Als Gott LEGIDA ausschiss, muss er Würmer gehabt haben – Eine Diagnose

Friedensgebet an LEGIDA, garniert von Tinnitus, festgehalten in einem Notizbuch. Es gibt auch eine Liebesgeschichte.

Friedensgebet in der Nikolaikirche:

Sonne der Gerechtigkeit
Weck die tote Christenheit
aus dem Schlaf der Sicherheit
Gib dem Boten Kraft und Mut,
Glaube, Hoffnung, Liebesglut

Religiosität bedeutet vielleicht nichts Sichtbares. Sie scheint aber die Vernunft herauszufordern, dem eigenen Herzen die Kontrolle zu überlassen. Oder besser: Der Geist fährt nicht mehr in sich selbst durch die Welt, sondern steigt in ein anderes Gefährt um.

In der Kirche wird über Briefe polnischer und deutscher Bischöfe gesprochen. Es herrscht Seligkeit. Nur wegen der paar Briefe, einstellig durchnummeriert zudem! Aber was sind sie wirklich? Schritte der Annäherung zwischen ehemaligen Todfeinden. Heute mögen sie klein erscheinen, aber immer sind sie nichts weniger als Wunder. Wie jede Versöhnung: Heute der Normalzustand, vorgestern unvorstellbar.

Die Rote und der Metaller: Sie wunderschön vor sich hin träumend, ein Hals wie geschnitzt, Augen aus Sehnsucht, lang schwebendes Tizian-Haare unter einer Audrey-Hepburn-Sonnenbrille. Er in der anderen Ecke der Kirche, schwarzes Bekenntnis-T-Shirt zu einer Band, Kinnbart, Übergewicht, mit singender Seele und kaum Hoffnung. Ich glaube, dass sie sich beide mögen würden. Dass der Zufall über Liebe und die Berechnung über Hass entscheidet gilt als der Treppenwitz der Menschheit schlechthin.

Die Kirche schließt sich dem bürgerlichen Bündnis an. Die Teilnehmer eint, dass sie in Verwirrung über die Zustände mit ihrer Wut nicht wohin wissen. Gesittetes Davonschreiten lebens- und risikoversicherter Bausparer mit Einerseits-Andererseits-Syndrom. Hier passiert mal gar nix. Hier gehöre ich hin.

Der Zug quillt vorbei an den Einkaufspassagen und Warenhäusern, die in der Innenstadt den Standard der hiesigen Leitkultur definieren. Ganz gleich, wie viele es sind, alle hier sind so kardinaltugendhaft, dass bei einem beobachteten Auslagendiebstahl niemand hinterher ginge, sondern ein spontaner Spendenaufruf den Schaden ersetzen würde. Die Stimmung ist gut.

Wie durch einen Tunnel nähert sich die Kolonne dem Ziel. In der Schlucht der Shopping-Center-Thermopylen stehen wir hundert Schritte hinter der Legida-Bühne. Unterwegs getrennte Gruppen begrüßen sich voller Wiedersehensfreude. Kinder lachen, Eltern quengeln, dann anders herum. Gestressten Konsumenten entgleisen die Gesichter. You shall not pass!

Man sieht nichts. Man versteht nichts. Man kann hier nicht bleiben.

Auf der anderen Seite des Ringes: Direkt zwischen Gegendemonstranten und Kaufhausfassade schleust die Polizei die LEGIDA-Teilnehmer auf ihren Platz. Und wie großartig sie das machen! Wie kooperativ! Wie korrekt! Wie preußisch! Gelernt ist gelernt, halten zu Gnaden! Kaum, dass sich ein Legideur der Absperrung nähert, wittert er den Duft der Autorität. So kann er gar nicht anders, als ordnungsgemäß Haltung anzunehmen, den Kopf servil zur Seite zu legen, den Oberkörper leicht gebeugt in Richtung Uniform zu halten, untertänigst die Fontanelle darbietend. Ach, und welch Glück, wenn der Bedienstete, Beamte, der Vertreter des Staates schlechthin, das Wort an ihn, den kleinen Legidezzo wendet! Flink schießen die Brauen nach oben und ein Lächeln epiphanisiert, wo vorher das Gesicht zur Faust geballt war. Natürlich Herr Pollizeier, gerne Herr Pollizeier, ich habe nichts zu verbergen, Herr Pollizeier, war selber mal in ihrer Situation, früher, wissense, Herr Pollizeier, wissense, oder darf ich sagen: Kollege? Nein? Nur der Autoschlüssel und das Telefon und die Taschentücher, nein, nichts gefährliches, Herr Pollizeier, wenn es Recht ist? Danke für die Untersuchung und noch einen schönen Abend, jaja, die Gegner, behaltense die gut im Auge, wir sind ja die Nett… Wie? Ja, gerne gehe ich weiter.

