Demokratie braucht Wächter - #le0407

Erst wichtelte man jede Woche wahn. Dann nur noch einmal im Monat. Jetzt fand eine weitere Komprimierung statt: Zwei Demos zum Preis von einer. Bericht aus dem kognitiven Dissonanzraum des Volkes.


Tatjana Festerling – Trend oder traurige Wahrheit? Fakt ist: Jede Bewegung braucht Leitfiguren. Vor der letzten LEGIDA-Demonstration im Juni ist sie mit Getreuen bis zum Vorzimmer des Oberbürgermeister vorgedrungen, um die Stadt von »Rathaus, Polizeispitze, Antifa, Ahmadiyya-Sekte, Parteienfilz, Connewitz« zu befreien. Diese Aktion war gleichsam albern wie wirkungslos, illustrierte aber als Appetithäppchen die neue Strategie der Leipziger Bewegung: Mediale Vernetzung plus Merkbefreitheit ist gleich Kampf gegen das System. Mit der Entschlossenheit eines vom Dach stürzenden Schwerkraftkritikers ging es dann in den Wald. An der bulgarischen Grenze wollte man mit lokalen Milizen in Uniform »illegale Einwanderer« fangen. Ergebnis: Fotos von braunen Klumpen in rosa Tüten (»Rohopium!!!«), leere Getränke- und Konservendosen (»Red Bull!!!«) und anderer Müll. Angeblich sei man tausende Kilometer in einer Woche gereist, auf eigen Kosten, natürlich. Doch: Zahlte es sich auch aus?

Will ich oder will ich nicht? Die wievielte Demonstration ist das eigentlich? Kann das nicht auch jemand anders machen, ein unverbrauchter Mensch, mit mehr Zeit und Feuer? Ich würde doch auch gerne im Gart…

Da unterbricht eine Meldung mein Selbstrechtfertigung: Ein Student wollte im Leipziger Hauptbahnhof eine Demonstration anmelden, um gegen LEGIDA schon im Vorfeld Widerspruch auszuüben. Doch statt einer Ablehnung an den Anmelder schickte die Versammlungsbehörde wohl dessen Daten direkt an das Management des bahnhöflichen Einkaufswahnsinns. Dieses ging vor Gericht, erfocht eine Eilentscheidung und belastete den Anmelder mit einer einstweiligen Verfügung. Der Streitwert wurde auf 100.000 Euro festgelegt, was in der Summe wohl 5.500 Euro Verfahrenskosten bedeutet. »Der Beschluss sei auch ergangen, weil der Mann unter anderem erklärt habe, er würde notfalls auch ohne privatrechtliche Genehmigung in den Promenaden demonstrieren wollen.« Demokratie ist kein Geschenk, lernte ich einst, sondern muss erstritten werden. Dass man dabei auch ihre Verwalter kritisch betrachten muss, war mir neu. Ja, so ein Schubél bin ich.

Der Bahnhof ist still, als ich eintreffe. Kein LEGIDA nirgends. Über Twitter erfahre ich, dass ich die Gruppe knapp verpasst haben muss. So laufe ich hinterher. Unterwegs kommt mir die erste Gegendemonstration entgegen. Im kollabierenden Feierabendverkehr erkenne ich, dass sie kleiner als erwartet zu sein scheint, jedoch größer als befürchtet. Und sie sind laut. Die Beauflagungen der Stadt haben eine Menge Kampfgeist angestaut. Die Autofahrer schütteln ihre Köpfe. Demokratie ist kein Geschenk, lerne ich heute, sondern ein Staugrund. Protest gegen rechte Menschenfeinde? Ja, nö, muss nicht sein. Autobahnen gab es doch eigentlich schon immer und »Freie Fahrt« ist Menschenrecht, das in die KFZ-Steuer eingepreist ist, oder?

