«. Weiter kommt er nicht, weil mir der Häuptling wortreich erklären will, dass wir wenigstens ein bisschen Intelligenz mitbringen.

– Obwohl man sagen muss: Die Amerikaner haben ja unser Volk auch verblödet. Das muss man ja auch sagen. Irgendwann kann es natürlich sein, dass diese Trumpfkarte (Intelligenz), die die Deutschen ja jahrhundertelang waren…

– …genau!

– …also wenn man sich das mal anschaut: Auch früher schon, zum Beispiel bei Katharina die Große, waren auch viele Deutsche in Offizierspositionen, also da gab es schon ein gewisses Know How, mit dem die Deutschen gegenseitig ergänzen konnten. Noch haben wir ein gewisses Renommee.

Aber der Russe ist doch nicht auf uns angewiesen?

– Doch doch, technologiemäßig ja. Der ist industriell noch nicht so weit!
– Der Amerikaner hält den Russen mittels Ölpreis unter Druck!

Aber geht das noch lange gut? Opa Tsia: »Das geht eine gewisse Zeit. Wie wenn man einem Menschen eine gewisse Zeit in die Ecke treibt und er hat keine andere Möglichkeit mehr auszubrechen, da greift er an! Und das ist böse – vor allem für Deutschland. Die sind schließlich eine Atommacht! Da hofft man, dass wenn das losgeht, es noch deutsche Patrioten gibt, die erklären, dass man international unabhängig ist, also neutral. Alles besetzen die Stützpunkte der Amis. So richtig wie ein Putsch. Es braucht die richtigen Leute, die das durchziehen. Es muss da mit dem Geheimdienst, dem Militär und der Polizei, also den richtigen Leuten zusammengearbeitet werden«. Die finale Eskalation als alte Lösungen für neue alte Probleme. Und im Versagensfalle hat man ja immer noch Walhalla. Russland erfüllt mit seiner aktuellen Darstellung den feuchten Traum jedes Autoriätsakrobaten, nicht aus besonderer Zuneigung zum slawischen Wesen, sondern aus der faktisch bestehenden Machtposition. Menschenrechte? Wer damit formuliert, lügt sowieso. Kann man sich schenken.

Woher kommt der Hass? Ich vermute: Absurderweise aus einem Gefühl tiefster Verunsicherung. Hier paradieren im Hier und Jetzt schlecht verankerte Biografien. Scheinbar angegriffene Selbstwertgefühle knicken vor einer extern produzierten Angst ein. »Kommen Sie mir nicht mit ihren Fakten! Ich kenne Einen, dessen Arbeitskollege hat einen Bruder, dessen Nachbar gesagt hat, dass…«. Die Gründe des Hasses stammen nicht aus eigenen Erlebnissen von bedrohlichen, klar benennbaren Situationen, sondern aus Narrativen, eingeflüstert von fahrbaren Rednerpulten, quer verteilt durch ganz Deutschland, bequem erreichbar in innerstädtischen Fußgängerzonen bei Mondschein oder Tablet-PCs auf heimischen Sofas. Aus dem Land der Dichter und Denker wird – dank Geistergeschichten statt Geistesgeschichte – das Dorf der unterbelichteten Henker.

Alle eint die Pseudo-Erfahrungen von Degradierungen und gezielter Sabotage der eigenen Person durch Die. Eine von allen direkten Erlebnisformen der Welt abgekoppelten Mittelschicht ist von dem Gefühl beherrscht, aufgrund von Bedingungen, die sie selbst nicht kontrollieren kann, unter ihren Möglichkeiten geblieben zu sein. Obschon man nach den Regeln des Systems gespielt hat, ist man im System selbst nur Letzter und Niemanden interessiert es. Ganz im Gegenteil zu den Anderen, den Fremden, den Fremdartigen, den Unartigen, den Nutzlosen, den Systemverweigerern: Deren – naturgemäß uninteressanten – Sorgen werden gehört, meine – naturgemäß hoch relevanten – nicht. So weint es sich bequem in der wohlig beheizten Drei-Zimmer-Wohnung, so marschiert es über den Ring of Rumgeleier.

