#DD2504 - Teil 2

Menschen strömen an mir vorüber. Ich stehe in Dresden und bin doch nicht hier. Hier ist woanders. Muss es einfach sein. Die Uhr schlägt Neunzehnfünfundvierzig. Ich erwache inmitten von PEGIDA.

Zeitsprung sechs Tage zurück, uns hetzt niemand. Ich spreche mit J. über Sachsen, der mich zu dem auffordert, was ich selbst schon seit einiger Zeit plane: »Versuch mal bei PEGIDA mitzulaufen!«

»Hehehe! Deswegen sammle ich mich in den letzten beiden Wochen so intensiv!«

»PEGIDA wird hart. Weil es menschlich schwer zu ertragen ist.«

»Ja, das fürchte ich auch. Aber das Schreiben hilft.«

»Abstrahieren und sich selbst entfremden?«

»Das klingt beinahe expressionistisch bis lyrisch. Geistig nehme ich meist die Haltung eines Ethnologen 8000 km von daheim an. Das verschafft die notwendige Distanz.«

»Als würdest du zu einem Stamm von Kannibalen reisen.«

»Naja. Man darf nicht zu voreingenommen sein. Je tiefer man eindringt, desto komplexer die Relationen. Spannend ist ja nicht das moralische Urteil. Das kann man nach Belieben immer von außen treffen. Interessanter finde ich die Prämissen, aus denen Teilnahmen an GIDA-Events erwachsen. Genau damit kann man GIDA und Co überhaupt erst begreifen. Aber es ist schwer, ja.«

»Sehr schwer. Nicht die Begegnung auf der moralischen Ebene, die die Unverletzlichkeit sichert, sondern der direkte Kontakt, der der anstrengendere ist. Respekt.«

Ich sollte mich irren. Wieder einmal.
Back in time.

Bachmann lädt zum Spaziergang. Man solle bitte auf die Fahnenstangenlängen achten, es gebe sonst Ärger, verkündete er bereits zu Beginn der Kundgebung. Dass Ärger mit der Stadtordnung vermieden wird, ist oberstes Anliegen, man weiß um die Sensibilität der Route. Jeder soll Ordner sein! »Die versammelte Lügenpresse wartet nur auf irgendwelche Bilder, die sie wieder gegen uns verwenden kann«. Um das gänzlich zu vermeiden, geht Bachmann auf Nummer sicher und fordert die Menge auf, ihre Meinung als müdes Trotten zu äußern. Oder wie er es nennt: »Mahnende Ruhe als Stärke« und Beweis für die Wirkung und Andersartigkeit PEGIDAs. »Wir haben es nicht nötig, zu schreien und zu klingeln und zu trillern wie die linken gestörten Kinder«. Die Revolution findet hier bei Zimmerlautstärke statt. Jedes Dezibel behält sich exklusiv die Führungselite vor. Die Performance der Aussagenleere wird vom Malus zum Feature. Den Mund verbieten lassen? Nur für einen guten Zweck! Wir haben jede Menge Meinung, nur sagen wir die öffentlich nicht jedem. Und: Wer das Maul hält, leistet keine Widerrede. Am Ende würde man noch des Grauens gewahr, mit dem man da spaziert!

Im Bereich der zentralen Haltestelle haben sich Frauen aufgestellt. Sie tragen Pappschilder, auf denen weiblich Nacktheit symbolisiert abgebildet wurde und die Aufforderung »Hände weg!«. Abgerundet wird das Ganze mit Perücken, Mützen und Bachmanns Balkenbrillen. Brav stehen sie da und sind gern Fotomotiv für die Illustration der Vergewaltigungsphantastereien der PEGIDA-Redner. Schnell werden sechs Rollstuhlfahrer herbei geschoben und an der Spitze des Zuges postiert. Dahinter das original PEGIDA-Banner und das des westsächsischen Ablegers. Es folgen in angemessenem Abstand: Bürgerprotest Ostthüringen, die unberührbaren Frauen, das Bürgerforum Südbrandenburg und die 1-Prozent-Bewegung.


Um genau 19:45 Uhr reihe ich mich in den Demozug unter einer Uhr im Haltestellenbereich ein. Die Menge ist glücklich, dass sie laufen darf. Sie hat schon mehr als eine Stunde volkiges Gebrüll über sich ergehen lassen, dass muss nun auf den Asphalt gebracht werden. Viele lachende Gesichter, die einfach mal so spazieren. Was ist schon dabei. Wird man wohl ja noch…dachte man sich auch in Radebeul, Belgern, »Wittenberg grüßt Dresden«, Meißen, »Bernsdorf, Kreis Bautzen«, Dürrröhrsdorf-Dittersbach, Bannewitz, Bad Gottleuba, Hallbach – Wernsdorf – Borstendorf – Pfaffroda (letzteres auf einigen Schildern dezidiert geschwärzt, offenbar überlegt man es sich dort gerade anders), Großennhain, Roßwein. Freudig halten die Botschafter der groß-sächsischen Provinzen unterwegs ihre Tafeln nach oben.