Viele Augen sind es nicht, die mich ansehen, als ich den Versammlungsort betrete. Zuvorkommend eröffnen mir Polizisten den Weg durch eine kleine Schneise. LEGIDA wollte heute mit 2000 Menschen auflaufen – kaum mehr als ein Zehntel davon sind bisher erschienen. Im Präfesterlinicum, also unter Markus »Rüschtüsch Rüschtüsch« Johnke, versammelte sich diese Menge bereits am McDonalds, um gemeinsam »Anzureisen«. Die Springbrunnen rauschen. Menschen sitzen auf Bänken und schwatzen. LEGIDA stirbt ab. Doch wer sagt es ihnen?

Dabei war für heute eine besondere Konstellation geplant: Die völkischen Gruppen um Rösler (»Weißer Rabe«), Kurth (Immer irgend etwas anderes) und Köckert (»Thügida«) wollten eine eigene Demonstration durchführen und zwar gegen LEGIDA! Die Resonanz war anscheinend aber so unterirdisch, dass man sich lieber für eine »interne Demobeobachtung« entschied, denn »Demobeobachtung ist ein Muss für jeden Aktivisten, man will doch rundum informiert sein und das aufgeputschte Spektakel von allen Seiten genießen können!« (Facebookseite Weißer Rabe). Da aber FESTUNG EUROPA als Unterwanderer von LEGIDA die Unterwanderer von IRGENDWEM auch immmer zu fürchten scheinen, griffen sie zum scharfen Schwert der Ansage:

»Alle externen Banner außer PEGIDA, LEGIDA, Festung Europa, der Identitären sind heute nicht gestattet. Genauso: Megafone. Ich sage auch warum. Es war eine Kundgebung angekündigt […] Die fiel aus und man hat sich zu uns gesandt. Wir möchten aber nicht gegen irgend welche Auflagen verstoßen und möchten auch nicht in ein gewisses Bild kommen.«

Das hat so gut geklappt, dass keine fünf Meter neben der Bühne die üblichen Verdächtigen mit zwei unübersehbaren Thügida-Bannern postiert haben. GIDAs eigene Ordner laufen daran vorbei, und die Mutti hat auch mal vom Vati ein Foto davor gemacht, schließlich ist ja Urlaub und man gönnt sich ja sonst nichts. In der Zwischenzeit diskutiert Stephane Simon fingerwedelnd mit Polizisten.

Die Gegendemonstranten kreisen derweil LEGIDA ein. Die Haltestelle hinter uns füllt sich langsam aber kontinuierlich. Auf der anderen Seite sind die Leute an der Hainspitze ebenfalls wohlbehalten durch den Feierabendverkehr gekommen. Eine Fahrraddemo klingelt vorbei. Anton Hofreiter, Bundestagsfraktionsvorsitzender der Grünen, steht mit Monika Lazar, MdB der Grünen im Niemandsland zwischen den Gruppen. LEGIDA wittert und reflext an die Absperrung. Individuelle Beschimpfungen mischen sich in den Volksverräter-Lügenpresse-Chor. Später stellt sich heraus: Grün ist das neue Braun und dieses gilt es zu bekämpfen.

Betont leise säuseln die Ordnungsamtsauflagen über die Lautsprecher. Ich stehe keine zehn Meter davon entfernt und verstehe: Nichts. LEGIDA waltet wie es will. Ich entdecke zwei Angelruten (»Identitäre«), Besenstiele und metallische Einbeinstative als Fahnenhalter, Getränkedosen, Bierflaschen. Vor mir machen sich vernarbte Gesichter kampfbereit, verstauen ihren Krempel in Jackentaschen und zaubern Sturmhauben aus ihren Sockenbünden. Ordner tragen Handschuhe bei sich, die ein polizeiliche Inspektion – selbstredend aber erst nach der Demo – zur Folge haben werden. Wenn die Ordnungsbehörde bei vier- oder fünfstelligen Veranstaltungen nicht alles sehen kann – nachvollziehbar. Dass sie heute aber nichts sieht, macht mich stutzig, vor allem nach der Aktion mit dem Bahnhofsanmelder.