Müde trotten wir auf den Platz der Kundgebung zurück. Es ist kalt, Nasen laufen, Muttis wollen nach Hause, Mändys zu McDonalds. Wenn man eine Flüssigkeit abkocht, bleibt ihr fester Bestandteil zurück. So nun auch hier. Die Gesichter sind grimmiger, die Jacken schwärzer, die Haare kürzer, die Fäuste geballter. Die ursprüngliche Melange aus Kleinbürgertum und rechts-spektraler Klientel hat eine Phasenverschiebung durchgemacht. Mich überkommt zum ersten Mal am Abend das Gefühl, dass nur noch ein Funke benötigt wird, um die Eskalation zu initiieren. Und dann tritt der letzte Redner auf: Graziani aus Berlin, menschgewordener Brandsatz unterwegs im Namen der Verachtung. Auch hier erspare ich mir weitere Berichte. Die Hetze ist vorhersehbar, die Stilmittel albern einfach und deshalb wirkungsvoll. Aber nicht heute abend. Hörten schon bei Johnke nur noch Wenige zu, ist beim Gastredner aufgrund des Abwanderungsverlustes noch weniger Anklang zu registrieren.

Spaß macht es aber, zumindest den Eingeladenen. Wie schon das Verbalgestolper des Obersten LEGIDA, werden auch die Tiraden des Nichtmuttersprachlers mit Häme garniert. Man nennt ihn wenig liebevoll »Mini-Mussolini mit Extra-Käse« und verdreht die Augen, als er eine – ganz dolle bestimmt wirklich authentische! – Geschichte erzählt. Wie er bei den ersten Demos, hier, in Leipzig, einen älteren Herren, so zweiundachtzig, dreiundachtzig Jahre alt gesehen hat, auf Krücken, der kaum noch laufen konnte, und von den respektlosen Pitbull-Antifa als »Nazi« beschimpft wurde. Es soll auch Obst geflogen sein. Er, der ältere Herr, habe sein ganzes Leben lang gearbeitet, bei Knorr, und außerdem kam er aus Schlesien – das gehört zu Deutschland, so wie Pommern, wie Mähren, wie Sudetenland, wie Königsberg! Seine Stimme soll vor Rührung über ihn kommendes Ersticken simulieren, als er erzählt, dass der Knorr-Mann nur 250 Euro Rente bekommt. Aber die Empathie legt sich, als er fragt, wie das sein kann: »Fremde Menschen – Wie kann man den alles in Arsch schieben, während so ein Mensch nicht mehr überleben kann Das ist eine Schande! Er hat Deutschland mit aufgebaut. Und nun wird er so abgespeist!«. JAWOLL tönt es. Er hat ihn nie wieder gesehen, obschon er ständig nach ihn geschaut hat. Ich vermute: Ralf Siegel hat sich schon die Rechte für den Soundtrack dieser Tränenshow besorgt haben: »Hink nicht so weit, mein alter Freund«.

Irgendwo wird auch viel gelacht.

Jahrelang konnte man sich stark fühlen, ohne etwas oder nur wenig dafür tun zu müssen: Exportweltmeister, Spendenweltmeister, Fußballweltmeister. Nun fühlt man sich machtlos, ohne etwas oder nur wenig dagegen tun zu können. Im deutschen Fatalismus ist der Weg nach unten ist immer kürzer als der an die Spitze und die Befriedigung über das Erreichte niemals so süß, wie die Enttäuschung über Verpasstes bitter. Die Illusion von Kontrolle zerbirst, weil jene, die hier lautstark ihren Frust in den Februarabend schreien, langsam zu ahnen beginnen, dass sie nicht das Subjekt, sondern das Objekt der Kontrolle sind: Sie werden beherrscht. Vom Kapital, ihrer Angst, der Entropie der Welt an sich oder kurz: Denen da oben.

Das Hofieren und Relativieren der Rechten durch Behörden wie den Verfassungsschutz ist da kein Zufall. Der Rassist vom Phänotyp »Patriot« im allgemeinen und Nazis im speziellen denken in klaren Hierarchien, sie leben und handeln in streng geteilten Sphären namens »Oben« und »Unten«, zu denen sie mal dahin und mal dorthin gehören, je nach aktueller Feindeslage. Durch ihr geordnetes Wirken bleiben sie von außen berechenbar. Und sollte doch einmal etwas schief gehen, richten sich die Taten der Rechten selten gegen das Kontrollsystem.

Linke hingegen hackten sich lieber den Arm ab, als ihm zum Wohle des als repressiv empfundenen Staatsapparates zu erheben. Das macht sie verdächtig, permanent, auf allen Ebenen. Nur wer bestimmt auf welcher Grundlage, wann jemand ein Linker ist? Gar ein Extremist? Meist übernimmt das eine Mitte, die sich selbst als ausgewogen wahrnimmt und deren Angst vor Pluralismus zu gesellschaftlichen Stillstand gerinnt.

