#DD2703

Einigkeit auf den einschlägigen Veranstaltungen der Leipziger Buchmesse: In Sachsen leben nur Nazis und Rassisten, vor denen man einzig fliehen kann. Grund genug, wieder mal PEGIDA zu besuchen.

Sie sind nur zu zweit, aber sie sind schuld, zumindest in den Augen der Umstehenden. Ein Traube aus Rentnern auf dem Dresdner Altmarkt schart sich um ein junges Pärchen. Die Diskussion: hitzig. Die Jungen hinterfragen das Unhinterfragbare der Alten. Die Alten ignorieren jede Distanz und werfen gleichzeitig den Jungen vor, unhöflich, ungebildet, undankbar zu sein. Die Jungen üben sich in Geduld

(vergebens)

während die Alten ihnen die Welt, das Universum und den ganzen Rest erklären.

(ebenfalls vergebens)

Vor der noch leeren PEGIDA-Bühne, einem kleinen Transporter mit hochgeschlagenen Planen, sammeln sich dienstbeflissen die Demonstrationsfolkloristen der Stadt und des Erdenkreises. Es ist noch viel Platz vorhanden. Ständig kommen neue Leute hinzu. Grimmige Mittfünfziger. Sauber gescheitelte Enddreißiger. Frauen, Männer, Hunde. Einige werfen nur einen kurzen Blick auf die für die Uhrzeit noch ungewohnte Erregung. Andere schließen sich lauschend an. Ein alter Herr mit Fahrradhelm grätscht zwischen die Debattierenden. Jetzt ist er dran. Die anderen lassen ihn aber nicht. Jetzt sind sie dran. Nein ich. Nein ich. Also wir. Also ich. Also niemand.

CIA. Putin. Syrien. Assad. Die eigene, innere Einstellung flippert zwischen diesen geopolitischen Federn hin und her. Die Welt muss sich in einem traumhaften Zustand befunden haben, bis die Amerikaner erfunden worden sind. Die wiederum haben ihre Geheimdienste und mischen überall mit. »Was das mit mir zu tun hat? Warum ich hier bei PEGIDA bin? Nichts, also eigentlich alles! Denn alle Probleme in der Welt kommen ja von den Amerikanern. Putin und die Sowjetunion, also Russland, also die wollen ja alle gar keine Konfrontation. Aber wenn der Ami überall seine Raketen und Schiffe hinschickt, naja, da kann der Putin ja nicht anders.«

Die Alten erkundigen sich vorgeblich wissensdurstig nach den Eckdaten der Jungen. Wo kommen sie her, wenn ich fragen darf? Was machen sie beruflich, wenn ich so frei sein darf? Wie alt sind sie, ohne unhöflich zu sein? Ganz gleich, wie die Antworten ausfallen, die Reaktion darauf ist ein perfekt eingeübtes Kampfverhalten aus dem jeweils persönlichen Generationenkonflikt. Ach, sie kommen gar nicht aus Dresden? Naja, sie studieren vielleicht noch oder sind irgendwas anderes, alimentiert durch die Eltern. Kommen sie erst einmal in unser Alter…

»…und ich meine das wirklich nicht böse«, entschuldigt sich eine ältere Dame gleich einem Henker, der kein Blut sehen kann, »aber wenn sie so alt wie wir sind, und Lebenserfahrung gesammelt haben, dann sehen sie die Dinge vielleicht anders. Also dann sehen sie die Dinge richtig!«. Die Jungen atmen tief durch: Herkunft – Einkommen – Alter. Nach diesem Kriterienkatalog sind sie Unberührbare, ohne Meinung, maximal leere Gefäße, deren größte Ehre es zu sein hat, sich von den Geschichten der Altvorderen befüllen zu lassen. Denn eines ist klar: Das Heute wird durch das Gestern bestimmt und eine Zukunft kann es nur in der Vergangenheit geben. Oder so. Sie kapitulieren und gehen. Nicht verbittert, aber stumm gestellt. Die beigegraue Wand ist nicht zu überwinden. War sie noch nie.

Als sie gehen, rudeln sich die Männchen zusammen und resümieren. Die Diagnose ist schnell gestellt: »Die sind doch alle geistig behindert! Den hat man doch das Gehirn gewaschen! Noch nie gearbeitet, was wissen die schon!«. Schnell stimmt man sich kognitiv ab und bringt sich gegenseitig selbstversichernd auf die gemeinsame Linie zurück: Alle doof, außer wir.

