Der Ami, der Jude, der Russe und ich - Teil II

Wenn ich super bin, und der andere fremd, warum erkennt keiner außer mir die Wahrheit? Der zweite Teil des LEGIDA-Berichts: Wahnsinn? Läuft!

Vorgedanke: Ich hatte mir vorgenommen, so neutral wie möglich zu bleiben, aber es ist mir nicht gelungen. In mir stauen sich garstige Emotionen auf. Nicht nur auf dem Platz oder während der Demonstration, sondern auch jetzt, beim erneuten Vergegenwärtigen und Aufschreiben. Dies hier kann nicht mehr frei von Wertungen sein. Es geschieht etwas mit Einem, wenn man bis zum Herz der Finsternis fährt. Das Grauen ist nur noch als Erzählung zu ertragen, nicht aber mehr als nüchterner Bericht.

Johnke spricht und spricht und spricht: Die da oben sind Verbrecher. Die Herren Gegendemonstranten hinter uns sind bestenfalls begriffsstutzig, aber sicherlich auch Verbrecher, irgendwie. Die wahren Verbrecher jedoch, und das steht mal fest, sind die »feinen Herren in Berlin«…

LEGIDA schafft das unmöglich Geglaubte und entreißt der Raumzeit den mit Hamburger Gittern umzäunten Richard-Wagner-Platz. Über uns bildet sich eine Blase, durch die nach wie vor der Wind bläst und unermüdlich Pfiffe der Gegendemonstranten wehen, die jedoch gegen alle Vernunft wirksam abschottet. Während der Redebeiträge herrscht die eine, schillernde Wahrhaftigkeit im Kasernenhof der eigenen Empathiereste. Das Amen dieser Prediger klingt frappierend nach »Habe ich schon immer gesagt!«. Der hier miteinander geschlossene Friede durch Einigkeit ist so stark, dass man alles Mögliche tun kann, außer den Rednern wirklich zu folgen. Schließlich verpasst man nichts, wenn einem nach dem Maul gesprochen wird.

Junge Menschen gruppieren sich, pummelige Gesichter erhellt vom Schein der Smartphone-Displays, und tauschen sich darüber aus, wo die »Zecken« etwas geplant haben könnten und dass die Chrissi heute nicht kann wegen dem Justin. Gruppen von zwei bis drei Mittelalten clustern sich wie chemische Verbindungen. Zusammengehalten von der Energie entschlossener Trostlosigkeit sprechen sie über ihre Kollegen, ihre Frauen, ihre Autos, ihrem Sport und wie das alles nicht so funktioniert, wie sie sich das vorstellen. Es wurde auch viel gelacht.

Johnke spricht und spricht: Wir »hier unten« werden gegeneinander aufgehetzt. Aber LEGIDA hat den Plan erkannt, aber »leider sind wir noch zu wenige«. Die ganzen Volksverräter, die Lügenpresse und all die anderen Verbrecher, die uns gegeneinander ausspielen und unterdrücken müssen endlich zur Rechenschaft gezogen und entmachtet werden!

Die ganz Alten: Entweder einsame, im Sturm wankende Reisigstöcke in der Steppe oder Fünfer-Gruppen mit Frauen. Sie haben alles schon erlebt, gesehen, begriffen, sie und ihre Giselas, Hildis, Barbaras, hier und dort und überall, bei »der Fahne«, im Kombinat oder später: »Firma«, bei der Busreise nach Bamberg oder im Pauschalurlaub. Doch auch das ist bedroht, denn sämtliche Urlaubsorte der Welt sind kontaminiert und verdienen das Siegel: »…da kann man ja auch nicht mehr hinfahren«. Mensch gewordene Kleingartensparten und ihre Zaungespräche bestimmen das Bild. Journalisten hetzen angeschlagen durch die Menge, das Equipment eng an den Körper gepresst, den Ausgang suchend. »Die machen doch sowieso was sie wollen. Da sollnse doch mal alles aufnehmen und alles bringen, die Rede. Arschköppe!«. Gesehen hat keiner was. Dass sie es verdient haben, darüber ist man sich einig.

Johnke spricht: »Köln« ist ebenfalls eine »Riesenablenke und Riesenverarsche. Ich kann euch das ooch ganz kurz erklären!«. Extremsportler Felix Baumgartner wird Respekt erwiesen, weil ihm alles »scheiß egal« ist und er »das Maul aufmacht«. Dies qualifiziert ihn fortan zur Ikone all jener, die ebenfalls ihr Maul nicht zu bekommen. Dafür erhält er den flauschigen Ehrentitel »Der Felix«. Einer wie wir. Einer von uns.

