Der Ami, der Jude, der Russe und ich - Teil I

Am 1. Februar 2016 habe ich an der LEGIDA-Demo teilgenommen. Ich wollte wissen, was das für Menschen sind, wie sie reden, vielleicht auch, wie sie denken oder fühlen. Reden wir also über Standpunkte.

18:15 Uhr.

Um einen »abgesicherten Zu-und Abgang« zu gewährleisten, treffen sich die LEGIDA-Teilnehmer im Leipziger Hauptbahnhof. Eine Menschengruppe: Junge Männer, die gelangweilt auf ihren Smartphones herum wischen. Junge Frauen mit Bekenntniskleidung, die sie einer »Bürgerbewegung Grimma« oder dem Team »Thor Steinar« zuordenbar machen. Kurzhaarig kichernde Dreißigjährige in Sportkleidung und Lederjacke, die »Rapefugees not welcome« heißen. Die mittlere Generation der 40-jährigen, noch nicht ganz alt, aber auch nicht mehr so jung, in bunten Jacken, breiten Beinen, mit grimmigen Blicken und einer Mission. Alte Männer, die etwas verloren Anschluss an Andere suchen oder wenigstens nicht von ihrer Frau getrennt werden wollen.

Die Stammbelegschaft ist ebenfalls da: Stephane Simon und eine wuchtige Frau mit Kindern, die »Legida-Familie« genannt. Die Stimmung ist gut. Man scherzt allenthalben und hat die Hände in den Hosentaschen.

Aus den Erfahrungen eines OfD-Spaziergangs weiß ich: Mimikri entscheidet. Meines besteht bisher aus einer ausgeliehenen absurd roten Jack-Wolfskin-Regenjacke, Jeans und Turnschuhen, oder kurz: West-Klamotten. Weil ein Aufenthalt am Rand der Gruppe verdächtig macht, stelle ich mich wie selbstverständlich zu herzhaft debattierenden Leuten. Um die Tarnung zu perfektionieren, habe ich mir eine Dose Bier im Kiosk neben McDonalds gekauft und starre nun scheel-grimmig auf die Menschheit. Reisende eilen an uns vorbei, Einkaufstütenträger rolltreppen gemächlich in die unteren Etagen. Im Osten nichts Neues. Es fällt mir schwer, den Blick soweit zu entleeren, bis er nicht mehr neugierig wirkt. Man mag das auf den ersten Blick für übertrieben halten, aber das Misstrauen gegen jeden, selbst gegen den Nachbarn im Pulk, ist mit Händen zu greifen. Wach umher schauende oder gar in den Notizblock schreibende Personen fallen hier auf.

Was treibt diese Menschen an? Sind das hier wirklich alles Nazis und beinharte Rassisten? Die eine Hälfte wirkt, als stünde sie regelmäßig vor oder hinter mir an der Kasse des Supermarkts, während die andere sich gar keine Mühe macht, ihre potenzielle Aggressivität zu verbergen. Ich nehme mir vor, mit jenen ins Gespräch zu kommen, denen ich möglicherweise schneller davonlaufen kann, als sie mich belasten könnten.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Wir Masse trotten mit. Fünf junge Leute singen in sicherer Entfernung ihre Ablehnung gegen uns heraus. Einzelne skandieren »Jung muss weg!«, andere, anscheinend erleichtert, dass es nun endlich mal einer ruft, stimmen mit ein. Schwierigste Aufgabe im Moment: Nicht darüber lachen, dass diese Menschen so leicht getriggert werden können.

So sinnse,
die Linken!