Werdet bunt oder werdet Dresden!

Die Polizei hat wenig bis gar nichts zu tun. In kleinen Grüppchen, kaum mehr als zehn Leute, stehen sie beieinander. Helme sind hier keine zu sehen, weder auf den Köpfen, noch an den Koppeln. Auf einer LEGIDA-Demo hatte mir ein Dresdner erzählt, dass man die Polizei eigentlich nur zum Verkehrsregeln brauche. So wie es hier heute aussieht, hätte selbst die Hälfte der Beamten ausgereicht. Falls irgend jemand auf der Suche nach einem ruhigen Hinterland für Nazis ist: Hier erlebt er es. Den gesamten PEGIDA-Fasching beobachten kaum mehr als 50 Beamte. Oder anders ausgedrückt: 50 Beamte im direkten Umfeld von PEGIDA, die mit bis zu 3600 Demonstranten unterwegs sein sollen – von heute insgesamt 274!

Etwas anderes schockiert mich aber deutlich mehr: Es erfolgt keinerlei nennenswerter Widerspruch. Oder ist das Wegsehen ein Widerspruch, dessen Definition ich nur nicht kenne? Hat man hier den entschlossenen, ohrenbetäubenden, aus allen Kehlen gleichsam erklingenden Widerschweig erfunden? Verbirgt sich dahinter gar ein so kluger Plan, dass selbst jene, die ihn erdachten, vergaßen, wie er funktioniert? Dass sich mir heute bietende Dresden, also auch das Dresden, das sich einmal im Jahr anschickt, seiner Bombardierung zu gedenken und pathetisch eine Menschenkette an der Elbe aufführt, hat kurz vor Acht nichts besseres zu tun, als Einkäufe nach Hause zu schleppen. Stolz unterstützt vom lokalen Einzelhandel natürlich, der eine Rabattaktion ins Leben gerufen hat, »…die zwar unpolitisch sein soll, aber vor allem ein Ziel hat: Die Aufmerksamkeit weg von Pegida und auf den Handel zu lenken«. Freies Parken ab 40 Euro Einkaufswert! 10 Prozent Rabatt beim Limousinenservice! Nach Dresdner Maßstäben ist dies eine allumfassende, breit aufgestellte Volkserhebung.

Doch dummerweise machen die Nazis genau eines nicht: Einkaufen. Stattdessen stehen sie vollkommen unhinterfragt und unbelästigt am Streckenrand und werben mit einem Banner für die Teilnahme an der Mai-Demonstration in Plauen. Stichwort: »Nationalen Sozialismus erkämpfen«, graphisch unterlegt von einem Sturmhauben-Träger. Daneben ein paar junge Männer in Dynamo-Fanwear, die Aufkleber verteilen. Auch diese werden gern von jedermann genommen. Niemand stößt sich daran. Auch nicht die Polizei, die mit einer kleinen Delegation daneben steht. Aber wie sollte sie auch etwas wahrnehmen, steht sie doch bezeichnenderweise mit dem Rücken zum Transparent. Liebe Plauener: Ihr wisst nun ungefähr, was euch am Sonntag erwartet. Werdet bunt oder werdet Dresden!


Da durchbricht Musik die unfassbar dröhnende Stille. Erst leise, dann langsam immer lauter. Wir passieren die Studentenwohnheime, funktionale Quader in Grau. Für einen Moment lang ist es unklar, ob jemand vergessen hat, in seinem Auto die Stereoanlage abzudrehen. Aber dann wird klar, dass dieses »Schrei nach Liebe« aus einer der Wohnungen dringen muss. Tatsächlich ist dies das erste Zeichen von Widerspruch am heutigen Tage, das PEGIDA direkt erfährt. Auf den Balkonen stehen vereinzelt junge Menschen und sehen sich aus der bequemen Entfernung mehrer Etagen das finstre Treiben an. Keiner macht Anstalten, eine Geste der Ablehnung auch nur anzudeuten. Sind dies alles ausländische Studierende, die der Meinung sind, nicht die Kämpfe der Einheimischen fechten zu müssen? Oder sind sie einfach nur ignorant? Befürchten sie, von anderen Dresdnern als gestörte Linke bezeichnet zu werden, wenn sie PEGIDAs Menschenhass aus tiefster Menschlichkeit heraus offen auf der Straße ablehnen? Ich vermag es von hier unten, vom Asphalt nicht einzuschätzen. Irgendjemand im Zug ruft »Schreikinder, wo seid ihr?«. Nichts regt sich. Alles kichert. Ist er das, der Dresdner Mut?