Wie die sich hier widder hamm, die Scheiß-Bullen, nur wechens de Zecken!
Ab zur Seite.

Über dem Richard-Wagner-Platz ertönt leitmotivisch die Musik des »Schwarzen Kanal«. Die Startschuss-Akustik schneidet sich ein in die ostdeutsch sozialisierten Aufmerksamkeitszentren. Die gemeinten Massen sind nun gemäß jahrelanger Pawlowschen Reflexprogrammierung fokussiert, geschichtsvergessen genug und in intellektueller Gehorsamsstellung: Faust nach oben, Kinn nach vorne. Jeder weiß, dass hier jetzt eine autobahnbreite Einbahnstraßen-Kommunikation beginnt. Das ist gut. Wenn einer quatscht, muss man dort nur in den Pausen schreien. Kritischer Diskurs mit den herrschenden Umständen bedeutet hier, dass man zuvorderst den Gegner niedermacht und sich dann nach dem nächsten umschaut. Das Podium schaut entspannt auf die Herde, die Herde erwartungsfroh zu ihren Heilanden. Sollte der hier ausgebrachte Samen einmal in Feuer und Blut aufgehen, wird man es hinterher anständigst betroffen alles nicht so gemeint haben. Doch heute sind wir mit Erlaubnis des Ordnungsamtes Spitzbuben mit der Lizenz zum Pöbeln. Zudem entblödet sich ein Livestream durch das Internet.

Ein Mann mit blau kariertem Freizeithemd betritt die Bühne. Im Gegensatz zu den landläufig bekannten Verbaldiarrhetikern spricht er frei. Zuerst dachten alle, dass sei Lutz Bachmann, einschlägig bekannter Körperverletzer, Einbrecher und Betäubungsmittel-durch-die-Welt-Transporteur. Doch, leider leider, erlitt sein Kraftfahrzeug einen Schaden, der so schnell nicht zu beheben war. Sicher wird die einschlägige Mythen-und-Legenden-Brigade der *GIDA-Bewegung diesen abscheulichen Anschlag auf die biodeutsche Mobilität entsprechend zu würdigen wissen. So etwas kann man schließlich nicht der Lügenpresse überlassen. Die sagen am Ende, dass das nur eine Panne war!

Blaukaro ist nur bruchstückhaft zu verstehen, aber seien Sie versichert: Auch ein Duktus kann körperliche Schmerzen verursachen. Zumindest bei mir. So tänzelt er, vor und zurück, die Faust schwingend, vom Frieden sprechend, zur Masse hin, von der Macht weg, wie ein Welpe am Strand und wieder von vorn. Seine Bewegungen, sein Geschrei, das Heben und Senken der Stimme – all das erinnert an streitende Matronen billiger Filme.

»Und überhaupt: Die Roma – manche nennen sie ja auch Zigeuner…«

Um die Absperrungen herum sammeln sich immer mehr junge Menschen. Naturgemäße werden sie auch von Blaukaro verlacht und verunglimpft, doch das Kalkül geht nicht auf. Statt sich aufhetzen zu lassen, pfeifen sie dem Hetzer eins. Man kann dieser Generation wie jeder anderen auch sicher einiges vorwerfen. Ihre Forderungen seien unrealistisch, unspezifisch, unbezahlbar? Mag sein. Sie sind aber vor allem: unerschrocken universell. Wenn Bedenkenträger in den Himmel der Möglichkeiten gehoben werden, zetern sie immer »Träumer!«. Lasst euch davon nicht einschüchtern. Ich habe es getan. War nicht meine beste Idee.

Auch ER ist wieder da: Stephane Simon. Wie ein kleiner Napoleon schreitet er auf der Seite der Seinen in respektabler Entfernung die Absperrung ab. Als er sich sicher genug fühlt, holt er einen Mitdemonstranten. Zu zweit stellen sie sich provokativ vor die Gegendemo, Simon mit ausgestreckten Mittelfingern, der Mitdemonstrant mit einer Deutschland-Flagge. Man mag in dieser Situation nicht sagen, welche Symbolik ekliger ist, aber auch diese Entgleisung lässt sich steigern: Simones Kumpan stammt aus dem Kamerun. So kann LEGIDA auf einen Redner zurückgreifen, der sich in der beschränkten Welt des Schwarz-Weiß-Denkens schadlos halten kann. »Schaut mal, wir haben nix gegen Ausländer!«. Die ersten älteren Demonstrations-Herrschaften verlassen das Areal. Anscheinend ist selbst ihnen das zu viel. Währenddessen streitet Simon mit Polizisten.

