#DD2504 - Teil 1

Blauer Himmel, gelber Raps. Eine barockschlanke Frauenwolke räkelt sich über die Landschaft, Windanlagen fächeln ihr Luft zu. GOTO: Dresden.

Auf der Fahrt herrscht wunderbares Wetter. Der seit Tagen prophezeite Einbruch der Polarluft verspätet sich. Und doch wird es ein verdammt kalter Tag in Sachsen werden. Ich bin auf dem Weg zu PEGIDA. Eine Fahrt von Leipzig in die sächsische Hauptstadt hat etwas von einer Passage durch ein Wurmloch. Man verlässt den einen urbanen Raum, durchquert eine andere, verstörend wunderbare landschaftliche Dimension und erreicht eine scheinbar weit entfernte mit minimalem Aufwand. Riesige Transporter schleppen Waren von West nach Ost. Pendler halten das Bruttosozialprodukt mit erhöhten CO2-Werten in der Waage. »Dresden Hools« als Graffito an Scheunen, »German Power« in altdeutsch simulierender Schrift als Schmutzfänger an LKW. Eine korrekt verschlagwortete Gegend.

Im Vorfeld sprechen sich PEGIDAs Anhänger online entweder Mut für das Kommende zu oder entschuldigen sich pflichtbewusst, falls sie nicht erscheinen können. Die Hackordnung ist klar: Je mehr Kilometer zurück gelegt werden müssen, desto höher die zu erwartenden Weihen. Vaterlandsliebe, Heldenmut, stalingradeske Opferbereitschaft werden in dieser Filterblase per Tachometerstand nachgewiesen.

Dresden und PEGIDA: Diese Kombination ist mein persönliches Mordor. Die bisher von hier abgesonderten Hetzereien und Verächtlichmachungen kann man schon längst nicht mehr als »Lügengebäude« verniedlichen. Hier entstehen regelrechte Wohnblöcke aus Falschmeldungen und bewussten Falschauslegungen, in denen es sich Jene gerne bequem machen, die einfache Antworten auf komplizierte Fragen suchen. Doch handelt es sich hier nicht um ein Wohnen zur Miete, sondern eine als Freiheit getarnte Gefangenschaft. Der Haftbeginn wird durch den kompletten Verlust jedweder Empathie eingeleitet. Während des Absitzens serviert die Knastkantine den immer gleichen Fraß aus Menschenfeindlichkeit, Pluralismusverachtung, Religionsbeschmutzung und Abwertung. Auch wenn die Köche wechseln, bleibt es doch ein und dasselbe Gift.

Als ich ankomme, zieht der Himmel über dem Dresdner Talkessel seine Wolken in Falten. Ein dunkler Schatten zieht über die surreale Eisenbahnplatten-Romantik. Die Sonne scheint aus Richtung »Daheim«, als wolle sie mir extra viel Mut machen. Der Vorhang hebt sich, die Szene beginnt. Das Original der völkischen Besorgtheit hatte sich bisher auf dem Theaterplatz vor der Semperoper versammelt, trifft sich aber nun vorm Hauptbahnhof. Wenn auf den Bühnen dieser Welt edle Gefühle edler Menschen verhandelt werden sollen, so ist es nur konsequent, dass sich diese Bewegung fortan am Rande eines Funktionsgebäudes trifft, und zwar an einer Stelle, an der man entweder Fahrräder abstellt oder in die Ecke pinkelt.

»Ich habe schon daran teilgenommen!«

Der Spielplan ist selten eintönig, bietet PEGIDA doch Woche um Woche immer nur die selbe politische Pornographie an. Der großartige Akt der Meinungsäußerung wird hier bis auf seinen brachialen, mechanistischen Akt entkleidet. Keiner mag hier etwas von dem Aufwand wissen, den dieses demokratische Element erfordert; nichts von den Vorspielen und Nachbereitungen, die diese erst zu erstrebenswerten Dingen machen. Stattdessen stellt man sich hin, rammelt der Gesellschaft die eigenen Thesen hinten rein, brüllt ein selbstgeiles »Wir sind das Volk!« oder »Widerstand!«, wird (nur?) während des Absingens und Schwenkens nationaler Relikte fertig, dreht sich um und schläft ein. Bis sie wieder der Hafer sticht und man eine neue Versammlung braucht.