Die Kundgebung ist beendet. Wir verlassen den Platz. Am Eingangsgatter kommt es kurz zum Tumult. Die Rechten sammeln sich flugs und brechen Richtung Gegendemonstranten auf. Diese stehen gefährlich nahe an der Fahrbahn und können nicht einfach so nach hinten ausweichen. Mändys schreien. Kevins parieren. Der Tross lässt also verbal noch einmal alles raus, was drin ist. Hier gehen Hunderte an einem Dutzend vorbei und fühlen sich volker als Volk. Wir gehen den selben Weg wie bei der Anreise zurück. Im Bahnhof angekommen, erinnern nur noch gepanzerte Polizisten am Ausgang an den Spuk. Mir ist kalt. Ich bin fertig.

Irgendwo wird auch viel gelacht.

21:39 Uhr.


Seit dieser Demo empfinde ich Respekt und Demut:

Für die Journalisten, die sich immer wieder in diese Hexenkessel wagen müssen. Ich habe begriffen, dass sie an solch einem Abend nicht immer und überall sein können, um ein großes Schlachtengemälde zu zeichnen, das auch die letzten Details aufdeckt. Doch sie leisten mit ihren Bildern, Texten und Einschätzungen Wichtiges. Wir, die dezentrale Beobachtermenge, können punktuell deutlich mehr und vor allem gleichzeitig sehen, aber keinen direkten Zusammenhang konstruieren. Danke für jeden, der das gut zu machen versucht.

Für die Organisatoren der Gegenproteste, die nimmermüde in die Tasten hauen, solche faulen Sprallos wie mich hinter dem Bildschirm und auf die Straße locken, um mir klar werden zu lassen: Du bist nicht allein! Da sind noch viele andere! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wichtig das beispielsweise für mich war. Sie werden dafür bitter angefeindet und können sich nicht sicher sein, in Zeiten wie diesen auf das bauen zu können, was eine Gesellschaft ausmacht: Vertrauen in das Gegenüber. Und doch wirken sie effektiv gegen das Gift der Resignation durch das Anstiften zum Nachdenken und Rausgehen. Danke für jeden, der das in seinen Kreisen teilt.

Für Politiker wie Irena Rudolph-Kokot, Jürgen Kasek und Jule Nagel, die hier unermüdlich immer und immer wieder auflaufen. Auch wenn wir politisch nicht immer deckungsgleich sein mögen, beobachte ich voller Respekt, wie diese Leute die Drecksarbeit machen. Auf schlammigen Plätzen stehen und sich mit defekter Technik herum schlagen? Im Regen die Leute zusammenhalten, um das sichtbar zu machen, worum ich mich nicht kümmern will? Sich durch die Polizeiketten begeben, um Eingekesselte zu besuchen und zu beruhigen? Das ist mehr nur als bloßes politisches Kalkül. Das ist eine unkorrumpierbare Berufung.

Ja, und auch für jene Polizisten, die zwischen den Fronten stehen und sich nicht anstecken lassen von den Gewaltphantasien der Lager sowie dem Kadavergehorsam und dem Gruppentrieb der eigenen Kameradschaft. Wir alle wären gerne woanders. Es ist euer Dienstherr, der euch hier verheizt. Er kennt die Situation, er hat sie geschaffen. Niemand muss als Polizist zum Gewalttäter in Uniform werden. Ich weiß, dass sich einige von euch fragen, wo die Grenze zwischen Respekt und Verachtung verläuft. Genau hier.

Und ich danke den Gegenprotestierern. Allen. Ihr rückt gerade, was auch meine Generation verbockt hat. Widersprecht und seid niemals still, wenn wir Dinge tun oder sagen, die wir nicht vernünftig begründen können. Widersteht der Versuchung uns Recht zu geben, nur weil wir faltig sind, eure Professoren, Lehrer, Chefs. Dass wir nichts drauf haben, dafür bedarf es keines Beweises mehr. Streitet, aber zankt nicht. Werdet wütend, aber gebt dem Hass nicht nach. Lasst euch prüfend alles erklären, denn das ist ein Prüfstein und kein Ausweis von Ahnungslosigkeit. Solidarität und Gerechtigkeit – Nur so geht es. Doch das haben wir anscheinend vergessen.

Fazit: Bei LEGIDA laufen ganz normale Leute mit. Genau das sollte uns Angst machen. Aber daraus wird auch Mut geboren.

Immer.

Schubél