Festerling betritt mit einer Uniformjacke bekleidet die Bühne. Sie wirkt sichtlich enttäuscht. Keine Energie mehr vorhanden, keine Energie mehr erwartbar. Im üblichen Duktus liest sie vom Blatt ab, nennt die FAZ und ihre Journalisten eine »bezahlte, unterwürfige Maulhure der Wirtschaft und der Politik«; bezichtigt Richter und Staatsanwälte, vor islamischen Clans »den Schwanz einzuziehen«; vermutet »Hormonausschüttungen« bei Kanzlerin Merkel angesichts der »arabischen Jungmänner« mit »Danke Mutti Merkel!«-Schildern. Die Menge geht nur noch ansatzweise mit, Festerling zehrt von ihrer Grundsubstanz.

Ähnlich wie Bachmann kann sie nichts Neues anbieten. Merkel ist die Mutter der Islamisten mit dem »Wir schaffen das!« Mantra? Tausendmal schon gehört. Eilfertig hoppelnde Altparteien-Kartelle, Medien und die Einflüsterer der NGOs des (raunend: jüdischen!) Finanzinvestor Soros? Ja, komm, viel zu langer Satz um diese Uhrzeit. Hat man Johnke seine Schallplattenalleinunterhaltermentalität mit Baumarkt-Hintergrund noch als liebenswerte Schwäche nachgesehen und das Kichern über ihn mit »Kleiner Doofi, er weiß es doch nicht besser« abgetan, macht sich eine gewisse Enttäuschung breit. Die große Festerling jault und klagt, dass sich eine lange Weile Langeweile von Revolutionär zu Revolutioneuse spannt.

Auch die Erzählungen aus dem wilden Wäldern Europas verfangen nicht, obschon ihre Intention eine skurrile ist: Zusammen mit Wagensveld sei sie »acht Tage und mehr als 5000 Kilometer« getourt, um »endlich aus dieser Schleife von Gerede und Im-Kreis-Latschen rauszukommen«. Zum Mitmeißeln: Das redet sie auf einer Veranstaltung, deren Wesenszug der »Spaziergang« ist. »Worte, immer nur Worte! Davon haben wir inzwischen mehr als genug gehört, und ehrlich gesagt hängt mir das Gequatsche auch langsam selber zum Hals raus«. Pro-Tipp: Bleiben Sie doch einfach daheim, Frau Festerling! Das bisschen Volk blockiert sich schon von allein mit seinem Hass, dazu braucht es Sie wahrlich nicht.

Festerling schließt mit einem Unterstützeraufruf: »Also, Männer. Wer ein paar Wochen Zeit hat, wer über eine militärische oder polizeiliche Ausbildung verfügt, wer aufgeschlossen ist und dazu lernen will, wer bereit ist, in einer Männergemeinschaft in einem Zelt im Busch zu übernachten und auf Luxus zu verzichten, wer neue, europäische Freundschaften schließen will, der sollte sich auf den Weg ans Schwarze Meer machen und unsere europäischen Verbündeten vor Ort unterstützen!«. Weitere Informationen werden demnächst auf ihrer Homepage erhältlich. Somit wäre dann vielleicht auch bald das Gequatsche vorbei, denn im Strafgesetzbuch heißt es unter »Wer zugunsten einer ausländischen Macht einen Deutschen zum Wehrdienst in einer militärischen oder militärähnlichen Einrichtung anwirbt oder ihren Werbern oder dem Wehrdienst einer solchen Einrichtung zuführt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.” Auch der Versuch sei nach §109 strafbar.