Da stoppt der Zug wieder. Kaum ist das letzte »Widerstand!« unter der Bahnhofskuppel verstummt, schauen sich alle betreten an. War was? Ich wars nicht! Geht es nun los oder was? Wer hat hier eigentlich das sagen? Eine Führungsfigur wird schmerzlich vermisst, jemand, der sagen kann, was vor sich geht und falls ja, wohin. Ein älterer Herr mit Deutschland-Flagge fragt sich, wo man stehen geblieben war. Ach ja: “…und nach §146 des Grundgesetzes kann man Deutschland nun wirklich nicht…Wir sterben aus…fremdbestimmt…Bei Adolf wäre hier Ruhe…Kopp ab!«. Irgendwo klappert eine Flasche über den Boden. Opa Kopp ab vergleicht seinen Fahnenstab mit dem einer preußischen Flagge.

Nun geht es wirklich los. Geordnet sammelt sich der Zug vorm Hotel Astoria, man ist solidarisch, wartet aufeinander. Ältere Damen fürchten sich vorm Wind wegen ihrer Frisuren. Ältere Herren eilen an der maroden Fassade vorbei, wohl wissend, wie schnell sich Dachziegel lösen können. Es entspinnt sich folgender Dialog:

– …und letztens haben die im Bundestag sich nicht nur die Diäten mal wieder erhöht, sondern auch die Prämie für die Antifa!
– Ach so?
– Ja! Die kriegen wohl jetzt 45 Euro die Stunde. Hab ich gelesen.
– Na da würde ich auch nicht arbeiten gehen. Da reichen ja ein paar Demos, da musste auch nicht arbeiten gehen…
– Anders bekommen die ihre 48 Busse auch nicht voll!
– Stimmt.
– Ja.
– Arschlöcher.

Wir erreichen die Unterführung. Zwei sonnengegerbte Sportlergesichter sprechen jovial einen jungen Mann an. In der Hand ein Mixery, auf dem Kopf ein Rasenball-Cap, am Kinn dunkler Flaum, neigt er sich aufmerksam wie eine Fliege dem Sonnentau zu.

– (alligatorenhaft grinsend) Hier, Großer!
– (Falsett, vertrauensselig) Ja?
– Beim nächsten Mal überdenken wir das aber nochmal mit der Kappe!(Jovial) HöHöHö!
– (Unwissend aller Schutzengel im Rücken) Nee. Das ist schon richtig so! (Courage vermutend) Ich stehe zu meiner Mannschaft!
– HöHöHö…
– HiHiHi…

Die Unterführung. Ein steinerner Darm durch den sich die Masse auf die andere Straßenseite ergießt. Es riecht auch so. Akustiktest: »Unsre Fahne | unser Land | Maximaler Widerstand!«. Jemand, das erfahren wir später, hat wohl auf den Ausgangsstufen Buttersäure vergossen. »Wir sind viele | wir sind laut | weil man uns die Zukunft klaut!«. Die meisten haben davon bisher nur gelesen, nun haben sie eine konkrete Note im olfaktorischen Speicher. Es muss sich dabei aber nur um ein Schlückchen gehandelt haben, meint einer meiner Begleiter. »Da hatte ich schon Arbeitsschuhe, die waren schlimmer! Naja, jeder nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten«. Die Feuerwehr kümmert sich darum, als wir raus sind. Anscheinend hat das aber Tradition hier: »Das haben die das erste Mal gemacht wo der Kohl neunundachtzig da war, zur Demo. So sinnse, die Linken.«

Er ist wohl vierzig Jahre alt, unauffällig, unaufgeregt, unemotional, funktionell wasserdicht in Gelb gekleidet. »Keine Gewalt« steht auf seinem Schild. Er erzählt mir, dass Leipzig ganz anders als Dresden sei. »Da braucht man keine Polizei, um zur Demo zu kommen. Dresden, das ist schon ein richtiges Erlebnis, richtig erhebend mit Gänsehaut. Hier ist das aber irgendwie alles viel radikaler von den Gegendemonstranten her.«

Wir trotten weiter im Zug, vorbei an den Durchgängen des Einkaufszentrums, an denen sich lautstarker Gegenprotest formiert hat. Der Chor stimmt »Antifa – Hurensöhne« an. Ein Einzelner fragt sich »Warum seid ihr Huren so wenig?«. Wenigstens die ältere Frau neben mit findet dies zum lachen. »Weil es 19 Uhr bei Mutti Abendbrot gibt«. Später dann: »Ohne Drogen | wärt ihr gar nicht hier!« vs. »Eure Kinder | kaufen bei uns Meth!«.