Und so laufen wir. Mehr oder weniger schweigend. Wer sich niemanden mitgebracht hat, bleibt in der Regel stumm. Zeit sich umzusehen. Habe ich in Leipzig den Indianer getroffen, erblicke ich in Dresden einen Charakterkopf mit Cowboyhut, längeren Haaren und Bart. Da fällt es mir wieder ein: Freital. In den Szenen der Schande konnte man ihn damals in Interviews und der Menschemenge sehen. Heute führt er lautstark aus, dass »SPD, CDU, FDP, Grüne, Linke und wie sie alle heißen« nichts anderes sind, als Teile der SED. Seine Begleiter pflichten ihm bei. Die Sache ist klar. Gegenargumente sind was für die anderen. Die Gestörten.


Ein weiteres bekanntes Gesicht fällt mir auf. Offensichtlich bin ich nicht alleine in neugieriger Mission. Unscheinbar strömt ein anderer Leipziger, den ich nur aus dem Netz kenne, an mir vorbei. Bewusst graumausiges Mimikri schützt ihn vor zu deutlicher Auffälligkeit, doch wer ihn kennt, weiß um die Farben, die in ihm schillern. Über mein Smartphone pinge ich ihn an. Mit großen Augen dreht er sich um. Ich grüße eine Nanosekunde lang wie in einem Gangsterfilm. Den Spaß muss man sich einfach mal gönnen. Uns beiden flattert die Hose. Aber wenigstens haben wir noch eine an. Stay positive! Kaum gesehen, verliere ich ihn aber schon wieder aus den Augen. Es ist ein unglaublich dichter, breiter Strom Besorgtheit. Man kann lässig zehn Minuten an einer Stelle stehen bleiben und hat noch immer nicht die gesamte Demo an sich vorbei ziehen lassen. Die meisten Teilnehmer haben schon mehr Sommer hinter sich als ihnen noch bevor stehen. Und überall: Gute Laune. Und nirgendwo: Widerspruch. Später sehe ich, wie er PEGIDA-Aufkleber von Laternenmasten knibbelt. Nur falls sie wissen wollen, wo bei mir der Heldenmut versagt.

Däbritz führt den Zug an. Cargohose, Warnweste, Fotoapparat. Die Bewegung will als eine massive ins Bild gesetzt werden, daher verlässt er immer wieder die Demo-Strecke und fotografiert aus einiger Entfernung. Niemand hindert ihn daran. Ganz andere Erfahrungen dürfen die Gegendemonstranten machen. An der letzten Ecke, kurz vor der Prager Straße, dem ultimativen Ziel des heutigen Abends, stehen in 50 Metern Entfernung tatsächlich Gegendemonstranten. Das Bündnis GEPIDA (Genervte Einwohner Protestieren gegen Intoleranz Dresdner Außenseiter) und andere Gruppen (z.B. Dresden Pegidafrei) haben sich mit den verbliebenen widerspruchsbereiten Menschen versammelt. Polizisten rahmen sie mit mehr Beamten ein, als PEGIDA in drei Wochen zu Gesicht bekommen dürfte. Plus Helme. Plus Mannschaftswagen. Ein Entfernen aus dieser urbanen Repressionsparzelle? Unmöglich. Sobald die Gruppe als solche in Erscheinung tritt, wird sie geschnappert und gekesselt. Hier lässt man den gesellschaftlichen Reinigungsprozess der offenen Gegenrede hinter gepanzerten Beamten versacken. Treu zum König haltend, lagert die Stadt den Dissens an die Organe aus. Gelernt ist gelernt. Ordnung muss sein.

Wie in einer kolonialen Völkerschau stehen sie dort, trillern, rufen, machen Lärm, versuchen die Menschen zu wecken. Wie laut muss man sein, um Konsumenten zu erreichen, die ihre Tüten und Kisten transportieren, als wäre all das morgen schon und für alle Zeiten verschwunden? Ab wie vielen Dezibel erwachen jene, die Lethargie als Lebensart und Agonie als Allzweckmittel gegen das Zwicken der Moral im eigenen Leib erwählt haben? Bürger, die sich verantwortlich um das Leben für Alle in ihrer Stadt kümmern, sehe ich hier außerhalb des Kessels keine. Nur feixende PEGIDAnten und Leute, die auf die Straßenbahn warten. Doch Dresden ist noch nicht verloren. Es tobt mit einem Puls von 200 Gegendemonstranten. Kaum hörbar. Aber vorhanden. Doch noch ist Dresden fest in PEGIDAs Händen, so weh diese Aussage auch tut.