Nach Festerling spricht Wagensveld, ebenso müde wie seine Vorrednerin: ER sei kein Führer. Tatjana sei keine Führerin. Protest ist nur wirkungsvoll, wenn ihn die breite Masse trägt. Drei Stunden pro Woche Demo ist zu wenig. Pikante Aussage einer Bewegung, die Widerstand propagiert und mit Paramilitärs auf der Suche nach kackhaufengroßen Rohopiumklumpen durchs Unterholz krabbelt. Jeder kann Führer sein. Auch Du! Somit ist es seiner Ansicht nach egal, ob man bei PEGIDA, LEGIDA, GSD, HOGESA, Weißer Rabe oder sonst wem demonstriert. Hauptsache: Gesicht zeigen, und sei es mit Hooligans! »Ihr wollt sehen, dass was passiert, dass eure Spendengelder gut eingesetzt werden« – Bachmanns Ohren dürften an dieser Stelle wie bei den himmlischen Heerscharen klingeln.

Wohohohooo. Klatschklatschklatsch. Alle doof außer ich, also wir, also nicht die! Volksverräter! Lügenpresse! Wohohohooo. Klatschklatschklatsch. Volkspresse! Lügenverräter! Endlich sagt’s man jemand! Was denn? Na alles! LEGIDA als Diagnose einer Krankheit, die zum Brotkorb macht.

Niemandem, selbst mir nicht, ist in diesen Minuten klar, dass das Kommende die Ouvertüre zu einer neuen Eskalation sein wird. »Der Lange von “Roßwein wehrt sich gegen Politikversagen“« betritt die Bühne. Eine nicht nur optische Zumutung ist sein Einführungsgag: Mit einer Polizeimütze und dem Humorverständnis dessen, was sich Fips Asmussen monatlich vom Zehnagel schnitt, “persifiliert” er den Polizeipräsidenten Merbitz, weil dieser es wagt, die strukturelle Gewalt in seiner Truppe zu untersuchen. Mit dieser Anmaßung einer moralischen Regung steht er damit in einer Reihe mit den anderen Problembürgern dieser Stadt. Einer davon ist Jürgen Kasek, Grünen-Politiker, Anwalt und einer von vielen Mitorganisatoren der Gegenproteste.

Nach der letzten LEGIDA-Demo hätte, so »Der Lange«, Kasek auf Twitter angekündigt, dass er sich vorbehält, Namen und Adressen von Teilnehmern online zu stellen. Und dann steigt er hinab in den Gully der Selbstermächtigung, ins finsterste Loch auf der Suche nach der sich selbsterfüllenden Prophezeihung, die er in eine rhetorische Frage verpackt:

Was wird kommen, wenn ich zu Herrn Kasek als Mandant gehe und mich in einem Nachbarschaftstreit vertreten lassen will. Wird dann dieser Rechtsanwalt zu mir sagen: Wie möchtest Du das gerne klären? Möchtest Du, dass ich eine Anklageschrift verfasse und vor Gericht ziehe, oder soll ich lieber meine Freunde von der Burkhard-Jung-Chaussee oder aus Connewitz damit beauftragen? Kostet natürlich ‘nen kleinen Beitrag, steuerfrei, und dann klären wir das, wie man das auch klären kann. Ja, den Anschein hat es für mich. Und liebe Freunde von der AfD: Dieser Sachverhalt verdient es, mal im sächsischen Landtag angesprochen zu werden.

Nach der Demo, im verschlafenen Großdeuben, wird einer der LEGIDA-Ordner und mutmaßliches ehemaliges Mitglied im LEGIDA-Orgateam vor seiner Haustür krankenhausreif geschlagen. LEGIDA & Co explodieren am nächsten Tag und wissen auch, wer hierfür allein verantwortlich ist. Neben einem blutüberströmten Selfie findet sich unter anderem diese Anschuldigung

… Vor Ort an der Haustür, im Hinterhalt, warteten schon die vermummten Schläger. Mit Eisenstangen und Todschlägern schlugen diese bewusst und minutenlang auf Kopf und Gesicht von unserem Ronny ein! Sie ließen erst von ihm ab, als er sich nicht mehr regte und Nachbarn aufmerksam wurden.