Lutz Bachmann, PEGIDAs Godfather, macht heute wieder auf sportliche Ü40. Quietschbunte Sneaker, auf Silhouette geschnittene Kleidung, angewühlter Undercut. Ein Mann pinkelt besoffen stierend in den gläsernen Eingangsbereich des Bahnhofs-Parkhauses. Bachmann geht unbeeindruckt daran vorbei. Als er mit Begleiter am Versammlungsort eintrifft, ist Siegfried Däbritz mit seiner Mannschaft noch dabei, den Bühnen- und Lautsprecher-Wagen herzurichten. Im Hintergrund wurde mittlerweile seit Februar 2016 das PEGIDA-Transparent von einer Werbebanner einer rechten Nachrichtenplattform abgelöst – Rent a Volkstribun? Nur ein paar Rentner sind schon da und schauen fachsimpelnd den Handwerkern zu. Als ihr Máximo Líder eintrifft, verstummen die Gespräche beinahe und wandeln sich in reines Fanboy-Geschwärm.

Am Rande, wie kleine Putzerfische, bewegen sich die unterschiedlichsten Interessenvertreter. Da ist beispielsweise ein Flugblatt-Verteiler der BüSo, der unter anderem für die »Eurasische Landbrücke« wirbt, »…die nicht nur aus einem Netz von Transrapidstrecken, Pipelines, Kernkraftwerken und Entwicklungskorridoren über den ganzen Doppelkontinent besteht«, sondern auch »die Grundlage für eine Friedensordnung im Sinne des Westfälischen Friedens von 1648« schaffen möchte. Um ihn herum eilen Studenten mit Umschlägen für eine PEGIDA-Befragung. Ihnen schlägt Skepsis und Stolz entgegen. Einerseits ist man hier gegen alles und jeden argwöhnisch, andererseits aber auch Abkömmling des treuen deutscher Beamten-Gen-Pools. »Ich habe schon daran teilgenommen!«, verkünden viele Angesprochene. Dazwischen verteilt jemand Flyer für ein Schnellrestaurant.

Mit der Zeit strömen weitere Menschen auf den Bahnhofsplatz. Die Jüngsten sind so alt wie Bachmann, die Meisten deutlich älter. Man begrüßt sich mit »Heil Volksgenosse«, prognostiziert die heute zu erwartende Teilnehmerzahl (»6000!« – »Quatsch: 8000!«). Mit dem Versammlungsort fremdelt man hingegen. Es fehlt der Glanz, man fühlt sich vertrieben. Außerdem ist da hinten so eine Pfütze, da hat bestimmt so ein Kanake hin gepinkelt…

Zwei ältere Damen sprechen über Bachmanns Anklage wegen Volksverhetzung. »Der hat irgendwas mit Viehzeug gesagt. Und mit Gelumpe.«

»Da war doch noch was Drittes?«

»Also ich kann mich nur an Viehzeug und Gelumpe erinnern. Hat mir auch die Annika erzählt, die hat das im Internet verfolgt.«

»Aber Gelumpe. Das habe ich ja auch schon lange nicht mehr gehört, das Wort. Gelumpe …«

Ein Mann gesellt sich dazu. Auch er hat Gelumpe schon lange nicht mehr gehört. Dafür weiß er zu berichten, dass Bachmanns Anwältin »…eine sehr gute, eine richtig gute!« ist. Gebraucht hat er sie nicht, er hat überhaupt noch nie etwas mit der Justiz zu tun gehabt, wie er betont. »Aber im Internet konnte man das lesen. Das ist eine richtig richtig gute Anwältin!«.

Minute um Minute strudeln mehr Menschen herbei. Der Unterschied von PEGIDA zu LEGIDA besteht in seiner offenkundigen Überregionalität. Augenscheinlich liegt der Schwerpunkt auf nicht- oder klein-städtischen Gebieten. In Leipzig laufen Leipziger Stadtbürger, wenn es hochkommt sind auch mal ein paar Demonstranten aus den direkten Vororten dabei. In Dresden hingegen kommen Teilnehmer »aus aller Welt« zusammen. These: PEGIDA ist keine Bürgerbewegung der Breite, bei der dann und wann ein paar xenophobe Sonderlinge mitlaufen, sondern eine Grube, in der sich die aus vielen Orten herbei geflossenen Sonderlinge zu einer veritablen Menge sammeln.