Niemand hört so recht mehr zu. Aber Johnke hat noch ein AfD im Ärmel. Der Anwalt Roland Ulbricht gibt sich einleitend servil, entschuldigt sich für den nun kommenden »juristischen Zwischenruf«, der notwendigerweise wohl trocken werden wird: »Ich hab so ein paar Themen mir ausgedacht…«. Dann legt er los: Über die Lügenpresse und Höcke (…weiß gar nicht, ob die Formulierung Lügenpresse so richtig ist, lalala); die Kommunikation der deutschen Gerichtsbarkeit (Die hätten gar nix über unsere Angelegenheiten verlautbaren dürfen, es gibt da Richtlinien!); Petrys »kolportierter« Schießbefehl (Bin kein Petry-Fan, aber es gibt da seit Menschengedenken einen Gesetzestext, eine Kann-Bestimmung, die Rot-Grün zu verantworten hat!) und die Blockade von Demonstrationen (Ich finde es pervers, andere an ihrem Demonstrationsrecht zu behindern!). Wir lernen: Anständige Leute machen keine lautstarken Gegendemonstrationen sondern melden gefälligst irgendwann und irgendwo eine eigene Demo an!

Gegendemonstranten besitzen ein schlechtes Demokratieverständnis.

Vor den Grenzen stehen keine »Arbeitsmigranten«, sondern nur potenzielle Sozialamtsbewohner.

Grenzzäune sind scheußlich, weil man dann nicht mehr so schön durch die Alpen wandern kann.

Nur weil uns mal so ein Krieg passiert ist, sollten wir zu irgendwas zukünftig verpflichtet sein? Pah!

Spätestens jetzt hat man es amtlich beglaubigt und hoheitlich gesichert erzählt bekommen. Der Mann ist schließlich Jurist, ein Studierter also, im Grunde so etwas wie ein Bestimmer, ein wahrer Herr! Nicht so ein Verbrecher wie die Herren Gegendemonstranten oder die feinen Herren Hie und Da. Man kann es in Worten nicht ausdrücken, wie ein und dasselbe Wort einerseits bewundernd, andererseits abwertend benutzt wird.

Dies expertokratische JAWOLLJA! der ganzen Welt! Das »Wir« in dieser Raum-Zeit-Singularität kann wahrlich nicht mehr aus schlechten Menschen bestehen, sondern aus formal sauberen, permanent bedrohten und naturverliebten Wandergermanen. Da kann sich der Gutmensch aber mal einen Senkel draus drillen! Der Anwalt schließt: »Es lebe unser heiliges Deutschland!«. Kleine Gruppen gibt es nun nicht mehr. Die Menge ist wieder ganz Menge und kann sich nicht erinnern, dass es mal anders war. Wie jedes gute Gift wirkt auch dieses schleichend. Die von mir anfänglich wahrgenommene Zurückhaltung in den untereinander getätigten Äußerungen ist nicht mehr wahrnehmbar.

Der »spannende Teil« beginnt. Johnke ruft zum Spaziergang. Wir stellen uns instinktiv in Reih’ und Glied auf. Gelernt ist gelernt, vererbt ist vererbt. Eilig wird in Rucksäcken gekramt, Taschenlampen hervorgeholt, gegen die der Strahl des Todessterns wie eine prostataschwache Leselupe wirkt. Neben mir steht ein junger Mann mit einem Blendaggregat, an dessen Unterseite ein riesiger kastenförmigen Akku montiert ist. Umstehende erkennen an: »Da haste hinterher Sonnenbrand, wennde das Ding ins Face bekommst. Ne, ich meine ins Gesicht! Nicht mehr so viel englisch!«. Technologie? Können wir! Da die Straßenbeleuchtung noch funktioniert, ist klar, weshalb diese Flugabwehr-Strahler mitgeführt werden. Aber man erzählt es gerne jedem nochmal: »Die das hier fotografieren, das ist alles Antifa!« und dass man das nicht möchte, garniert ein breit geknödeltes »Mensch, du! Mache die Kamera aus!«. Am sächsischen Wesen soll die Welt genesen. Und die Kamera ist bestimmt auch nicht von hier!