Zwischen den mittlerweile geschlossenen Kaufhäusern der »Einkaufsmeile« steht Stürzenberger auf einer Bank und filmt das Defilee. Bis dahin lief er ein Stück am PEGIDA-Front-Transparent mit, doch die Ballung in der engen Shopping-Schneise bietet einfach zu verführerische Bilder an. Vor allem, da sie mit dem Dauerton der Gegendemonstranten eine Vitalität erzeugen, die so dank des »machtvollen« Schweigemarsch-Prinzips überhaupt nicht vorhanden ist. Einige erkennen ihn, ein älterer Herr fordert ihn auf, herab zu steigen, denn »da wollen noch Leute auf der Bank sitzen!«. Eine Frau läuft auf ihn zu und bewundert ihn. Immer wenn er rede, verfolge sie das im Internet. Stürzenberger lacht, bedankt sich, filmt und ist im Reinen mit sich und dem, was da vor ihm entlang fließt. Eine andere Frau erzählt ihm von einer uralten Veranstaltung, an der 2012 der Integrationsminister Gillo teilnehmen sollte, der ihrer Meinung nach aber auch von der USA eingeschleust gewesen ist. Sie habe Stürzenberger auch mal etwas ausgearbeitet, Gedanken, wie sie es nennt, und mitgebracht. Ich höre etwas wie »Wir brauchen keine Integrationsminister, sondern Abschiebeminister!«. Daneben kommentiert »der Mischa!« eifrig die vorbei gehenden Basteleien. Manche Demoteilnehmer wechseln eilig auf seine Seite, damit er ihre ambitioniert gestalteten Schilder mit aufnehmen kann. Eigenartig: Klebte auf seiner Kamera ein Senderloge, wäre er schon längst angerempelt oder wenigstens beschimpft worden. Aber da er der »Mischa« ist, winken die Leute ihm fröhlich ins Objektiv. Einige bedanken sich für die »Superrede« und er solle weiter so machen. So kommt das kleine Sternchen doch noch zum Funkeln, wenn auch nur in Absenz zur Sonne Bachmann.

Anders Brejvik dürfte jetzt die kahle Stirn runzeln

Plötzlich vertraute Mundart: Leipziger Lok-Fans versuchen irgend Etwas zu skandieren. Doch sie brechen ob der machtvollen Stille recht schnell ab. »Da hätt mor ooch in Leipzsch bleim gönn’!«. Aber nicht doch, du Spaßtourist! Dann entginge dir ja der mächtig schweigende Schlag gegen die Globalisierung, die sich da, direkt vor deiner Nase, gerade abspielt! Ja warum stoppt hier alles ein bisschen? Schau mal da: Alle versammeln sie sich vor STARBUCKS, die Fronttransparente, die Fahnen, die Nacktheits-Pappschildern, einfach alle. Familienfoto! Wir waren hier! Essen war gut! Wetter auch! Zwar liegen die Einheimischen alle schon im Bett, aber das macht nix. Zeigen wir es lieber der Kaffee-Bude! (Und hinterher: Ä Scheelchen Heeßen, ni?!) Und da: Dor Däbritz, wie er sie alle schön dirigiert, damit sie auch alle aufs Bild kommen. Orr, und dort! Noch mehr Fotografen! Nüscht wie hin!

Wir erreichen den Ausgangsort. Bachmann führt zum Ende hin als Tambourmajor mit Selfie-Stick. Die Nachzügler brauchen deutlich länger. Dafür kauen sie jetzt schon ihr Abendessen. Anscheinend waren sie alle zwischendurch noch einmal beim Bäckermeister. Demonstrativ treffen die Rollstuhlfahrer als erstes ein. Nach der Demo steht einer immer noch verlassen an der Haltestelle. Vielleicht begriff er ja da, dass er nur Kulisse war.

Zum Schluss redet noch Däbritz. Der Meister des geschliffenen Granits, der Steinbruch-Ziselierer, jedermanns legitimer König der Kumpelhaftigkeit erklärt, dass Koalitionsbildung widerlich und verachtenswert ist. »Das kotzt uns alle an!«, verbrüdert er sich. »Und da wundert man sich, dass die Menschen auf die Straße gehen« – Ja. Das verwundert. Anscheinend aber nur PEGIDA. Aber dort ist Politik etwas für »Krieger«. Auch wenn diese politische Form nichts mit dem »Kombattanten der Genfer Konvention« zu tun hat, und der »biologische Tod« nicht zu befürchten ist (Anders Brejvik dürfte jetzt die kahle Stirn runzeln), so steht doch zuweilen der »soziale Tod« zu befürchten. Auch hier will man am liebsten eine Vollkasko zum Volksaufstand. Aber natürlich nur für sich. Der Feind ist hier schnell ausgemacht: der ängstliche Demokratieverächter und Grüßaugust Supergauckler, PFUIII!!!, SPD-Fuzzi Pöbelralle (»Sie altes Augstein!«), Gewerkschaften, Parteien, Fickilanten.