Transparente mit Gemeindenamen werden stolz in die Luft gereckt, ähnlich der Gau-Schilder auf den Massenaufläufen der NSDAP. Absurde Flaggenparade: »Keine Nazis«, B.U.N.D., PEGIDA, Wirmer, Identitäre, Israel, Russland, Großenhain, Tschechien, Schwarz-Rot-Gold, Königreich Sachsen, Gold-Rot-Schwarz, Bayern, »Nein zur Moschee«, Skulls ‘n Bones – freudianisch wertvoll an lange, vorzugsweise teleskopartige Stangen wie die von Zelten oder Angelruten geknüpft.

War LEGIDA bereits eine neurotische Veranstaltung, so kann man PEGIDA zweifelsohne als das personifizierte Misstrauen bezeichnen. Alle schauen sich verdächtigend an, als lauerte hinter jeder Ecke der Feind. Entweder kennt man hier schon jemanden oder man bleibt allein. Von der Leipziger Redseligkeit bezüglich der eigenen Weltansicht ist man hier meilenweit entfernt. Ich beobachte, wie ein kurzer Mann mit rot-weiß-schwarzer Häkelmütze aus der Menge zu einem langem Mann am Rand der Menge geht, um ihn mit der Liebenswürdigkeit eines geschwungenen Schraubenschlüssels vom Fotografieren abzuhalten.

»Ich will von ihnen nicht fotografiert werden!!!«

»Aber ich habe doch nur da drüben das Transparent fotografiert«, verteidigt sich der Randständige, dabei in eine vollkommen andere Richtung zeigend.

»Jaja!!! Von wegen!!! Ich will von ihnen nicht fotografiert werden!!!«

»Ich… ähm… ich… huh?«

Stotterte es und ward allein. Triumphierend kehrt der Kleine zu seinen Kameraden zurück. Diese, ebenfalls in rot-weiß-schwarzes Gehäkel gekleidet, lassen ihn hochleben. Er ist ein Gewinner. Gemeinsam grinst man funkelnd in die Richtung des bedröppelt Dreinschauenden und beschließt, den Langen im Auge zu behalten. Jagdgesellschaft und Beute – So hat jeder seine Aufgabe an diesem Abend. Am Ende sehe ich sie beide wieder, beide applaudierend, beide von den Reden gefangen.


Langsam erreicht der Versammlungsort seinen finalen Füllstand. Menschen sitzen entweder auf Treppen, Geländern und Bänken oder gleich auf der anderen Straßenseite auf dem Freisitz eines asiatischen Restaurants. Man reicht Bier nach. Die Gäste freuen sich über den Logenplatz. Langsam kriecht die Abendsonne über den Giebel des Bahnhofs. Die Studenten und der BüSoNaut sind nicht mehr zu sehen, für das Merchandising sorgen nun lokale Kräfte. Ein grauhaariger Mann im pseudosportlichen Bachmann-Ü40-Style verteilt Sticker, ganz eng an seinen Körper gepresst, als handele es sich um Marihuana. Der Stapel ist nicht klein, aber selbst die handverlesene Verteilstrategie dürfte schnelle Erfolge zeitigen, denn jeder nimmt noch einen »für die Kollegen« mit.

Immer auf uns. Immer auf die Dresdner! Immer auf die Deutschen!

Auch in Dresden ist man »gutbürgerlich«, vielleicht noch eine Stufe gutbürgerlicher und saturierter als in Leipzig. Hunger leidet hier augenscheinlich niemand. Die Insignien der PKW-Anreise (zu dünn angezogen) und des rebellischen Eigenheimbesitzes (zu dünn und quietschbunt angezogen) harmonieren mit rahmenlosen Rentnerbrillen in beigen Blousons. Damit sei nichts gesagt, aber alles gezeigt. Wer hiervon abweicht, trägt entweder Fußball-Fashion (Dynamo) oder gleich springergestiefeltes Military (Dresden).

Die PEGIDA-Prominenz jenseits der ersten Reihe badet derweil im Publikum. Besonders wirksam ist Edwin Wagensveld alias »Ed der Holländer«, ein breit lächelnder Dauermenschler, der noch ein paar Wochen zuvor von der holländischen Polizei für das Tragen einer Schweinemütze verhaftet worden ist. Diese stellt nun gewissermaßen sein Markenzeichen dar, und wenigstens ein halbes Dutzend Teilnehmer folgen seinem Vorbild. Auch eine Möglichkeit, in die Historie einzugehen, auch wenn es nur die der Polit-Clownerie sein mag.