Derweil faselt Blaukaro weiter über Fachkräfte (»Jaja, von wegen!«), Faterlandsferräter (»Alle anderen!«) und Faschismus (Später dazu mehr). Nach einer Weile wird mir klar, woher ich diesen Sprachstil kenne: »Für zehn Mark mach ich dir den Eimer voll, hier, Paar Knacker, ein Dutzend Wiener, glotz nicht so blöde, wenn ich zehn Mark sach, dann mein ich zehn Mark, Schlackwurscht, Leberwurscht und noch ne Salami und scheiß drauf noch ne Salami, zehn Mark nur, und noch nen Bierschinken und scheiß drauf…«. Die innere Synchronspur funktioniert tadellos bis Blaukaro mit einem Buch in der Hand wie ein Wanderprediger zwanzig Minuten vor Weltuntergang seinen Schafen zubrüllt. Wurst-Willi als Bibel-Bernd? Oder doch eher Koran-Karle? Wahrscheinlich ist das aber sowieso egal, alle bekommen hier ihr Fett weg,

»Sowas sitzt im Bundestag!«

»Massenflutung von Moslems!«

»Kämpfen um zu siegen!«

»Wir sind die Freunde der Polizei, wir sind alle für Rechtsstaat!«

abgerundet von einer nationalistischen Vergewaltigung des »Vater Unser«, nahtlos in eine Abfolge von »Wollt ihr…?«-Fragen kaskadierend, Antworten entsprechend. Wir stehen vor der Sportpalast-Regionalausgabe Leipzig und schauen fassungslos auf die Uhr, welches Jahrhundert wir haben.

»Es heißt ja auch ›Rechts vor Links‹!«

»›Rechts sein‹ kommt ja auch von ›Recht haben‹!«

Stephane Simon streitet mit Polizisten. Blaukaro ejakuliert: »Wir sind Rechts und stolz darauf!«.

Abgelöst wird er vom Kameruner Ferdinand. Nach der erratischen Performance seines Vorgängers will er sich nicht lumpen lassen und legt mit dem gleichem Körpereinsatz los. Er faselt etwas von einem »Gemeinsamen Feind«, gegen »Masseneinwanderung«, für »mehr Patriotismus« und schließt mit dem demografischen Ratschlag, bei Einwanderern bestimmte Kriterien nicht zu unterschreiten: »Wir wollen Qualität und Kompetenz!«. Wen er damit meint, ist jetzt nicht ganz so klar, und worin seine Kompetenz eigentlich besteht, ebenso wenig. Ich tippe mal: Er ist ein Rapper, der einen Fußballer nach einem Treffer an der Eckfahne imitiert, der einen Rapper imitiert, den er von der Playstation kennt. Gut, so einer hat uns in der Tat noch gefehlt.

Das sich während Ferdinands Rede das Raum-Zeit-Kontinuum nicht selbst zerstört hat, weil ein Unsinn quatschender Afrikaner qua Anwesenheit beweist, dass Dummheit so etwas von überhaupt nichts mit Hautfarbe zu tun hat, also ein Afrikaner mindestens genau solchen Blödsinn von sich zu geben vermag, wie ein Sachse, verdanken wir einzig der Tatsache, dass in dieser Sekunde irgend jemand bei Google den Suchbegriff »Google« eingegeben hat. So ergab Minus mal Minus gleich Plus und wir sind dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gehüpft. Apropos Tod: »Das deutsche Volk ist tot. Tot! Es kann nur durch noch mehr Patriotismus auferstehen!!!«. Was zu beweisen war.

Stephane Simon streitet mit Polizisten.

Zusammenfassend: Wenn man hier stolz »Rechts sein« von »Recht haben« ableitet, haben die LEGIDA-Teilnehmer auf Grund des dort herrschenden Hasses wohl eher Gesichter, wie sie nur von einer Mutter geliebt werden können.

Die Frage des Abends: Gibt es Zahlen? Als LEGIDA los zieht, sind die kolportierten 300 Personen deutlich überschritten. Doch heute sind die Gegendemonstranten recht gut organisiert und zwingen Braun von ihrer ursprünglichen Route auf eine deutlich kürzere Ausweichstrecke. Ich spähe derweil zur Runden Ecke. Wanne an Wanne. Frustrierte Passanten werden entlang der Demo-Route nicht durchgelassen. Ein blockierter Autofahrer setzt zur Diskussion um eine hypothetische Haftung bezüglich der Lebensmittel an, die nun in seinem Kühlschrank verrotten, weil er, der Autofahrer, ihn, den Kühlschrank, nicht schnell genug an eine Steckdose transportiert bekommt. Ich gehe wieder zurück, Notizblock und Bleistift im Anschlag, den Schlussakkord erwartend.