Ich spreche vorsichtig die ältere Dame an. Wie sie das Gespräch mit den Jungen empfunden hat? »Wissen sie, die stellen sich das alles so leicht vor. Wir, also meine Generation, hat Dresden nach dem Krieg erstmal wieder aufgebaut. Die jungen Leute haben doch nie was ausgestanden. Ich sehe das bei meinen Enkeln, die sind völlig übersättigt«. Sie sind gebürtige Dresdnerin? »Nein, ich komme aus Chemnitz. Aber ich wohne schon lange hier«.

Die alten Männer nehmen die Witterung auf. Da unterhält sich jemand! Hin! Sofort klinken sich drei weitere Stimmen ein. Sozialschmarotzer! Kulturfremde! Sozialsysteme! Schwarzhaarige! An die Wand stellen! Ich atme tief ein. Rücken durchdrücken. Blick auf »grimmig«. Versuche die Galopper auf Null zu bremsen. »Meine Herren, ich spreche gerade mit der Dame. Wenn sie sich einen Moment gedulden, hole ich sie dazu«. Umdrehen. Weiterreden. Hoffen. Und in der Tat: Die Rentner bleiben still. Ich lerne, dass autoritären Menschen am besten mit autoritären Methoden beizukommen ist. Dort fühlen sie sich heimisch. In der Hierarchie macht niemand ihren Platz streitig.

»Wissen sie, wir sehen das hier doch jeden Tag. Die vielen Schwarzhaarigen. Die Afrikaner und Mosli…Muslims. Am Bahnhof, beim Einkaufen undundund…«.

Kleiner linguistischer Exkurs für Nicht-Ossis: Wenn der Ossi »undundund« sagt, suggeriert er, dass er da noch stundenlang weiter aufzählen könnte. In Wirklichkeit meint er jedoch: »Ich würde gerne noch stundenlang weiter aufzählen, habe aber keine echten Beispiele mehr, aber die gibt es ganz bestimmt, der und da und dort hört man davon, aber ich bin auch nicht so doof und lasse mich auf die Verbreitung unbestätigter Meldungen ein. Da konstruiere ich lieber eine Nebelwand und bezeichne das dahinter liegende Pupsen einer Maus als Orkan.«

»…überall sieht man die hier. Da frage ich sie: Wo kommen die denn alle plötzlich her? Das sind doch keine Flüchtlinge so wie wir damals«. Wir erinnern uns: Auf der Welt ist überall Krieg, wegen der Amerikaner (exklusiv) – Und nun fragt man sich, woher plötzlich all die Flüchtlinge kommen, also sich ein Prozess wiederholt, den man selbst schon kennt. »Das sind doch alles keine Flüchtlinge!«, krakeelt es von hinten. Umdrehen – Blick – Umdrehen – Ruhe. »Das sind doch die meisten keine echten Flüchtlinge«, fährt sie fort. »Schauen sie, in Syrien, der Assad…« – »In Syrien kann man sogar jetzt wieder URLAUB machen!!!« – »…also der Assad in Syrien, der bittet und bettelt doch darum, dass die Leute wieder zurück kommen, um das Land wieder aufzubauen. Also genauso wie hier, früher«. Sie beginnt schneller zu sprechen, da sie befürchten muss, dass die Männchen das Gespräch an sich reißen könnten. Sie hat aber noch so viel zu erzählen. »Uns hat doch auch niemand was geschenkt. Wir haben uns das alles selbst aufgebaut…« – »Selbst aufgebaut! Jawoll!« – »Und die hier bekommen doch alles geschenkt!«.

