#DD1610

Tiefes Land, flaches Land. Lang sind die Felder, raubraune Furchen neben im Wind grünzitternden Erinnerungen an den Sommer. Eine Goldkante unter dem Horizont, baumbegrenzte Alleen, ab und an ein Auto. Wir wollen nach Dresden. Wir lassen alles zurück, wieder einmal. Doch vor allem: Farbe und Lachen.

Morgennebel überdeckt Sachsen. Im Regionalexpress: Ein Damenausflug, Zoten reißend, Sekt trinkend, Leben genießend angetrieben von Apfel- und Holunder-Geschmack. Das Land befindet sich offiziell im bunten Herbst, doch wir fahren in die sächsische Hauptstadt, hinein in einen braunen Frühling völkischer Selbstverliebtheit.

Das Land wird hügeliger, das Ziel kündigt sich leise an. Raben auf Feldern durchschreiten die langen Furchen. Rote Dächer verraten Ortschaften, die sich in kleine Baumgruppen zu flüchten scheinen. Täler, die sich in ihrer Landschaft verbergen wollen. Eine Ausflüglerin berichtet vom 3. Oktober in Dresden. PEGIDA war schlimm, ihr Gebrüll habe ein schönes Konzert zerstört, den Tag ruiniert. Als sie die Fahrkarten kontrollieren möchte, reicht man der Zugbegleiterin einen blauen, penisförmigen Flaschenöffner, auf dem »Mallorca« geschrieben steht. Eine Welle Unbeschwertheit schwappt durch den Waggon. Fast ist es so, als hätte ich auch einmal gelacht, mit den anderen, auf dem Weg nach Dresden, irgendwann einmal.

Der Hauptbahnhof gleicht einer Kaserne. An allen neuralgischen Punkten stehen dutzendweise Polizisten. Sie verstellen Aus- und Eingänge, niemand soll hier schneller laufen können als in einem Schwimmbad, vor allem aber: unbeobachtet. Der Zug leert sich allmählich. Es steigen aus: Linke (schlimm), Durchreisende (gestresst), PEGIDAs (in Feierlaune), die Zugbegleiterin (um wieder einzusteigen). Neben dem Bahnhof, auf PEGIDAs Ausweichplatz, tönt die Stimme eines Demonstrationsanmelders. Aus einem großen roten Transporter schallen die Auflagen des hier und heute geplanten Gegenaufzugs über den Wiener Platz. Ein paar Meter weiter trifft sich eine knallpinke Trommlergruppe. Ein paar Meter weiter stehen PEGIDAs, ebenso gerade erst angekommen, in der einen Hand eine Bierdose, in der anderen eine Zigarette (elektrisch und konventionell) sowie ein Smartphone. Kritisch beäugen sie das vor ihnen stattfindende Spektakel, eilig appen sie whats oder booken einige Schnappschüsse face. Unschlüssig sprenkelt die Polizei vor den Eingängen herum und verdirbt die Bildkomposition mit anlasslosen Kontrollen, vor allem von Personen, die offenkundig und aus welchem Grund auch immer bei der deutschen Nationalhymne nicht mitsingen würden.


In der Einkaufsmeile der Stadt: Zwei arabische Knöpfe rollern rasselnd und quasselnd über PEGIDAs ehemalige Demonstrationsstrecke. Asiaten, die Tauben füttern, zu McDonalds gehen, pullern, Gebäck kaufen, wieder nach draußen zu gehen, um weiter zu füttern. Ein Polizeiwagen mit Erfurter Kennzeichen wendet in der Fußgängerzone, fährt vor und zurück, dreht, wieder zurück, wieder vor. Es hat den Anschein, als hätten sie sich zwischen Mülleimern und Imbissbuden verfahren. Dann gehen die Türen auf. Eine Gruppe dunkelhäutiger Menschen wechselt ostentativ die Straßenseite, aber nicht wegen der Polizei, sondern um dem Dutzend Glatzköpfen und Undercuts, welche ihnen gerade entgegen marschieren, auszuweichen. Am Springbrunnen hält ein Vater sein Kind vom Ertrinken ab. Die Asiaten fotografieren sie nun, während sie immer noch Vögel füttern.