Ein gänzlich anderes Kaliber ist Tatjana Festerling. Diese scheint inzwischen kaltgestellt zu sein oder mit einem selbst auferlegten Sprechverbot vor Ort die eigene Opferlegende stricken zu wollen. Damit träfe sie genau den hier herrschenden Tenor: Alle wollen uns am Zeug flicken! Wegen Volksverhetzung (Pah!). Wegen Schweinemützen (Wie albern!). Wegen allem (Typisch!). Wegen Wegen (die wir gehen!). Immer auf uns. Immer auf die Dresdner! Immer auf die Deutschen! Wird man ja nochmal barmen dürfen! Festerling sonnt sich hinter einer großen runden Sonnenrille im erfahrenen Zuspruch. Hier hat man das rhetorische Maschinengewehr der letzten Monate noch immer sehr lieb.

Um die Kundgebung herum patrouillieren jede Menge Ordner, doch nicht solche der Kategorie »Ich wollte eigentlich mitdemonstrieren, da hat mir einer eine Binde an den Arm getackert«, sondern ein professionell wirkende Truppe. Schon damals, als PEGIDA in Leipzig war, fiel mir auf, dass im PEGIDA-Umfeld eine ganz andere, deutlich durchorganisiertere Struktur mit völlig anderem Selbstverständnis herrscht. Leipzig und Dresden stehen sich im Verhältnis wie eine sommermüde Familie von Bassets am Strand gegen ein hungriges Wolfsrudel gegenüber. Alle sind mit allen vernetzt, fest choreografierte Laufwege decken jeden möglichen toten Winkel ab, es wird viel miteinander gesprochen, ständig die Lage sondiert. Wohlgemerkt: Es hat sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht eine einzige Person gezeigt, die in irgend einer Weise oppositionell aussah oder entsprechende Vorhaben andeutete. Der Erwartungswert für Widerrede beträgt praktisch Null. Nirgendwo hat die Polizei am Bahnhof auch nur ein einziges Hamburger Gitter stehen.

Mit etwas Verspätung beginnt PEGIDAs »Hymne«, jenes pathetische Synthesizer-Raunen mit zeitgenössischen Ich-sach-ma-Sprenkeln. Eigentlich will man angesichts der langen Klangmontage direkt eine Völkerschlacht anzetteln oder wenigstens auf dem Handy einen pathetischen Kommentar in die lokalen Zeitungsangebote hämmern. Hitler hatte Wagner, Bachmann einen Vangelis-Epigonen, wahrscheinlich den ebenso besorgten wie wenig launigen »DJ HappyVibes«. (Den Liedtext zum Mitsingen finden Sie übrigens hier)

Und doch bleibt es ein Erkennungssignal, mit Symbolkraft von den Besuchern der Demonstration aufgeladen. Menschen sprechen darüber, wie das Signal »jetzt« oder wenigstens »gleich« auch die Letzten heran locken wird. Dabei blicken sie auf jene, die jetzt noch abseits stehen oder sich gerade das zweite Bier beim Asiaten einverleiben. Man selbst ist ja schon da, kommt »…ja gerne etwas eher«.

»Da bekomme ich wenigstens noch einen guten Sichtplatz!«

»Uns reicht es ja auch, wenn wir was hören.«

»Ja. Das geht auch. Aber wenn man sich das so anschaut, das ist schon was besonderes. Hat man nicht alle Tage!«

»Da haste Recht. Aber manchmal ist mir…«

»Warte! Psst! Geht los!«

Bachmann beginnt. Ich möchte im Detail nichts von dem wiedergeben, was dieser Mensch über die Anwesenden ausgießt. Es ist schlicht nicht möglich, eine Vor-Ort-Analyse vorzunehmen, die auch nur im Entferntesten vollständig ist. Jeder halbwegs funktionierende Humanismus wirft spätestens nach zwei Minuten den Anker seiner Logik ins mäandernde Gekumpel der Redner. Das Geräusch des Eintauchens klingt wie ein »Moment mal, aber vorhin hatte er doch gemeint, dass…« und da wird es dann auch schon zu spät sein. Seine Rede ist das Gekeile eines verbitterten Menschen, ohne Form oder wirklichen Inhalt. Nichts von dem, was er sagt, verbessert irgend etwas, kein einziges Argument duldet Widerspruch. Dieser wird rhetorisch an der Oberfläche zum Schein zwar angeboten, doch weiter hinten im Text deutlich als unverzeihlich abtrünnig markiert. Jenes Dauerbeleidigen, welches er mit adäquater Kritikironie verwechselt, sorgt für körperliche Schmerzen. Bei mir zumindest. Und doch will ich die Eckpunkte seiner Ausfälle nicht unerwähnt lassen:

  • Lutz Bachmann scheint sich in der Sache um seinen »Schauprozess« wegen Volksverhetzung immens sicher. Die Justiz wird verlacht, die berichtende »Lügenpresse« sowieso. Keine Reue nirgends. Er prahlt mit den Berichten über seine Taten, als hätte er nichts zu befürchten, weil er weiß, dass er die nächsten drei Friedensnobelpreise abonniert hat, und zwar noch vor Jesus Christus und dem Dalai Lama. Doch wenn er sich so sicher ist, weshalb bedankt er sich für den Zuspruch, weil er ihm »Kraft gibt, den Quatsch durchzustehen«? (500 Unterstützer wurden erwartet, von denen nur rund 100 erschienen sind.) Weshalb widmet er dem Thema überhaupt Raum in seiner Rede, wenn es doch so offenkundig belanglos ist? Eine Überkompensation aus schlechtem Gewissen und Unsicherheit heraus?
  • Niemand spricht so offensiv verletzend in Anführungszeichen wie der Häuptling der PEGIDA. Hätte ich Germanistik oder Geschichte studiert, wüsste ich, welches mein Promotionsthema wäre: PEGIDA und die LTI, also die Analyse der Sprache des sogenannten Dritten Reiches. Dieses absolut lesenswerte Buch des Dresdner (!) Philologen Victor Klemperer, 1947 erstmals erschienen, beschreibt die heutige Bachmannsche Diktion bis ins Letzte: Der superlative Größenwahn in einfach allem (»erdrutschartiger Sieg der FPÖ«); die permanente Verächtlichmachung von Gegnerkonstruktionen bzw. Politikern (»Bübchen«, »Politiker-Kaste«); das Umschreiben und Verschleiern, um sich juristisch nicht angreifbar zu machen. Beispiel: Die Zeuginnen der Anklage im Bachmann-Prozess haben sich schon allein deshalb disqualifiziert, weil sie »vom Staat« ihre Mittel beziehen. Pikant: Es handelt sich dabei um eine alte Facebook-Bekanntschaft und deren Mutter. Den Staatsanwalt zitiert er »sinngemäß« mit der Aussage, dass er keine Beweise bräuchte, wenn es Zeugen und Indizien gäbe, um ihn gleich darauf in die Ecke eines »Volksgerichtshofes« zu stellen.
  • Bachmann hat das Lachen zwischen Angst und Abscheu kultiviert und alle auf der Bühne folgen ihm darin. Es werden allumfassende Repressionssysteme beschrieben (Der Staat! Die Justiz! Die Linken! Die USA! Der Islam!) und eine Weltverschwörung, wahrscheinlich zu Gunsten der Zahnfee, regelrecht herbei gefleht. Doch bevor die Stimmung ins Unglaubwürdige kippt, die sterile Konstruktion eines hetzenden Geistes als solche wahrnehmbar wird, flicht er zum Beispiel einen Namenswitz ein. So wird beispielsweise aus dem Justizminister das Maasmännchen oder der Maasturbator, aus dem SPD-Politiker Stegner Pöbelralle von der Scharia-Partei, aus der SPD-Politikerin Yasmin Fahimi eine Fahimimimi und SPD-Parteichef Gabriel der Fast-Sonderschüler Sigmar. Wo er fürchtet, das sein Sarkasmus über die Köpfe der Zuhörer hinweg rauscht, markiert er wie ein Souffleur die Äußerungen mit einem kehligen Ankichern.
  • Bachmann nutzt den Sieg der FPÖ in Österreich und sattelt schamlos darauf auf – Schließlich sei man ja mit Parteichef H.C. Strache befreundet! Dass der Wahlsieg vielleicht nicht reichen wird, ist aber auch PEGIDA klar und in gewohnter Manier wird daraufhin gleich die passende Verschwörungstheorie hinterher geschoben: Natürlich werden die »Volksverräterparteien« alles tun, um den Sieg im zweiten, notwendig gewordenen Wahlgang zu verhindern. Fraglos muss das in Aussicht Stehende der FPÖ ein anderes, ein besseres System als das deutsche sein, in dem eine anmaßende, »…arrogante, volksferne, fett gefressene, selbstverliebte Politikerbrut« dem Volk nichts zutraut, gleich welchem Spektrum er entstammt. Übrigens: In dieser Aufzählung verortet sich PEGIDA in der gesellschaftlichen und politischen Mitte. Keine Pointe.