Wir klagen an! Die Schlägertruppen der linksradikalen Szene in Leipzig und Sachsen (nur diese kommen hier in Frage nach den Androhungen der letzten Monate unter anderen auch an Ronny) gehören endlich massiv verfolgt und angeklagt!

Wir klagen u.a. einen Herrn Kasek persönlich an, welcher nicht nur gestern Portraitfotos mit Bemerkungen versandte sondern u.a. zu unserem Protest zum Couragetag am Markt in Leipzig am Banner ebenfalls Fotos schoß und unter mehrfachen Zeugen u.a. Ronny ins Gesicht sagte: “Ich schicke euch meine Antifa’s vorbei!”

Dass dies nicht nur leere Worte waren können wir nun nicht mehr vermuten!

Das ist bei den ‪#‎Grünen‬ also friedlicher Protest mit Dialog, dieser Landeschef ist UNTRAGBAR für Leipzig und Sachsen.

LEGIDA hat erkannt, dass Kasek Ihnen mehr als nur gefährlich werden kann und veredeln nun ihre bereits wochenlang laufende Herabwürdigungsstrategie. Ein Mensch wurde verletzt, das ist zu bedauern und in diesem Fall auch durch nichts zu rechtfertigen. Aber niemand, weder Polizei noch das Opfer selbst haben auch nur im Ansatz eine Idee, wer die Täter sein könnten. Sportliche Personen, schwarz gekleidet, gewaltbereit? Kann man auch prima adaptieren: Klingt für mich nach LEGIDA-Klientel! Doch wollen wir weiter mutmaßen? Nein! Hier ist eine Grenze überschritten worden, die nie hätte passiert werden dürfen. In der Folge werden Kasek und seine Familie nun durch einen irren, im Internet tobenden Mob verfolgt. Wer den Fall der Kölner OBM Reker verfolgt hat, kann jetzt nur zittern. Meine Solidarität hast Du, Jürgen, und ich kenne keinen Menschen klaren Verstandes, der Dir diese versagt, Du alte Nervensäge!

Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!

Endlich Spaziergang. Der Versammlung müde und frei von Ahnung, wo lang es eigentlich gehen soll, finden sich die Teilnehmer zusammen. Transparente werden aufgespannt. Fahnen geschwenkt. Enttäuscht sich umgesehen. Was sich auf dem Platz noch als akzeptable Fanmeile des völkischen Sauerkohls zu tarnen wusste, schrumpelt hier auf ein Häufchen zusammen, dass die Gegendemonstranten aus der Ferne noch immer mit Pfeifen und Buh-Rufen zudecken. (Außer der Samba-Truppe: Die hat das Amt weg geschickt. Da war man aufmerksam.) Deutschmarie teilt den Strippenboy vom letzten Umzug seinen Platz in der Hierarchie zu. Bekannte Gesichter lockern sich zum Plakat tragen. Stimmengewirr. Fahnenflattern. Schwarz-rot-goldene Regenschirme. Eine Weste, geschneiderte aus einer Deutschland-Flagge. In der Zwischenzeit diskutiert Stephane Simon fingerfuchtelnd mit Polizisten.

Heimat! Freiheit! Tradition! Multikulti Endstation!

Wir tappern los. Die Atmosphäre eines Spaziergangs würde ewig halten, begännen nicht einige mit »Merkel muss weg!«-Rufen. Ein alter Mann, einen PACE-Flagge über die Schultern tragend, hält Festerling für eine mutige Frau, so ganz allgemein, da im Busch, zwischen den Südländern (praktisch nur mit einem Holländer bewaffnet) und moniert die Einfalt der Rufer.

Wir wollen keine Asylantenheime!

– Immer das selbe, immer langweiliger. Da muss mal was Neues her. “Israel, internationale Völkermordzentrale!” – Das hatte was!

– Klaus, du wirst ja noch ein richtiger Revolutionär! Da gabs doch mal zu DDR-Zeiten eine Kampagne…Venceremos! Mit Nikaragua.