Die selben Wege, die selben Gesichter. Fressbuden umstellen den Altmarkt, augenscheinlich ein von einer Firma namens »Walhalla« organisiertes Street-Food-Festival. Auch wenn diese offenkundig nicht mit rechter Politik zu tun haben, ist es doch ein eigentümlicher Zufall. Germanen, Bier, nordisches Mythengut und das alles in der deutschen Patriotenstadt? Auch heute verdient sich der Weltgeist einen Shitstorm. In der Ferne zeichnen sich bereits Frauenkirche und historische Gebäude ab. Dresden, du Schöne, denke ich, bist hasslich geworden, seit Dich die Besorgnis ein ums andere Mal von oben bis unten bedeutscht. Vielleicht bist du das aber ja auch schon länger. Oder immer und ich habe es nie erkannt, weil du so schöne Kleider trugst.

Um zu PEGIDA und Co. zu gelangen, braucht es grundsätzlich nicht viel. Durch die Reihen der Polizei gelangt man stets in höfischer Devotheit, gerne auch anbiedernd lächelnd. Vorausgesetzt, man kann Empathie und Logik abschalten, kann jeder dorthin gelangen. Im Pulk selbst fällt man nicht auf, selbst wenn man es will. Kleidet man sich zudem so zwöfjährig wie möglich ist man sofort Teil einer großen Wolke aus Misstrauen und Verachtung. Auch ohne Ortskenntnisse findet man schnell das Aufmarschgelände. Man muss einzig jenen Leuten folgen, die gerade noch ihre Fahnen in handlichen Rollen durch die Stadt tragen; die mit zusammensteckbaren Fahnenstangenkonstruktionen an Ampeln warten; die in selbst geschneiderten Stofftragetaschen ihre Schilder transportieren.

Vorbei am Taschenbergpalais, wohl dem Luxushotel der Stadt, strömen sie und meckern auf den Ami, dessen Fahne hier auf Halbmast hängt. »Nee, das ist Kuba!«, belehrt ein Anderer. »Achso. Na dann. Die sind ja mit uns auf einer Seite, gegen den Ami und den ganzen Dreck!«. Der Dialekt klingt nach Mansfelder Land, doch bei aller gefühlten Internationalität übersehen beide, dass es sich um die Flagge Thailands handelt. Das tut dem Zorn, der stets ein gerechter ist, jedoch keinen Abbruch. Innerhalb von zwei Minuten schwingen sie sich vom Kalten Krieg zur Krim zur Lage in Syrien zum einzigen Retter »Putin! Putin! Putin!« zur großen Sehnsucht nach Ordnung.

Vor dem Theaterplatz treffe ich Johanna wieder. Zwei Konstanten bietet diese Stadt: Als Sehenswürdigkeit verkleidete Ruinen und eine kleine Frau, die Woche für Woche gegen PEGIDA anläuft. Unspektakulär, unermüdlich, unbelohnt. Wie auf Zuruf fährt ein Stretch-Trabi an uns vorüber, als wolle er die stoffelige Bräsigkeit eines ganzen Bundeslandes illustrieren. Nebenan gibt eine mit zwei Schildern bewehrte Frau ein Interview. Stolz hebt sie ihren Slogan in den Blick der Kamera: »Wir sind die Störer von 1989«. Diesen Augenblick nimmt ihr keiner, jetzt ist alles gesagt und was noch fehlt, wird selbstbewusst eingesprochen. Nicht auszudenken, wo unsere Gesellschaft heute stünde, verharrten Menschen wie sie nicht so verzweifelt in ihrem Bild vom Gestern.

Für mich ist es das erste Mal, dass ich auf PEGIDAs Stammplatz gehe. Zwischen Semperoper, Italienischem Dörfchen und Hofkirche haben sich bereits Tausende versammelt. Ich bin auf gruselige Weise beeindruckt, doch schnell holt mich ein älteres Pärchen wieder in die Realität zurück. Er blickt auf die Oper, sie über den Platz.

– Wenn ich das schon sehe: Weltoffenes Dresden, krakelbunt an die schöne Oper gehangen! Die werden schon sehen, was sie davon haben, wenn sich der Wind dreht.

– Eis.

– Was?

– Die haben hier nur Eis. Da und dort: Nur Eisverkäufer.

– Aber du hast doch gerade was gegessen.