Sprechen Sie nicht uns an, wir sprechen Sie an!

Die Ordnungsbehörden der Stadt haben LEGIDA den Weg bereitet, in dem sie den Gegenprotest systematisch ins nicht mehr Wahrnehmbare abgegrenzt haben. Den Rest der Strecke dürfen sie sich als Sieger fühlen. Links und Rechts des Zuges ist die Straße gespenstisch leer. Nur wenige Polizisten halten sich, wie den gesamten Abend schon, weit entfernt von der Menge auf. Das muss diese so viel besprochene Deeskalation sein, von der man immer hört. Dumm nur, dass man so auch nicht mitbekommt, wie unsäglich dieser Zug im Inneren hetzt und sich in Teilen über die weitere Abendgestaltung bezüglich der Gegendemonstranten abspricht. Oder wieder einmal Hatz auf Journalisten macht. Oder…oder…oder…

Manchmal wird der Zug auch lauter, wenn beispielsweise aus einem »Merkel muss weg!« ein »Ferkel muss weg!« wird und sich die Rufer gegenseitig grinsend ihrer unfassbar großartigen Ironie versichern. Auffällig: Ein junger Mann im Mantel. Am Revers sind ein Wirmer- und ein Pegida-Button angebracht. Beinahe wie eine schamvoll angebrachte Verkleidung harmonisieren sie prächtig mit einer anscheinend selbst gestrickten, schwarz-weiß-roten Wintermütze, die sicher nur zufällig der Nationalflagge des Deutschen Kaiserreichs ähnelt. »Stimmt doch, oder?!« fragt er mich kichernd, während ihm auffällt, dass ich in seine Richtung sehe, als die Ferkel-Merkel-Rufe verklingen. Später beobachte ich ihn, wie er Zettel an junge Männer verteilt und ihnen für den Rest des Abends noch viel Spaß wünscht. Es müssen sehr interessante Listen sein, die er da verteilt, denn die Lesenden sind so vertieft, dass sie entweder stehen bleiben oder beim Lesen beinahe übereinander stürzen.

»Das Volk« indes ist sehr sendungsbewusst. Sprechen Sie nicht uns an, wir sprechen Sie an! Sobald man sich, gewollt oder nicht, einem Demonstranten nähert, bekommt man seine hauseigene Theorie über den Lauf der Welt zu hören. Es existiert offenbar ein Urmythos, der aus diesen Menschen heraus drängt, erzählt werden will, seine Wahrhaftigkeit dadurch erlangt, weil alle diesen Mythos kennen und erzählen: Vom Bösen da draußen und vom Guten hier drinnen. Die Bösen sind eindeutig identifiziert: Das internationale Finanzkapital. Die USA. Die Araber. Die Muslime. Die Kirchen. Die Gewerkschaften. Die Regierung. Die Ölscheichs. Die Multis. Die Moslems. Die USA. Neger. Die Multis. Die Guten: Wir. Exklusiv.

– Nee, die Neger können doch eigentlich ooch nischt dafür.
– Naja, aber es sind eben Neger. Solln in ihrem Afrika bleiben und die Affen bespringen. Jeder Neger ist ein Sam, och wenn er ein Weißer ist!
– Haste Recht.


Ich stelle mich ahnungslos, biete mich als Projektionsschirm für all die Schmalfilme an, die aus den schwach erleuchteten Köpfen hasserfüllt strahlen wollen. Ich erfahre, dass die Neger im Grunde nicht unser einziges Problem sind. Eigentlich sind die ja auch viel zu unterentwickelt, um uns gefährlich werden zu können, so »industriell gesehen«. Das sind ganz andere Mächte am Ruder. Die sitzen überall. Die kennt man. Ja. Oder kurz: »Sie wissen schon wer!«.

– Naja. Nein. Also nicht so richtig. Wer denn genau?
– Gucken Sie doch mal auf die Namen von denen. Alles eine Seilschaft. In der Notenbank, im Weißen Haus, in der Industrie. Juden.