Man tauscht sich noch über die alte Zeit aus (gut) und bedauert die neue (schlecht). Vor allem bei der letzten Demo: Da hätten sie ein paar mit Wasser gefüllte Ballons abbekommen, die taten wirklich weh! In der Zwischenzeit zeigt Stephane Simon einem Polizisten sein Megafon.

Wir sind das Volk!

Der Zug ist geteilt. Vorne läuft LEGIDA, dahinter THÜGIDA. Überall und mittendrin: Identitäre. Rufe erklingen sporadisch, lustlos. Junge Demotouristen sind von der Rentnerbande enttäuscht. Mit denen ist kein Krieg zu gewinnen, die kennen viel zu wenige Parolen. Dann tauschen sie sich aus.

– Was machen wir denn als nächstes?

– Na hier »Pro border« und so…

– Und danach?

– Na hier, wie heißt das nochmal? (Dreht sich um, fragt nach) Hier, das eine, weißte?

– Ja, ich weiß was du meinst. Das eine. Aber machen wir erst mal das hier.

– Ok.

– Fertig?

– Klar.

– Eins. Zwei. Drei! PRO ORDER, PRO NATION, STOP IMMIGRÄISCHN!!! (Drei Mal. Keiner ruft weiter mit)

Festung Europa! Macht die Grenzen dicht!

Am Rathaus ruft die Menge »Jung muss weg!«. Angesichts dessen, dass man die Gegenproteste wieder irgendwo in die Pampa gestellt hat und dass die Ordnungsbehörde heute auf dem rechten Auge sehr trüb sieht, kann ich keine rechte innere Gegenbewegung empfinden. Muss Jung weg? Sicher nicht. Aber wenn das Rathaus – und hier schließe ich alle ein, die nicht an den Gegenprotesten teilnehmen – weiter auf Tauchstation bleibt und lieber darüber debattiert, ob linksextrem genau so schlimm wie rechtsextrem ist oder die Stadtratsversammlungen besser mal nicht als Livestream gesendet wird, muss sich nicht wundern, wenn auch in Leipzig bald die Auswahl nur zwischen extremer Bambule oder extremen Desinteresse besteht. Wir stehen als Stadt am Scheideweg und noch sind wir nicht in die falsche Richtung los gelaufen. In der Zwischenzeit nickt Stephane Simon wissend dreinblickend einem Polizisten zu.

Auf dem Rückweg: Die Strecke ist noch lang, da ist genügend Zeit für Verschwörungstheorien. Das heutige Stichwort lautet »Elektromagnetische Impulsentladung«. Ein älterer Herr doziert über die Folgen einer solchen. Alles ginge kaputt, keine Leiterplatte, kein Computer, keine Maschine mit Mikroelektronik würde noch funktionieren.

Europa – Jugend – Reconquista!

– Das haben die ausprobiert, in Computermodellen. Doch haben die das natürlich nicht so bekannt gegeben. Die haben das als Folge einer Supernova in 50 Kilometern Höhe verkauft. Da gibt es nur ein kurzes Grollen und dann ist finster.

– 50 Kilometer?

– Ja! Da gehen alle Leiterplatten kaputt, die Wasserversorgung fällt aus. Alles durchprobiert am Beispiel New Yorks. Und nun rate mal, was die Simulationen der Kollegen ergeben haben.

– Was?

– Die können natürlich nicht sagen »Wir wollen Krieg machen und gucken, was dabei raus kommt«, sondern: Supernova. Rate mal, wie viele von den 20 Millionen Einwohnern in New York nach zwanzig Tagen noch leben!

– Keine Ahnung.

– Maximal 15%! Und das sind die, die den Effekt schon kannten und abgehauen sind, als sie gemerkt haben, dass der Strom ausfällt. Zu Fuß, klar, denn es fährt ja auch kein Auto mehr. Die anderen verrecken alle.

– Warum?