– Ja, aber für später. Eine Bratwurstbude wäre schön gewesen.

– Der hätte heute richtig ein Geschäft gemacht.

– Es gibt aber nur Eis. Naja. Was hattest du gesagt?

– Na hier, na dort: Die bunten Banner! Als ob das helfen würde! Das sieht doch bloß doof aus. Aber die werden sich noch wundern.

Zwischenzeitlich verirren sich auch Touristen aus aller Welt auf den Theaterplatz. Mit allen möglichen Gadgets fotografieren sie das wogende Fahnenmeer. Manche stellen sich direkt neben auffällige PEGIDAs, spreizen Zeige- und Mittelfinger zu einem „V” und genießen die Show. In gebrochenem Deutsch verständigt man sich, die Touristen hingegen sprechen Englisch. Wo kommt ihr denn her? Was denkt ihr denn, was das hier ist? Nein, wir sind die guten Deutschen, no nazis, wo denkt ihr hin! Nur Pättriots, ni?! Wenn die Vokabeln fehlen, wird automatisch lauter gesprochen, man ist ja hilfsbereit.

Am Fuße des König-Johann-Denkmals spielt Musik. Deutsches Liedgut, remixed und unplugged, Gitarre, Trommel, Akkordeon. In einer Kiste liegen liebevoll ausgedruckte und zusammen getackerte Textzettel, man hat viel vor. Ältere Herrschaften, melodiesicher aber vom neuen Text stellenweise überfordert. Junge Menschen, schamvoll nur Lippen bewegend, vom Text begeistert, vom Groove enttäuscht. Der Gitarrist trägt eine Sonnenbrille über seiner normalen Sehhilfe, wahrscheinlich im frommen Wunsch, später nicht erkannt zu werden. Eine junge Frau in der Mitte, angezogen wie die Klischeeversion einer französischen Resistance-Kämpferin, ist unentschlossen, ob sie ihr Notenblatt nur halten, oder auch mitsingen soll. Je länger ich dort stehe, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, dass sich das Denkmal in eindeutiger Absicht von seinem Sockel über den Platz in die Elbe flüchten will.


Ich erkenne Gesichter, die ich schon bei LEGIDA in Leipzig sah. Da ist der Häuptling mit seinem Weltverschwörungsdoppelhalter! Ich sehe einen Mann, der auf Demos andere Fotografen fotografiert und mir hernach einen Vortrag über die hebräische Herkunft von Blog-Namen hielt. Da ist auch ein alter, verbrauchter, an Krücken gehender Mann mit zu vielen Raucherpausen im Gesicht und vielleicht seinem Sohn, der eine Anti-Antifa-Jacke trägt und ansonsten jeder Ausführung seines Altvorderen still zuhört. Tatsächlich hat sich hier heute die Creme de la shit versammelt, um zwei Jahre PEGIDA zu feiern. Ihre Fahnen wollen es nicht verheimlichen, und die Schilder verraten es: Das Reich tritt zusammen und hält Heerschau. Wie viele mag das Bündnis noch zusammenbekommen?

Eintauchen in die Masse. Orte. Überzeugungen. Begrüßungen. Slogans. Burkau, Celle, Erzgebirge, »Merkel – Späte Rache der Stasi«, Bad Gottleuba, Bannewitz, »Unsere Heimat! Unsere Gesetze! Unsere Kultur!«, Radebeul, »Odin statt Allah«, Meißen, »Klagt nicht, kämpft!«, Ottendorf-Okrilla (»belegt!«), »Refugees Not Welcome!«, »Integration Scheitert Letztlich An den Muselmanen«, Bautzen, »1-2-3 – Danke Polizei!«, Schönfelder Hochland, »Wir wollen die Macht!!!«. Es shittet bull. Aber heftigst. Ich muss weg, flüchte vor »Asylfront«, »Volk« und »Wo ist in London das Denkmal für die ermordeten Dresdner?«.