Viele der Genannten haben sich bestürzt über die Wahl in Österreich geäußert. Da sie sich nicht mehr so oft über PEGIDA auslassen, verbindet PEGIDA sich hier einfach mit der FPÖ und projiziert die Entrüstung solidarisch auf sich selbst. Im Dialekt getrennt, in der Sache okkupiert. Sachsen ist somit in allem das Österreich von Deutschland. Man will jenen eine Stimme geben, »die sich aus verschiedensten Gründen nicht auf die Straße trauen«. In Dresden kann man dann mit dieser Stimme frank und frei jedermann beleidigen, ohne dass sich daran ein einziger maßgeblicher Protagonist der Zivilgesellschaft entschieden und entscheidend dagegen positioniert. Thomas Bernhard hätte geschossen. »Aber aufgeben gilt nicht!«, spricht Däbritz sich und der verbliebenen Menge zu. Dann Bachmann. Dann Hymne. Dann Nacht. Na dann.

Büttenreden für Beerdigungen. Es wird Überspitztes überspitzt. In hundert Jahren wird aus Däbritz kein Florett mehr, er bleibt die Keule. So bildet er aber auch die passgenaue Ergänzung für den verbalen Arsenwerfer Bachmann. Beide sind sie die linke und die rechte Klammer, in die nach Belieben Redner aus dem gesamten Genpool des Grauens eingefügt werden können. Ganz gleich ob sie wie der »Holländer-Ed« einfach nur so Leute beleidigen, die sowieso nicht zuhören oder wie Stürzenberger brandgefährliche Reden gegen den Islam halten: B & D dominieren in der Gesamtwahrnehmung die Erinnerung. Dass unter dieser Decke aber Einzelne fanatisiert worden wären, nein, daran könne man sich nicht erinnern – Ich sehe es als guidoknoppesken Einspieler einer Geschichtsdokumentation der kommenden Vierziger Jahre vor mir.

Auch hier wieder der Vergleich mit Leipzig: PEGIDA reitet permanente Attacken, während LEGIDA ein harmloses Sternsingen am Kuchenbuffet veranstaltet. Aber auch etwas anderes scheint deutlich: PEGIDA funktioniert in seiner speziellen Tonalität nur in Dresden und Umgebung. Das wird auf Dauer nicht ausreichen. Dieser Kern flackert hell, sein Licht dringt aber nur bedingt aus dem Ereignishorizont, hinter dem jede Empathie zerrissen wird. Jedes andere Franchise muss notwendigerweise auf Grund infrastruktureller Nachteile im Schatten Mordors sein Dasein fristen. Schon in Leipzig hatten die Redner nur einen gewissen Exoten- oder Gruselfaktor, ähnlich eines Autounfalls, der eklig ist, von dem man aber nicht die Augen abwenden kann. Die Dresdner Frequenz haben hier aber die wenigsten empfangen. Das mag sich im gesichtslosen Rauschen des Hassnetzes Facebook anders darstellen. Vor Ort aber versagt es, sobald es das eigene Biom verlässt. Dumm (oder gut, je nach Seite) ist nämlich, dass man nicht gegen Fremde hetzen und Außwärtigen jede Kompetenz in allem absprechen kann, um dann selbst als fremder und auswärtiger Clown der Einigkeit auf den Marktplätzen der Besorgten aufzutreten. Da können sie sich noch jahrelang mit »Dresden zeigt wie’s geht!« in die eigene Tasche lügen, die selbe Wirkmächtigkeit wie auf dem Theaterplatz oder am Bahnhof werden sie außerhalb der Landeshauptstadt wahrscheinlich nie erreichen. Dresden kann höchsten Dresden zeigen, wie’s in Dresden geht.


Bachmann ist ein klassisches One-Trick-Pony, das um seine Begrenztheit weiß (auch wenn er es nie zugäbe). Denn wo, außer in Dresden, konnte *GIDA wirklich groß und dauerhaft Fuß fassen, ohne nicht vom etablierten Nazispektrum unterwandert zu werden, das sich hie und dort gerne als Füllmasse im Kampf um die beste Besuchsstatistik anbot? Entweder kam man von Beginn an nicht aus den Startlöchern oder, wie zum Beispiel in Leipzig, entwickelte man frühzeitig die Hybris, mit eigenen Konzepten der Ursuppe entsteigen zu können. Dies wurde jedoch regelmäßig durch den Stammvater abgewürgt und so verfällt man in extatischen Jubel, wenn es großzügig aufgerundet überhaupt einmal wieder zu einer vierstelligen Besucherzahl reicht. Und auch in Dresden könnte man sich zu Tode gesiegt haben, wie die ersten Koalitionsgespräche mit der AfD gezeigt haben. Diese bedient sich (Vorfeld!) gerne aus der Masse. Um dem entgegen zu wirken und eine Position der Aktivität zu suggerieren, verkündete Bachmann bereits, dass man »Kontrollorgan« und »Stachel im Fleisch« der AfD sein wolle. Zumindest bis er eine eigene politische Organisationsform stellen könnte. Du sollst keinen Lutz neben mir haben.