Bevor eines der Männchen platzt, lasse ich es auch zu Wort kommen. Sofort sind wir wieder auf der großen Bühne der Politik, springen also aus der Störung des inneren Friedens auf die Weltebene voller Krieg, Missgunst und schlechtem Fernsehprogramm. »Wir haben das hier alles aufgebaut«, leitet er ein, rechtfertigend, zeigend, »und nun kommen die und unterwandern uns. Ich habe von einer Geburtsklinik gehört, in Berlin oder so, die bringen viele Kinder zur Welt, also mehr als normal, wenn sie wissen, was ich meine. Aber wissen sie auch was noch? Das sind alles Kinder von denen, also nicht von uns! Und die lernen natürlich auch denen ihre Sitten und Gebräuche, also nicht die von uns! Die machen dann auch nicht weiter und liegen in unseren Sozialkassen herum«. Aber die sind doch gut gefüllt, die Sozialkassen. Überschüsse bei den Steuereinnahmen. Überschüsse bei den Krankenkassen. Geht es uns nicht gut? »Gehen sie mal nach Österreich. Dort bekommt ein Rentner – und nun halten sie sich fest – dort bekommt ein Rentner achthundert Euro mehr als ein deutscher Rentner hier! Und? Ist das gerecht?«. Aber dafür kann ja jetzt der syrische Flüchtling, nehmen wir mal wahnsinnigerweise an, er sei ein Flüchtling, doch nichts, oder? »Ich sage ihnen was: Unsere Sozialsysteme sind auf Kante genäht. Da gibt es nix für niemanden. Und nun kommen noch die Fremden dazu!«.

»Wissen sie«, setzt die Dame fort, »ich war letztens im Krankenhaus. Das war auch kein Luxus, das kann ich ihnen sagen«. Ich war auch letztens dort, zeige ihr meine Narbe an der Hand und bestätige, dass das kein Vergnügen war. Aber kann es denn nicht sein, dass sich hier vielleicht die Falschen die Taschen voll machen? Also Inländer? Also welche von uns? »Das mag sein. Wissen sie, das hat man ja immer. Bestechung und Beamte und Bankenchefs undundund…«.

Dann erzählt sie mir lang von einem Buch, in der beschrieben wird, wie eine junge Frau in einem arabischen/muslimischen/syrischen/saudi-arabischen Land von ihrer Familie gefangen gehalten wird, ausbricht, woanders studiert, wieder gefangen und in Isolationshaft gesteckt wird und dass das alles ganz schlimm und das Buch sowieso nicht mehr zu haben sei. Aus Gründen. »Sie wissen schon.«

Deshalb bekommt man es für 8,95 bei amazon.

Langsam wird es voller. Die Sonne scheint. Kräne drehen sich. Dresden lacht. Ich frage mich, was ich eigentlich hier mache. Nach der Arbeit in den Zug gesprungen, Sachsen-Ticket ins Herz der Finsternis. Alles Gehörte kenne ich schon, dutzendweise, hundertfach, tausend Mal der selbe Sermon. »Sind sie Journalist?« fragt sie mich. Nein. Nur so ein Typ. »Ich dachte schon. Sonst fragt ja nie einer«. Warum auch, frage ich mich. Was will man von Menschen erfahren, die immer noch jemanden unter sich brauchen, um vor sich selbst nicht als das Letzte zu gelten. Die Männchen kichern. Einer war bei den »Verlausten«, mal gucken. Nix sei da los. Kann man mal sehen. Hier stehen die Leute mit echtem Meinungsrecht.

Eine letzte Frage: »Glauben sie, dass von dieser Rednerbühne je eine Lösung für ein Problem kommen wird?«. Sie stutzt einen Moment. Oder wünsche ich mir, dass sie es tut? Nein. Sie antwortet. Ich bin nur ein Typ. Ein Nazi aus der anderen Stadt. Keine große Sache. »Wissen sie, ich kann ihnen eines sagen: Ich habe hier noch keine Lüge gehört. Von dieser Bühne kam noch kein Fake«. Wie sie Fake ausspricht, erinnert mich das an die absichtliche Verballhornung fremdsprachiger Lehnwörter zu DDR-Zeiten, die alles fremde, neue, andere, moderne mit dem Bann der Obszönität belegt. F-E-E-H-K-e.

»Ich habe das alles überprüft«. Sie ist stolz. Ich bin es auch. Warum eigentlich? Das wird mir erst später klar. »Wissen sie, ich bin da immer sehr aktiv, im Internet und bei Facebook. Und die schreiben das mit den Ausländern ja auch immer auf ihrer PEGIDA-Seite rein. Das kann man anklicken und weiterlesen, die ganzen Hintergründe, die man sonst nicht hört.«

Sonst nicht hört? Bei wem sonst nicht hört?