Der Richard-Wagner-Platz verliert während der LEGIDA-Runde seine Pufferfunktion. Menschen sammeln sich, erst ungläubig staunend, dann aber immer selbstverständlicher keine drei Meter hinter der Bühne. Eigentlich sollte hier kein Durchkommen sein, aber durch eine Bar und den angeschlossenen Freisitz haben sich kleine Schleichpfade gebildet. Kommt LEGIDA nochmal vorbei? »Ja« meint eine Polizistin einsilbig. Und dass sich hier plötzlich Gegendemonstranten versammeln? »War so nich geplant«. Schlagdistanz.

In der Zwischenzeit wird über Twitter gemeldet, dass Stephane Simon festgenommen wurde.

Woher und warum haben diese Intelligenzflüchtlinge eigentlich Smartphones? Am Ende sind das alles illegale Moralflüchtlinge!

Auf der anderen Seite diskutiert ein Gegendemonstrant mit den Betreuern des LEGIDA-T-Hemden-Verkaufsstandes. Einer von ihnen ist Jörg Hoyer, dem einstigen Vorbalsamierer abendländischer Solidarität und Militaria-Händler, nicht unähnlich. Auch hier bleibt unklar, wer dusseliger ist: Der vollgequasselte Gegendemonstrant (»Ich kenne sowas, ich hab in Dresden immer mit so Nazis zu tun, beruflich, verstehste!«) in seinem Glauben, LEGIDA mit der Kraft der besseren SPIEGEL-Argumente zu knacken; der T-Hemd-Marketender, der jede weltpolitische Verquickung des Systems, der Politik, der Macht, die Verantwortlichen, die Geheimen, die noch viel Geheimeren, und also eigentlich alle kennt, in Zahlen benennen kann und dem, so scheint es, nur noch zwanzig Panzer-Divisionen fehlen, um seine Vision auch politisch umsetzen zu können; oder sein daneben stehender Bodyguard, dem man die kreisrunde Stammhecke schon von weitem ansieht und der auf die Frage, wie man das drecks-politisch-schweine-systemische Dilemma der Hetze von Proletariat auf Proletariat auflösen könnte mit »Habsch och keene Ahnung, ne?!« antwortet? Alles fließt.

21:10 Uhr wird zurückgekehrt. LEGIDA is coming home. Unterwegs wurde der Demonstrationszug teilweise von vier Personen starken Sitzblockaden aufgehalten. Die Stimmung ist erbaulich laut auf meiner Seite und deutlich frustriert auf der anderen. Ein kurzes Schwappen der unsichtbaren Hand später und die beiden Blöcke stehen nur noch vier Meter entfernt auseinander. Polizei drückt sich dazwischen, Blick nach links, wie man es gelernt hat. Doch da wir hinter den Gittern stehen und keiner Anstalten macht, darüber hinweg zu steigen, jedoch die Meute von hinten Morgenluft wittert, wird »kehrtum!« befohlen. Die Mengen filmen sich gegenseitig. Woher und warum haben diese Intelligenzflüchtlinge eigentlich Smartphones? Am Ende sind das alles illegale Moralflüchtlinge! Kennt man ja!


Die deutsche Nationalhymne klingt niemals schöner als wenn sie unter einem Teppich aus Buh-Rufen und Pfeifengetriller verdeckt liegt. Wie das deutsche Vaterland, zumindest in der Vision der LEGIDA.

Alles hat ein Ende: LEGIDA zieht ab. Es verharren einzelne Gegendemonstranten und liefern sich kleinere Wortgefechte mit den LEGIDA-Logistikern. Polizisten filmen Gegendemonstranten. Gegendemonstranten fotografieren Polizisten. Polizisten belehren Gegendemonstranten. Gegendemonstranten bleiben unbeirrt und kontern bürgerrechtlich Polizisten. Polizisten drohen und fabulieren von einer Bedrohungslage durch Gegendemonstranten. Gegendemonstranten wundern sich. Polizisten belehren, dass die Gitter, an dem die Gegendemonstranten lehnen, eine polizeiliche Maßnahme darstellen. Gegendemonstranten können es nicht fassen. Da erklärt es der Polizist präzise: »Sie sind ein Störer!«. Nacht- oder Totenruhe? Man weiß so Vieles nicht.


Ein letztes Kommunikationsangebot. Väterlich doziert ein Legidumdum über die Gräben, die zwischen uns liegen, also ihnen (»Wir!«) und uns (»Alle anderen!«).

»Weißte, es gibt zwei Sorten: Faschisten und Anti-Faschisten. Weißte, was die alle gemeinsam haben? Sind alles Faschisten! So! Nun weestes!«

Es war ein langer Tag für uns alle. Vergessen wir nicht, wofür wir stehen, damit wir den anderen immer ein Angebot machen können. Heute mögen diese Gedanken idiotisch erscheinen, aber immer sind sie nichts weniger als Wunder. Wie jede Versöhnung: Morgen vielleicht Normalzustand, gestern unvorstellbar.

Schubél