Am Rande: Plötzlich echte Erregung. Eine ältere Dame steht dort, mit einem laminierten Zettel: »Kein rassistischen Schmutz ohne Lutz«. Selbst die PEGIDA-Ordner erkennen, dass sich hier kamerataugliches Konfliktpotenzial zusammenbraut und Bilder entstehen könnten, die niemand haben will. Schnell holen sie ein paar Polizisten herbei, die mit der Dame in Kontakt treten, um sie davon zu überzeugen, dass es besser wäre, sie ginge nun woanders hin. Vielleicht zur Gegendemo, die sorgfältig in die Unsichtbarkeit weggeblockt wurde? Aber darauf lässt sie sich nicht ein. Sie bleibt. Der Polizist versucht es noch ein paar Male, wird amtlich, scheitert aber letztlich. Irmela Mensah-Schramm, die »Polit-Putze«, Jahrgang 1945, kürzlich erst wegen Sachbeschädigung von einem deutschen Gericht verurteilt, weil sie Nazi-Dreck in menschenfreundliche Botschaften umwandelte, hat ihre Hausaufgaben gemacht und heute das große Rückgrat dabei. Sie bleibt und beschämt somit eine ganze Stadt, die es wieder einmal nicht geschaft hat, gegen die Menschenfeinde in ihren Straßen Flagge zu zeigen.

Durch den Kordon von Polizeifahrzeugen ruft und trommelt vorsichtiger Gegenprotest. Am Ende des Tages werden es drei-, vielleicht vierhundert Menschen sein, die sich versammelt haben, um sich den namenlosen Hetzern zu stellen, um eine Grenze zu setzen, laut zu sein, nicht zu schweigen, unbequem zu sein, weil man noch eine Zukunft haben will, weil doch jeder eine braucht. Natürlich werden sie ausgelacht, weil die Masse nur in Zahlen denkt und die kleinen Egos der Illusion von Größe erliegen, wenn sie auf einem Berg von Scheiße stehen. 400 – was ist das schon? Und doch: Sie beschäftigen sich mit euch. Hört nie auf. Auch hier sehe ich bekannte Gesichter, teils aus meiner Stadt, teils aus Dresden selbst.

Ich suche für einen Moment Abstand von all dem. Unauffällig reihe ich mich in den nicht enden wollenden Touristenstrom ein, fließe mit ihm vom Platz, durch Toreinfahrten, in Gassen, um Ecken. Ein Straßenmusiker mit Gitarre singt zappelig gegen sein Echo an, was den Leidtext zu einem »HerpherpHerpes on heavens door« verkommen lässt. Ein Kutscher mit Cowboyhut konkurrieren mit Busreiseunternehmen um die beste City-Tour und taucht mit einem Schlag die Gasse namens »Stallhof« in Pferdeduft. Timing ist alles. Ein anderer Straßenmusiker richtet sein Steeldrum und eine orgelpfeifenhafte Konstruktion aus Kunststoffrohren und Klappen ein, um in echter Handarbeit echten Synthie-Pop zu produzieren.

Der absurde Kontrast hilft. Durchatmen. Durchfühlen. Durchdenken. Durchfragen. Will diese Stadt eigentlich Hilfe? Oder nur einige Wenige? Welche Zukunft haben Menschen, die vor dieser stets flüchten, um in einem Gestern zu leben, das sie für das Heute halten? Wird die nächste Sehenswürdigkeit das Mahnmal für die Opfer des Sofamagnetismus? Aber was frage ich Kulissen. Sie können nicht antworten, ganz gleich, ob ein Hauptdarsteller oder ein bloßer Statist wie ich fragen.

Kurz bevor ich wieder auf dem Theaterplatz bin, liest eine andere ältere Dame für ihre Reisegruppe die Transparente der eingekreisten Gegendemonstranten vor. Sie kann nicht alles erkennen und ihr Tonfall signalisiert Verwunderung. Doch beim letzten erfasst sie mit aller Klarheit den Sinne des ganzen: »Nationalismus raus aus den Köpfen – Das stimmt!«. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die mich glücklich machen. Das war ein großes.

Noch immer ist PEGIDA nicht verschwunden. Nach dem gefühlt dreihundertsten Versuch haben es die Veranstalter endlich hinbekommen und spielen etwas geschmacklos zusammen montierte Geschichtsklitterung. Ein lokaler Schallplattenalleinunterhalter hat zu diesem Zweck Zitat an Zitat gereiht, seine bräunlichen Hintergedanken in Sepia getaucht, es »patriotischen Dokumentary Pop« genannt und riefenstahlesk mit dem synthetischen Gejammer einer kastrierten Bontempi-Orgel unterlegt. Eine fast 19 Minuten lange PowerPoint-Präsentation, die auch dem letzten zeigen soll, was schief läuft und wer Schuld ist. Hier. An allem. Immer. Die entsprechende CD ist für 10 Euro (West) erhältlich. Schweine-System.