Das Publikum folgt Bachmann in jede argumentativ noch so stinkende Klärgrube. Hauptsache jemand anderes bekommt auf die Fresse. Es ist das Lachen der Davongekommenen, der vom Wortwitz verschonten. Alle sind konzentriert bei der Sache, schließlich gilt es, die moralische Grundeinstellung für die nächsten sieben Tage zu justieren. Anders als bei LEGIDA finden hier kaum Nebengespräche statt, und wenn, dann nur über das eben Verkündete. In wenigen Worten stimmen sich alle mit ihrem Nachbarn ab, ob die das auch so finden (»Da hat er Recht!«), und wie großartig »der Lutze« heute wieder drauf ist (»Sehr!« – »Wahnsinn!« – »Weltklasse!«). Die Witze zünden, Männer und Frauen, alte wie junge lachen laut auf, schauen sich mit tränennassen Augen an, schütteln anerkennend den Kopf. Man muss dem Volke auf das Zwerchfell hauen, um ihre Herzen unbemerkt vergiften können. Es ist eine um sich selbst kreisende Befreiungsbewegung im Hamsterrad des Hasses Gefangener.

Nach Bachmann spricht, klagt, hetzt, brüllt, stolpert Michael Stürzenberger, ehemaliger Pressesprecher der CSU und ehemaliger bayerischer Landesvorstand und Pressesprecher der Partei »Die Freiheit«, ins Publikum. Er wird als Koran- und Islamkenner angekündigt und ist darüber hinaus führender Kopf der Münchner Ortsgruppe von Politically Incorrect, des als verfassungsfeindlich eingestuften Online-Medienportals, das auch das Hintergrund-Banner auf dem PEGIDA-Wagen stellt. Gesellschaftliche und politische Mitte? Immer noch keine Pointe.


Stürzenberger war auch schon bei LEGIDA, und wer das gesehen und gehört hat, hat eigentlich schon alles gesehen und gehört. Bemerkenswert: Mit zunehmender Ermüdung verfällt die sonst recht am Hochdeutschen orientierte Aussprache ins Rhönerisch-Hessische zurück, so dass er wie ein keifender Heinz Schenk wirkt. »Europa muss de-islamisiert werden, sagt Geert Wilders, Europas mutigster Politiker«, heroisiert Stürzenberger. »Jawolll!«, applaudiert das Publikum. »Die Schande sind diejenigen, die PEGIDA bekämpfen!«, sagt Stürzenberger. »Volksverräter!«, ruft die Masse. Stolz könne man sein, dass die AfD die PEGIDA als Vorfeldorganisation betrachtet, ein Kompliment gar, fordert Stürzenberger zur Anerkennung auf. Naja, warum nicht. Hat was mit Stolz zu tun. Klatschen mor halt mal.

Bratwurst, Baby, Bratzen

Anders als bei Bachmann schweifen die Menschen während Stürzenbergers Rede ab. Die inflationär gesetzten Jubelpunkte gehen häufig ins Leere. Da sein Vorredner bereits allen Treibstoff verbrannt hat, bleiben für ihn und die Folgenden nur noch Brosamen. Weil man das Eisen schmieden soll, so lange es noch heiß ist, beginnt Stürzenberger mit 98% Intensität. Doch logischerweise kann man diese im maulfaulen Sachsen nur noch wenig steigern. Da nützen auch nicht so skurrile politische Agenden wie die Forderung an »den« Islam, sich »schriftlich und für alle Zeiten« von »der Gewalt, dem Töten, vom alleinigen Machtanspruch, der Intoleranz, der Frauenunterdrückung und der Scharia distanziert« – und zwar »endgültig«. Wo Stürzenberger herkommt, gibt es dafür bestimmt auch ein Formular, das dann der Islam unterschreibt. Hat er das erledigt, darf er dann auch Moscheen in Deutschland bauen. So einfach wäre das. Nicht mal das könnense.