Cut.

Ich treffe mich mit meiner Kontaktperson im selben Asiaten, in dem zuvor noch PEGIDA tankte. Johanna, die eigentlich einen anderen Namen trägt, aber auf Grund der mehr als angespannten Situation lieber anonym bleiben möchte, stammt aus dem Dresdner Umland und hat auf eigene Faust begonnen, den Aufstieg PEGIDAs auf der Straße zu verfolgen und zu bearbeiten. Sie stellt das totale Gegenteil von all dem dar, was ich bei PEGIDA entdeckte. Sie ist offen, kritisch, auch zu sich selbst, aktiv und entschlossen. Anders als die ängstlichen alten Männer ist sie sich ihrer Angst bewusst, überlässt sich ihr aber nicht.

Wie kamst du dazu, im PEGIDA-Umfeld unterwegs zu sein?

Ich war seit Ende 2014, also fast seit Beginn von Pegida, bei fast jeder Demonstration, bis auf kurze Ausnahmen im Sommer 2015. Relativ zeitig, ich meine, es war im Oktober oder November 2014, wurde ich über Facebook auf Pegida aufmerksam. Ich habe das eine Weile verfolgt und etwas recherchiert, auch zum Hintergrund Bachmanns. Dabei bin ich übrigens auch auf seine Äußerungen gestoßen, wegen derer er nun vor Gericht steht. 
Ich war dann etwas irritiert und auch verärgert, weil die Teilnehmerzahlen wöchentlich wuchsen. Dass Pegida eine rassistische, nationalistische, chauvinistische und reaktionäre Bewegung war, war mir relativ zeitig bewusst – dazu musste man sich nur die Facebookseite anschauen, die Posts und vor allem die Kommentare auf der Seite waren sehr eindeutig. Daher habe mich dann auch den Gegendemonstrationen angeschlossen. Zu Beginn ausschließlich den Gegendemonstrationen, mittlerweile bin ich dazu übergegangen, sowohl Pegida wie auch die Gegendemonstrationen zu begleiten.

Wie stehst Du zu den Gegendemonstrationen, wenn Du dich eher bei PEGIDA aufhältst?

Zu den Gegendemonstranten fühle ich mich natürlich mit dem Herzen hingezogen. Andererseits möchte ich Pegida kritisch begleiten, beobachten, wie die Teilnehmer sich verhalten, wie hoch der Anteil der besorgten Rentner, wie hoch der Anteil der Nazi-Sportgruppen ist, ob und wie sie kommunizieren, was am Rande und was während der Reden passiert, wie sich die Polizei verhält. Zu Beginn von Pegida, also Ende 2014, bin ich auch mit einigen Pegida-Teilnehmern ins Gespräch gekommen – bemerkte aber irgendwann, dass Gespräche nichts bringen, sie wollen Recht haben, sie wollen pöbeln, unbedingt auf ihren Standpunkten beharren, ihr reaktionäres Weltbild behalten und ja, zum Teil wollen sie hassen. So etwas wie ein Dialog ist da nicht zustande gekommen. Sie wollen keinen Dialog, sie wollen nur ihre eigene Meinung bestätigt haben. Wenn sie bemerken, dass jemand anderer Meinung ist, fangen sie an, Monologe zu führen und ihrem Gegenüber gar nicht mehr zuzuhören. Oder ihn zu beschimpfen und zu beleidigen.

Wenn Du diesen Abend einschätzt: War an ihm irgend etwas besonders oder es doch nur eine Veranstaltung von Vielen?

PEGIDA war zum zweiten Mal am Hauptbahnhof, sonst treffen sie sich immer in der Innenstadt auf dem Theaterplatz oder auf dem Alt- oder Neumarkt. Ich bin immer etwas mehr in Sorge, wenn PEGIDA sich am Hauptbahnhof trifft. Dort und auf der Prager Straße, der Einkaufsmeile Dresdens, sind oft einige Migranten unterwegs oder auch Touristen aufgrund der Nähe des Bahnhofs. Das halte ich für sehr gefährlich. Und auch diesmal wurden Menschen mit Migrationshintergrund beleidigt. Ein älterer Herr mit _Freital_-Mütze lief an einem Menschen mit Migrationshintergrund vorbei und pöbelte ihn an, er sagte »Dreckspack«. So etwas nimmt mich immer wieder sehr mit, das ist dann so eine Mischung aus Scham, Ekel und Abscheu.