Auflösungserscheinungen: Die ersten Leute verschwinden. Die zum Gehen Bereiten, aber noch nicht ganz Abgewanderten werden von den Medien abgefangen. Die Bildkulisse stimmt, links die Semperoper, im Hintergrund die Fahnen, Sonnenschein. Wenn der O-Ton lacht, nimm Blende acht. Einige PEGIDAs gehen vorbei, schimpfend (»Lügenpresse!«), kommen wieder zurück, damit man sie akustisch und inhaltlich auch versteht (»Lügenpresse! Allesamt!«), gehen wieder, kommen zurück, »…damit das klar ist…«. Andere wiederum referieren über Gott und die Welt und warum der eine der anderen etwas schuldet oder anders herum. Vor allem ausländische Journalisten werden erst einmal breit in die Genese der Proteste eingeführt (»Alles Schweine! Außer wir!«), was historisch meist irgendwo bei der Schlacht im Teutoburger Wald beginnt und bei Merkels »Wir schaffen das« endet.

Der Diskussionsstoff, aus dem die Dinge hier gewoben werden, nennt sich Ausländer und Asylanten. Deren Nutzlosigkeit liegen auf der einen Hand, die Lösungen (»Endlösung, höhöhö!«) auf der anderen. Wenn die deutsche Wirtschaft dies täte, wenn die deutschen Frauen das täten, wenn die deutsche Politik bezüglich Pflege und Senioren endlich begriffen, dass… Menschen, die aus Not herkamen, werden objektiviert, funktionalisiert, nach Passfähigkeit für einen Markt oder Sozialversicherungssysteme taxiert. Von der Bühne ergeht ein Appell an die deutschen Obdachlosen, die sich erheben sollen, um gegen die Politik zu kämpfen, die sie auf der Straße, Flüchtlinge (»Jedoch!«) auf warmen Matratzen schlafen lässt. Die Kronzeugen dieser Verachtung sind prominent: Der Berlin-Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky (SPD), Polizei-Gewerkschaftler Wendt (CDU), der ehemalige BILD-Journalist Fest (früher Lügenpresse, jetzt AfD), Thilo Sarrazin (unter Umständen SPD). Ihre Illusion von Überblick erwächst aus Schwach-Sinn, die schamlos offen verrichtete Notdurft ihrer Meinungen eine dämonisch stinkende. Sie haben nichts von sich zu berichten, weil sie letztlich nicht leben, bloß existieren. Nur die Gespinste ihres Wahn-Sinns von Macht aus Historie, von Größe aus Technik, von Status aus Geburtsortszufall umwehen sie in ihrem täglichen Scheitern, welches letztlich alle verrückt macht, während sie sich dennoch als echte Philosophen wähnen.

Däbritz redet, schwitzend, die national befreite Zone über national enthirnte Einheit sich wünschend:

»Im Gegensatz zur Berichterstattung ist PEGIDA eine wirkliche Bereicherung für Dresden. […] Die Tatsache, dass sich Rentner, Frauen, Nicht-Muslime, alle Ungläubigen freier und sicherer in der Öffentlichkeit bewegen können als anderswo – in den verlorenen Städten Deutschlands – wird der größte Standortvorteil Mitteldeutschlands überhaupt werden.«

Stürzenberger redet, binladenesk den Zeigefinger erhebend:

»Berlin ist die Zentrale der Volksverräter. Am Reichstag steht „Dem deutschen Volke« und das macht dort keiner mehr. Deswegen muss nächstes Jahr die AfD in den Bundestag. Das ist der politische Arm unserer Bewegung. Die werden das politisch umsetzen, was wir auf der Straße fordern.«

Sellner redet, sich seiner Verantwortung als identitärer Posterboy bewusst und stets durch die Haare fahrend:

»Kein Fußbreit für Multikulti-Wahnsinn im Osten – Der Osten hält stand! […] Was ist Meinungsfreiheit wert, die, wenn man sie ausübt, einem den Job oder die Freunde kosten kann? Was ist Demonstrationsfreiheit wert, wenn eine radikale linke terroristische Gruppe wie die Antifa vom Staat toleriert wird? Was ist eine Demokratie wert, wenn man für seine Meinung ins Gefängnis kommen kann?«

Elsässer redet, umgepolt, undeutlich, russisch, umwerbend:

»Manche Teile der alten Bundesländer sind Teil einer islamisch besetzten Zone. […] Ich bitte unsere Freunde von der Polizei: Schützt uns. Schlagt lieber einmal zu viel zu, als einmal zu wenig. […] Und wenn ihr zum Schutz des Volkes und zum Schutz eures eigenen Lebens zur Anwendung von Schutzwaffen gezwungen seid, dann habt ihr unsere volle Unterstützung – bitte macht das! […] Will die AfD über 30% kommen, braucht sie den Schulterschluss mit PEGIDA, eine Wahlkampagne untersetzt mit dem Bürgeraufstand im ganzen Land.«

Sandvoß redet, wie Frau Eule über die Lesebrille blickend und sich bitterlich über ihre Facebook-Sperre beklagend:

»Wie nennt man eigentlich eine Regierung, die massenweise Gesetze bricht, um Millionen Fremde meist muslimischer Kultur hier einzuschleusen? Wie nennt man eine Regierung, die nichts, aber auch gar nichts für das eigene Volk tut, aber wildfremde Menschen, die hierher gekommen sind, um sich finanziell zu bereichern, mit Geld und Fördermaßnahmen überschüttet? Wie nennt man eine Regierung, die dem Volk die Meinungsfreiheit nimmt und die Bürger mit wüsten Drohungen einschüchtert? Richtig: Volksverräter!«

Kubitschek redet, Politik als zu rezensierende Talkshow begreifend, ohne Notwendigkeit, dem johlenden Pöbel gegenüber seine Abscheu als intellektueller Aristokrat zu verbergen:

»Der Westen ist das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, der Osten nicht. Der Osten hält stand!«

Rede Bachmann: »Martin, vielen Dank, dass du da warst, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Die Renate natürlich. Micha wie immer: Klasse Klasse. Ramona, du bist erst noch dran, du noch ni. Jürgen, vielen lieben Dank, dass du da warst. Ganz großes Lob. Götz: Eine sensationelle Abschlussrede. Tommy: Thank you for coming here.«

Auf dem Theaterplatz traf sie sich, die untere und mittlere Schicht eines historischen, aber schon von der Globalität überfahrenen Residenzdorfes Dresden. Handwerker, Rentner, Ingenieure, Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger, Männer, Frauen, Alte, Junge, Kinder, Eltern, Nazis, Kommunisten, Gekämmte, Ungewaschene, Linke Beobachter, Rechte Fotografen. Ein ständiges Belauern, greifbares Misstrauen. Der Theaterplatz ist das Zentrum einer dumpfen Kleinwelt brutaler Gemeinschaftszerstörung. Nichts findet mehr den Weg zum wärmenden Dissens. Alles ist Funke und die Explosionen der Unversöhnlichkeit sind nur noch eine Frage der Zeit.

Hysterisch lachend gehen ältere Leute an uns vorbei. PEGIDA ist für heute beendet, alles strömt zu den noch nicht von Gegendemonstranten blockierten Ausgängen. Wie Kinder, die sich betont laut ihre Angst weg gackern, schauen sie auf die Transparente der Ein-Frau-Gegendemo. Ihr laminierter Aphorismus ist das Monster unter dem inneren Bett, in denen PEGIDAs Arroganz von Dienstag bis Sonntag schlummern geht. »Hahaha! Nazis! Hihihi! Von wegen! Huhuhu! Wo denn, wo denn? Wo sehen sie, hihihi, denn hier Nazis?! Hahahaha! Hier doch nicht! Da drüben, dort. Und sie! Linksfaschisten!!!«. Dann der Übergriff: Männer entreißen Mensah-Schramm das Plakat, zumindest versuchen sie es. Großes Bohei, all jene, die bisher nur zittrig in der dritten Reihe standen, sehen nun ihre Chance und rennen zum hot spot, um auch nochmal das zu sagen, was man ja sonst nicht sagen darf. »Warten sie ab«, kreischen sie. »Wenn die Islamis hier sind, und ihnen den Kopp abhacken und ihre Töchter in der Mitte auseinander ficken – Dann könnense sich gerne nochmal mit einem Schild hinstellen!«. Das tat gut. Das musste auch mal sein. Scheiß Gesinnungsdiktatur. Dann wird alles braun.