Wie ist das eigentlich mit den Gegendemonstranten in Dresden? Man hört ja, dass es dort nicht ganz so viele sein sollen wie hier? »Die sind doch kaum erwähnenswert. Letztens haben sie angefangen, die Internationale zu singen. Da wurden sie von uns ausgelacht. Die werden eigentlich immer ausgelacht. Da stehnse dann und rufen ›Faules Pack‹ und ›Schämt euch!‹«

Wir erreichen den Richard-Wagner-Platz. Am Eingang des großzügig bemessenen Demonstrationsgebietes steht ein junger Mann und versucht buchstäblich auf dem letzten Meter aufzuklären: »Mit der NPD stellt ihr euch da hin, wisst ihr das?«. Man legt ihm nahe, das Maul zu halten und arbeiten zu gehen.

»Hat jemand Taschentücher? Hat jemand Taschentücher?«. Eine an Gelangweiltheit unüberbietbare Frauenstimme. Vor ihr steht ein junger Mann, Kevin, dem spontan die Nase blutet. Von der Bühne klappert Partymusik über den Platz, durchzogen von den gellenden und nicht abreißen wollenden Pfiffen der Gegendemonstranten. Über allem hubt und schraubt das Auge des Gesetzes. »Taschentüüüüscher? Taschentüüscher?!« Polizisten leisten Erste Hilfe.

»Der Elsässer!
Kennste, oder?«

Männer mit leuchtenden Dosen gehen umher: »Eine Spende für Legida«. Am Transporter neben der Bühne werden T-Shirts mit den üblichen Aufdrucken angeboten. Ein Imbiss verkauft Punsch, Kaffee, Würstchen und das gute Gefühl, mit dem Verzehr Legida zu unterstützen. Am Transporter ist ein Schild der »Patriotischen Plattform« angebracht. Der Rechtsaußen-Flügel der Rechtsaußen-Partei, montiert an der rechten Seite eines Autos. Symblik können sie. Der politische Schulterschluss zwischen Würstchen und Obertrikotagen hat zwar keinen Stil, entlarvt aber doch nun die politische Stoßrichtung der Beteiligten. Wer AfD sagt, meint *GIDA und umgekehrt.

Die Versammlung beginnt mit der eingängigen Titelmusik des »Schwarzen Kanals«, der Propaganda-Sendung des DDR-Fernsehens schlechthin. Ironisch gebrochen ist das nur mit sehr viel Fantasie zu nennen, schließlich wurde der Moderator im Volksmund »Sudel-Ede« genannt. Das Licht auf dem Platz erlischt, als die Versammlungsauflagen verlesen werden. Die Popmusik weicht einer kitschigen und sagen wir mal: durchwachsen rezensierten Hymne. In der Dunkelheit entsteht Verwirrung. »Mal guckn, wo mein Kollege ist. Wir sind zusammen her gekommen und nun isser weg«. Mittlerweile stehen 500 Leute lose auf dem Platz. Seine Suche sollte nicht allzu lange dauern.

Ein kleiner Mann mit einem weißen T-Shirt, auf dem ein Indianerhäuptling zu sehen ist. Er verteilt Flyer einer neuen Bewegung namens »Einprozent«. Professionell gestaltet, nicht zu viel Text, dafür jede Menge Sendungsbewusstsein. »Warte mal«, sagt der Häuptling, während er in seiner Tasche kramt. »Ich gebe ich dir noch ein paar mit. Die kannst Du dann verteilen. Vielleicht einfach mal irgendwo im Café liegen lassen. Oder auf Arbeit«.

Ich frage ihn, was das denn für ein Anliegen sei. Einprozent. Klingt irgendwie komisch, seltsam klein.