Mir wird schlecht obschon ich diese Antwort erwartet hatte. Um nicht aufzufallen und den Redefluss bei meinem Gegenüber nicht versiegen zu lassen, nuschele ich immer irgendwas von »Verstehe« und »Ja. Aha. Ok!«. Nichts liebt man hier mehr als eine ordentliche Dozentur und so merkt auch niemand, wie schnell man »gemeinsam« die Zone der Differenzierung verlässt, um im Sumpfland des Hasses über die braunen Flecken in der Hose des jeweils Anderen zu debattieren. Denn eins ist klar: Nazi ist hier mal schon gar keiner. Nur weil Deutschland damals dieser Krieg passiert…

– Aber die Araber sind doch keine Juden?
– Die machen aber Geschäfte mit denen, und das nicht zu knapp! Wenn es ums Geld geht, nehmen die sich nix!
– Stimmt, ja, Israel und so, das ist schon heikel…
– Israel, das ist ja nicht wirklich das Problem. Aber guck Dir mal die USA an, wer da an der Macht sitzt! Und die Namen! Ist doch eindeutig! Zuckerberg! Greenspan!

Vom »Sie« zum »Du« in unter zehn Sekunden. Im Antisemitismus sich vereint glaubend, überspringt der Demonstrant in nur wenigen Augenblicken die Distanz zu mir, seinem Nebenmann. Diese Reihen sind wahrlich fest geschlossen. Der Widerstand braucht das. Da ruft sogar die Mutti mit.

Wir erreichen die »Runde Ecke«. Vorm ehemaligen Stasi-Hauptquartier haben sich in der langgezogenen Kurve Gegendemonstranten zu einer Sitzblockade formiert. Die Menge fordert die Exekutive der vor kurzem noch als Verbrecherstaat titulierten BRD zu eindeutigem Handeln auf: »Räumen! Räumen! Räumen!«. Schnell wird hier ein spartanergleiches Gemetzel herbei gewünscht, gerne auch unter Einsatz der beiden Wasserwerfer, die irgendwann zu sehen gewesen sind. »Einer von hinten, einer von vorne! Und: Batsch!«. Dabei ist selbst dieser Sadismus immer noch steigerbar, wenn bspw. über Zusatzstoffe im Wassertank spekuliert oder eine fehlende Temperatur von 50°C unter Null bedauert wird.

Von der Hochschule für Musik und Theater ruft es herunter. Junge Menschen, die noch mehr Sommer als wir hier unten vor sich haben werden, rufen laut »Refugees Welcome«. Stellen Sie sich vor, wie Sie in einem Strom von Exkrementen gefangen sind, umgeben von kalter Leere und dann, ganz plötzlich, sehen sie ein paar Blumen. Handküsse will ich nach oben werfen, lachen, jubeln, schreien vor Glück! Doch bevor es aus mir heraus bricht, bringen mich die Demonstranten zur Räson: »Faules Pack!« skandieren sie den Studierenden entgegen, also jenen, die nach 20 Uhr noch in ihrer Ausbildungsstätte aktiv sind. »Nazis raus!« schicken sie noch hinterher, als ob es eines weiteren Beweises der Dummheit der Masse gebraucht hätte. Man ist erregt. Weitere junge Menschen winken aus den Fenstern des Schauspiels. Das stürzt die Demoteilnehmer in arge Selbstzweifel. Man sucht Halt aneinander, aber nicht nur geistige Wagenburgen sind so eng, dass man nur Rücken an Rücken nach außen schreien kann:

– Fangt an mit denken! Gehirn einschalten! Ihr faulen Säcke ihr! Schämt euch. Die ganze Welt ist verrückt, nur Deutschland nicht!
– Trauen sich nicht runter zu kommen!
– Die werden sich alle noch wundern!
– Oja!! Noch nischt gemacht im Leben!
– Das sind alles ein paar Gestalten… Verbrecher!

Grüne ficken an der Thomaskirche mit 20 Euro Perversen-Bonus

Der Zug erreicht die Thomaskirche. Die Chöre genossen bisher den Imperativ des »Jung muss weg!«, betrieben Abstammungslehre via »Antfiaaaaaa!!! Hurensöhöneeee!!!«, wussten zu sagen, wie viel man Deutschland lieben muss, um hier bleiben zu können und antworteten auf die nie gestellte Frage, wer denn eigentlich das Volk ist. Nach dem Schauspiel gelangt man nun an die zweite lautstarke Gegenbewegung, bei der man sich aber sicher ist, dass es dieselbe wie auf dem Richard-Wagner-Platz ist.

– Die sind halt schnell hierher gerannt! Jetzt schreien sie hier rum!
– Aber unsere Belehrung hieß doch: Die Demo soll an der Stelle leise sein! Und die Gegendemo macht laut!
– Ja, genau! Aber wir sollen leise sein!!!
– Wir sollen hier ruhig machen, aber die schreien rum da drüben! Ey, die stören den Frieden!
– Idioten… Da sind Gebete in der Kirche drinne!