»Tagesschau. Spiegel online. MDR und so. Also die öffentlichen Medien. Die bringen das alles nicht. Ich vergleiche das aber immer mit anderen Zeitungen: Russia Today Deutsch. Ria Nowosti. Deutsche Wirtschaftsnachrichten. Die mag ich ja besonders, da bin ich immer hinterher. Schweizer Zeitungsblick. Undundund. Da steht das alles. Alles.«

Alles. Alles was man braucht, bieten Nachrichtenportale, die eine sehr spezielle, um nicht zu sagen schwer propagandistische Ausrichtung unverholen ausleben. Plötzlich wird mir klar, weshalb ich der älteren Dame, dieser durch und durch rassistischen, chauvinistischen, sexistischen, xenophoben, islamhassenden Frau nicht böse sein kann: Sie ist überzeugt und macht genau das, was wir, die achso schlauen Checker immer anempfehlen. Sie informiert sich aus unterschiedlichen Quellen über das, was geredet wird. Sie pflegt eine intellektuelle Praxis, die wir scheinbar gepachtet haben. Dass sie lediglich in unterschiedlichen Ecken ein und desselben Sumpfes festhängt, erkennt sie nicht.

Muss sie auch nicht. RT deutsch & Co bieten auf der Oberfläche einen Meinungspluralismus an, der eine Wohlfühlatmosphäre der geheiligten Angsterzeugung aufbaut. Wie kann man jemandem Einfalt vorwerfen, der sich aus verschiedenen Quellen bedient? Ausländischen sogar, also beinahe kosmopolitisch?

Hier kann man Bachmann und die Seinen nur bewundern. Sie verstehen es, genau die Stimmung und Themen ihrer Anhänger zu erkennen. Darüber hinaus fehlen ihm jedwede Skrupel, jedes noch so kleine Ding aufzublasen, bis man vor einem Mount Everest der Selbstlüge steht, durch dessen eisige Höhen er sich als Sherpa andient. Wir hingegen hauen einen -ismus nach den anderen in unsere Argumentationen und denken, dass damit alles gesagt wäre. Ist es aber nicht.

Wer Hirne erreichen will, muss zuvor Herzen treffen. Lutze, der moralisch einarmige Karusellbremser oder Schubél, der anonyme Sprechdurchfall aus dem Internet – Wen hätten sie lieber als Nachbarn in der Kleingartenanlage?

Frauke Petry, die vielgebärende Diplomnaturwissenschaftlerin mit ordentlichem Haarschnitt oder Jule Nagel, die irritierend Rollenbildern widersprechende Krawallkönigin, wie man so liest hier und da und dort?

Der adrette Tillich, der nichts und keinem etwas tut oder »Conchita« Kasek, Spannenlanger Hansel mit Rechtsverdreher-Lizenz? Entscheiden sie selbst!

Entscheidet man selbst?

Man kann Fäusten nicht mit Zeigefingern begegnen. Diesen Fehler haben wir zu lange gemacht. Bekehrung ist keine Option in Zeiten aller Optionen und Alternativen. Doch wenn wir ab und zu unsere Imperative, so kategorisch und wohlgeformt sie auch sein mögen, durch Fragezeichen ersetzen, kommen wir vielleicht weiter. Wenn wir es dann an Tagen wie diesen auch noch aushalten, dass unsere Fragezeichen beim Gegenüber verbleiben – und das müssen sie, um wirken zu können! – ohne dass wir eine zustimmende Antwort bekommen, wäre viel gewonnen. Vor allem: Zeit.

Zum Nachdenken. Beiderseits.

Ich hege tiefsten Respekt für die beiden jungen Menschen, die sich ohne Not den PEGIDAs gestellt haben, ohne beleidigend oder herablassend zu werden. Weil es euch gibt, hat dieser ganze Bums hier vielleicht noch eine Chance. Ihr seid die Einhörner. Und ich glaube fest daran, dass es davon noch so viele mehr gibt. Nicht nur in Leipzig, diesem wunderbaren Biotop für alles Wahre, Dämliche, Gute, Laute, Bunte, Einfältige, Unentschlossene, Durchgedrehte, Gute. Sondern auch in Dresden. Und Bautzen. Chemnitz. Borna. Wurzen. Clausnitz. Heidenau. Freital. Aue. Den kleinen Städten. Den großen Dörfern. Im Stillen. Wir lassen euch nicht allein. Es gibt Hoffnung, so lange es noch Enttäuschung gibt. Denn dieses Drehen im Kopf bedeutet: Da ist noch Geist. Denn dieser Schmerz in der Brust heißt: Da ist ein Herz.

PS: Achja. Musik gab es auch.


Schubél