– Nein! Das ist so ein neues Projekt. Da steckt (und hier dreht er verschwörerisch den Kopf hin und her) der Elsässer dahinter.
– Der Elsässer…
– Kennste den?
– Elsässer? Ist das der mit der Zeitung?
– Ja, genau, der. Von Compact. Den sein Ding ist das.
– Kann man sich ja mal angucken.
– Warte, ich gebe dir nochwas mit!

Ich warte, er kramt wieder. Ein kleines A5-Blättchen kommt zum Vorschein. »Das ist mein Gebet der Deutschen. Habe ich selbst geschrieben!«. Stolz überreicht er es mir. Interessiert lese ich die ersten Zeilen und verstehe nur Bahnhof. Auf jeden Fall ist aber ein Anknüpfungspunkt gefunden. Aber Ruhe nun, die Rede beginnt.

[An dieser Stelle in Gänze zu beschreiben, was zu hören ist, mag ich dem werten Leser nicht zumuten. Alle, so die Redner, haben Angst. Alle, so die Redner, bewaffnen sich. Ständig, so die Redner, werden unsere Frauen und Töchter vergewaltigt. Andauernd, so die Redner, werden die Deutschen bestohlen und beraubt. Grundsätzlich, so die Redner, berichtet die Presse nicht darüber. Und alle anderen, außer den Rednern und den stolzen Patrioten, sind daran Schuld, so die Redner.]

Das Publikum wird im Wechselspiel zynisch lachend, empört aufheulend, zustimmend klatschend und kehlig »Jawoll« rufend gemacht. Präambel des Abends: Die USA sind der Satan. Da wir aber nicht in Teheran sind, wird differenziert: Es sei ja nicht alles schlecht an den USA. Es gäbe da ja noch »Harley Davidson, die Rocky Mountains und Las Vegas«. Da muss sogar der Häuptling laut lachen, der in der Zwischenzeit seinen Doppelhalter montiert hat, mit dem er gegen »Regenbogen-Faschisten« protestieren will.

Überhaupt ist die Stimmung gut. Jeder Fehler und Stammler der Redner wird kommentiert und verlacht. Mit solch einer Armee im Rücken wäre manch einer nicht aus Berlin raus gekommen. Die größten Zyniker der Elche stehen vor der Bühne und sind selber welche. Der Redner bemerkt auch seine eigene Überflüssigkeit nicht, als er fragt, wie viele denn aus Dresden gekommen seien und sich kein Dutzend krakeelend meldet. Aber, fügt er entschuldigend hinzu, man kann das ja verstehen, die haben ja alle Hände voll zu tun, die, in Dresden, für ihren großen europaweiten 6. Februar 2016. Aber nein, wir sind nicht allein, es demonstriert ja auch Halle, München, Straußberg, Braunschweig und und und…

Du bist allein. Ich weiß, wie du dich gerade fühlst, denn in diesem Moment bin ich es auch. Umgeben von eigenartigen Typen, die alles wollen und zwar sofort, die keine Visionen haben, nur fixe Ideen, die so wetterwendisch sind wie der April, sich aber am liebsten im November ihres Herzens aufhalten.

Mein Glück ist aber, dass ich all das hinter mir lasse, wenn ich daheim bin und du weiter, Tag um Tag, Woche für Woche, mit diesen Menschen dich umgeben musst, ihnen Zucker in die breitgesessenen Ärschen wirst blasen müssen (»Respekt Leute, also wirklich!«), weil sie dir sonst von der Fahne gehen, sobald etwas halbwegs Interessantes im Fernsehen kommt, denn das ist HD und du noch nicht einmal HJ.

Auf dass das Ego wachse! Per aspera ad Astra! So allein… »Wir kommen wieder!«, rufen sie. »Wir kommen wieder!« fällst Du mit ein. Warum eigentlich?

Im zweiten Teil: Pizza-Esser, heraus zur Revolution! Gefälligst!

Schubél