Ein Ordner, offensichtlich von der bloßen Existenz der Masse aufgeheizt, will aus sich raus gehen. Er sammelt sich, nimmt Anlauf, atmet tief durch, schließt die Augen, blickt glänzend in die Menge, hebt an »Wer Deutschland nicht lie…«. Da stürmt ein anderer Ordner herbei und bedeutet ihm, dass er die Klappe zu halten hat, sonst kommen die Helme. Verbalejakulatio praecox. Nach der kollegialen Ansprache ist er irgendwie einen Kopf kleiner. Wird man doch mal noch rufen dürfen… aber schon ruft wieder die Pflicht. Opa Kopp ab in der Hand ein Deutschlandfahne schwenkend, sprintet mit der Kraft der zwei Herzen an ihm vorbei und in Richtung der Gegendemonstranten. Man sieht ihm an, dass er eine Meinung hat und diese jetzt endlich gegeigt gehört. Beherzt greift der Ordner zu. Wie jeder anständige Deutsche respektiert Opa Kopp ab jedoch die Macht des Mandats und lässt sich von der selbst gebastelten Ordnerbinde wieder ins Glied zurück schicken. Es sind eben die kleinen Momente, die zählen.

Im Spiel der Elemente wächst der Mensch. Der Himmel stürmt, der Gegenprotest tobt. Links und rechts stehen Journalisten in sicherer Entfernung, ein Mann der Ordnungsbehörde flaniert seitlich am Zug vorbei, Ehrfurcht gebietend in einer Weste mit entsprechendem Aufdruck, der ihn als jemanden ausweist, der Schwierigkeiten machen könnte. Und immer wieder blitzen die Lichter, einerseits entlang an Fassaden, um sich potenzielle Fensterfeinde vom Hals halten zu können, andererseits in die Objektive der Kameras. Der stotternde Berliner neben mir weiß anscheinend was zu sagen. Auch er spricht mich von sich aus an.

– Da hinten, det ist ne …unverständlich… Idee. Die blenden die Fotografen. Das ist dann scheiße. Da können die keine Fotos machen weilse jeblendet sind.
– Aber das ist doch eher ne schlechte Idee. Dann geht das doch nicht mit Fotos.
– Naja, deswegen sach ick ja: Coole Idee.
– Ach so, das hatte ich gerade falsch verstanden. Ich hörte Blöde Idee.
– Nee, gute Idee!

Irgendwo sieht man Abgeordnete an der Demostrecke, erkennt sie und taxiert sie auf einen gewissen Fickbarkeits-Marktwert. Die grüne Abgeordnete schneidet eher bescheiden ab (»Da musste noch 20 Euro drauflegen!« – »Drauf legen. Verstehste?«), die der Linken ist nicht vor Ort wird aber einhellig als deutlich annehmbarer beschieden, wenn auch nicht für jedermann, sondern nur für ganz besonders perverse Mitbürger. Und dann gibt es ja noch die »mit den langen Zöppen«. Hier ist man sich gerade nicht sicher, zu welcher Partei die gehört, aber die hat ‘nen Doppelnamen und da ist ja alles klar. Dieses Gespräch findet zwischen Frauen statt. Männer feixen. Überhaupt wird an dieser Stelle auch der Charakter als egalitäre Graswurzelbewegung deutlich: Alle anderen gehören gleich schlecht behandelt, das Wir hingegen darf sich so beschissen benehmen wie es will. Dies ist der Dung, an dem die Wurzeln zehren. Er kommt aus des Volkes Mund.

Der Zug wendet. Antifa-Hurensöhne. Antifa Hahaha! Protest in Hör- und Sichtweite wird an dieser Stelle von der sächsischen Polizei strategisch gedehnt ausgelegt. »Stellt euch in 150 Metern Entfernung auf, damit wir mehrere Fahrzeuge dazwischen parken können und auch noch ein Wasserwerfer dazwischen passt«. Als »Wir sind das Volk« vorm Zugang zum Burgplatz abdrehen, hört man, wie der Wasserwerfer seine Aggregate hochfährt. Es muss nicht betont werden, dass dieser stets auf die Gegendemonstration gerichtet ist. Diese ist in einen steinernen Kanal eingepfercht – rechts das Rathaus, links das Bürgeramt – aus dem keiner einfach so entfliehen könnte, ohne zu riskieren, auf andere zu treten.