– Am ersten Tag gibt es kein Wasser mehr, am zweiten Tag kein Essen und ab den dritten Tag schlagen sie sich alle tot und fressen sich gegenseitig auf. So macht man heute Krieg. Das ist der Krieg der Zukunft!

– Schlimm.

– Hüte dich vor Großstädten! Und wenn die dann alle Skelette abgenagt haben, kommen die Angreifer und besetzen die gesamte Stadt – ist ja alles noch intakt, steht alles noch! Kann man direkt einziehen da!

Ob Ost, ob West – Nieder mit der Roten Pest!

In der Zwischenzeit diskutiert Stephane Simon mit einem Ordner. Esther Seitz, eine ebenso obskure Figur aus dem rechten Wichtelspektrum (Widerstand Ost-West), will sich in der Demokulisse fotografieren lassen. Dazu stakst sie rückwärts, versucht gleichermaßen den Schritt der Demo beizubehalten, nicht aber schneller als der Autofokus des Fotografenhandys zu sein und, drittens, nicht lang hin zu schlagen und dabei, viertens, auf ihr T-Shirt zu zeigen, auf dem »Merkel muss weg« steht. Ein paar ältere Männer nehmen das lachhafte Treiben wahr.

– Siehste die da vorne, mit der Brille, mit den hellen Hosen.

– Aha…

– Ist ‘ne Jüdin.

– Oho…

– Tut mir leid, auch wennse hier großartig für die Sache ist und dabei ist, aber die ist ein Unterseeboot.

– Wer ist das?

– Bekannter hat ihn mir gesagt, aber Namen sind für mich Schall und Rauch. Alexander hier, kennste, Alexander…der ist jetzt bei den Rechten, der war früher bei der NPD

– Kurth?

– Kurth, jawoll. Der ist mit der zusammen oder macht was mit der.

– Achso?

– Und der weiß nicht, was er sich da in den Pelz gesetzt hat.

Schließt euch an! Schließt euch an!

Widerstand! Widerstand!

Kurz vor Ende erregt sich ein LEGIDAner, weil er glaubt, Jürgen Kasek auf dem Platz zu sehen. Er irrte aber, es war nur ein anderer haariger Pferdeschwanz-Träger. Derweil zieht die Polizei einen Ordner aus der Menge und befasst sich eingehend mit dessen Handschuhen. Dem älteren Herren, der sich in der vorangegangenen Demo als freiwilliger Helfer im Rückführungsamt und Kalaschnikowkundiger hervor getan hat, zweifelt mit der Welt. »Die brauchen wohl etwas für ihren Einsatzbericht?! Die schämen sich ja überhaupt nicht! So junge Polizisten! Mensch, Mensch, Mensch…«. Später wird mich noch Festerling anlächeln, entrückt, erschöpft, fertig, mit einer Geschenktüte in der Hand. Mein Herz erstarrte, als träfe mich eine Morgul-Klinge. Wo sie herkam, weiß ich nicht. Auf dem Marsch habe ich sie aber nicht gesehen. Wie einige andere auch, die lieber am Bratwurststand weilten, während ihre tarnende Menge so etwas wie ein politisches Anliegen auf die Straße rotzte. Stephane Simon kann ich nicht mehr sehen.

Antifaaaa! Hurensöhöne!!

Demokratie ist kein Geschenk, lerne ich immer wieder, sondern etwas Fragiles, das beschützt werden muss. Gegen alle und jeden. Ja, so ein Schubél bin ich. Aber ich bin nicht allein und dafür unendlich dankbar. Denn auch die Demokraten brauchen Schutz vor denen, die sich in ihren blinden Flecken mit ihrer Abschaffung beschäftigen.

Vielen Dank an die fleißigen Gegendemonstranten und heute besonders: Jene, die ihre Fotos bei Twitter hochladen und sie auf diese Weise als Dokument der Geschehnisse zur Verfügung stellen. Mögen euch neue Follower tausendfach die Bude einrennen!

Schubél