Am Rande der Demonstration entdecke ich Rene Jahn, der zu jenen gehörte, die den Geist PEGIDA im letzten Jahr aus der Flasche gelassen haben. Als Bachmann es in den Augen des Orga-Kommitees übertrieben hatte und in die zweite Reihe abrücken musste, auf dass sich die erste zu Tode siege, trat Jahn wenig später zurück: »Wir wollten uns klar von den rechtsradikalen Äußerungen Bachmanns distanzieren. Bachmann bestand aber darauf, im Orga-Team zu bleiben. Dies konnten wir nicht mit unseren Vorstellungen einer Organisation der bürgerlichen Mitte vereinbaren«. (Quelle: MOPO)

In der Zwischenzeit fordert Stürzenberger zu Protestaktionen gegen die Infostände der Ahmadiyya-Gemeinschaft auf, die plant, in Dresden eine Moschee zu bauen. Als er am Ende seiner Rede seinen eigenen Prozess wegen Verhetzung und Herabwürdigung religiöser Lehren in Graz beweint, gehen die Gespräche in den hinteren Zuschauerreihen schon um ganz andere Dinge. Manchen ist kalt. Andere müssen mal. Und auf der anderen Seite der Demo ist das Bier immer besser als auf der eigenen. So verpassen sie den besten Hirntwist aller Zeiten: In erster Instanz wurde er zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt – In seiner Berufungsverhandlung will er aber allen »hoch erhobenen Hauptes« zeigen, dass es ihm gleich ist, dass er verurteilt wird! Unbeeindruckt steht Jahn in der Sonne und betrachtet sein verstoßenes Baby. Allein, eine Bratwurst essend. Banalste Symbolik kann er, der Weltgeist.

Apropos Bier, Welt und Geist: Mittlerweile sprich der Holländer-Ed. Über alles. Und jeden. Alles ist schlecht. Jeder ohnehin. Am schlimmsten: Die da oben. Am edelsten: Die hier unten. Skurrilste Forderung: Wir müssen nicht das Gesetz zur Beleidigung befreundeter Staatsmänner ändern. Keine vierzig Minuten zuvor nannte Bachmann den türkischen Präsidenten »Mörderhahn«. Kann man machen. Selten hätte man sich eines Tyrannen eleganter entledigt.

Ich selbst bin mittlerweile fertig und will einfach nur noch weg. Aber ich bin ortsfremd und habe keine Ahnung, wohin ich eigentlich gehen muss, um am Geschehen bleiben zu können, aber das selbstmitleidige Gedeutsche nicht mehr mit anhören zu müssen. Artikel 1 der PEGIDA-Verfassung: Alle Selbstgerechtigkeit geht vom Volke aus. Hier ist man wieder wer, weil der Andere zu einem Nichts gemacht wird. Mir wird klar, dass das, was der Dresdner Politikwissenschaftler Patzelt formuliert hat, die Gesetzmäßigkeiten sind, unter denen PEGIDA als sich selbst legitimierender Machtfaktor funktioniert. Doch anders als Naturgesetze, die analytisch herausgearbeitet werden müssen, werden sie von professoraler Seite kodifiziert, amtlich gemacht, mit Weihen versehen, als Rollenmodell und Prozessstruktur gelebt – unhinterfragt, schließlich hat das ja alles eine Autorität verfasst…

Über Twitter nehme ich Kontakt zu meiner Kontaktperson auf, von der ich bis dahin nicht weiß, wie sie eigentlich aussieht. Wir verabreden uns beinahe konspirativ, die Augen der Wölfe sind scheinbar überall. Als ich sie treffe, lächelt sie mich an. Man mag es als nur kleine Geste verkennen, aber sie hat Wirkung. Wir nehmen keinen direkten Kontakt auf, weil ich befürchte, durch eine der vielen Kameras meine Tarnung einzubüßen. Alles, was sich nur ein wenig abseits aufhält, wird mit großer Aufmerksamkeit abgescannt. Jeder als Journalist erkennbare Mensch erhält einen Schatten. Später kann man in PEGIDAs Live Stream sehen, wie der bereits leere Platz en detail vermessen wird. Jede verdächtig aussehende Person wird angezoomt. Einmal wird minutenlang auf einen herrenlosen Rucksack an der Haltestelle gehalten. Ob das legal ist? Wie auch immer: Ich bleibe.

Im zweiten Teil: »The sound of silence«

Schubél