»Lügenpresse! Wir kommen wieder!«. In olivgrüner Funktionsjacke, mit Kapuze auf dem Kopf, fest entschlossen: Der Fotografen fotografierende Fotograf. Auch er lächelt breit, als er mir entgegen eilt, um mir triumphierend seinen Coup zu erklären.

– Du musst im Internet mal gucken, da gibt es eine Seite, SECHEL heißt die.
– Ok.
SE-CHEL. Das ist hebräisch.

Ui! Man funkt wieder auf der Grundfrequenz des Sie wissen schon wer!. Da ich die Internetseite natürlich kenne, dieses aber nicht preisgeben will, muss ich mich noch dümmer stellen als bisher. Ich versuche zu buchstabieren.

– Ok. Ess…Eeeh…CH…
– S–E–C–H–E–L. Da sind wir alle drauf, aber so groß.

Er zeigt mir, wie groß. Und weil er mich anscheinend ob meiner gespielten Ahnungslosigkeit für etwas unterbeeimert hält, erklärt er es mir nochmals.

– SE-CHEL Punkt de, ja, genau. Und das sind die Fotografen, die hier rumspringen.
– Und du machst das hier privat?
– Ich mach’s privat.
– Ab sofort wirrrd also zurrrück fotografiert?
– Ja genau, unter dem Motto.

Sprach’s und zog weiter. So viel Lügenpresse. So wenig Brennweite. Die Welt ist ein Jammertal, wenn man auf einer Mission ist, die niemanden außer einem selbst interessiert. Noch nicht einmal die Polizei, die sich weiterhin in sauberer Ignorierdistanz zu den Journalisten aufhält und noch nicht einmal zuckt, als diese sich kraftmeiernd vor deren Objektiven aufbauen. Sie ist wie eine wohlmeinend verabreichte, aber ungesteuerte Homöopathie im Einsatz. Irgendwas wird immer notwendigerweise getan. Die behelmten Heilsversprechen produzieren dabei jede Menge Nebenwirkungen, so dass hinterher allen schlecht ist. Die Erfolgsquote ist bestenfalls unklar.

Doch es scheint nur so, als läge ein handfester Widerspruch vor. Während der Leipziger Polizeipräsident beklagt, dass im gesamten Land eine Pogromstimmung herrsche, lassen Ordnungsbehörde und Polizei nichts unversucht, denjenigen, die diesem Treiben Einhalt gebieten wollen, das Leben so schwer wie möglich zu machen. Doch der Schein trügt, denn eine tiefe innere Logik ist vorhanden. Man will als funktionelles Staatsorgan die Kontrolle wiedererlangen, sie behalten und ausbauen. Unkontrollierbares gesellschaftliches Engagement stört hier nur, denn diese heterogene Menge würde sich nie dem staatlichen Korpsgeist unterordnen. Geschickt ist die Taktik allemal. Eine substanzielle Protestbewegung lässt sich seitens der Demonstranten wirklich nicht wahrnehmen. Alles geht unter in einem Meer aus Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Pfiffen und unverständlichen Rufen. Entsprechend abschätzig auch der Kommentar: »Schreikinder«. Die Polizei kontrolliert nach ihren eigenen, unhinterfragbaren Maßstäben die Szene und bietet einen ersten Einblick in das, was man totalitärer Polizeistaat nennen könnte. LEGIDA ist unter sich. Einwände stören hier nur.

Die Parade defiliert wieder zum Ring. Das gegenseitige Angebrülle ebbt ab. In einer Pizzeria Sitzende werden aufgefordert, nach draußen zu kommen: »Bürger lasst die Pizza sein! Auf die Straße! Reiht euch ein!«. Eine polizeiliche Kontrolldichte ist bei Legida kaum wahrnehmbar, währenddessen in der Vergangenheit Einsatzfahrzeuge an der Hainspitze durch die Gegendemos bretterten. Freistaatlich wird ein Demonstrationserlebnis organisiert, der Besitz der Straße gefeiert und ausgekostet. Es ist ein Event, das nun zur Hälfte vorüber ist. Der Rant gegen alles und jeden begibt sich auf den Rückweg. Es wird auch weiterhin viel gelacht.

Im letzten Teil: Zeit Komma gute Komma alte.

Schubél