Wobei ich auch hier eine Veränderung an mir selbst bemerke: Als ich das erste Mal erlebt habe, dass eine Gruppe schwarz-weiß-rot bemützter Nazis, die gerade von PEGIDA kam, drei Migranten an einer Haltestelle beschimpfte und übel beleidigte, wollte ich gerade irgendwie versuchen zu schlichten, als die Polizei kam und die Nazis wegschickte. Die Polizei kontrollierte dann sehr lange die Papiere der Asylsuchenden. Ich stand da und habe geweint vor Wut, vor Scham. Mittlerweile weine ich nicht mehr, die Wut und die Scham sind aber immer noch da wenn so etwas passiert. Und so etwas passiert leider sehr oft montags.

Der Umzug an den Bahnhof scheint mit einer bestimmten Absicht vorgenommen worden sein. Anscheinend ist eine davon die Optik: Auf dem engeren Gelände ist das Geschehen konzentrierter vorzeigbar. Gab es unter Umständen noch andere Gründe?

Ich schätze, dass Bachmann Macht demonstrieren will. Angeblich sei die Kriminalität am Hauptbahnhof in letzter Zeit gestiegen. Meines Erachtens will er dort eine Drohkulisse aufbauen und zeigen, dass ihm, dass PEGIDA die Stadt gehört.

Die Route durch die Innenstadt und die Prager Straße schien deutlich mehr Symbolcharakter gehabt zu haben, als es von außen, für mich, den Anschein hatte. Was war hier besonders?

Die Prager Straße ist sozusagen die Einkaufsmeile Dresdens. Es ist eine reine Machtdemonstration, dort aufzulaufen. Durch die Innenstadt laufen sie ja jede Woche, nun hat Bachmann sich speziell die Prager Straße ausgesucht, ich glaube, er hatte einmal erwähnt, dass er sich extra und speziell dafür einsetzen wird, dort entlang zu laufen. Eben aus vorgenannten Gründen der Einschüchterung. 


Mittlerweile ist es jedoch egal, wo genau sie entlanglaufen. Anfeindungen gegenüber Journalisten, Menschen, die als Gegendemonstranten erkennbar oder Menschen mit Migrationshintergrund sind montags mittlerweile üblich – im Einkaufszentrum, an Haltestellen, am Rande von PEGIDA. Übergriffe auf Journalisten werden von diesen öffentlich gemacht – das ist richtig und sehr wichtig. Migranten haben aber keine Lobby, sie wenden sich bei Pöbeleien nicht an die Polizei. Dass der Gegenprotest aus meiner Sicht kriminalisiert wird, durch Dresdner Behörden, durch die Polizei wird auch kaum in die Öffentlichkeit getragen, grundlose Identitätsfeststellungen, Durchsuchungen usw. Auch das wäre mal wichtig.

Die Gegendemonstranten – Wie viele werden es gewesen sein? Warum wurden die paar Leute so stark gekesselt?

Heute waren es ca. 150 bis 200 Gegendemonstranten. Letze Woche waren es um die 400, in diesem Bereich bewegt sich das immer in etwa. Mittlerweile freue ich mich darüber, dass es überhaupt Menschen gibt, die sich PEGIDA entgegenstellen. Letztes Jahr im Sommer gab es eine lange Zeit gar keine Gegendemonstrationen. 

Die Gegendemonstranten werden stets sehr intensiv von der Polizei beobachtet, zum Teil durchsucht, immer gekesselt. Warum das so ist? Da müsste man wahrscheinlich die Polizei fragen. Das habe ich bisher noch nicht. Wenn ich Polizisten mal etwas gefragt habe, dann bezog sich das oft auf die Redebeiträge von PEGIDA. Weshalb die Festerling zum Beispiel öffentlich Politiker so verunglimpfen und beleidigen darf ohne dass da eingegriffen wird. Der Polizist hat mich sehr entgeistert angestarrt aufgrund meiner Frage: »Nu horschn Se ma! In Griechenland wird de Märgln in SS-Uniform gezeigt. Das is do och keene Beleidigung. Was solln daran ne Beleidigung jetze sein?!« Im Großen und Ganzen habe ich den Ausführungen des Polizisten entnommen, dass er der Festerling zustimmt. 

Einmal habe ich einen Polizisten am Rande gefragt, weshalb die Auflagen, die auch für PEGIDA gelten, nicht durchgesetzt werden. Zum Teil laufen Pegida-Teilnehmer mit ellenlangen Fahnenstangen, meist angelrutenähnlichen Gegenstänen herum, mit Bierflaschen sowieso. Der Polizist referierte in der Folge sehr ausschweifend über Ausschreitungen von Linken. Kurz: Ich habe keine Auskunft bekommen. Obwohl ich höflich gefragt habe.


Die direkte Gegendemonstration ist das eine. Wie positionieren sich die Menschen in Deinem engeren und weiteren Umfeld bezüglich PEGIDA?

