Conflict Zone

Die Entzauberung der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry. Ein Lehrstück in 26 Minuten.

Tim Sebastian, Journalist des Magazins »Conflict Zone« hat am 21. März 2016 Frauke Petry interviewt und ganz nebenbei ein Lehrstück abgeliefert, wie man als Medienschaffender dem rhetorischen Nebelwerfern der Gegenseite entgeht. »Conflict Zone« beschreibt sich selbst als »DW’s top political interview. Hard-hitting interview going beyond the normal soundbite culture. Prepare to enter the Conflict Zone«. Und es wird nicht zu viel versprochen.

Das Video kann man sich an dieser Stelle direkt bei der Deutschen Welle herunterladen.

Die erste Erkenntnis kommt schnell. Petrys »Das habe ich so nicht gesagt« oder die nächste Stufe der Verteidigung, das »…nicht so gemeint«, sind auch in englischer Sprache enervierend und leicht als Schutzbehauptung zu durchschauen. Sebastian tut dies, bestens vorbereitet, und konfrontiert die Vorsitzende der AfD Mal um Mal mit Zitaten.

Dass es dann dennoch bis ungefähr zur Hälfte des Gesprächs dauert, dass Petry das Gespräch, in dem sie unter schwerem, weil unausweichlichem Beschuss steht, mit einer Gegenfrage an sich zu reißen versucht, überrascht. Doch Sebastian lässt sich nicht locken und macht Petry klar, welchem Zweck ein Interview eigentlich dient: »Sie wollen Ihre Fragen beantworten. Ich will jedoch die Fragen stellen, die mich interessieren. Das ist es, was die freie Presse tut. Ansonsten müssen Sie mir einen vorbereiteten Fragenkatalog zukommen lassen und mich einladen, Ihnen diesen vorzulesen.«

In der selben Tonlage geht es weiter und es treten erstaunliche Aussagen zu Tage: »Die AfD hat niemals in irgendeiner Weise mit PEGIDA zusammengearbeitet«. Der Leipziger fragt sich da natürlich verwundert: Und was ist mit der »Patriotische Plattform« auf der LEGIDA-Bühne im Januar 2016? Offiziell sind diese ein Zusammenschluss von Mitgliedern der AfD und kein Organ der Partei – Aber sie agieren intensiv im Petrys Stammland Sachsen. Sollte man da nicht mal ein Auge drauf haben, statt sich hinter formalen Fragen zu verstecken?

Den Gordischen Knoten im Petryschen »…und was ist mit dem und dem und dem und dem…?« löst Sebastian durch die Gegengegenfrage: »Anstelle die Motive meiner Fragen zu diskutieren: Warum beantworten Sie nicht einfach meine Frage?«. Als Petry den hartnäckig über seinen Lesebrillenrand schauenden Sebastian erneut in dieses Gebiet locken will, reagiert dieser wieder mit stoischer Gelassenheit: »Sie beantworten die Fragen. Ich stelle sie. Niemanden interessieren hier und jetzt meine Ansichten.«

»Sie sagen auch, dass Beschneidungen verboten werden sollen. Weshalb ist eine politische Partei so sehr am männlichen Penis interessiert?«

Das hat Format. Anders als die mir bekannten Interviews deutscher Medien hat Sebastian anscheinend begriffen, dass ein Interview auch durch den Befragten gekapert werden und genüsslich zur Selbstdarstellung missbraucht werden kann. Apropos Medien: Weshalb glaubt Petry eigentlich, dass diese in Deutschland defekt seien? »Für die Zuschauer ist es nur noch schwer ersichtlich, was neutrale Meldung und was persönlIcher Kommentar ist«, antwortet sie. Ich danke für die Bevormundung, denn was anderes bedeutet diese Aussage, wenn nicht »Du bist zu doof, zwischen Fakt, Fiktion und Meinung zu unterscheiden«?