Wir sitzen wieder im Zug, umgeben von einer fränkischen Reisegruppe, vollkommen frei von allen sächsischen Sorgen. Ich lerne: In ihrem Dialekt hat »Orschkotzl« nichts mit Durchfall zu tun, sondern bezeichnet das, was wir hier als »Eichhörnchen« kennen. Außerdem sind die Kinder in ihrer Region immer sehr hungrig. Gut die Hälfte der Zeit ging es um die Zubereitung, das Verschmähen und den angeschlossenen Familienkrach bezüglich arbeitsreicher Mittagessen. Auch trinken und essen ihre Enkel und Kinder ständig Dinge, die dafür nicht gemacht sind: Weichspüler, Düngestäbchen und Lampenöl. Es herrscht dennoch unausdenkbare Seligkeit zwischen Runterschlucken und Auskotzen.

War was?, fragte mich die Galaxis durch die Augen eines apfelsinigen Sonnenuntergangs. Nein, nichts, antworte ich. In Dresden versammelten sich rund 8000 Leute, um sich selbst nicht zu zuhören. Alte Männer mit Erinnerungen an Zucht und Ordnung. Alte Frauen mit aggressiver Kopf-ab-Gestik. Empörung über jeden Millimeter Welt außerhalb ihres Wertekanons. Hier gibt es keine empathische Verhandlungsmasse. Die eigenen Grenzen sind dicke, schwarz-rot-goldene Linien ohne Grauwert des Selbstzweifels. Je weniger Widerspruch sie erfahren, desto mehr bestätigt sich die Rechtmäßigkeit ihrer Verhärtung. Nein, Galaxis, hier ist alles so wie immer. Dreh dich um, expandiere.

Und doch gab es Widerspruch. Und ja, ich nenne ihn erfolgreich. Zahlenmäßig scheint die Sache eindeutig: 8000 PEGIDAs gegen höchstens 400 einsame Aufrechte. Doch geht man einen anderen Weg der Operationalisierung, definiert also Erfolg an etwas anderem als nur bloßer »Menge«, sieht die Sache anders aus. In einer Stadt, in der sich Opposition nur regt, wenn sie »von oben« auf gravitätische Wohlfühlevents hin organisiert oder brutal-zynisch provoziert wird (»Bomber Harris – Do it again!«), sind die Leute von NOPE, Kaltlandreisen und Co. Gold wert. Sie finden sich nicht ab, während andere schon längst keinen Widerspruch mehr auch nur ansatzweise wahrnehmen. Sie riskieren viel in einem Land, in einer Stadt, in der quasi das rechte Faustrecht gilt. Sie stehen immer wieder auf. Und das nötigt mir Respekt ab.

Als Zierde ihrer Stadt hätten sie jede Unterstützung der Kulissenbewohner verdient. Sie stellen sich gegen jene, die den Schulterschluss zur AfD und den Identitären als junges Erfolgsmodell alter Großmachtsphantasien herbei reden wollen. Sie stellen sich gegen jene, die gegen den Islam hetzen, rhetorisch eher Zahnstocher als Florett, und ohne Sinn und Verstand das böse alte »Hier wir – da Feind« spielen. Gegen jene, die auf der satten Seite des Fleichstopfs sitzen und über »Grenzen retten Leben!« schwadronieren.

Gegen die ganze Scheiße, die einfordert, dass die Schwachen gegen die Schwächsten kämpfen, damit die Reichen und Gerissenen ihr elendes Spiel in aller Ruhe weiterspielen können, sei es als Zeitungsmacher, Verleger, Publizist, Student, verurteilter Drogendealer. Und du, Dresden, hörst Du, solltest das auch tun. Mit ihnen. Neben ihnen. Ganz woanders. Aber handle endlich. Du lohnst Dich.

Und das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.

Schubél