Das ist sehr schwierig und man muss unterscheiden. Zum einen gibt es einen Teil, der sich überhaupt nicht positioniert. Meine Nachbarn zum Beispiel haben überhaupt gar keine Meinung dazu. Sie sind keine besorgten Bürger, sie interessieren sich schlicht nicht dafür, es scheint, als ob PEGIDA und die Demonstrationen für sie in einer anderen Welt stattfinden. Auch einige Freunde verhalten sich so – eben gar nicht.

Die anderen Nachbarn zum Beispiel setzen sich sehr in der Hilfe und Unterstützung für Geflüchtete ein, sie engagieren sich in einem Netzwerk vor Ort und spenden und unterstützen praktisch. Sie würden aber nicht an Demonstrationen bzw. Gegendemonstrationen teilnehmen, auch wenn sie sich klar und deutlich gegen PEGIDA positionieren.

In der Familie ist es teilweise sehr schwierig, da gibt es leider sehr viele _Ich bin kein Nazi, aber_-Sätze. Nach vielen Diskussionen, auch einer Auseinandersetzung am Weihnachtsabend, wird dieses Thema nun gemieden. Mit weiläufiger Verwandtschaft spreche ich aufgrund rassistischer Äußerungen überhaupt nicht mehr.

Auch eine sehr langjährige und enge Freundschaft ist am Thema PEGIDA zerbrochen. Wir haben selbstverständlich auch vorher über Politik gesprochen, diskutiert und auch gestritten. Dass er aber bei PEGIDA mitläuft (weil er gegen die GEZ und für einen anderen Umgang mit Russland eintritt) kann ich nicht akzeptieren. Mittlerweile grüßen wir uns nicht einmal mehr wenn wir uns zufällig montags in der Stadt sehen.

Auch wenn das jetzt etwas absurd klingt: Im Laufe der letzten eineinhalb Jahre sind aber auch Freundschaften entstanden, ich habe Menschen kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte und die ich als große Bereicherung empfinde. Ich freue mich immer besonders, wenn ich montags versuche Stimmungen einzufangen, wenn ich tatsächlich Ablehnung gegen Pegida erfahre, sei es durch die Bäckersfrau die gegen Pegida schimpft oder auch – was gelegentlich vorgekommen ist, wenn Touristen sich spontan der Gegendemonstration anschließen, so sind mitunter sehr nette Gespräche zustande gekommen.

Mittlerweile stagnieren die Zahlen bei ca. 3000 Teilnehmern bei PEGIDA, das scheint der harte Kern zu sein. Wieviele Menschen zu Hause sitzen und mit PEGIDA sympathisieren, lässt sich wohl schwer einschätzen. Möglicherweise hat die Oberbürgermeisterwahl 2015 in Dresden das gezeigt: Um die 10 % für Festerling.

Ich weiß nicht, ob, wie und wann PEGIDA verschwinden könnte. Was ich aber weiß, was dagegen helfen könnte ist Bildung, Bildung, Bildung, ein offenes Herz, Begegnungen und der Austausch und Dialog mit geflüchteten Menschen, ein Interesse daran. Ich setze da große Hoffnungen auf junge Menschen.

Cut.

Sind wir Linke? Die anderen Rechte? Nazis? Dolle Typen? Denke ich heute, da ich diesen Text schreibe, darüber nach, komme ich zu dem Schluss, dass diese Etiketten nur leeres Papier sind. Sie bedeuten nichts. Entscheidend ist, dass und wie wir uns entscheiden. Jeder Einzelne. Überlassen wir uns nicht den endlosen Debatten darüber, was nun in welcher Nuance wichtig gegen *GIDA wäre. Welche Intention richtiger, welche Protestform -istischer ist. Wichtiger ist, dass wir dort sind. Überall. Denn wenn wir hinsehen, also *GIDA und Co. als das enttarnen, was sie sind: Menschen hassende Scheinriesen, verlieren wir alle unsere Furcht. Dresden hat sich von Bachmann diktieren lassen, dass wer schreit und protestiert, ein Gestörter sein muss. Es wird Zeit, dieser Anmaßung zu widersprechen. Gemeinsam. Bachmann ist ein einarmiger Karusellbremser auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Nicht mehr. Aber er kennt die dunklen Ecken und schüchtert die Arglosen mit seinen Gruselgeschichten sattsam ein.

Ich bin in einer fremden Stadt gewesen, einfach so. Niemand kennt mich hier, nur Johanna. Hunderte Bremsleuchten fließen vor mir in einen Tunnel. Rotes Plankton, leuchtend im Maul eines riesigen Wals. Wir beide fahren heim. Wohl dem, der das sagen kann, wenn er im Jahr 2016 Dresden verlässt.

Schubél