Weiter zum Bereich »Hier: Wir! Dort: Die!« oder ob der Islam tatsächlich kein Teil von Deutschland sei. Staaten im allgemeinen und so auch Deutschland seien doch Schmelztiegel, meint Sebastian, als Petry Linien der Bedrohung durch Gesellschaft, Kultur und Einstellungen ziehen will. Der Journalist befürchtet jedoch, dass diese engmaschigen Definitionen mehr Repression als Liberalität zeitigen. Petry gibt sich überrascht: Wieso heißt es, wir unterdrücken wir die Leute?

– Weil Sie sagen: Ihr dürft keine Minarette errichten, keine Burkas tragen.

– Interessant. Weil wir wollen, dass es in Deutschland Gesetze gibt, die für jeden gelten, ist das schon Unterdrückung?

– Nicht in der Lage sein, Minarette zu bauen. Nicht in der Lage sein, anziehen zu dürfen, was man will. Ist das keine Unterdrückung? Denken Sie, das ist normal?

– Glauben Sie, es sollte normal sein, überall in der Öffentlichkeit mit Burka herum zu laufen?

– Warum sollte es das nicht sein? Sagen Sie mir weshalb?

– Weil ich denke, dass es das nicht ist und es nicht sein soll/muss. (Übersetzung unklar – Schubél)

– Nicht sein soll/muss. Und deshalb: Verbieten?

Im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, mit welcher Folgerichtigkeit eine Partei wie die AfD in Deutschland entstehen musste. Petry zieht sich, wenn es thematisch härter, ethisch unpopulär oder beinahe demagogisch wird, immer wieder darauf zurück, dass die krassesten Programmatiken nicht erst mit der AfD in die deutsche Diskussion geraten ist. Spätestens hier grüßen die Strategen der Kampagnen »Das Boot ist voll«, »Kinder statt Inder« und »Wir sind nicht das Sozialamt der Welt« aus längst vergessen geglaubter Vergangenheit. Diese haben, und dieses Interview ist einmal mehr der Beweis, den Boden für Petry, Höcke, Gauland und Co bereitet. Am Ende will es natürlich wie immer keiner gewesen sein, aber die Gesamtschau ist evident.

Apropos: Ich hab nichts gemacht.

– In ihrem Programmentwurf steht auch, dass unheilbare Alkoholiker und Geisteskranke hinter Schloss und Riegel sollen.

– Das ist nicht unser Entwurf, sondern der Beitrag eines Einzelnen zu einem individuellen Entwurf.

– Aber das sind die Ideen, die in ihrer Partei existieren und umgehen.

Es folgt das Klagelied: Immer picken sich alle nur das Doofe aus unseren Reden heraus. In jedem Interview das Gleiche: Irgendwelche Schnipsel, zuweilen Unbestätigtes, wird hergenommen um ein Bild von uns zu zeichnen. Und obschon heute Tanzverbot herrscht, komme ich nicht umhin, zu jubeln und zu hüpfen. Warum? Weil das genau die Strategie ist, die Rechts benutzt, um sämtliche Menschen und Positionen zu verunglimpfen, die nicht mit ihren einhergehen. Die Freunde vom Projekt HOAXmap können hierüber ihr eigenes Lied singen, denn sie dokumentieren seit einiger Zeit genau dieses Vorgehen.

– Fühlen Sie sich schlecht behandelt, Frauke Petry?

– Nein, ich bin das gewohnt. Aber es hilft nicht, um ein Bild neutrales und repräsentatives Bild meiner Partei in der Öffentlichkeit zu zeichnen. Wenn das ihr Ziel war: Das haben Sie erreicht.

– Nein. Sie selbst haben ziemlich gut beschrieben, wofür ihre Partei steht. Danke, Frauke Petry.

Dem schließe ich mich an. Danke, Tim Sebastian!

Anmerkung: Die Übersetzungen habe ich selbst nach bestem Wissen vorgenommen. Sollte ich etwas sinnentstellend dargestellt haben, bitte ich um kurze Rückmeldung.

Schubél